16.07.2016

ArbeitsmarktAlles wird gut – vielleicht

Deutschland kann laut einer Studie von der Digitalisierung profitieren, auch bei der Beschäftigung.
Der Kollege hat kein Herz, er besitzt keine Seele. Alles an ihm ist berechnend, gefühllos.
Doch das ist nicht der Grund, warum er gefürchtet wird. Es sind seine anscheinend omnipotenten Fähigkeiten, die Lernfähigkeit, sein unerschöpfliches Wissen und die rasende Geschwindigkeit, mit der er es anwenden kann. Seine Rastlosigkeit, die keinen Hunger kennt und keine Müdigkeit. Deshalb ist es die bange Frage der Zeit: Wird der Kollege den Menschen ersetzen?
Darüber, wie viele Jobs der zunehmende Einsatz von Robotern kostet, wird seit Jahren kontrovers diskutiert. Und bei der Frage, ob die Digitalisierung der Arbeitswelt mehr Arbeitsplätze vernichten wird, als sie neue schafft, gibt es viele Antworten: Die düstersten Vorhersagen reichen bis hin zu einem wahren Kahlschlag auf den Arbeitsmärkten.
Jetzt hat eine Studie im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums die möglichen Auswirkungen der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt bis 2030 untersucht: Entgegen den vielfach geäußerten Erwartungen, die Digitalisierung gefährde Arbeitsplätze in großem Umfang, so das Ergebnis der Wissenschaftler, könne es "durch eine beschleunigte Digitalisierung gelingen, wirtschaftliches Wachstum und Beschäftigung zu erzeugen".
Wenn das Land beim technologischen Wandel das Tempo beschleunige, dann sei bis 2030 gar ein Beschäftigungsgewinn von rund 250 000 Arbeitsplätzen möglich, ein um vier Prozent höheres reales Bruttoinlandsprodukt und eine um 20 Prozent geringere Erwerbslosigkeit als ohne eine beschleunigte Digitalisierung.
Die Botschaft "Alles wird gut" ist allerdings mit einem "Vielleicht" versehen. "Eine solche Entwicklung ist sicherlich kein Selbstläufer, sondern hat eine Vielzahl von Weichenstellungen zur Voraussetzung", heißt es in dem Bericht. Denn auch diese Studie macht klar, dass das Land vor einem gewaltigen Strukturwandel steht: Die Digitalisierung wird Gewinner und Verlierer produzieren, selbst wenn am Ende unter der Bilanz ein Plus stehen sollte.
Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) beauftragte vor fünf Jahren ein internationales Konsortium von Wissenschaftlern unter der Leitung des Münchner Instituts Economix Research & Consulting mit der Erstellung von Prognosen für den Arbeitsmarkt bis zum Jahr 2030. In Studien und Berichten soll frühzeitig auf mögliche Veränderungen hingewiesen werden.
Die vorgelegte Studie unterscheidet zwischen 44 Wirtschaftszweigen, 147 Berufen und 29 fachlichen Berufsausbildungen. Vor allem aber berechnet sie nicht nur die negativen Gefährdungspotenziale, sondern versucht, die positiven Nachfrageeffekte, Kosten- und Preissenkungen durch die digitale Technik zu berücksichtigen.
Die Digitalisierung führt zu einem grundlegenden Strukturwandel der Arbeitswelt. Zu den Gewinnern bei einer beschleunigten Digitalisierung würden, so der Economix-Bericht, 13 Branchen gehören, in denen der Beschäftigungsgewinn bis 2030 bei einer Million Erwerbstätigen liegen könne. Zu ihnen werden die klassischen Industriebranchen wie die Elektronikindustrie oder der Fahrzeugbau zählen. Weil die digitale Welt nach Software verlangt, werden auch IT-Firmen und Unternehmensdienstleister profitieren, ebenso wie Forschung und Entwicklung.
Auf der Verliererseite werden 27 Wirtschaftszweige stehen, bei denen 750 000 Erwerbstätige ihren Job verlieren werden. Zu ihnen gehört der Einzelhandel, der durch das Internet schon heute unter Druck ist. Ebenso das Druck- und Papiergewerbe, die Textilindustrie oder die Finanzdienstleistungen. Allein in der öffentlichen Verwaltung rechnet der Bericht bis 2030 mit 427 000 weniger Erwerbstätigen. Wo Verwaltung – ob beim Staat oder den Unternehmen – im Spiel ist, wird die Digitalisierung zuschlagen: "Hier eröffnen die automatisierte Sachbearbeitung, elektronische Dokumentenerkennung und die Verfahren der künstlichen Intelligenz weitreichende Möglichkeiten, Büroarbeit zu automatisieren."
Mit dem Strukturwandel verändern sich auch die Anforderungen an die Qualifikation der Menschen. "In erster Linie werden mehr Experten mit Master- oder höherem Hochschulabschluss sowie eine größere Zahl von Spezialisten mit Bachelor- oder ähnlichem Abschluss benötigt", so der Bericht. Die Nachfrage nach Fachkräften, die eine duale Ausbildung durchlaufen oder Fachschulen absolviert haben, werde sinken, ebenso wie die nach Helfern. Allerdings würden Arbeitskräfte ohne Berufsausbildung nicht massiv entlassen, denn es bleibe ein, wenn auch schrumpfender, Bedarf an einfacher menschlicher Arbeit.
Damit die Digitalisierung sich durchsetzt, müsse in die digitale Infrastruktur investiert werden – und in das Humankapital. Vor allem braucht die Wirtschaft trotz schrumpfender und alternder Gesellschaft weiter Fachkräfte. Die Gesellschaft könne weder auf weitere qualifizierte Zuwanderer verzichten noch auf das Potenzial der Menschen, die bis heute schlecht ausgebildet sind. Um den Bedarf in Zukunft stillen zu können und den Menschen in einer sich stetig wandelnden digitalen Arbeitswelt eine Zukunft zu bieten, bedürfe es einer Qualifizierungs- und Weiterbildungsoffensive.
Die Arbeitsministerin fordert daher ein gesetzliches Recht der Arbeitnehmer auf Weiterbildung. Künftig soll sich die Bundesagentur für Arbeit auch um die Qualifizierung der Arbeitnehmer kümmern. "Es geht nicht mehr darum, nur Menschen ein Angebot zu machen, die bereits arbeitslos sind oder akut davon bedroht sind", sagt Nahles. Die Arbeitnehmer müssten das Recht haben, die Bundesagentur fragen zu können, was für eine Weiterbildung sie machen könnten, damit sie auch in ein paar Jahren noch eine Perspektive haben.
Doch noch gebe es keinen gesellschaftlichen Konsens für einen schnelleren technologischen Wandel, so die Experten, allerdings werde die Dynamik der Digitalisierung ein "zögerliches" Deutschland auf Trab bringen. Denn bliebe es beim bisherigen Tempo, gingen mehr alte Jobs verloren, als neue gewonnen würden – im Maschinenbau würde dann etwa aus einem möglichen Plus von 150 000 Erwerbstätigen ein Minus von mehr als 280 000.
Von Markus Dettmer

DER SPIEGEL 29/2016
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