16.07.2016

MigrationVier Leben

Zehn Jahre verbrachte der Kosovare Berat B. unter falschem Namen in Deutschland, mal als Italiener, mal als Albaner. Fast gelang ihm die perfekte Integration – bis er aufflog.
Der Termin im März 2015 in der Ausländerbehörde von Remscheid verlief reibungslos. Roberto B. konnte sich mit einem nagelneuen Personalausweis, einer "carta d'identità", als Italiener ausweisen. Auch seine Arbeitspapiere hatte er dabei, um zu belegen, dass er zu Recht von der EU-weiten Freizügigkeit profitierte. Der 28-Jährige sprach fast fließend Deutsch und sah sympathisch aus: groß, schlank, dunkelblonde Haare, kastanienfarbene Augen.
Doch ein paar Tage später erhielt Roberto B. Post – zuerst von der Ausländerbehörde, dann von der Staatsanwaltschaft. Das Problem: Die Nummer auf seinem Ausweis war bereits vergeben, an einen anderen Italiener; das Dokument, das er der Ausländerbehörde präsentiert hatte, war eine Fälschung.
Tatsächlich heißt der vermeintliche Italiener Berat B. und kommt aus Gllogoc, einer kleinen Stadt in der Nähe von Priština im Kosovo. Berat B. ist eine Art Glücksritter, und lange schien es, als hätte er das Glück in Deutschland gefunden.
Vor zehn Jahren war der Kosovare mithilfe eines Schleusers nach Deutschland gekommen, Stück für Stück baute er sich eine neue Existenz auf. Er fand Arbeit, zuletzt bei einem großen Automobilzulieferer im Rheinland. Man war mit ihm zufrieden. Er verfüge über ein "gutes Fachwissen", heißt es lobend im Arbeitszeugnis: "Er beherrschte seinen Arbeitsplatz umfassend und arbeitete konzentriert, ordentlich und zügig." Roberto B. zahlte Steuern und war bei der AOK versichert. Er hatte eine Wohnung und eine Freundin. Sogar in der IG Metall war er organisiert. Ihm war geglückt, was Ziel guter Migrationspolitik ist: die gelungene Integration.
Doch nun ist er enttarnt, Berat B. soll abgeschoben werden. Sein Arbeitgeber kündigte ihm, als er von der falschen Identität des Schmiedewerkers erfuhr. Die Krankenversicherung ist ungültig, aus der gemeinsamen Wohnung mit der Freundin musste er ausziehen. Die Beziehung zerbrach, als herauskam, dass er auch seine Freundin über sein wahres Ich belogen hatte.
Wie war dem Kosovaren ein solches Leben in der Illegalität gelungen, mitten in Deutschland? Nicht das erste Mal wurde die Legende enttarnt, die Berat B. um seine falsche Identität gebaut hatte. In den vergangenen zehn Jahren lebte er in Deutschland vier Leben, mit vier verschiedenen Namen, in vier verschiedenen Städten, mit immer neuen Jobs. Jedes Mal, wenn er aufflog oder aufzufliegen drohte, wechselte er Hals über Kopf den Wohnort und begann mit einer neuen gefälschten Identität von vorn.
Anfang Juni sitzt Berat B. in einer norddeutschen Großstadt im Café. Er trägt ein kariertes Hemd und raucht L&M-Zigaretten, eine nach der anderen. Bevor er Deutschland vielleicht für immer verlassen muss, will er seine Geschichte erzählen. Es ist die Geschichte eines sogenannten Wirtschaftsflüchtlings, der in einem Asylverfahren kaum eine Chance gehabt hätte. Denn B. floh nicht vor Krieg und Folter, sondern vor der Perspektivlosigkeit in seiner Heimat Kosovo. Dort lebte er von Gelegenheitsjobs; die Firma seines Vaters, die ihn zuletzt beschäftigte, ging pleite. So ließ er sich 2006 von Schleusern über die Balkanroute Richtung Österreich bringen, über Wiesen und Felder, über grüne Grenzen, bis nach Wien, von wo aus er sich weiter nach Deutschland durchschlug – und dann begann, sich illegal eine legale Existenz aufzubauen.
Wesentliche Teile der Geschichte konnte der SPIEGEL anhand von Dokumenten und Zeugenaussagen nachvollziehen. Details seiner Erzählung blieben jedoch unüberprüfbar. Anhaltspunkte dafür, dass Berat B. die Unwahrheit sagte, ergaben sich nicht.
Als Berat B. zum ersten Mal nach Deutschland kam, war er sechs Jahre alt. Sein Vater sei 1993 zusammen mit seiner Frau und drei Kindern vor serbischen Nationalisten und der drohenden Ausweitung des Jugoslawienkriegs geflohen, sagt Berat B.: "Wir lebten in Asylantenheimen, zunächst in Düren, dann in Dortmund. Später zogen wir in eine Wohnung in Remscheid." Sein Vater habe damals einen Asylantrag gestellt, arbeiten durfte er nicht.
Der Antrag wurde abgelehnt, sein Vater habe Widerspruch eingelegt. Die Familie wurde geduldet. Schließlich seien Briefe von der Ausländerbehörde gekommen, in denen der Familie nahegelegt wurde, mit dem Ende des Bürgerkriegs doch freiwillig in das Kosovo zurückzukehren. Im August 2000, Berat besuchte damals die Hauptschule in Remscheid, willigte der Vater ein.
"Wir fuhren zurück in ein kaputtes Land, in ein Haus, in dem es keinen Strom und kein fließendes Wasser gab", erzählt B., "ich war damals 13 und ein Fremder im eigenen Land."
In der Schule in Priština sei er als "Deutscher" gehänselt worden, der nicht fließend Albanisch spreche, ein "Verräter" obendrein, dessen Vater vor dem Krieg weggelaufen sei. Schon damals sei ihm klar gewesen, dass er nicht im Kosovo bleiben werde, "auf keinen Fall".
Als er sich einige Jahre später erneut auf den Weg nach Deutschland machte, er war inzwischen 19 Jahre alt, beschloss er, nicht den Weg zu gehen, den sein Vater gegangen war, "ein Asylantrag kam für mich nicht infrage". 3500 Euro habe er für die Schleuser bezahlt, 800 Euro für einen gefälschten italienischen Ausweis auf den Namen Luca M., geboren in Genua. Wie Matt Damon in "Der talentierte Mr. Ripley" schlüpfte er so in seine erste Scheinidentität und paukte Italienisch.
Die Familie von Berat B. ist groß und weitverzweigt – auch in Deutschland. So kam er mühelos in Essen unter, wo ein Onkel in einem Einkaufszentrum eine Pizzeria betrieb.
Berat B. begann ein Leben auf der illegalen Seite der Gesellschaft, als Schwarzarbeiter in der Schattenwirtschaft. Vielleicht glaubte er am Anfang wirklich, aus ihm könne ein ganz legaler Ausländer werden. Doch je länger der Kosovare mithilfe einer Legende in Deutschland lebte, desto klarer wurde ihm, dass es keine Brücke gab, die hinüber in die legale Welt führte.
Warum auch, es lief ja bestens. Als Luca M. übernahm er die Geschäftsführung der Essener Pizzeria, "ich erledigte die Einkäufe und zahlte die Gehälter aus. Es war ein angenehmes Leben, in einer Wohngemeinschaft mit drei Landsleuten, alle illegal in Deutschland. Wir verdienten gutes Geld". So hätte es weitergehen können. Wie alle EU-Ausländer können sich Italiener in jedem Mitgliedsland niederlassen und arbeiten, wo sie wollen. Den Blanko-Personalausweis habe ein kosovarischer Passfälscher mit vielen anderen Exemplaren über Mittelsmänner "in Italien beschafft", erklärt B., "es waren Dubletten, irgendwo in Genua lebte ein Mann, der tatsächlich Luca M. hieß".
Berat B. sparte einen Teil seiner Einkünfte für eine bessere Zukunft – und für eine arrangierte Hochzeit mit einer Deutschen, die ihm ein legales Leben ermöglichen sollte. Er fand sie, Sandra hieß sie, zusammen mit ihrer Mutter lud er sie auf eine Urlaubsreise ein. 4000 Euro, sagt er, habe er ihr für eine Eheschließung gezahlt. Doch als der Hochzeitstermin näher rückte, habe Sandra einen Rückzieher gemacht. "Die hat mich abgezockt. Das Geld habe ich nie wiedergesehen."
Kurz darauf seien plötzlich Steuerfahnder in der Pizzeria aufgetaucht. "Von den Köchen bis zu den Kellnern war keiner legal in dem Laden beschäftigt", sagt B. Als ein afrikanischer Küchengehilfe lautstark gegen die Razzia protestierte, habe er die Gelegenheit genutzt und sei abgehauen.
Seine Essener Wohnung habe er danach nicht mehr betreten. "Fernseher, Kleidung, Bücher, ich habe alles zurückgelassen." Den Namen Luca M. konnte er nun nicht mehr benutzen. "Der stand auf allen möglichen Papieren in der Pizzeria."
So begann sein Leben Nummer zwei, nun in Leipzig. Diesmal schlüpfte er in die Rolle des Albaners Shala G., der nach einer Heirat die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten hatte. Berat B. hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Der Personalausweis habe ihn diesmal 1200 Euro gekostet, sagt er, "weil die Qualität besser war", eine AOK-Krankenkassenkarte war im Preis enthalten.
Dann wurde Berat B. krank: Mit einer schweren Lungenentzündung kam er ins Krankenhaus, abgerechnet wurde über die falsche AOK-Karte. Niemandem fiel das auf, bis die Abrechnungsabteilung der AOK feststellte, dass die Nummer auf der Krankenkassenkarte gefälscht war. Die Versicherung schaltete die Polizei ein und schrieb den echten Shala G. an. Das war im Herbst 2010 – wieder war Berat B. aufgeflogen, doch wieder konnte er entwischen. Er ging einfach nach Wuppertal, wo er bei Verwandten unterkam. Diesmal kaufte er sich keine gefälschten Papiere, sondern lebte versteckt bei einem Cousin seines Vaters, der sechs Kinder hat. Mit einem der Söhne teilte er sich ein Kinderzimmer.
Dieses Leben im Versteck, ohne Papiere und ohne Job, war das einzige, das Berat B. nach neun Monaten von sich aus wieder aufgab. "Ich hatte die Nase voll." Er habe niemandem auf der Tasche liegen wollen. Und so nahm er wieder Kontakt zu den Passfälschern auf.
Die Region um Neapel gilt als Hochburg der Dokumentenfälscher für Kriminelle und Terroristen. Wie viele illegale Einwanderer sich derzeit mit falschen Papieren im Schengenraum aufhalten, weiß niemand genau. "Es könnten mehrere Zehntausend sein", sagt ein Polizeibeamter.
Von dort bekam auch Berat B. seinen neuen Personalausweis. Der Name, sein vierter inzwischen: Roberto B., geboren am 25. März 1987 in Rom. "Mit den Papieren meldete ich mich überall ordentlich an", erklärt er. Er holte sich eine AOK-Karte und ging zum Finanzamt. Auf 400-Euro-Basis habe er dann in einem irischen Pub in Wuppertal gearbeitet.
Die Kollegen und Gäste hätten ihn gemocht. Keiner merkte offenbar, dass Roberto nur grobe Brocken Italienisch sprach. Wuppertal, so schien es, war der Beginn eines neuen, glücklichen Lebens.
Um kein Risiko einzugehen, mied er Kontakt zu Landsleuten. Einmal habe ihn trotzdem jemand in der Fußgängerzone wiedererkannt und mit einem früheren Namen angesprochen. "Ein Horror, mir ist es eiskalt den Rücken runtergelaufen", so B. Er sei dann einfach weitergegangen, ohne den Bekannten anzublicken.
Nach dem Pub wechselte er zu einer Leiharbeiterfirma in Remscheid, die ihn an die Metall verarbeitende Industrie verlieh. Nun wagte er den nächsten großen Schritt: Mit gefälschten Zeugnissen bewarb er sich bei einem Zulieferer der Automobilindustrie. Niemand merkte etwas. Der talentierte Berat B. verdiente mit Nachtschichten bis zu 3300 Euro im Monat. Nach der Probezeit wurde er übernommen.
Berat B. nahm sich eine neue Wohnung in Remscheid, jenem Ort, an dem sein Vater zwei Jahrzehnte zuvor vergebens versucht hatte, Fuß zu fassen. Wo Berat die Schule abbrechen musste und seine Jugend in Deutschland plötzlich nicht mehr weiterging.
Nun sah die Welt ganz anders aus. Auch eine Freundin hatte er. Die Deutschafghanin stellte ihren "Roberto" den Eltern vor. Von Heirat war die Rede. Die hätte alle Probleme mit einem Schlag gelöst. Er wäre Deutscher geworden und hätte dann keine Angst mehr vor der Abschiebung zu haben brauchen.
Zweieinhalb Jahre währte der Traum von einem legalen Leben – bis die falschen Zahlen auf seinem Personalausweis bei der Ausländerbehörde in Remscheid entdeckt wurden. Und die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren einleitete.
"Ich bitte Sie, mir mitzuteilen, ob Herr B. die Möglichkeit einer freiwilligen Ausreise in Betracht zieht", schrieb das Ausländeramt an B.s Anwalt.
Berat B. ist nun wieder da, wo er schon so oft war: scheinbar am Ende. Oder doch wieder am Anfang? Längst hat er sich wieder auf den Weg gemacht in eine deutsche Stadt, wo er in einer Pizzeria aushilft – wie vor zehn Jahren, als alles begann.
Freiwillig, so wie sein Vater damals, will der inzwischen 29-Jährige Deutschland jedenfalls nicht verlassen. Er weiß aber auch, dass es immer enger für ihn wird.
Nachdem er in Remscheid aufgeflogen war, hatte er sich einen Anwalt genommen und den Behörden seinen richtigen Namen genannt. Inzwischen hat er über die Botschaft seines Landes neue Papiere bekommen, "einen echten Reisepass, der leider in Deutschland nichts wert ist", sagt er.
Seine vorerst letzte Hoffnung war ein Termin beim Standesamt. Eine neue Freundin hat er kennengelernt, eine im Kosovo geborene Deutsche. Die Frau werde ihn noch im selben Monat heiraten, sagte er beim letzten Treffen mit dem SPIEGEL. Doch der Termin verstrich, aus der Hochzeit wurde nichts. Seither ist Berat B. nicht mehr erreichbar.
4000 Euro habe er ihr für
eine Eheschließung gezahlt,
"die hat mich abgezockt".
Von Hubert Gude

DER SPIEGEL 29/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 29/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Migration:
Vier Leben

  • Surfvideo aus China: Ritt auf der Gezeitenwelle
  • David Cameron im Interview: "Bereue ich es? Ja!"
  • Klippenspringerin Anna Bader: "Da oben bin ich unantastbar"
  • Buhrufe in Luxemburg: Boris Johnson schwänzt Pressekonferenz