16.07.2016

EpidemienMenschenfeind

Die Mücke Aedes aegypti, die das Zika-Virus überträgt, scheint unaufhaltsam. Bald könnte sie weltweit zur Bedrohung werden, nicht nur in Brasilien, dem Land der Olympischen Spiele. Sondern auch in Deutschland.
Es ist ein Montagmorgen im April, als ein junger Mann namens Leandro Fornitan 300 000 Mückenmännchen der Spezies Aedes aegypti in den Einsatz fährt. Die Mücken befinden sich in mehreren Hundert Plastikeimern, die hinter Fornitan auf der Ladefläche eines Lieferwagens stehen, der durch die rechtwinkligen Straßen eines Wohnviertels der brasilianischen Stadt Piracicaba rollt. Außer ein paar Hunden ist zu dieser frühen Stunde niemand unterwegs.
Die Mücken in den Eimern sind elf Tage alt. Man sieht ihnen nicht an, dass sie ein tödliches Geheimnis in sich tragen.
Wie ihre Artgenossen, die in freier Wildbahn aufwachsen, haben ihre schmalen Körper diese feine, schwarz-weiß gestreifte Zeichnung, die es aussehen lässt, als steckten sie in Adidas-Anzügen. Sie haben alle dieselben buschigen Fühler, mit denen sie sich durch ihr kurzes Leben navigieren, das für ein Aedes-Männchen nur aus einer einzigen Mission besteht: sich zu paaren.
Es ist für ein Weibchen unmöglich zu wittern, dass die Mücken, die Fornitan an diesem Morgen auf sie ansetzt, in einem Labor gezüchtet wurden. Dass sie ein künstlich eingesetztes Gen besitzen, das sie bei der Paarung weitergeben. Dass ihre Nachkommen durch dieses Gen bereits als Larven an der Produktion eines Proteins mit Namen tTAV ersticken.
Man könnte es auch so sagen: Die Mücken, die Fornitan zurzeit zu Testzwecken in Piracicaba freilässt, sind von Menschen fabrizierte Attentäter, die auf einen Feldzug gegen ihre eigene Art geschickt werden. Eine Art B-Waffe, die eingesetzt wird, um Populationen der Stechmücke Aedes aegypti zu dezimieren, die ein knappes Dutzend zum Teil todbringende Krankheiten überträgt, unter anderem das Gelbfieber, das Dengue-Fieber oder noch weitgehend unerforschte Viren wie Chikungunya oder Zika.
"Diese Mücke", sagt Fornitan, "ist das gefährlichste Tier der Welt."
Etwa vier Milliarden Menschen bedroht Aedes aegypti rund um den Globus.
Während die Welt lange so tat, als wäre dieser Mückenschwarm nur ein Gewitter, das vorüberzieht, hat sich Aedes aegypti eingerichtet in den Großstädten der Tropen. Wenn nichts geschieht, heißt das, dann werden künftig mehr und mehr Menschen durch diese Mücke sterben. Und es ist absehbar, dass einige der Tropenkrankheiten auch nach Europa kommen. Nicht nur, weil auf dem Kontinent die Temperaturen steigen – in Freiburg haben Wissenschaftler festgestellt, dass Aedes-Mücken in diesem Jahr zum ersten Mal den deutschen Winter überstanden haben. Die Deutschen, heißt das, werden neue Krankheiten kennenlernen, neue Gefahren. Bisher war es so, dass sie es waren, die in die Tropen reisten. Sie werden sich daran gewöhnen müssen, dass die Tropen in Zukunft zu ihnen kommen.
Es waren Bilder aus Brasilien, die die Welt Anfang des Jahres in Schrecken versetzten. Überall im Land waren plötzlich Neugeborene mit zu kleinen, unförmigen Köpfen auf die Welt gekommen. Als sich die Indizien verdichteten, dass dieser rätselhafte Anstieg der sogenannten Mikrozephalien im Zusammenhang mit einer Zika-Epidemie stand, die Brasilien in den vorangegangenen Monaten überrollt hatte, rief im Februar die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den internationalen Notstand aus.
In Brasilien wurden 220 000 Soldaten in den Häuserkampf geschickt. Sie streiften durch Badezimmer, Gärten und Garagen, um stehende Gewässer auszutrocknen, in denen die Aedes-Weibchen ihre Eier ablegen, aber ihr Einsatz änderte nichts an der Bedrohungslage. In den ersten vier Monaten des Jahres registrierten die Behörden 100 000 neue Zika-Verdachtsfälle. Dazu kamen knapp eine Million Menschen, die sich offenbar mit Dengue infiziert hatten, so viele wie nie zuvor in einem so kurzen Zeitraum.
Es gibt keine Impfstoffe, die gegen das Zika-Virus schützen. Es gibt keine Arzneien, die eine Ansteckung verhindern. Im März erklärten Mediziner, dass Zika auch beim Sex übertragen werden kann, und als wäre all das nicht genug, verfassten unlängst 151 renommierte Gesundheitsexperten einen offenen Brief, in dem sie forderten, die Olympischen Sommerspiele zu verlegen, die nun in knapp drei Wochen in Rio eröffnet werden. Das Risiko, warnten sie, sei unverantwortlich. Die Stadt erwartet eine halbe Million Besucher. Wenn sich nur ein Bruchteil davon mit einem der Viren infiziert, dann könnten diese Spiele, die eigentlich Brasiliens Aufstieg unter die größten Wirtschaftsmächte krönen sollten, zum Ausgangspunkt einer Katastrophe werden.
Die Angst davor rückt ein Insekt ins weltweite Bewusstsein, das lange als der kleine, harmlosere Bruder der Malaria-Mücke Anopheles galt. Aber die Vorzeichen kehren sich um.
Anopheles, so sieht es aus, war die Mücke des 20. Jahrhunderts. Aedes aegypti wird die des 21. Jahrhunderts sein.
Während heutzutage immer weniger Menschen an Malaria sterben, gilt das Dengue-Fieber, das von Aedes verbreitet wird, seit einigen Jahren als die sich am schnellsten ausbreitende, von Mücken übertragene Krankheit der Welt. 128 Staaten werden heute als Dengue-Risikogebiete eingestuft. In ihnen infizieren sich der WHO zufolge jedes Jahr rund 400 Millionen Menschen mit dem Virus. Die meisten von ihnen leiden unter Hautausschlägen, Gelenkschmerzen und hohem Fieber. Bei etwa 20 000 Menschen aber, schätzen Epidemiologen, lösen die Mückenstiche schwere innere Blutungen aus; am Ende steht oft der Tod.
Während es beim Dengue-Fieber ein halbes Jahrhundert brauchte, bis die WHO-Karte mit den betroffenen Gebieten rot eingefärbt war, scheint es im Fall von Zika so, als hätte jemand einen Eimer Farbe über die halbe Welt gekippt. Nachdem das Virus 2013 vermutlich durch ein Flugzeug aus Französisch-Polynesien nach Brasilien kam, brauchte es nur wenige Monate, um als blinder Passagier im menschlichen Blut die Grenzen von 60 Ländern zu überwinden.
Überall dort, wo Zika Fuß fasste, war Aedes aegypti schon da.
Die Mücke war auch da, als das Chikungunya-Fieber 2005 auf der Insel La Réunion ausbrach. Sie war da, als Chikungunya 2006 nach Indien übersetzte, und sie war da, als das Virus 2013 von der Karibik auf das amerikanische Festland übersprang. Selbst das Gelbfieber, das längst gebannt schien, wird wieder zur Gefahr. Als Angola, die Demokratische Republik Kongo und Uganda im Frühjahr den schlimmsten Ausbruch seit Jahrzehnten meldeten, hatte die Mücke 2000 Menschen infiziert, mehr als 300 starben.
Was können wir also tun gegen die Mücke? Welche Strategien gibt es, welche Instrumente, welche Waffen? Ist es möglich, Aedes aegypti ein für alle Mal zu besiegen, oder wird der Mensch am Ende glücklich sein, wenn er sich gegen die Viren, die die Mücke überträgt, einigermaßen schützen kann?

Die gentechnisch veränderte Labormücke der britischen Firma Oxitec ist die modernste Strategie, die der Mensch im Kampf gegen die Stechmücke bislang entwickelt hat. Bei Feldversuchen auf den Cayman Islands und in Panama, sagt Fornitan, sei es gelungen, wilde Aedes-Populationen innerhalb weniger Monate um 90 Prozent zu dezimieren. Das Gleiche versuchen sie jetzt auch in Piracicaba.
An sechs Tagen in der Woche fährt Leandro Fornitan an die Front. Neben ihm liegt ein aufgeklapptes Laptop mit einer Karte, die die Siedlung abbildet. Immer dann, wenn der Computer ein Signal gibt, greift Fornitan hinter sich zu den Paletten, zieht die Deckel von den Mücken-Eimern, hält sie in einen Trichter, der in einem offenen Spalt im Seitenfenster steckt, und klopft kräftig auf den Boden. Den Rest erledigt ein Gebläse und der Instinkt der Mücke. Aedes schwärmt aus.
"Normalerweise", sagt Fornitan, "brauchen wir für hundert Meter einen Eimer, aber es gibt Hotspots, wo wir nachlegen": am Schrottplatz, am Busbahnhof, beim Supermarkt.
Wo Menschen leben, wo sie arbeiten, wo sie spielen oder warten, überall dort ist Aedes nicht weit. Das ist das Problem, in Piracicaba, in Rio de Janeiro, aber auch in Städten wie Jakarta, Luanda oder Singapur. Es gibt kaum noch Orte, an denen Aedes nicht ist.
Sie lauert überall, hinter Vorhängen, unter den Betten, in den Fußräumen von Autos, eine kleine, unsichtbare Mitbewohnerin, die sich auf die Spur von menschlichen Gerüchen macht. Aedes aegypti wird durch das Kohlendioxid in unserer Atemluft angelockt, ebenso von Inhaltsstoffen unseres Schweißes, einem verführerischen Aroma aus Buttersäuren und Milchsäuren. Die weibliche Mücke folgt dieser Duftfahne, bis sie ihrem Opfer so nahegekommen ist, dass sie zusätzlich zum Geruch auch die Wärme und die Feuchtigkeit wahrnimmt, die jeder Körper abgibt.
Anders als Anopheles, die vorwiegend in der Dämmerung und nachts sticht, fliegen die Aedes-aegypti-Weibchen die Arme, Beine oder Füße ihrer Opfer vor allem tagsüber an. Man merkt es kaum, wenn sie die Haut mit den Tasthärchen ihrer Unterlippe nach einer Blutbahn abtasten. Der Stechrüssel der Mücke besteht aus einer Unterlippe, in der sechs Stechborsten verborgen sind. Einige der Stechborsten haben winzige Häkchen an ihrer Spitze, sie werden in die Haut eingedrillt, indem die Mücke den Kopf hin- und herbewegt – so tief, bis die Stechborsten auf eine Blutkapillare treffen.
Das Blut ist unverzichtbar für die Erhaltung der Art. Blut enthält Eiweiß, das notwendig ist, um die Bildung der Eier zu vollenden.
Um zu verhindern, dass im Augenblick des Stichs das Blut gerinnt, stoßen die Mücken ein Speichelsekret in den Körper ihres Wirts. Es ist dieser Tausch von Körperflüssigkeiten, der aus der Mücke einen sogenannten Vektor macht, der Viren überträgt.
Je bekannter Oxitecs Mücke werde, sagt Fornitan, desto größer werde die Nachfrage. Im vergangenen Jahr kaufte der US-amerikanische Biotechkonzern Intrexon die aus einem Forschungsprojekt der Universität Oxford hervorgegangene Firma Oxitec für 160 Millionen Dollar. Fornitans neue Chefs leben seit Monaten im Flugzeug. Für den Fall, dass die Verzweiflung ihrer Kunden noch nicht ausreicht, haben sie eine Studie im Gepäck, die ahnen lässt, wie groß die Schäden sind, die Aedes hinterlässt.
In einem Land wie Indien, heißt es darin, verschlinge die stationäre Behandlung eines Dengue-Kranken leicht das halbe Jahreseinkommen einer Familie. In Thailand schätzt die Tourismusbranche, dass ihr durch Dengue-Ausbrüche Einnahmeverluste in Höhe von 363 Millionen Dollar entstehen könnten. In Malaysia haben Wissenschaftler ausgerechnet, dass der einheimischen Wirtschaft bei 10 000 Dengue-Fällen 940 000 Arbeitstage verloren gehen.

Wenn wir etwas gegen Aedes tun wollen, dann müssen wir verstehen, wie sie tickt. Das ist das, was alle sagen, die derzeit an verschiedenen Orten auf der Welt nach Strategien fahnden, mit denen man der Mücke beikommt. Auch James Logan ist davon überzeugt, ein Biologe, der an der London School of Hygiene & Tropical Medicine als einer von ganz wenigen weltweit das Wesen von Stechmücken erforscht.
Es sind grundsätzliche Fragen, die Logan stellt. Was nehmen Mücken wahr? Wie finden sie ihre Opfer? Wie haben sie es geschafft, seit den Zeiten der Dinosaurier zu überleben?
"Sie waren vor uns Menschen auf diesem Planeten", sagt Logan, "und wie es aussieht, werden sie auch nach uns da sein."
Logan ist ein feinsinniger Mann, 37 Jahre alt, der seine Bewunderung für die Mücke nicht verbergen kann, wenn er im Laborkittel durch das Neonlicht des Kellergewölbes läuft, in dem sich das Insektarium des Instituts befindet. Es ist tropisch schwül in diesem Raum. Entlang der Wände stehen Käfige, in denen Logan hinter feinmaschigen Netzen seine Studienobjekte aufbewahrt.
Logan greift sich einen verkabelten Metallzylinder, in dem sich hinter einer durchsichtigen Membran auf Körpertemperatur erwärmtes Blut befindet. Er stellt den Zylinder auf einen der Käfige, und es vergehen nur wenige Sekunden, ehe sich ein Schwarm von Mücken auf das Blut stürzt. "Faszinierend, oder?", sagt er.
Man muss sehr genau hinschauen, um am Kopf der Mücke die zwei hauchdünnen Antennen zu erkennen, mit denen sie sich durch ihr Leben navigiert. Diese beiden Fühler, auf denen Tausende Rezeptoren sitzen, sind ihr wichtigstes Organ. Eine Art Supernase, die Geruchseindrücke weiter ans Gehirn leitet und ihr den Weg zu stehenden Gewässern weist, zum Blut des Menschen, zum Pflanzennektar, von dem sie sich ernährt.
"Schauen Sie sich diesen Raum an", sagt Logan. "Ich würde sagen, er sieht ziemlich kahl aus, aber für die Mücke besteht er aus einem Cocktail verschiedenster Duftmoleküle. Allein wir Menschen senden rund 500 Gerüche aus. Davon nimmt die Mücke etwa 20 wahr, das Kohlendioxid unseres Atems, die Carbonsäure in unseren Socken oder den Schweiß auf unserer Haut. All dies zusammen sagt ihr: Da drüben steht ein Mensch."
Wenn wir uns vor der Mücke schützen wollen, glaubt Logan, müsste es gelingen, ebendiesen Geruchssinn zu überlisten. Das bedeutet, dass wir unseren Körpergeruch so verändern müssten, dass die Mücke denkt: Da drüben, das ist kein Mensch, sondern etwas anderes.
"Mückenschutzmittel", sagt Logan, "sind unsere erste Verteidigungslinie."
Seit Jahren testet Logan für die Pharmaindustrie die Wirksamkeit solcher Produkte, doch es ist schwierig. Der zuverlässigste Wirkstoff ist noch immer DEET, ein synthetisch hergestelltes Molekül, das in den Vierzigerjahren für das amerikanische Militär entwickelt wurde, das in manchen seiner Kriege annähernd so viele Männer durch Angriffe von Mücken verloren hat wie durch feindliches Feuer. Logan erklärt, dass DEET bestimmte Rezeptoren der Antennen aktiviert und so die Mücke in die Irre führt. Der Wirkstoff hat allerdings zwei Nachteile. Zum einen gibt es Nebenwirkungen. Zum anderen schlägt er bei Aedes aegypti wesentlich schlechter an als bei Anopheles-Mücken.
Logan hat deshalb beschlossen, sich jene zehn Prozent der Menschheit genauer anzusehen, deren Blut aus bislang unbekannten Gründen von der Mücke ignoriert wird. Er stellte fest, dass diese Eigenschaft erblich ist. Logan hat solche Menschen gesucht, sie in sein Labor eingeladen und analysiert. Er hat sie in Folien gehüllt. Er hat ihre Körpergerüche abgesaugt, sie in einem Lösungsmittel konserviert und dann in ihre einzelnen Substanzen zerlegt. Er hat abgeschnittene Köpfe toter Mücken, deren Antennen noch etwa eine Stunde weiter senden, an Elektroden angeschlossen und ihnen die aufgelösten, menschlichen Gerüche vorgelegt.
Dann hat Logan gewartet, ob sein Computer irgendein Signal empfängt.
Eine Substanz zu finden, die ganz normalen Menschen dabei hilft, jenes natürliche körpereigene Mückenschutzmittel zu produzieren, das zehn Prozent der Bevölkerung bilden, das ist das, wovon er träumt. Ein Pharmaunternehmen könnte eine Pille daraus machen, nicht nur für Touristen, sondern auch für Menschen, die jeden Tag von Aedes aegypti bedroht werden, aber Logan ist sich nicht sicher, wie lange es dauern würde, so etwas zu entwickeln. Zunächst, sagt er, müssten jene Gene genau identifiziert werden, die für die körpereigene Produktion verantwortlich sind. Und am Ende bleibt die Frage: Könnte Aedes aegypti auch gegen eine solche Pille resistent werden?
Wie alle Mückenforscher weiß er, dass Aedes immer eine Antwort hatte, wenn der Mensch sie vor Schwierigkeiten stellte. "Aedes ist uns stets einen Schritt voraus", sagt Logan, "weil sie sich sehr schnell anpassen kann."
Diese Flexibilität, könnte man sagen, dieses Geschick, mit dem Aedes aegypti auf Widrigkeiten reagiert, haben den Menschen überhaupt in sein Visier gerückt. Als die Mücke noch ausschließlich südlich der Sahara lebte, bevorzugte sie wild lebende Tiere, um ihren Durst nach Blut zu stillen. Ihre Eier legten die Weibchen meist in Astlöcher, die sich nach dem Regen mit Wasser füllten. Wann genau die Mücken ihr Verhalten änderten, darauf haben Evolutionsforscher verschiedene Antworten. Einer der Theorien zufolge waren klimatische Veränderungen schuld. Als sich vor einigen Tausend Jahren die Sahara ausbreitete, bedeutete das für die Mücke, dass große Teile ihres Lebensraums vertrockneten. Wasser, hieß das, war nun vor allem dort konstant verfügbar, wo sich Menschen angesiedelt hatten, und ebendiese Menschen erwiesen sich fortan als die stabilste Quelle für ihre Blutmahlzeiten.
Eine zweite Theorie besagt, dass die Domestizierung der Mücke erst wesentlich später eingesetzt habe, als spontanes Ereignis, das sich innerhalb weniger Wochen auf den Sklavenschiffen vollzog, die von Afrika in die Neue Welt aufbrachen. So beschreibt es der brasilianische Historiker Rodrigo Magalhães, der für seine Doktorarbeit den Kampf rekonstruiert hat, den Südamerika im 20. Jahrhundert gegen ein Insekt geführt hat, das den Kontinent seit seiner Ankunft mit wiederholt ausbrechenden Gelbfieber-Epidemien in Angst versetzte.

An einem schwülen Nachmittag sitzt Magalhães in einer Buchhandlung im Zentrum Rios. Die Bügel seiner Brille sind schwarz-weiß gestreift wie der Körper von Aedes aegypti. Bis zum Zika-Ausbruch habe sich nie einer für seine Studien interessiert, sagt er. Jetzt aber ist er ein gefragter Mann.
Was Magalhães erzählen kann, nennt er selber "die erstaunliche Geschichte eines 100-jährigen Krieges", in dem beide Seiten, Mensch und Mücke, schwere Niederlagen einsteckten. Sie hilft, die Schwierigkeiten zu verstehen, vor denen Forscher wie James Logan stehen, wenn sie mit chemischen Substanzen gegen Aedes vorgehen.
Der tragische Held in diesem Drama ist ein US-amerikanischer Arzt namens Fred Soper, der ab 1947 für die Panamerikanische Gesundheitsorganisation ein kontinentales Programm zur Ausrottung von Aedes aegypti koordinierte. Es war das erste Mal, dass die Welt beschloss, gegen einen Vektor vorzugehen, um ein Virus zu bekämpfen, und Soper glaubte, dass er eine Wunderwaffe in den Händen hielt:
Dichlordiphenyltrichlorethan.
DDT ist eine Chemikalie, deren insektizide Wirkung 1939 von einem Mitarbeiter des Schweizer Pharmaunternehmens Geigy entdeckt wurde, der Jahre später mit dem Medizin-Nobelpreis ausgezeichnet wurde.
Soper setzte durch, dass die Staaten Südamerikas ihre Gesetze änderten, damit die Mückenjäger der Kommunen Zutritt zu Privathäusern erhielten. Über Jahre zogen diese Trupps in Städten wie Rio de Janeiro durch die Gassen, sie sprühten DDT in Wohnzimmern, in Badezimmern und in Küchen, sie sprühten es auf die Fassaden, auf Bürgersteige und auf öffentliche Plätze, während es draußen auf dem Land aus Flugzeugen auf Kaffee- oder Zuckerrohrplantagen niederregnete. Für Aedes aegypti, sagt Magalhães, bedeutete das Schweizer Insektengift in etwa das, was Napalm für Vietnam bedeutete. Jeder Kontakt endete tödlich.
1958, elf Jahre nach Beginn seiner Kampagne, verkündete Fred Soper, dass alle Länder Süd- und Mittelamerikas Aedes aegypti erfolgreich ausgerottet hätten.
"Das Problem", sagt Magalhães, "waren die USA."
Da es in den USA nach 1905 zu keiner Gelbfieber-Epidemie mehr gekommen war und Viren wie Dengue oder Zika noch keine Gefahr darstellten, sahen amerikanische Politiker keinen Sinn darin, Millionen Dollar in die Bekämpfung eines anscheinend harmlosen Insekts zu investieren.
Sopers Flehen wurde nicht erhört.
1965 war Aedes aegypti wieder zurück, erst in Mexiko, ein Jahr später in Nicaragua, zwei Jahre später in der nordbrasilianischen Stadt Belém, wo Forscher feststellten, dass die Mücken über den gleichen genetischen Code verfügten wie ihre Artgenossen in Florida.
Magalhães lehnt sich zurück.
"Dass all die Anstrengungen vergeblich waren", sagt er, "ist das eine. Das andere ist, dass Aedes aegypti plötzlich resistent war gegen DDT."
Während Sopers Sprühtrupps unterwegs waren, vielleicht auch schon vorher, war irgendwann irgendwo während einer der unzähligen Vermehrungszyklen der Mücke eine Veränderung im Erbgut entstanden, die das Tier unempfindlich machte gegen das Nervengift. Eine Veränderung, die am Ende das Überleben der Art sicherte.
"Es ist eine Frage evolutiver Intelligenz", sagt Magalhães.
Survival of the fittest.

Die Anpassung an den Menschen oder die Resistenz gegen die Insektizide sind nicht die einzigen Antworten, die Aedes aegypti auf Veränderungen ihres Lebensraumes fand. Im Gegensatz zur Malariamücke Anopheles hat Aedes ihre Ansprüche an die Bedingungen schnell wachsender Großstädte angepasst. Das, was vor Urzeiten in den afrikanischen Wäldern die Astlöcher waren, sind heute Autoreifen, Plastikflaschen oder Computerhüllen, der ganz normale Müll tropischer Megastädte, der unter freiem Himmel vor sich hin rottet und sich bei Regen mit Wasser füllt.
Aedes aegypti, die Mücke des 21. Jahrhunderts, hat sich eingerichtet in den Slums von Städten wie Rio de Janeiro, wo die Abwassersysteme genauso wenig funktionieren wie die Müllentsorgung. In Piracicaba ist den Mückenjägern der Kommune aufgefallen, dass die Mägen vieler Aedes-Weibchen heute doppelt so viel Blut aufnehmen wie noch vor 20 Jahren. In einer Stadt wie Singapur, die auch während der Nachtstunden hell leuchtet, hat man festgestellt, dass sie ihre Blutmahlzeiten mittlerweile rund um die Uhr einnehmen.
Auch die Vorhersagen der Klimaforscher spielen Aedes aegypti in die Karten, die fortschreitende Erderwärmung, vor allem aber die Aussicht auf zunehmende Dürren, die dazu führen werden, dass mehr Menschen auf den Dächern ihrer Häuser das Wasser in Kübeln horten.
In Rio hat das Tourismus-Sekretariat jetzt dazu aufgefordert, während der Spiele Besuche in den Armenvierteln zu vermeiden. Mitte Juni, kurz nachdem die 151 Wissenschaftler und Ärzte gefordert hatten, Olympia abzusagen, sah sich ein Notfallkomitee der WHO die Lage in der Stadt noch mal genauer an. Die Experten kamen zu dem Schluss, dass die Austragung der Spiele kaum etwas an der Ausbreitung des Virus ändern würde, auch weil die Zahl der Mücken während der kühleren Monate deutlich zurückgegangen sei.
Andererseits könnte man fragen, wer bei einem negativen Votum der WHO den Mut gehabt hätte, die Veranstaltung, die schon mehrere Milliarden Euro gekostet hat, abzusagen.
Die Angst, so scheint es, hat sie zumindest nicht zerstreuen können. Kürzlich hat der Radprofi Tejay van Garderen, dessen Frau ihr erstes Kind erwartet, seine Teilnahme an Olympia abgesagt. Ihm schloss sich der Golfer Jason Day an, der als Weltranglistenerster eine große Chance auf Gold gehabt hätte. Als die deutschen Leichtathleten dieser Tage ein geplantes Trainingscamp vor Ort absagten, wurden Klagen darüber laut, dass es noch immer keinen Impfstoff gibt gegen ein Virus, das vor fast 70 Jahren in Uganda zum ersten Mal identifiziert wurde.

Wie kann es sein, dass es außer der Gelbfieber-Impfung aus den Vierzigerjahren so lange keinen weiteren Impfstoff gab, der den Menschen gegen die von Aedes aegypti übertragenen Viren immunisiert?
Eine Spritze, die der Mücke ihren Schrecken nimmt – es ist ein Traum, den auch Marie-José Quentin-Millet hatte, die fast 20 Jahre lang für das französische Unternehmen Sanofi Pasteur nach einem Impfstoff gegen das Dengue-Fieber gefahndet hat. "Als wir anfingen", sagt sie, "waren wir noch jung und schön!"
Quentin-Millet steht im Lyoner Vorort Neuville-sur-Saône auf der Besuchergalerie eines schneeweißen Fabrikgebäudes und blickt durch eine Glasscheibe auf die gewaltigen, durch Dutzende Rohre verbundenen Kessel einer Pharmaküche, in der Menschen mit Mundschutz vor ihren Computern sitzen. Sie sagt, sie könne es kaum fassen, dass sie diesen Impfstoff jetzt tatsächlich produzieren.
"Dengue ist so tückisch", sagt sie.
Das Problem, vor das Dengue sie stellte, bestand darin, dass das Virus in vier verschiedenen Varianten existiert. Um alle dieser sogenannten Serotypen abzudecken, brauchte es im Grunde vier Impfungen in einer.
Als Quentin-Millet und ihre Kollegen in den Neunzigerjahren ihre Arbeit aufnahmen, standen sie wie eine Gruppe Alpinisten vor der Frage, welche Flanke sie am besten in den Berg führt. Zehn Jahre forschten sie an diesem Einstieg.
"Manchmal", sagt Quentin-Millet, "standen wir kurz vor der Aufgabe."
Auf die richtige Spur brachte sie schließlich der altbekannte Gelbfieber-Impfstoff, in den sie zwei Gene jedes Dengue-Serotyps einsetzten. Nach positiv verlaufenen Tests an Tieren spritzten sie den Stoff kleineren Menschengruppen, ehe sie in letzten großen Studien über 35 000 Kinder in Asien und Lateinamerika impften.
Am Ende wurde es nicht eine Spritze, die die Mücke aus dem Spiel nimmt, sondern drei, verabreicht im Abstand von sechs Monaten. Das Risiko, an Dengue zu erkranken, sank bei den Probanden um rund 60 Prozent, die Zahl der schweren Dengue-Fälle um 80 Prozent.
Das ist nicht perfekt, aber besser als nichts. Und jetzt?
1,5 Milliarden Euro hat Sanofi Pasteur über die Jahre investiert. Es ist Geld, das der Impfstoff unter dem Produktnamen Dengvaxia nun wieder einspielen muss.
Im April verließen die ersten Impf-Pakete die Fabrik. Wenig später wurden auf den Philippinen 800 Schulkinder medienwirksam geimpft. Auch die mexikanischen Behörden haben Dengvaxia mittlerweile zugelassen, genauso wie Brasilien, wo das Gesundheitsministerium jedoch im Mai verkündet hat, den Impfstoff nicht ins kostenlose, öffentliche Impfprogramm aufzunehmen.
22 Euro, war in den Zeitungen zu lesen, hätte das Ministerium für jede Dosis zahlen müssen. Es ist zu viel für einen Staat, der in der Wirtschaftskrise gerade seine Ausgaben reduziert.
Stattdessen, heißt es, soll der Impfstoff nun über ein Netz privater Kliniken vertrieben werden, wo sich eine privilegierte Minderheit für etwa 100 Euro gegen das Dengue-Virus schützen kann. Die große Mehrheit aber, die dort zu Hause ist, wo sich die Mücke eingerichtet hat, wird sich Dengvaxia nicht leisten können.
Brasilien ist kein armes Land, aber es ist ein gutes Beispiel für die Schwierigkeiten, die Firmen wie Sanofi Pasteur auf Märkten jenseits des Äquators haben. Sie haben es mit Regierungen zu tun, deren Budgets beschränkt sind oder denen es am Willen mangelt, in die Gesundheit der Bevölkerung zu investieren. Es ist kein Zufall, dass Pharmaunternehmen im Jahr 2013 an der Entwicklung von 183 Medikamenten gegen Herzkrankheiten arbeiteten, aber nur an 17 Mitteln zur Behandlung von Malaria. Tropenkrankheiten sind, im Gegensatz zu Zivilisationskrankheiten, Geschäfte ohne Gewinnaussichten.
Das ist, wenn man so will, die gute Nachricht für die Mücke. Die schlechte ist: Je tiefer sie in kaufkräftige Länder eindringt, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie im Fadenkreuz der Pharmaunternehmen landet. Während Anopheles vor allem eine Plage der ärmsten Länder Afrikas ist, hat Aedes aegypti eine rote Linie übertreten. Länder wie China oder Indien beginnen nachzurechnen und vergleichen den Preis der Impfung mit den Kosten, die ihren öffentlichen Krankenhäusern durch Dengue entstehen. Das ist die Wette, die Sanofi Pasteur einging. Und das ist das, worauf auch andere inzwischen setzen. Fünf weitere Impfstoffe gegen Dengue, heißt es, befänden sich weltweit in der Entwicklung.
In den Labors von Sanofi Pasteur haben sie unterdessen die Arbeit an einem Zika-Impfstoff aufgenommen. Das Virus, sagt Quentin-Millet, sei weniger komplex als das Dengue-Virus. Wenn jetzt alle Wissenschaftler an einem Strang ziehen, ist Quentin-Millet überzeugt, werde es in diesem Fall nicht 20 Jahre dauern, bis der Impfstoff fertig ist.
Dennoch ist es eine Illusion zu glauben, dass ein Impfstoff die Mücke vollständig besiegen könnte.
Es ist ein Trugschluss, dem Länder wie Angola, Kongo oder Uganda aufgesessen sind, die glaubten, dass großflächige Impfkampagnen das Gelbfieber besiegt hätten. Nachdem die Fallzahlen in den Achtzigerjahren drastisch zurückgegangen waren, nahmen die Behörden die Impfung nach und nach aus dem Programm. Das Ergebnis: Heute, zwei Generationen später, ist das Gelbfieber zurück, und in Aedes-Metropolen wie Luanda wird der Impfstoff knapp.

Es scheint, als würde sich nichts ändern an diesem Gefühl des Ausgeliefertseins, das längst nicht mehr nur ein brasilianisches ist. Impfungen wie die von Sanofi Pasteur mögen das Risiko, an einem Mückenstich zu sterben, reduzieren, aber sie schalten es genauso wenig aus wie all die Mückenschutzmittel, die James Logan in London testet. Alles, was der Mensch bislang versucht hat, um die Mücke auszurotten, ist auf die eine oder andere Weise fehlgeschlagen, und auch Oxitec wird dies nicht gelingen. Nach einem halben Jahr ist die Zahl der Dengue-Ansteckungen im Testgebiet von 132 auf 2 gesenkt. Die Aedes-aegypti-Population ist um 90 Prozent geschrumpft. Mehr, sagt Fornitan, könne man nicht erwarten. Die Mücken kämen immer wieder, in Autos, in Bussen, mit dem Zug.
"Alles, was uns bleibt, sind Wachsamkeit und Aufklärung."
Der Mann, der das sagt, ist ein kleiner, drahtiger Rentner namens Justin Foo, der vor einem Wohnblock im Zentrum von Singapur auf ein paar Kollegen wartet. Foo hat früher als Ingenieur gearbeitet, jetzt trägt er eine gelbe Weste, die ihn als "Dengue Prevention Volunteer" ausweist. Er ist ein Freiwilliger im globalen Kampf gegen die Stechmücke. Er gehört zu einer Art Bürgerwehr, die im Auftrag der staatlichen Umweltbehörde gegen die Mücke ins Feld zieht.
Foo deutet auf einen Wohnblock, dem sie gleich einen Besuch abstatten werden. Früher fanden die Inspektoren in Singapur in jedem zweiten Haushalt Eier. Heute liegt die Rate um 1 : 100.
Singapur ist ein kleines, dicht besiedeltes Land mit fünfeinhalb Millionen Einwohnern, das ziemlich genau am Äquator liegt. Das bedeutet, dass es gleichbleibend warm ist und auch außerhalb der Regenzeit so gut wie jeden Nachmittag zur gleichen Stunde regnet. Es sind Bedingungen, die Aedes entgegenkamen, als Soldaten und Reisende während des Zweiten Weltkriegs diese Stechmückenart nach Südostasien brachten. Anfang der Sechzigerjahre verzeichnete Singapur die ersten schweren Dengue-Ausbrüche. 1966 gründete die Stadt die erste Behörde zur Bekämpfung des Fiebers, heute beschäftigt das Environmental Health Institute 850 feste sowie mehrere Tausend Freiwillige, Aktivisten wie Foo.
Über die Jahrzehnte hat Singapur ein Kontrollsystem entwickelt, das heute in der Welt als einzigartig angesehen wird. Eine Art Mücken-Stasi, die ihre Bürger überwacht und sie durch Aufklärung und Strafen zur informellen Mitarbeit erzieht.
Mindestens zehn Tage umfasst der Lebenszyklus eines Aedes-Weibchens. Vier- oder fünfmal in dieser Zeit legt es jeweils mehrere Hundert winzig kleine Eier ab. Anders als Anopheles, die ihre Eier auf der Oberfläche stehender Gewässer ablegt, positioniert die Aedes-Mücke ihre Brut knapp über der Wasseroberfläche. Wenn der Regen einsetzt und das Wasser steigt, beginnt in jedem Ei ein neuer Lebenszyklus.
Diesen Kreislauf zu unterbrechen, darum geht es Foo. Er muss verhindern, dass Ei und Wasser in Kontakt kommen.
In der Zentrale der Gesundheitsbehörde laufen deshalb in einem Computer alle Daten zu entdeckten Brutstätten zusammen, sie korrelieren diese Daten mit den Temperatur- und Klimawerten, mit Regenmengen und mit der Niederschlagsdauer. Einzelfunde behandeln sie dabei als Zufall. Wird aber innerhalb von 14 Tagen ein zweiter Fund am selben Ort gemeldet, haben sie es mit einem Cluster zu tun. Cluster bedeutet: Staatlich bezahlte Vector Control Officer rücken aus und bearbeiten die Fundstelle mit Insektiziden. Wenn ein Bürger wissen will, ob es in seiner Nachbarschaft gerade Cluster oder Dengue-Fälle gibt, kann er sich dazu eine App aufs Handy laden.
1,4 Millionen Prüfgänge haben die Kontrolleure im Jahr 2015 durchgeführt. An diesem Morgen steht ein Routinerundgang auf dem Programm. Während Foo und seine Kollegen durch die Siedlung laufen, verteilen sie eine Broschüre, die die Bewohner darüber aufklärt, was jeder Einzelne tun kann. Überall klingelt ein Officer an der Tür. Wenn ihm jemand öffnet, dann zieht er freundlich lächelnd seine Schuhe aus, ehe er ins Badezimmer schlurft und mit seiner Taschenlampe in die Zahnputzbecher leuchtet. Er dreht Eimer um, die unter dem Waschbecken stehen, und wirft kritische Blicke in die Blumenteller auf dem Balkon. Würden die Kontrolleure etwas finden, müsste der Bewohner umgerechnet gut 130 Euro Strafe zahlen. Wiederholungstäter zahlen noch einmal 130 Euro. Wer dann noch immer nicht verstanden hat, dass es auf jeden Bürger ankommt, der landet vor einem Richter.
Anders als in Brasilien, wo die Soldaten erst aus den Kasernen rückten, als sich Millionen Menschen mit dem Zika-Virus infiziert hatten, ist Foo das ganze Jahr über auf Streife. Anders als Brasilien hat Singapur eine Regierung, die einen klaren Plan verfolgt. Rund 2000 US-Dollar investierte das Land in den Kampf gegen die Mücke, pro Einwohner und Haushaltsjahr. Seit den Sechzigern ist die Zahl der Dengue-Fälle deshalb zunächst zurückgegangen, ehe sie sich in den Achtzigerjahren bei einem Schnitt von 9,3 pro 100 000 Einwohnern eingependelt hatte.
Seitdem eroberten die Mücken die Stadt zurück. Dengue tritt in Singapur in Wellen auf. Wenn man die Zahl der Fälle über Jahrzehnte betrachtet, dann fällt auf, dass die Wellen häufiger auftreten und die Ausschläge größer werden. Seitdem die Dengue-Quote im Jahr 2005 erstmals wieder auf über 300 Fälle je 100 000 Einwohner hochschnellte, wurden die Gegenmaßnahmen nochmals verstärkt, und es wurde wieder regelmäßig über auftretende Epidemien informiert.
"Es mag absurd klingen", heißt es bei der Gesundheitsbehörde, "aber die Probleme sind eine Folge unseres Erfolgs. Das Virus hatte wieder eine Chance, weil unsere Immunsysteme kaum mehr Antikörper produzierten."
Foos Vorgesetzte hoffen nun darauf, dass der Impfstoff von Sanofi schon bald zugelassen wird, auch wenn er gegen die in Singapur vorkommenden Serotypen nur begrenzten Schutz bietet. Wissenschaftler werben für den Oxitec-Moskito, oder sie schlagen vor, weiter mit sogenannten Wolbachia-Mücken zu experimentieren, die mit einem Bakterium infiziert wurden, das sie selbst gegen das Dengue-Virus immunisiert.
Es sind Dutzende Strategien, mit denen der Mensch im Jahr 2016 gegen die Mücke vorgeht. Keine einzige, so scheint es, führt ans Ziel. Es sieht so aus, als müssten wir mit dem Gedanken leben, dass die Mücke immer Lücken finden wird. Und diese Lücken werden größer.

Bislang hat sich Europa in Sicherheit gewiegt. Viren wie Dengue, Zika oder Chikungunya, so dachte man, waren im Wesentlichen ein Problem der Dritten Welt. Wenn sich Deutsche infizierten, dann waren es in der Regel Tropenreisende, die die Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amts nicht ausreichend ernst genommen haben. Aber es sieht so aus, als änderten sich die Spielregeln langsam.
600 Millionen Euro will die Bundesregierung bis 2020 für Impfkampagnen in den 22 ärmsten Ländern ausgeben, was in einer Zeit wie dieser durchaus wie eine weitere, groß angelegte Sonderinitiative zur Bekämpfung von Fluchtursachen wirken könnte. Aber das ist es nicht allein.
2010 registrierten Südfrankreich und Kroatien die ersten autochthonen Fälle von Dengue-Fieber in Europa seit den Zwanzigerjahren, übertragen von im Land heimischen Mücken. Die Mücke selbst, heißt das, rückt immer näher. 2013 gab es auf der portugiesischen Insel Madeira einen Dengue-Ausbruch mit mehr als tausend Infizierten.
"Aedes aegypti ist seinem Wesen nach ein Demokrat. Er unterscheidet nicht zwischen Arm und Reich", sagt der Biologe Norbert Becker, der mehrere Bücher über die Stechmücke geschrieben hat und seit 40 Jahren aus seinem Büro in Speyer die Schnaken am Oberrhein bekämpft. Als er im Sommer 1976 seine Arbeit aufnahm, gingen manche Menschen in Neopren-Anzügen aus dem Haus, weil sie die Mückenplage anders nicht ertrugen.
Becker lächelt.
"Früher", sagt er, "waren die Mücken lästig. Heute werden sie uns zunehmend gefährlich."
Fünf neue Arten haben Forscher in den vergangenen 20 Jahren in Deutschland nachgewiesen, darunter zwei Verwandte von Aedes aegypti, die dieselben Viren übertragen: die Buschmücke Aedes japonicus und die Tigermücke Aedes albopictus.
Aedes albopictus, die vermutlich über Genua nach Europa eingereist ist, vielleicht auf einem aus Amerika kommenden Schiff, das Altreifen geladen hatte, tauchte 2007 auf einer Autobahnraststätte bei Weil am Rhein zum ersten Mal auf deutschem Boden auf. 2013 zählte Becker 6 Fundorte von Eiern, 2014 waren es schon 15 und bis August des vergangenen Jahres 20.
Im vergangenen März machte Becker dann eine Entdeckung, die ihn alarmierte: Nie zuvor war in Deutschland zu einem derart frühen Zeitpunkt der Fund einer Aedes-Mücke gemeldet worden. Das konnte nur eines bedeuten: Sie hatte offenbar den deutschen Winter überlebt.
Becker lehnt sich zurück.
"Im Grunde", sagt er, "war dieser Schritt nur eine Frage der Zeit."
Seit Kurzem sitzt Becker in einer Expertenkommission, die Landesregierungen, Gesundheitsministerien, Stadtverwaltungen und Gesundheitsämter berät, wie man vorgehen soll, wenn die Tigermücke auftaucht.
Deutschland, so sieht es aus, ist nicht vorbereitet auf die Mücke. Es reicht nicht, im Umkreis einer Fundstelle ein paar Liter Insektizid zu sprühen. Die Aedes-Eier überleben ein Jahr Trockenheit. Sie sind, wenn man so will, ein gewaltiges, für das menschliche Auge kaum sichtbares Heer von Schläferzellen, und es braucht nicht viel, um sie zu aktivieren. Ein paar wärmere Tage, ein bisschen Regen, Dinge, die in Rio de Janeiro auch im August nicht ungewöhnlich sind.
Vier Jahrzehnte Forschung hat Becker der Mücke gewidmet. Er bewundert sie so sehr, dass er seiner Tochter Daniela den Zweitnamen Aedes gegeben hat, zu Deutsch: Taugenichts.

Aedes-Mücken haben in diesem Jahr zum ersten Mal den deutschen Winter überstanden.

Sie waren vor uns auf dem Planeten, und sie werden auch nach uns da sein.

Manche Sportler verzichten wegen der Mücke auf die Olympischen Spiele.

Viren wie Dengue, Chikungunya oder Zika galten bislang als Problem der Dritten Welt.

Über die Autorin

Veronika Hackenbroch, Jahrgang 1969, besuchte in einem alten Londoner Kohlenkeller das Insektarium der London School of Hygiene and Tropical Medicine. Dort erforscht der Biologe James Logan den Geruchssinn der Mücken – und erklärte ihr, warum sie leider nicht zu jenen zehn Prozent der Bevölkerung gehört, die von Mücken verschont bleiben.

Über die Autoren

Marian Blasberg, Jahrgang 1975, arbeitet seit 2014 beim SPIEGEL. Blasbergs Interesse an der Mücke Aedes aegypti erwachte, nachdem er sich während einer Recherche in Venezuela das Dengue-Virus eingefangen hat. Als wenig später in Brasilien das von der Mücke übertragene Zika-Virus ausbrach, entstand die Idee, sich das kleine Biest genauer anzusehen.
Hauke Goos, Jahrgang 1966, hatte in Singapur Gelegenheit, eine Gruppe von "Control Officers" auf Mückenpatrouille zu begleiten. Sie verteilten Broschüren, belehrten Hausbewohner und kontrollierten Bad und Küche. Am meisten beeindruckte ihn, dass sie im Innenhof die Gullydeckel anhoben – und mit einer Teleskopkelle nach Mückeneiern schöpften.
Veronika Hackenbroch, Jahrgang 1969, besuchte in einem alten Londoner Kohlenkeller das Insektarium der London School of Hygiene and Tropical Medicine. Dort erforscht der Biologe James Logan den Geruchssinn der Mücken – und erklärte ihr, warum sie leider nicht zu jenen zehn Prozent der Bevölkerung gehört, die von Mücken verschont bleiben.

Über den Autor

Marian Blasberg, Jahrgang 1975, arbeitet seit 2014 beim SPIEGEL. Blasbergs Interesse an der Mücke Aedes aegypti erwachte, nachdem er sich während einer Recherche in Venezuela das Dengue-Virus eingefangen hat. Als wenig später in Brasilien das von der Mücke übertragene Zika-Virus ausbrach, entstand die Idee, sich das kleine Biest genauer anzusehen.

Über den Autor

Hauke Goos, Jahrgang 1966, hatte in Singapur Gelegenheit, eine Gruppe von "Control Officers" auf Mückenpatrouille zu begleiten. Sie verteilten Broschüren, belehrten Hausbewohner und kontrollierten Bad und Küche. Am meisten beeindruckte ihn, dass sie im Innenhof die Gullydeckel anhoben – und mit einer Teleskopkelle nach Mückeneiern schöpften.
Von Marian Blasberg, Hauke Goos und Veronika Hackenbroch

DER SPIEGEL 29/2016
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