16.07.2016

UnternehmenKampf im Pudding-Paradies

Die Suche nach einem neuen Chef droht die Familie Oetker erneut zu spalten. Die junge Generation drängt an die Macht, stößt jedoch auf Widerstände.
Es war einer jener Tage, an denen August Oetker, 72, seine jüngeren Verwandten an den Rand der Verzweiflung brachte. Im Juni tagte der mächtige Beirat der Oetker-Gruppe, und die Teilnehmer trieb vor allem eine Frage um: Wer soll neuer Chef des Nahrungsmittel- und Reedereikonzerns werden?
Der Vorsitzende August Oetker aber setzte das wichtige Thema gar nicht erst auf die Tagesordnung. Auf die Frage eines Beiratsmitglieds, wann die Personalie denn diskutiert werden solle, antwortete Oetker rätselhaft: Er habe einen Plan, man möge sich gedulden.
An Interessenten für den attraktiven Job dürfte es nicht mangeln: Mit rund 400 Firmen, die unter anderem Ristorante-Pizza, Radeberger-Bier oder Henkell-Sekt herstellen, erwirtschaftet die Oetker-Gruppe einen Umsatz von gut zwölf Milliarden Euro. Sie ist eines der bekanntesten und verschwiegensten Familienunternehmen in Deutschland.
Allerdings laufen die Geschäfte derzeit mäßig, der Bielefelder Konzern wächst nur durch Zukäufe. Führung wäre also jetzt gefragt. Stattdessen droht sich die Familie erneut an einem Generationenkonflikt zu zerreiben.
Auf der einen Seite stehen dabei die fünf Vertreter der alten Generation, allen voran August Oetker, der den Konzern 29 Jahre lang führte, bevor er an die Spitze des Beirats wechselte. Sein jüngerer Bruder Richard Oetker, 65, hielt als Unternehmenschef zwar das Steuer in der Hand, aber August hat ihm wohl vorgegeben, in welche Richtung er lenken soll.
Wenn es nach August ginge, könnten diese Zeiten noch lange anhalten. Doch sein Bruder Richard muss laut Unternehmensstatut zum Jahresende in den Ruhestand gehen. Und nun drängt die nächste Generation an die Macht.
Die drei jüngeren Geschwister werden angeführt von Alfred Oetker. Der 49-Jährige bereitet sich seit Jahren akribisch auf eine führende Rolle im Familienkonzern vor: Er studierte Betriebswirtschaft in Passau und Oxford. Er lernte sechs Sprachen. Dann promovierte er auch noch, wurde zu einem echten Dr. Oetker. Das Thema seiner Doktorarbeit ausgerechnet: "Stakeholderkonflikte in Familienkonzernen".
Alfred Oetker bringt also anscheinend alles mit, was man für den anspruchsvollen Job an der Spitze des Konzerns benötigt, zumindest nach der Papierform.
Die älteren Geschwister haben jedoch bis heute Vorbehalte gegen den zielstrebigen Halbbruder, der kaum eine Gelegenheit auslässt, seine Weltläufigkeit zu betonen. "Sitzen Sie nicht dem Glauben auf, mit Englisch komme man so durch", sagte Alfred kürzlich. Mit solchen Äußerungen nährt er den Argwohn der Alten, die sich als bescheidene Ostwestfalen begreifen.
Schon einmal, 2009, konnte August den Aufstieg des ehrgeizigen Alfred verhindern. Zwar hatte der verstorbene Vater und Firmenpatriarch Rudolf-August Oetker der Familie schriftlich hinterlassen: Alfred solle künftig Chef werden, und August solle ihn einarbeiten. Für eine Übergangszeit, hieß es in dem Schreiben, könne auch ein Vertreter des älteren Familienstamms den Chefposten übernehmen.
Das war das Schlupfloch, das August nutzte. Mit Zustimmung des Beirats installierte er seinen Bruder Richard als Vertreter der älteren Generation. Der übernahm das Amt eher aus Pflichtbewusstsein denn aus Karrieretrieb. Bei einer brutalen Entführung im Jahr 1976 war Richard Oetker tagelang in eine Kiste gesperrt worden. Seither ist er gesundheitlich angeschlagen, er scheut die Öffentlichkeit.
Die junge Generation war brüskiert und begann gegen die Alten zu opponieren. Konsequent stimmten Alfred und seine Geschwister gegen Vorhaben, die der Zustimmung der Gesellschafter bedurften. Die implizite Drohung der Jungen: Sie würden so lange Widerstand leisten, bis August Oetker einen der ihren in die Geschäftsführung hole.
Bevor der Streit das ganze Unternehmen lähmte, ergriff der Beiratschef eine ungewöhnliche Maßnahme. Um die Jungen zur Räson zu bringen, rief August Oetker ein Schiedsgericht an. Seinen jüngeren Halbgeschwistern warf er vor, sie hätten ihre Treuepflichten verletzt.
Das Gericht tagte über Jahre hinweg unter strenger Geheimhaltung. Eine illustre Runde aus Familienmitgliedern und Topjuristen traf sich auf neutralem Boden, bevorzugt im Europäischen Hof in Heidelberg, einem Fünfsternehotel. Die Sitzungen, geführt von einem ehemaligen Präsidenten des Bundesgerichtshofs, dauerten bisweilen bis zwei Uhr morgens.
Dafür brachte es erstaunliche Ergebnisse zutage. Die Juristen regten an, den Jungen mehr Mitsprache zu ermöglichen. Alfred Oetker wurde in den Beirat berufen.
Außerdem befanden die Juristen, man könne die Junggesellschafter nicht zu einer Zustimmung zwingen. Demnach war es ihr gutes Recht als Gesellschafter, Entscheidungen zu blockieren, selbst wenn diese für die Firma von zentraler Bedeutung waren.
Die jüngeren Geschwister begriffen das als Freibrief, weiter gegen August Oetkers Lieblingsprojekte vorzugehen. Seine Verhandlungen mit dem Reedereikonzern Hapag-Lloyd über eine milliardenschwere Fusion mit der Oetker-Tochter Hamburg Süd scheiterte im Jahr 2013 nicht zuletzt am Veto der Jungen.
2015 schließlich schien ein Kompromiss im Dauerstreit gefunden: Alfred Oetker wurde zwar nicht Chef, dafür aber zum stellvertretenden Vorsitzenden im Beirat befördert. Die Älteren hofften wohl, Alfred werde nun auf weitere Karriereansprüche verzichten. Das Verhältnis der beiden Generationen besserte sich, die Familienmitglieder trafen sich auch ohne Begleitschutz durch Anwälte. Von einem Burgfrieden war die Rede.
Doch die jetzt anstehende Entscheidung über die Führung des Konzerns lässt die alten Konflikte wieder aufbrechen.
Die Jüngeren fühlen sich schlecht in die Nachfolgersuche eingebunden und befürchten, erneut von den Älteren übergangen zu werden.
August Oetker hat schon einen Favoriten für den Chefposten, einen, der nicht Alfred heißt und nicht aus der Familie kommt: Albert Christmann, 53, Finanzchef und seit 25 Jahren im Unternehmen. Er könnte der erste familienfremde Oetker-Chef werden.
Alfred Oetker und seine Geschwister hingegen pochen weiter darauf, dass ein Namensträger in die Geschäftsführung entsandt wird. Er beruft sich auf einen Passus im Gesellschaftsvertrag, der noch aus der Zeit des Patriarchen stammt und sinngemäß besagt: Im Führungskreis soll mindestens ein Familiengesellschafter vertreten sein. Eine Formulierung, die Spielraum für Interpretationen lässt.
August Oetker sieht darin eine unverbindliche Anregung, Alfred dagegen eine zwingende Vorgabe. Unstrittig ist nur: Sollte ein Familienmitglied befördert werden, käme nur einer der drei jungen Oetkers infrage. Denn ihre fünf Halbgeschwister sind zu alt.
Eine Berufung Alfred Oetkers könnte jedoch an seinem Beiratsposten scheitern, beide Funktionen darf er parallel nicht ausüben. Also schlagen die Jungen eine Alternative vor, die viele bislang nicht in Erwägung gezogen hatten: Alfreds Bruder Carl Ferdinand Oetker, 43. Er stehe für einen Posten in der Geschäftsführung parat, heißt es aus dem Familienumfeld.
Der studierte Ökonom und Banker ist den Beweis noch schuldig, dass er ein guter Unternehmer ist. Als Generalbevollmächtigter der hauseigenen Lampe-Bank betreute Carl Ferdinand Oetker vermögende Privatkunden. Der Schritt zum persönlich haftenden Gesellschafter misslang allerdings, Anfang 2015 gab er den Posten in der Privatbank auf. August und seine Geschwister halten auch ihn für ungeeignet.
Entschieden wird der Generationenkonflikt im Beirat des Familienkonzerns. Dort haben Familienfremde die Mehrheit, neutrale Beobachter wie etwa Lufthansa-Chef Carsten Spohr. Können sie sich auf der nächsten Sitzung im September nicht einigen, bliebe nur ein Ausweg: Die Familie müsste erneut ein Schiedsgericht einberufen. Bis das entscheidet, können Jahre vergehen.

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Von Simon Hage

DER SPIEGEL 29/2016
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