09.07.2016

ISTage des Terrors

In einer beispiellosen Serie überzog der „Islamische Staat“ zum Ende des Ramadan die islamische Welt mit Anschlägen. Die neue Eskalation erfolgt kontrolliert und gezielt.
Jeder hat sie vernommen, die Woche des globalen IS-Terrors. Istanbul, Bagdad, Libanon, Bangladesch, Saudi-Arabien, quer über die islamische Welt erschütterten die Detonationen die letzten Tage des Fastenmonats Ramadan. Mal bekannte sich der IS, ohne dass seine Rolle wirklich klar war, mal spricht alles für eine geplante Attacke, aber die Terrormiliz hüllt sich in Schweigen.
Die Opferzahlen sind furchtbar, 45 in Istanbul, mindestens 281 in Bagdad, 22 in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka. In abstrakten Zahlen, angesichts der Vielzahl der Schauplätze ist das eine verstörende, erschreckend erfolgreiche Bilanz.
An keinem dieser Orte ist die Bevölkerung vom Terror so müde, so zermürbt wie in Bagdad. Und wütend, nicht nur auf die Täter, sondern auch auf die eigene Regierung. Um das zu verstehen, hilft der Blick auf ein Detail: auf die Ortungsgeräte, mit denen Polizei und andere Sicherheitskräfte überall im Irak Anschläge verhindern sollen. Jene mit ihrem schwarzen Plastikgriff und der winzigen Antenne an Spielzeugpistolen erinnernde Detektoren des Typs ADE 651, mit denen Bagdads Polizisten bis heute an den zahllosen Checkpoints Autos nach Sprengstoff durchsuchen.
Der britische Expolizist James McCormick, der bis 2009 ADE-651-Detektoren für über 70 Millionen Euro an das irakische Innenministerium verkaufte, schwor, dass deren Sensoren Drogen und Sprengstoffe über Kilometer wahrnehmen könnten. Was McCormick den Irakern und anderen tatsächlich verkaufte (und wofür er später verurteilt wurde), war: ein Stück Plastik mit einer Antenne, das nichts kann, absolut nichts. Außer wackeln. Jeder weiß das, auch in Bagdad, wo seit 2007 etwa 4000 Menschen bei IS-Anschlägen umgekommen sind.
Die Verträge mit McCormick waren von der Regierung des damaligen Premiers Nouri al-Maliki abgeschlossen worden. Als 2014 der heutige Premier Haider al-Abadi übernahm, änderte sich: nichts. Nach dem Inferno vom vergangenen Wochenende ordnete Abadi an, die Detektoren aus dem Verkehr zu ziehen. Tage später waren sie immer noch in Benutzung.
Es war auch dieses jahrelange Versagen ihres Staates, der Polizisten mit Plastikattrappen ausstattet, das die Menschen in Bagdad in den Tagen nach dem verheerendsten Anschlag seit Jahren auf die Straße trieb. Abadis Konvoi wurde mit Steinen beworfen.
Ungehindert war der Attentäter in der Nacht zum Sonntag vor einer Woche mit einem Lkw voller Sprengstoff durch die Stadt bis ins Shoppingviertel Karrada gerollt. Es war eine der letzten Ramadan-Nächte, in denen traditionell Anziehsachen, Spielzeug und Süßigkeiten gekauft werden für das Fest zum Ende des Fastenmonats. Die Explosion und die sich rasend ausbreitende Feuersbrunst ließen von den vielen Opfern so wenig übrig, dass es bis heute andauert, ihre Zahl zu ermitteln.
Einen stabilen, geeinten Staat erschüttern Anschläge, stärken jedoch oft dessen Einigkeit. Innerlich zerrissene, von Korruption zerfressene Staaten aber wie den Irak, in geringerem Maße auch Saudi-Arabien und die Türkei, destabilisiert fortwährender Terror dramatisch.
Dieser Faktor dürfte Teil des Kalküls gewesen sein, ein Grund, warum der "Islamische Staat" in den vergangenen Wochen an so vielen Orten weltweit zugeschlagen hat – zu einem Zeitpunkt, da sein selbst erklärtes "Kalifat" an verschiedenen Fronten militärisch immer stärker unter Druck gerät.
Auf irakischer Seite hat der IS die Mehrzahl der eroberten Städte verloren, Sindschar, Tikrit, Baidschi, Ramadi, zuletzt Falludscha, seine Hochburg westlich von Bagdad. In Syrien verlor er weniger Städte, aber von Russen wie von Amerikanern unterstützte kurdische Verbände belagern Manbidsch, rücken auf Rakka vor.
Infolge seines schrumpfenden Territoriums gerät der IS auch finanziell unter Druck. Nur wenn er weiter expandiert, ließen sich seine beiden Haupteinnahmequellen, die Ausplünderung der Untertanen und der Ölverkauf, aufrechterhalten.
Gerade weil er sein Territorium schrittweise wieder verliert, sind Bombenanschläge gegen Unbeteiligte für den IS attraktiv geworden. Mit seinen Attacken demonstriert der IS Macht, rekrutiert Anhänger und demonstriert sein Drohpotenzial.
Solange der IS relativ ungestört sein Territorium ausdehnen konnte und nicht einmal die Eroberung Mossuls und weiter Teile des Westiraks US-Präsident Barack Obama zum Eingreifen bewog, hätten Anschläge im Ausland und die darauf folgenden Vergeltungsschläge das IS-Projekt eines eigenen Staates gefährdet. Inzwischen aber hat er durch eine weltweite Attentatsserie nicht mehr viel zu verlieren.
Geheimdienstler und Experten schreiben nun, der IS habe seine Strategie gewechselt. Aber das trifft es nicht ganz. "Anpassung", wie es Faysal Itani vom Washingtoner Atlantic Council nennt, ist präziser. Denn schon 2014 wäre der IS durchaus in der Lage gewesen, andere Länder mit Anschlägen zu überziehen. Aber er tat es nicht. Und auch heute ist nicht sicher, ob er um jeden Preis mit ihnen fortfahren wird. In der IS-Hauspropaganda ist gebetsmühlenartig die Rede von der nahenden Apokalypse, von den Endzeitschlachten der Muslime gegen die Heere "Roms" – womit nicht die italienische Armee, sondern die USA und andere Gegner gemeint sind.
Die Terrorstrategen des IS betreiben eine kontrollierte Eskalation. Alle ihre direkt befohlenen Attacken der vergangenen Monate haben zwei erklärte Hauptfeinde ausgelassen: Weder in den USA noch in Iran, bei den "glaubensverräterischen" Schiiten, schlug der IS direkt zu.
Hätte es in den USA einen Anschlag wie in Paris im vergangenen November gegeben, wäre dort aller Erfahrung nach die öffentliche Stimmung gekippt und eine Mehrheit der Bevölkerung für einen vernichtenden Vergeltungsschlag gewesen. Trotz Obamas Zurückhaltung wäre es dann wohl zu einem rascheren Ende des "Islamischen Staats" gekommen, zumindest seiner territorialen Ausbreitung.
Stattdessen verbreitet der IS nun neuen Terror durch eigene Taten und durch solche, zu denen er aufruft – aber deren Ausführung ihm nicht direkt nachzuweisen ist. Wie beim Anschlag von Omar Mateen in Orlando, Florida, vor einigen Wochen: Mateen, der 49 Menschen im Schwulenklub Pulse erschoss, hatte zuvor keinerlei Kontakte zum IS gehabt. Er war angeblich ein glühender Anhänger der schiitischen Hisbollah-Miliz, der Extremisten von der ganz anderen Seite. Eine ideologische Achterbahnfahrt, die offenbarte, dass letztlich jeder Gewaltbereite im Namen des IS zuschlagen könnte.
"Sie wollen ein Attentat verüben? Wir zeigen Ihnen den Weg!", so könnte die Werbestrategie des IS lauten, bei der die Terrorgruppe nicht mehr nur Täter ist, sondern etwas viel Umheimlicheres: eine Quelle der Inspiration und Legitimation für unkontrolliertes Morden, das keiner Befehle mehr bedarf.
In seinem französischen Onlinemagazin Dar al-Islam hat die PR-Abteilung des IS in erstaunlicher Offenheit diesen Plan erläutert: Es gebe verschiedene Formen der Attacken, heißt es da. Darunter Großangriffe von IS-Kadern, die direkt von der Zentrale befehligt würden. Aber auch Anschläge von Einzeltätern, die keinen Kontakt zur Führung hätten. Sie folgten der alten preußischen Militärdoktrin der "Auftragstaktik". Der zufolge entscheiden Soldaten selbst, wie sie ein vorgegebenes Ziel erreichen.
Auch bei den Anschlägen der vergangenen Woche variierte der IS die Frage der Verantwortung: In Bagdad, wo er Schiiten und Sunniten gezielt in Hass und Bürgerkrieg treiben will, bekannte er sich umgehend zur Tat. Ebenso in Bangladesch, wo junge Männer aus gut situierten Familien Monate zuvor abgetaucht waren und am 1. Juli das von Ausländern gern frequentierte Café Holey Artisan Bakery in einem Reichenviertel der Stadt stürmten.
Nicht aber in Saudi-Arabien, wo es Selbstmordanschläge in Dschidda, der Schiitenhochburg Katif und in Medina gab, der zweitheiligsten Stadt des Islam. Und auch nicht in Istanbul, wo sich der IS noch nie zu den Bombenanschlägen bekannt hat, die ihm seit 2015 zugeschrieben werden. Warum diese Unterscheidung? Eine der Ursachen könnte darin liegen, so Rita Katz, Direktorin der SITE Intelligence Group, die Dschihadistenvideos auswertet, "dass der IS bei Anschlägen in islamischen Ländern sichergehen muss, keine Muslime umzubringen, um die Loyalität seiner Anhänger nicht zu gefährden. Zumindest muss er so tun, als ob er es verhindern wollte". Im Fall der Türkei aber gibt es noch einen anderen Grund, warum der IS das Land terrorisiert, dies aber nicht kundtut. Jahrelang war die Türkei kein Feind, sondern ein wichtiger Baustein für die Eroberung des "Islamischen Staates". Ein perfektes Transitland, das einzige überdies: leicht zu erreichen und überwacht von Sicherheitsbehörden, die vor dem Treiben der internationalen Dschihadisten auf ihrem Boden die Augen verschlossen.
Fast alle ausländischen Kämpfer kamen über die Türkei, außerdem Sprengstoff, kilometerweise Zündkabel, die ganze Materialausstattung für den Horror in Syrien und im Irak hat der IS jahrelang über die Türkei herangeschafft. Wesentliche Bestandteile der IS-Bombenindustrie wurden bei Herstellern in aller Welt gekauft, in die Türkei verschifft und diskret weiterexpediert. Aluminiumpaste, ein Zusatzstoff für selbst hergestellte Sprengsätze, wurde aus Brasilien, Rumänien und China in die Türkei geliefert. Ammoniumnitrat, eine weitere Komponente, kam von russischen und türkischen Herstellern. Indische Firmen lieferten Zündkabel und Zünder in die Türkei, vollkommen legal, da im Bergbau verwendet.
Schwer vorstellbar, dass dies unbemerkt geschah. Doch die türkische Regierung unternahm: nichts. Bis zu ihrem Kurswechsel im Herbst 2015, der mit Moskaus Aufmarsch in Syrien begann. Weil die Russen die Kurden der einst separatistischen PKK zu ihren Verbündeten gemacht hatten, wurde Ankara nervös. Der erklärte Feind schien nicht mehr kontrollierbar. Deshalb wollte Präsident Recep Tayyip Erdoğan den IS im Grenzgebiet mithilfe verbündeter Rebellengruppen vertreiben. Seither schlägt die Terrormiliz dort zu, wo die Türkei am verwundbarsten ist.
Ganz erloschen sind die einstigen Verbindungen nicht. Noch heute finden sich in Rakka und anderen IS-Orten türkische Produkte mit Herstellungsdatum vom März und April 2016, werden nach Angaben von Informanten aus dem Innern des "Kalifats" verletzte Kämpfer gelegentlich in die Türkei evakuiert. Aber die einzige leicht erreichbare Grenze für den Nachschub an willigen Ausländern ist abgeriegelt. So erklären sich wohl auch die wiederholten Aufrufe der IS-Kommandoebene, ihre Anhänger sollten nicht mehr versuchen, ins "Kalifat" zu kommen, sondern lieber im eigenen Land zuschlagen: Sie kämen ohnehin nicht mehr über die türkische Grenze nach Syrien.
Doch was will der IS von der Türkei? Sein Protostaat braucht einen Zugang zur Welt – bleibt die Grenze dicht, hat er keinen mehr. Die Frage gilt für viele der IS-Anschläge: Was bezweckt die Terrororganisation mit ihnen? So berechnend, wie der IS an manchen Orten zuschlägt und andere verschont, könnte eines seiner Ziele auch sein: sich darauf einzulassen, mit dem Terror wieder aufzuhören. Im Gegenzug könnte der IS dann aushandeln, erneut auf fremdem Boden agieren zu können. Dass dies funktioniert, ist höchst zweifelhaft, aber offenbar eine Option.
Schon im November vergangenen Jahres erschien im IS-Magazin "Dabiq" ein Artikel, der von John Cantlie stammen soll, der wohl letzten lebenden britischen Geisel des IS. Darin: ein Angebot. Waffenstillstand. Der Westen müsse nur den IS endlich in Ruhe lassen, dann werde der IS auch den Westen in Frieden lassen.
Andernfalls müsse man leider einen Anschlag in den USA verüben, um Amerika in einen Bodenkrieg zu verwickeln.

Über den Autor

Christoph Reuter, Jahrgang 1968. Seit 2011 häufig in Syrien, vorher Korrespondent in Kabul und Bagdad. Bildete nach 2004 im Nordirak iranische Journalisten für das "Institute for War and Peace Reporting" aus. Sein letztes Buch, "Die schwarze Macht – Der Islamische Staat und die Strategen des Terrors", DVA, bekam 2015 den NDR Kultur Sachbuchpreis. Mittlerweile ist Reuter Experte wider Willen für Bunker, Waffen, Entführungen.
Von Christoph Reuter

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