16.07.2016

IdentitätKann das weg?

In Potsdam soll ein eher hässliches DDR-Hotel abgerissen werden, und die Bürger wehren sich. Warum? Von Jochen-Martin Gutsch
Vor ein paar Wochen war Kai Diekmann, Herausgeber der "Bild"-Zeitung, zu Gast im Hotel Mercure in Potsdam. Er fuhr hinauf in den 15. Stock und verbrachte dort oben eine Nacht mit weitem Blick über die Stadt. Diekmann sagte, er wolle einen "Perspektivwechsel in der Vertikalen hinkriegen".
Es wurde nicht ganz klar, was er damit meinte. Aber es klang, als versuchte Diekmann vor Ort zu erspüren, was es mit diesem Haus, erbaut als "sozialistische Stadtkrone", auf sich hat. Warum sich Menschen gegen den geplanten Abriss stemmen, als gälte es, einen Schatz zu verteidigen. Womöglich versuchte Diekmann das Haus mit ostdeutschem Blick zu sehen.
Das war sicher nicht einfach.
Das "Mercure Hotel Potsdam City" ist keine Schönheit. Ein klotziger Plattenbau, die Fassade gelblich, 210 Zimmer, 47 Jahre alt, 17 Stockwerke, 60 Meter hoch. Walter Ulbricht gab den Bau in Auftrag, Zsa Zsa Gabor soll mal hier gewohnt haben. Ansonsten lässt sich nicht viel Aufregendes berichten. Man könnte sagen: Der Streit um das Haus ist wesentlich aufregender als das Haus selbst. Und er verrät viel über die jüngste deutsch-deutsche Geschichte.
Seit 1990 wird in Potsdam gestritten. Damals beschloss die Stadtregierung die Wiederannäherung an das "historisch gewachsene Stadtbild". In der Potsdamer Innenstadt gibt es viel hübschen Barock und Schinkel und Knobelsdorff. An dieses architektonische Erbe wollte man anknüpfen. Einige DDR-Bauten, später auch das Mercure, standen den Plänen im Weg und sollten abgerissen werden. Preußische Tradition kämpfte gegen DDR-Moderne. West gegen Ost und umgekehrt. Prominente Neu-Potsdamer gegen Alteingesessene.
Zwischen diesen Frontlinien verlief sich auch der Milliardär und Neu-Potsdamer Hasso Plattner. Vor vier Jahren wollte er das Hotelgelände kaufen und dort eine Kunsthalle errichten. Auf eigene Kosten. Eine großzügige Geste an Potsdam und die Potsdamer. Es war, als würde der neue König sein Volk beschenken. Aber viele Potsdamer wollten keinen König, sondern lieber das alte Osthotel, und protestierten. Hasso Plattner zog sich verwundert und entnervt zurück, das Mercure lebte weiter und wurde endgültig zum Symbol in einem Kulturkampf, in dem die einen bis heute mit Sichtachsen und historischen Stadtgrundrissen argumentieren und die anderen mit der Auslöschung der Ostvergangenheit. Der Potsdamer Günther Jauch bezeichnet das Mercure als "sozialistische Notdurft-Architektur". Der Potsdamer Manfred Stolpe spürt "Verachtung gegenüber den DDR-Plattenbauten".
Irgendwann nahm der ewige Streit wieder an Fahrt auf. Die Stadtregierung verkündete den Plan, das Hotel vom Eigentümer, einem US-amerikanischen Investmentfonds, zu kaufen und anschließend abzureißen. Dagegen wehrt sich nun ein Bürgerbegehren. Rund 17 000 Potsdamer haben es innerhalb weniger Wochen unterschrieben, am vorvergangenen Mittwoch wurden die Unterschriftenlisten bei der Stadt übergeben, ein Bürgerentscheid wurde beantragt. Und es bleibt die Frage zurück: Warum kämpft man so vehement für einen alten DDR-Bau? Für ein Haus, das aus einiger Entfernung an einen Beton-Mittelfinger erinnert, der aus der frisch aufpolierten, historischen Potsdamer Innenstadt herausragt?
Ein Kollege vom SPIEGEL, aufgewachsen im Westen, hat dafür sofort eine Erklärung parat: "DDR-Bürger sein heißt, das Hässliche als Ausweis der eigenen Identität verteidigen zu müssen."
Daran musste ich denken, als ich vor ein paar Tagen in der Lobby des Mercure stand, auf eine der Unterschriftenlisten für das Bürgerbegehren schaute und mich fragte, ob ich dort auch unterschreiben würde. Ob ich mich, vorausgesetzt, ich wäre Potsdamer, für ein ästhetisch fragwürdiges Osthotel in die Bresche werfen würde.
Ja, vermutlich. Aber warum? Um meine Identität zu verteidigen?
Ein Wort, das in jeder DDR-Architektur-Debatte immer fällt, ist Nostalgie. Sobald sich Leute dagegen wehren, dass die letzten Spuren der DDR aus der Innenstadt von Berlin, Dresden, Leipzig oder eben Potsdam verschwinden, wird ihnen dieses Wort entgegengeschleudert, als Beweis für ihre Rückwärtsgewandtheit und Verklärung. Ich habe nie verstanden, was an Nostalgie falsch sein soll. Nostalgie dient der Selbstvergewisserung. Die DDR ist verschwunden, und es gibt Momente, da bin ich mir nicht mehr sicher, ob es sie überhaupt jemals gab. Also halte ich mich an Erinnerungen fest. Um zu begreifen, wo ich herkomme.
Vor einiger Zeit fuhr ich mit meiner Frau nach Brandenburg, meine Eltern haben dort eine Datsche. Auf dem Weg durchs Dorf zeigte ich auf einige alte Häuser und sagte: "Hier war früher mal die LPG. Und dort der Konsum. Da drüben das Kreiskulturhaus." Meine Frau schaute auf die unscheinbaren Gebäude und sagte: "Interessant. Aber warum erzählst du mir das?"
Gute Frage. Sie wurde in São Paulo geboren und wuchs in Hannover auf. Für sie waren das nur irgendwelche Häuser. Für mich Zeitzeugen aus Beton. Ist das also DDR-Identität? Wenn man mit so einer Museumsführer-Attitüde durch die Welt läuft?
Dabei hat die DDR-Identität nur wenig mit der DDR zu tun. Sie entstand erst viel später, in den Neunzigerjahren, mit den Verwerfungen und Enttäuschungen der Nachwendezeit.
Fast alles, was aus dem Osten kam, wurde damals schnell als entbehrlich eingestuft. Die Geschichte, die Kunst, die Betriebe, die Erfahrungen, die Architektur. Im Prinzip haben die Ostler nichts in die deutsche Einheit eingebracht. Außer Angela Merkel und Michael Ballack. Die Ostler sollten vor allem wegwerfen. Das war ihr Beitrag.
So wurden sie zu Müllmännern ihrer eigenen Geschichte. Und wollten sich die Ostler von einer Sache nicht gleich trennen, wie vom Palast der Republik in Berlin, wurden ihnen wie bockigen Kindern gern zwei Dinge erklärt: wie hässlich das Gebäude doch sei. Und wie politisch fragwürdig. Quasi: diktaturverseucht. Das machte die Ostler dann widerspenstig.
Die DDR-Mentalität besteht, wie jede Außenseitermentalität, vor allem aus Trotz. Wenn Günther Jauch in Potsdam von "Notdurft-Architektur" spricht, dann spüre ich quasi im gleichen Moment, wie das Mercure immer schöner wird. Wie ich es immer vehementer verteidigen möchte.
Weil ich damit auch mich selbst verteidige. Mein altes Leben in den Notdurft-Häusern von Notdurft-Land.
Manchmal bin ich so müde davon. Manchmal will ich kein Ostler mehr sein, sondern mich in die Geschichte verabschieden. Manchmal möchte ich sagen: Reißt das alte DDR-Zeugs doch ab! Dann sehne ich mich sehr nach der Zukunft.
Und nach Zukunftsarchitektur. Kein Barock, kein Ostbeton. Sondern etwas Neues, ein zeitgenössisches Stadtbild, das gesamtdeutsche Identität schaffen kann. Das ein Wirgefühl erzeugt. Ein neues Heimatgefühl. Aber in Potsdam, ehemalige Residenzstadt der Preußenmonarchie, wollen sie die historische Stadtgestalt wiedergewinnen. Und sich dem Vorkriegszustand annähern. Als ob es den Krieg und die DDR nie gegeben hätte. So wird sich der alte Graben kaum schließen.
Ist die DDR heute nicht auch längst historisch? In Berlin suchen Touristen verzweifelt nach Spuren der Berliner Mauer. Nach Geschichte. Wir haben fast alles abgerissen. Berlin ist die berühmte Mauerstadt, aber ohne Mauer.
Es wäre schade, wenn bald nur noch Bücher, Museen und Stadtrandsiedlungen von der DDR erzählten. Einfach weil man ohne die Geschichte dieses Landes Teile der deutschen Gegenwart nicht versteht. Warum in Potsdam Leute für ein altes Osthotel kämpfen. Warum in Dresden so viele Menschen bei Pegida mitlaufen. Warum die Ostdeutschen anscheinend gern AfD wählen. Warum ihnen Gleichheit zuweilen wichtiger ist als Freiheit.
Nicht alles lässt sich mit der Vergangenheit oder der Identität erklären. Aber für den Westen ist die DDR-Geschichte noch immer keine gesamtdeutsche Geschichte. Sie scheint ihm so fern und exotisch wie die Geschichte Ugandas. Und so schaut er seit über 25 Jahren kopfschüttelnd auf das unbekannte Land dort im Osten wie in ein dunkles Loch. Wo als Reaktion auf das ewige Kopfschütteln die ewigen Abwehrreflexe weiter gepflegt werden.
Und in Potsdam? Soll dort, wo heute das Hotel steht, bald eine Wiese entstehen.
Genauer gesagt: die "Wiese des Volkes". So heißt es in der Planung. Grünfläche statt DDR. Die "Wiese des Volkes" ist leider nicht ganz billig. Man muss das Hotel ja erst für einige Millionen Euro kaufen, um es anschließend für einige Millionen Euro abzureißen. Es wird also eine echte Luxus-Liegewiese, deren Name klingt, als hätte ihn Erich Honecker erfunden. Das ist die Zukunft.
Oder doch nicht?
Womöglich hat der Bürgerentscheid, sollte er zugelassen werden, Erfolg. Womöglich bekommt die Geschichte aber auch noch eine ganz andere, unerwartete Wendung.
Vor ein paar Wochen wurde das Mercure, Eigentum des US-amerikanischen Investmentfonds Starwood Capital Group, verkauft. Aber nicht an die Stadt Potsdam. Sondern an das französische Unternehmen FDM Management. Und die Franzosen, so scheint es, möchten das Mercure gern behalten. Es ist vielleicht hässlich, aber zentral gelegen und gut besucht. Topinvestment.
Und so kann es sein, dass am Ende ausgerechnet der internationale Finanzkapitalismus ein Stück Ostgeschichte rettet.
Schwer zu sagen, wie das meine DDR-Identität verkraften würde.

Es gibt Momente, da bin ich mir nicht mehr sicher, ob es die DDR jemals gab.

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Von Jochen-Martin Gutsch

DER SPIEGEL 29/2016
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