09.07.2016

Eine Meldung und ihre GeschichteMx Shupe

Wie ein US-Bürger ein drittes Geschlecht erfand
Jamie Shupe, nicht Mann, nicht Frau, geboren zwischen den Geschlechtern, hatte sich gut vorbereitet auf den Auftritt vor Gericht, der endlich bestätigen sollte, dass Shupe kein Freak war, der ungestraft verlacht, verflucht, diskriminiert werden durfte. Wenn alles gut ging, würde dieser Tag das Ende eines langen Kampfes bringen, würde Shupe das Gericht als neuer Mensch verlassen, als Erster seiner Art hier in den USA, als Bürger, der ganz offiziell nicht Mann, nicht Frau ist, sondern irgendwo dazwischen steht. Shupe wünschte sich, nicht Mr Shupe zu sein, nicht Ms Shupe, sondern Mx Shupe.
Es war nicht sicher, dass alles gut gehen würde. Shupes Begehren war öffentlich bekannt gemacht worden, durch einen Aushang im Gericht, für 14 lange Tage, und womöglich drängten sich nun christliche Fundamentalisten vor den hohen Fenstern des Gerichts, grob gezimmerte Schilder in den Händen, die Shupe verdammten als Angriff auf die Ordnung Gottes. Und selbst wenn es ruhig bleiben sollte auf dem Bürgersteig, war völlig offen, wie die Richterin entscheiden würde, Amy Holmes Hehn, 25 Jahre lang Anklägerin, nun Familienrichterin am Multnomah County Court in Portland, zu finden in Saal 734.
Shupe hatte sich vorbereitet auf ein hartes Verhör, war mögliche Fragen, Antworten immer wieder durchgegangen im Geist. Wenn die zurückliegenden Anfeindungen etwas Gutes hatten, dann war es der Umstand, dass Shupe alle Argumente, Flüche der Gegner zur Genüge kannte.
Das hämische Gelächter verfolgte Shupe schon seit früher Kindheit. Sie sah ihren Körper nie als Geschenk, sondern immer als Gefängnis. Der Geist eines Mädchens, eingesperrt im Körper eines Jungen. Schaute Shupe in einen Spiegel, sah sie einen Fremden, schaute sie an sich herunter, sah sie Sachen, die da nicht hingehörten. Anfangs spielte sie den Jungen, weil ihre Eltern das so erwarteten. Später spielte sie den Mann, weil das Militär als Arbeitgeber zu verlockend war für das achte Kind armer Eltern.
49 Jahre mussten vergehen, "die biologische Uhr musste lauter ticken", so sagt es Shupe, erst dann fand sie den Mut, sich zu ihren Gefühlen zu bekennen, auch öffentlich. Die Army hatte sie zu diesem Zeitpunkt schon verlassen, und so wagte sie sich auf die Straße, in Frauenkleidern, aber mit sehr männlicher Statur und männlichem Gesicht.
Es war nicht einfach, nicht für Shupe, nicht für die Menschen, auf die sie traf. "Schwul!", herausgeschrien aus einem fahrenden Auto, ist noch leicht einzuordnen, als Beleidigung, die auch so gemeint war. Aber was ist mit der Krankenschwester, die ein Kreuz auf ihrem Formular machen muss, entweder männlich oder weiblich? Was ist mit dem Wachmann, der Shupe nicht auf die Frauentoilette gehen lässt, weil er einen seltsamen Mann in Frauenkleidern vor sich zu sehen glaubt? Sind sie wirklich zu verurteilen?
Shupe sagte: ja, sind sie. Es fehlte ihr in diesen Situationen an Respekt, sie war es müde zu erklären, dass Geschlecht aus ihrer Sicht nicht bipolar ist, nicht rigide, sondern eine Skala mit sehr vielen Möglichkeiten.
Seit ihrem Coming-out vor drei Jahren suchte Shupe nach einem Argument zu ihren Gunsten, sie suchte nach einer Autorität, die sich auf ihre Seite stellte. Sie suchte nach etwas, was sie ihren Gegnern entgegenhalten konnte. Ein Ausweis, in dem unter Geschlecht etwas anderes vermerkt ist als männlich/weiblich, das wäre hilfreich.
Also machte sich Shupe daran, einen Anwalt zu finden. Sie hatte Erfolg in Portland, Oregon, hier praktiziert Lake Perriguey. In Oregon ist es möglich, sein Geschlecht zu ändern, es braucht keine medizinische Untersuchung, nur die Versicherung des Antragstellers, dass die Umwandlung vollzogen wurde. Vorgesehen ist das Ändern des Geschlechts allerdings nur von männlich zu weiblich oder umgekehrt. Über den Raum dazwischen wird nichts gesagt, möglicherweise, weil den Gesetzesmachern gar nicht klar war, dass ein Raum dazwischen existiert. Ein Jurist kann argumentieren: Verboten ist nichts. Möglich alles.
Als der Tag der Verhandlung da war, näherte sich Shupe dem Gericht mit wild klopfendem Herzen. Sie fürchtete, auf verblendete Christen zu treffen, auf religiösen Pöbel, aber als sie um die letzte Ecke bog, war alles friedlich.
Die Verhandlung dauerte ganze zehn Minuten, Shupe wurde nicht verhört, die Richterin stellte ihr keine einzige Frage. Sie hörte die Argumente des Anwalts, entgegnete dann, und dies war der dramatische Höhepunkt der Verhandlung: "You are pushing the envelope", zu übersetzen mit: Sie dehnen das Gesetz (wörtlich: den Umschlag). Perrigueys Antwort: Das tue ich nicht, der Umschlag muss nur größer werden. Dies wäre der Moment gewesen, in dem die Richterin grundsätzlich hätte werden können, in dem sie auf die unveränderbare Dualität des Lebens hätte pochen können. Tat sie aber nicht. Sie gab dem Antrag statt. Weil niemand eine Gegenrede hielt.
Jamie Shupe ist nun Mx Shupe, und Mx Shupe wartet auf den neuen Ausweis, in dem nicht männlich oder weiblich stehen soll, sondern "non-binary", nicht binär. Jamie Shupe sollte sehr gut auf diesen Ausweis aufpassen. Er ist schon jetzt ein historisches Dokument, wahrscheinlich liegt er irgendwann in einer gläsernen Vitrine im Museum.
Die Frage ist nur: als was? Vielleicht als Skurrilität, vielleicht aber auch als Beleg für den Beginn einer neuen Zeit.
Von Uwe Buse

DER SPIEGEL 28/2016
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