09.07.2016

Fussball„Sind die denn alle verrückt?“

Der frühere Bundesligatrainer Lucien Favre moniert das geringe Niveau bei den meisten EM-Spielen und glaubt, dass das Publikum von zu viel Langeweile bald die Nase voll hat.
Favre, ein Trainer mit Hang zum Offensivfußball, führte Borussia Mönchengladbach 2015 in die Champions League. In der kommenden Saison betreut der 58 Jahre alte Schweizer den französischen Erstligisten OGC Nizza.
SPIEGEL: Herr Favre, wenn Sie es sich hätten aussuchen dürfen: Welche Mannschaft hätten Sie gern bei diesem Turnier trainiert?
Favre: Diese Frage habe ich mir nie gestellt. Und ich muss ehrlich sagen: So reizvoll fand ich das Turnier nicht.
SPIEGEL: Haben Sie sich etwa gelangweilt?
Favre: Ich habe alle Spiele von Frankreich, Deutschland und der Schweiz in voller Länge gesehen, aber bei vielen anderen Partien habe ich erst zur Halbzeit eingeschaltet. Das hat gereicht. Die Qualität war einfach zu schlecht. Vor allem die Gruppenphase war unfassbar langweilig, ein Horror.
SPIEGEL: Was genau hat Sie so gestört?
Favre: Die Flut an Spielen, zu vieles, was sich wiederholte, und zu wenig, was Begeisterung und Spannung erzeugte. Wenn die Uefa eine EM mit 24 Mannschaften spielen lässt, hat das bestimmt wirtschaftliche Vorteile. Aber dem Spiel schadet es.
SPIEGEL: Warum?
Favre: Das Turnier dauert noch eine Woche länger, dabei haben die meisten Spieler schon eine lange Saison hinter sich. Viele von ihnen haben in der Champions League gespielt, dazu Meisterschaft, Pokal, jetzt sollen sie nach nur ein paar freien Tagen direkt bei einem großen Turnier funktionieren. Die Spieler sind an ihrem Limit. Vor allem mental.
SPIEGEL: Wäre die Uefa gut beraten, die Zahl der Mannschaften wieder auf 16 zu reduzieren?
Favre: Das wird sie nicht tun. Es geht ja seit Jahren nicht mehr um das Spiel, sondern nur noch um Business, Business, Business! Und unter diesem Gesichtspunkt hat die Uefa auch mit diesem Turnier großen Erfolg. In Ländern wie Albanien, Rumänien, Ungarn und all den anderen kleinen Staaten ist nach der EM bestimmt eine große Begeisterung für Fußball ausgebrochen. Die Frage bleibt trotzdem: Auf wessen Kosten passiert das?
SPIEGEL: Sehen Sie eine Lösung?
Favre: Ich prognostiziere Ihnen: Es wird irgendwann zu einem großen Kampf zwischen den Vereinen und den Verbänden kommen. Ich lese, dass die Weltmeisterschaft auf 40 Teams aufgestockt werden soll. Sind die denn alle verrückt? Die Zuschauer sind doch nicht dumm! Und spätestens dann, wenn sie die Nase so voll haben von langweiligen Partien, die kein Tempo und keinen Esprit haben, wird es einen großen Knall geben. Das wird nicht mehr lange dauern.
SPIEGEL: Aber Überraschungsmannschaften wie Wales oder Island haben dem Turnier doch auch gutgetan.
Favre: Natürlich. Und ich will ihre Leistung gar nicht schmälern. Sie sind frisch, viele der Spieler spielen in ihren Klubs nicht international oder sogar nur in einer zweiten Liga. Sie haben hier zudem das Momentum sehr gut ausgenutzt. Sie waren von der ersten Minute an hoch motiviert, sie wollten es allen zeigen. Diese Motivation haben viele Spieler aus den Topteams nicht aufbringen können. Und natürlich hing das bei Mannschaften wie Italien, England oder Spanien auch nicht nur mit der Übermüdung zusammen. Diese drei Teams sind für mich hier übrigens die größten Enttäuschungen.
SPIEGEL: Italien? Die Mannschaft wurde gefeiert für ihre starke Defensivorganisation.
Favre: Wissen Sie, warum Italien mit drei Innenverteidigern in einer Fünferkette spielt? Weil sie mit ihren Spielern unfähig sind, in einer Viererkette zu verteidigen. Giorgio Chiellini und Andrea Barzagli sind dafür einfach nicht gut genug, zu langsam, sie haben ein schlechtes Stellungsspiel. Zu Beginn der Saison probierten sie mit Juventus Turin die Viererkette aus: Katastrophe! Nur Gegentore. Danach stellten sie um auf Fünferkette, seither war der Raum zum Verteidigen für jeden einzelnen kleiner. So agierten sie auch im Nationalteam.
SPIEGEL: Warum tat sich Deutschland dann so schwer gegen Italien?
Favre: Sie sind schwer zu bespielen, weil sie eine sehr disziplinierte Grundordnung haben. Aber fußballerisch hat Italien keine Qualität. Weil sie einfach keine guten Spieler mehr haben. Wo sind denn dort die Talente? Die jungen, kreativen Spieler? Keiner zu sehen. Italien ist in seiner Jugendausbildung katastrophal, nur Marco Verratti von Paris Saint-Germain kann man herausheben. Ansonsten ist das nur Durchschnitt, sehr arm.
SPIEGEL: Und Spanien? Dort gibt es eine großartige Talentförderung, und trotzdem schied der Titelverteidiger gegen Italien aus.
Favre: Spanien ist nicht mehr das alte Spanien. Schauen Sie sich Sergio Ramos an. Er war so unfassbar schlecht. Er hat sich die ganzen vergangenen Monate nur darauf konzentriert, mit Real Madrid die Champions League zu gewinnen. Er war im Kopf nicht mehr frei, um jetzt auch noch seine Leistung bei der EM abzurufen. Zudem fehlte der Mannschaft ein Leader in der Abwehr, wie es früher Carles Puyol war. Im Mittelfeld hat Xavi eine riesige Lücke hinterlassen, und im Angriff gab es auch nichts Herausragendes. Spanien wird noch einige Zeit brauchen, um den Umbruch zu schaffen.
SPIEGEL: Wie kommt es, dass die großen Namen bei dieser EM so weit unter ihren Möglichkeiten blieben?
Favre: Kein Spieler beherrschte das Turnier, Superstars wie Cristiano Ronaldo oder Gareth Bale stellten sich eher in den Dienst der Mannschaft. Ein Grund dafür ist, dass sie bei der EM Spieler anderer Qualität um sich haben. Hier waren sie es, die ihre Kollegen in Szene setzen mussten. Im Mittelfeld von Real Madrid lassen Könner wie Toni Kroos oder Luka Modrić sie glänzen. Das ist eine andere Welt.
SPIEGEL: Sind die Zeiten vorbei, in denen die EM die Leistungsschau des europäischen Fußballs war?
Favre: Mannschaften wie Real Madrid, der FC Barcelona oder Bayern München sind Lichtjahre von jeder Nationalmannschaft entfernt. Sie haben viel größere sportliche Qualitäten. Die K.-o.-Phase der Champions League ist im Weltfußball der sportlich beste Contest.
SPIEGEL: Hätte der Sieger dieser EM eine Chance gegen den Sieger der Champions League?
Favre: Nein, keine Chance. Barcelona kauft sich mit Messi, Neymar und Suárez die weltbeste Offensive, alle drei spielen für unterschiedliche Nationalteams. Und dann kann Barça auch noch jeden Tag mit ihnen arbeiten, Laufwege, Spielzüge einstudieren. Nationalmannschaften sind da natürliche Grenzen gesetzt, sie haben nicht die Zeit, nicht die Möglichkeiten einer Klubmannschaft.
SPIEGEL: War deshalb das defensive, das zerstörende Spiel bei dieser Europameisterschaft so ausgeprägt?
Favre: Absolut. Das Zerstören ist viel leichter zu erlernen als das schöne, attraktive Offensivspiel. Für fast alle kleineren Mannschaften war dieser Spielstil die einzige Chance, bei diesem Turnier zu überleben. Sie haben den Mangel an Qualität durch Athletik ausgeglichen. So konnten sie kompakt und tief stehen und anschließend scharf kontern. Wales hat das exzellent gemacht.
SPIEGEL: Was fehlte den anderen Teams, um mit diesem Stil ähnlich erfolgreich zu sein?
Favre: Je länger das Turnier dauerte, vor allem die Kraft. Ungarn und Rumänen haben das am Anfang zwar richtig gut gemacht. Aber du rennst ja die ganze Zeit dem Ball hinterher, und irgendwann machst du einen halben Schritt weniger, weil du müde bist. Das nutzen dann Spieler wie Kroos, Paul Pogba oder auch Renato Sanches gnadenlos aus. Deshalb dauerte es am Anfang des Turniers auch immer so lange, bis Tore fielen.
SPIEGEL: Gab es für Sie bei diesem Turnier irgendeine taktische Neuheit, die Sie überrascht hat?
Favre: Es gibt keine taktischen Geheimnisse mehr, der Fußball ist entschlüsselt. Das Einzige, was aber immer deutlicher wird: Je mehr die Taktik dechiffriert ist, desto mehr rückt die Flexibilität einzelner Spieler in den Vordergrund. Darf ich Ihnen eine Anekdote erzählen?
SPIEGEL: Nur zu.
Favre: Als ich Spieler von Servette Genf war, vor 25 Jahren, traf ich einen Kollegen, der gerade seine Trainerlizenz bekommen hatte. Er sagte mir, dass es in Zukunft nur noch eine Taktik geben werde: das 5-5-System. Kein 3-4-3, kein 4-4-2, nichts Statisches mehr. Nur noch zwei zentrale Linien, aus denen sich die Spieler je nach Angriffsverhalten des Gegners lösen und in den Angriff oder die Abwehr einschalten müssen. Der Mann war ein Genie! Der Fußball entwickelt sich genau dorthin.
SPIEGEL: Welchen Eindruck hat das deutsche Team auf Sie gemacht?
Favre: Alle Spieler bewegen sich auf unglaublich hohem Niveau, sie verteidigen gut und achten im Offensivspiel auf viele Details. Sie haben eine sehr gute Balance im Team, sie verstehen, dass man heute nicht mehr 90 Minuten pressen kann. Das wäre dumm. Man braucht Geduld, Disziplin, Geschlossenheit – Deutschland setzte das alles sehr intelligent um.
SPIEGEL: Trotzdem haben die Deutschen im Halbfinale 0:2 gegen Frankreich verloren.
Favre: Aber sie haben immer versucht, Fußball zu spielen, haben sich Chancen herausgearbeitet. Was hat denn Frankreich gespielt? Es hat nur in den ersten zehn Minuten versucht zu attackieren, danach habe ich nur noch Deutschland am Ball gesehen. Frankreich hat einen sehr realistischen Fußball gespielt, ohne viel Glamour.
SPIEGEL: Warum sind die Deutschen denn dann ausgeschieden?
Favre: Weil zu viele wichtige Spieler ausgefallen sind: Sami Khedira, Mats Hummels, Mario Gomez und während des Spiels auch noch Jérôme Boateng. Das ist zu viel. Im Angriff fehlte ihnen zudem die Durchschlagskraft. Deutschland hat ein gutes Turnier gespielt, aber für den Sieg haben einfach diese Details gefehlt.
SPIEGEL: Sie haben einmal gesagt, dass jeder Trainer nur ein paar Jahre bei einer Mannschaft bleiben sollte. Wer zu lange bleibe, nutze sich zu sehr ab. Was glauben Sie, wie lange die Ära Löw noch andauern wird?
Favre: Bei der Nationalmannschaft ist das anders. Man hat keine täglichen Berührungspunkte, man kann den Kader häufiger auswechseln. Da verschleißt man sich nicht so schnell.
Twitter: @Rafanelli
Interview: Rafael Buschmann

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Von Rafael Buschmann

DER SPIEGEL 28/2016
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