16.07.2016

EssayFürchtet euch!

Was die Anhänger der AfD mit der Friedensbewegung der Siebzigerjahre verbindet.
Im Frühjahr 1977 veröffentlichte der Zukunftsforscher Robert Jungk im SPIEGEL einen Essay, in dem er die Verwandlung der Bundesrepublik in eine faschistische Atomdiktatur beschrieb. An die Spitze des Staates trete eine "Priesterschaft" aus Atomexperten, so sagte Jungk darin voraus, die jede Kritik an der neuen Kraftquelle unnachsichtig verfolge.
Die Presse berichtet in der neuen Atomherrschaft nur noch, was ihr die Machthaber gestatten. Modernste Abhörvorrichtungen durchdringen mühelos Fenster und Wände, über nächtlichen Straßen wachen Infrarotkameras, Stimmerkennungsgeräte verfolgen jedes Telefongespräch.
Schon eine kritische Äußerung zur Kernenergie kann dazu führen, dass man nie wieder einen Job findet. Die Unglücklicheren landen in Folteranlagen, wo sie durch Sinnesverarmung ihrer geistigen Kontrolle beraubt werden. "Vom 1000-jährigen Atomreich", stand über dem Text, womit auch für den historisch weniger beschlagenen Leser der geschichtliche Bezug klar war.
In einem Interview wurde Jungk anschließend gefragt, ob der Vergleich von Brokdorf und Buchenwald nicht übertrieben sei. Nein, antwortete er nach einer Pause, da bestehe schon ein Zusammenhang. "Die Kräfte, die Hitler hervorgerufen haben, treten heute anders auf. Sie kommen nicht mit der Reitpeitsche daher. Aber hinter dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt verbirgt sich etwas, das menschenverachtend ist und in den staatlichen Terrorismus führt."
Jungk, der bei den Anti-AKW-Demonstrationen in der ersten Reihe stand, traf mit seiner Zeitdiagnostik den Nerv. Dass in Deutschland die Zeiger eher auf fünf nach zwölf denn auf fünf vor zwölf standen, war ein Lebensgefühl, das viele Deutsche Mitte der Siebzigerjahre erfasst hatte. Überall wurde gebetet, geknetet und gefastet, um den Atomtod abzuwenden. Die Grünen, die aus diesem apokalyptischen Jahrzehnt als politische Kraft hervorgegangen sind, zehren bis heute von der Erinnerung, die Bundesrepublik vor dem Untergang bewahrt zu haben.
Es ist in Deutschland wieder Untergangszeit. 40 Jahre nachdem die Friedensbewegung das Land wachrüttelte, finden sich erneut Menschen aus Angst um die Zukunft zusammen. Die Ängste, die sie antreiben, sind etwas anders gelagert: Diesmal droht nicht die Atomkatastrophe, sondern die Asylkatastrophe. Aber dass Deutschland am Ende ist, wenn sich die Menschen nicht gegen die Regierung erheben, ist auch jetzt ein mächtiges Gefühl. Es ist so mächtig, dass mit der AfD erstmals wieder eine Partei die Chance hat, sich dauerhaft im Parteiensystem zu etablieren. Die Letzten, die das geschafft haben, waren die Grünen.
Seit die AfD auch im Westen die ersten Landtage erobert hat, wird darüber gerätselt, was ihre Anhänger verbindet. Oft liest man, dass sich viele der neuen Partei zuwendeten, weil sie sich sozial abgehängt fühlten und deshalb aus Neid gegen Fremde seien. Das klingt einleuchtend, aber es deckt sich nicht mit dem, was man aus Studien zur finanziellen Lage der AfD-Sympathisanten weiß. Gut ein Drittel der Wähler zählt zu den Besserverdienenden, also Leuten, die mehr als 80 Prozent aller Deutschen verdienen. Eine größere Zahl an Wohlhabenden hat nur noch die FDP in ihren Reihen.
Wenn es nicht die soziale Situation ist, die der AfD so viel Zulauf sichert, was ist es dann? Es ist das Untergangsgefühl. Hier liegt der Schlüssel zum Verständnis dafür, was die neue Bewegung zusammenhält. Das ist der Zeitgeist, der über die Partei hinausreicht.
Als die Meinungsforscher von Allensbach den Anhängern der verschiedenen politischen Gruppierungen den Satz vorlegten: "Wenn die Politik in Deutschland so weitermacht, dann treibt das Land in eine Katastrophe", stimmten von den AfD-Wählern 74 Prozent sofort zu. Bei den Anhängern aller anderen Parteien ist lediglich eine Minderheit der Meinung, dass nur noch ein radikaler Wechsel an der Spitze das Land vor dem Untergang bewahren könne.
Angst ist eine mächtige Antriebskraft. Manche Leute gehen in die Politik, um für gerechtere Löhne zu kämpfen oder weil sie die Altersarmut lindern wollen. Das sind alles gute Gründe, aber nichts ist vergleichbar mit der Entschiedenheit, die aus dem Glauben an das nahende Weltenende erwächst. Damit erledigt sich auch die Hoffnung, dass man mit einer Reihe von Sozialreparaturen die AfD überflüssig machen könnte. Wer den Untergang vor Augen hat, ist nicht mit der Aufstockung des Mindestlohns oder der Aussicht auf eine höhere Rente zu besänftigen.
Wann die Apokalypse über Deutschland hereinbrechen wird, ist nicht ganz klar, aber das ist auch nebensächlich. Entscheidend ist, dass die Vorbereitungen dazu nach Überzeugung der Gläubigen längst abgeschlossen sind. Diesmal wird es kein explodierendes Atomkraftwerk sein oder ein nuklear geführter Krieg, der das Land in den Abgrund reißt: Die Asylkatastrophe kommt schleichend daher – wie ein Gift, dessen Wirkung man erst spürt, wenn es zu spät ist. Das hat sie mit dem Strahlentod gemeinsam, den die Unglücklichen erleiden, die dem nuklearen Feuer entgangen sind.
Am besten lässt sich das Schreckensszenario mit einer Verwandlung vergleichen, wie man sie aus der Science-Fiction kennt. Wo eben noch Freunde und Nachbarn lebten, haust plötzlich das Fremde. "Umvolkung" lautet das Wort für diesen unheimlichen Prozess, bei dem die Deutschen "still und leise ausgetauscht werden", wie es in der Endzeitfibel aus der Feder des Bestsellerautors Akif Pirinçci heißt, die den Signalbegriff im Titel trägt.
"Rein äußerlich bleibt erst einmal alles so ziemlich beim Alten", hatte Jungk in seinem Essay geschrieben. "Aber die neuen Machthaber lernten aus dem Schicksal früherer Despoten. Viel Public Relations, Weihrauch, freundliches Lächeln. Selbstverständlich kommt der totale Atomstaat nicht von einem Tag auf den anderen. Und natürlich nicht durch einen Staatsstreich, sondern streng legal."
So ist es auch jetzt wieder, wenn man den Texten der Asylapokalyptiker glauben will. Es fängt mit ein paar neuen Gesichtern in der Nachbarschaft an, nachdem die Regierung die Grenzen geöffnet hat, um ihrer humanitären Verantwortung gerecht zu werden. Dann ändern sich die Regeln des Zusammenlebens. Aus Rücksicht auf die Zuwanderer verzichtet man in der Schule auf den Handschlag, als Nächstes ist das Schweinefleisch vom Speiseplan in öffentlichen Kantinen verschwunden. Am Ende steht die Scharia.
Wer davon überzeugt ist, dass Deutschlands Ende bevorsteht, lässt sich nicht durch die Meldungen über sinkende Flüchtlingszahlen täuschen. Wenn in den Zeitungen steht, dass die ersten Turnhallen wieder offen stehen, weil man sie nicht mehr als Notunterkünfte braucht, weiß der Kundige, dass diese Meldungen Propaganda sind.
"Zur Beruhigung und vor einer Wahl wird es aus Rücksicht auf das Stimmvieh einen (Schein-)Stop geben", heißt es in Pirinçcis Zukunftsschrift, die es in wenigen Wochen zum Bestseller brachte. "Jeder Beschluss, jeder Gipfel, jeder Türkei-Deal ist in Wahrheit ein Ablenkungsmanöver." Gegen diese Logik hilft keine Statistik und keine Regierungserklärung. Wenn die Zahl der Bewerber sinkt, kommt es auf die Anträge zum Familiennachzug an. Wenn die Regierung den Familiennachzug erschwert, zählt die höhere Reproduktionsrate der Eingewanderten. Es ist wie mit dem Restrisiko: Die Mathematik der Vernichtung kennt ihre eigene Wahrscheinlichkeitsrechnung.
Wie die meisten Endzeitvisionen verbindet sich die Asylkatastrophe mit anderen Schrecken. Der apokalyptisch gestimmte Zeitgenosse lebt in einem Pandämonium der Ängste. Neben dem Atomtod lauerten das Waldsterben und das Aids-Chaos, heute komplettieren Eurokrise und Börsencrash den Katastrophenhorizont. Ein Stein reicht, um das Zivilisationsgebäude zum Einsturz zu bringen. Wo Heimat und Nation keinen Verlass mehr bieten, ist jeder auf sich gestellt, wenn es zum Knall kommt.
Es ist kein Zufall, dass mit dem Aufstieg der AfD die "Survival-Literatur" eine Wiedergeburt feiert, ein Genre, das Mitte der Siebziger eine erste Blüte erlebte und in dem Überlebensspezialisten Rüdiger Nehberg seinen größten Star fand. Nehberg brachte seinen Lesern bei, wie man praktisch jeden Kollaps überlebt, auch den globalen. Seine kleine Insektenküche ("Wer sich vor Heuschrecken, Maden oder Termiten ekelt, der ist lediglich Opfer gesellschaftlicher Gepflogenheiten") war nicht nach jedermanns Geschmack. Doch wer Staat, Medien und Polizei misstraut, muss sich beizeiten Gedanken machen, wie er den Zusammenbruch ziviler Ordnung meistern will. Da darf man nicht zu zimperlich sein.
Der Nehberg der Gegenwart heißt Udo Ulfkotte. Auf den ersten Blick verbindet den ehemaligen "FAZ"-Journalisten wenig mit dem sympathischen Konditormeister aus Hamburg, der sich mit Sandalen und Badeshorts am Amazonas aussetzen ließ, um den Weg zurück in besiedeltes Gebiet zu finden. Aber wie Nehberg lebt Ulfkotte in der Erwartung des Ernstfalls. Sein Haus hat er in einen See gebaut, mit eigener Strom- und Wasserversorgung. Wer sich ihm unerkannt nähern will, muss erst über einen meterhohen Zaun und dann durch eine Gänseherde. Der Überlebensexperte beglaubigt seine Expertise durch die Lebenspraxis, das sichert ihm die Treue seiner Anhängerschaft. Bei Ulfkotte ist es der Umbau des Wohnhauses zur Festung.
Eines seiner erfolgreichsten Bücher handelt davon, wie man den "GAU" nach einem totalen Stromausfall überlebt. "Was Oma und Opa noch wussten: So haben unsere Großeltern Krisenzeiten überlebt", heißt das Buch, das man über den Kopp-Verlag beziehen kann. Kopp hat sich darauf spezialisiert, die Bedürfnisse einer kritischen Gegenöffentlichkeit nach alternativen Wahr- und Weisheiten zu befriedigen. Andere Erfolgstitel des Verlags lauten: "Finanzcrash: Die umfassende Krisenvorsorge". Oder: "Das Handbuch der Selbstversorgung: Überleben in der Krise".
"Die Einschläge kommen näher", heißt es bei Ulfkotte. "Das System kann auch bei uns jederzeit zusammenbrechen." Da ist es gut zu wissen, wie man ohne Supermarkt und fließend Wasser überlebt. Bei Ulfkotte lernt man, wie man Tauwasser gewinnt ("Dazu bindet man sich möglichst saugfähigen Stoff um die Knöchel und geht damit durch hohes Gras"), Vitamine ersetzt ("Brennnesselspinat übertrifft mit seinem hohen Vitamin-C-Gehalt sogar die vitaminreichen Paprika") und sich von Bäumen ernährt ("Birkenblätter entgiften die Körpergefäße, ohne Leber und Nieren zu belasten"). Auch hilfreich zu wissen: Ist das Fett alle, kann man die Pfanne mit Kaffeeersatz ausreiben, um das Anbrennen mühsam ergatterter Nahrung zu verhindern.
Wenn die Apokalypse kommt, ist der AfD-Wähler vorbereitet. Wer weiß, vielleicht ist man ihm am Ende noch dankbar, dass er nicht nur das Parteiprogramm studiert hat. Wer Brot aus Blättern backen kann, überlebt jeden Zusammenbruch, auch den des Asylstaats. ■

Wer den Untergang vor Augen hat, ist nicht mit der Aussicht auf eine höhere Rente zu besänftigen.

Von Jan Fleischhauer

DER SPIEGEL 29/2016
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