09.07.2016

KommentarDrama, Baby!

Der Brexit ein Skakespeare-Stück: nur welches?
Es wird viel Abscheuliches gesagt über den Politiker Boris Johnson, dabei hat der Mann Großes vollbracht. Er hat uns die Augen geöffnet für die wahre Dimension des Monsterdramas namens Brexit. Wie genau? Johnson hat, als er allen Machtansprüchen entsagte, William Shakespeare zu Hilfe gerufen. Gewöhnlich nimmt sich der Politikzirkus unserer Gegenwart ja mickrig aus gegen den Aberwitz und die Blutrunst der Tragödien und Komödien des Menschheitsdichters Shakespeare – diesmal nicht. Welches Stück aber wird gespielt? Klar, "Was ihr wollt" war das Motto des Britenreferendums, seither boten sich Stücktitel-Scherze an über "Die Komödie der Irrungen", "Verlorene Liebesmüh" oder "Der Widerspenstigen Zähmung", vielleicht auch die Hoffnung auf "Viel Lärm um nichts".
Boris Johnson hat nun frei aus "Julius Cäsar" zitiert. Nein, nicht Cäsars berühmten Ausruf "Lasst fette Männer um mich sein", den Johnson-Verächter passend gefunden hätten. Sondern die Zeilen des Cäsarenmörders Brutus: "Es gibt Gezeiten für der Menschen Treiben / Nimmt man die Flut wahr, führt sie uns zum Glück / Versäumt man sie, so muss die ganze Reise / Des Lebens sich durch Not und Klippen winden." Bei Shakespeare geht die Lebensreise trotz dieser schönen Verse nicht gut aus für den Mordbuben Brutus. Er meuchelt sich selbst, wonach an seinem Leichnam gesagt wird, hier raste "der beste Römer unter allen". Klar wollte Johnson auf diese Analogie hinaus. Nebenbei aber hat er damit dem Rivalen David Cameron eine bessere Rolle zugeschanzt. Cameron hielten wir bisher für den eitlen Falstaff aus "Die lustigen Weiber von Windsor", der in dreister Überschätzung seiner Strahlkraft gleich zwei Frauen das Blaue vom Himmel sowie die Ehe verspricht und als Schwindler entlarvt wird. Wenn aber Johnson Brutus ist, dann ist Cameron Julius Cäsar. Ein tragischer Titan der Weltgeschichte, dem nachgerufen wird: "Was Menschen Übles tun, das überlebt sie / Das Gute wird mit ihnen oft begraben."
Weit weg von Shakespeare in einer völlig anderen Liga ins Aus geschossen hat sich nur der dritte abgetretene Brexit-Narr Nigel Farage. "Ich will mein Leben zurück", rief er aus. Das weist als Narrativ nicht in die hohe Weltliteratur, sondern ins Zauberreich des amerikanischen Countrysongs. Einen guten Countrysong muss man bekanntlich nur rückwärtsspielen – schon löst sich das Drama des Helden in Wohlgefallen auf: Er bekommt sein Geld, seine Frau und sein Pferd zurück, mithin die ganze Pracht des Lebens.
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 28/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 28/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Kommentar:
Drama, Baby!

  • Mittelmeer: Verschollenes U-Boot nach mehr als 50 Jahren entdeckt
  • Videoreportage aus Kassel: "Diesen braunen Dreck wollen wir hier nicht"
  • Überwachung in China: Zwei Schritte - und die Software weiß, wer Sie sind
  • Schreck beim Angelausflug: Weißer Hai schnappt Fisch vom Haken