16.07.2016

Interview„Die Integration ist kein Sprint“

Ministerin Andrea Nahles, 46 (SPD), über den Arbeitsmarkt für Flüchtlinge
SPIEGEL: Frau Nahles, vor einem knappen Jahr haben Sie die Flüchtlinge als Segen für den Arbeitsmarkt bezeichnet. Müssen Sie das heute revidieren?
Nahles: Keineswegs. Angesichts des Fachkräftemangels können wir uns glücklich schätzen, dass wir diese nicht geplante Zuwanderung haben. Vorausgesetzt, die Integration in den Arbeitsmarkt gelingt.
SPIEGEL: Daran gibt es Zweifel. Eine Studie, die Ihr Ministerium in Auftrag gegeben hat, sagt, dass die Arbeitslosenquote zunächst um 0,8 Prozentpunkte steigen wird.
Nahles: Der Arbeitsmarkt steht weiter sehr gut da. Doch es kann passieren, dass die Beschäftigung auf Rekordniveau bleibt und die Arbeitslosenzahl trotzdem ansteigt. Nach Abschluss ihrer Asylverfahren werden sich die Migranten aus dem vergangenen Jahr demnächst arbeitssuchend melden, weil sie wegen notwendiger Nachqualifizierung und mangelnder Sprachkenntnisse zunächst keine Stelle finden. Die Integration ist kein Sprint, sondern ein Langstreckenlauf. Aber die Studie zeigt auch, dass in gelungener Integration eine große Chance für unser Land steckt.
SPIEGEL: Allerdings weicht die anfängliche Willkommenskultur zunehmend der Sorge: Wir schaffen das nicht.
Nahles: Für Verzagtheit gibt es keinen Grund. Niemand muss in Deutschland Angst haben, wegen der Flüchtlinge seine Arbeit zu verlieren. Im Gegenteil: Die Beschäftigung steigt, genauso wie die Zahl der offenen Stellen – auch wegen der Flüchtlinge. Das bedeutet: Wer als Einheimischer einen Job sucht, hat in diesen Tagen beste Chancen, eine Stelle zu finden. Selbst die Zahl der Langzeitarbeitslosen sinkt.
SPIEGEL: Die Integration der Migranten kostet viel Geld. Daher fürchten viele, dass sich der Eindruck festsetzt, für die Flüchtlinge tut die Politik alles und für die Einheimischen nichts.
Nahles: Es gibt dieses Gefühl. Aber wir sollten es nicht noch befeuern. Daher lassen wir in unseren Anstrengungen für die Einheimischen nicht nach. Wir verdoppeln zum Beispiel die verfügbaren Mittel für das Programm "Soziale Teilhabe", um Langzeitarbeitslosen bessere Chancen am Arbeitsmarkt zu geben. Wir haben die Jobcenter gut aufgestellt, das Integrationsgesetz beschlossen und planen, die Zahl der berufsbezogenen Sprachkurse bis zum nächsten Jahr zu verzehnfachen. Was fehlt, ist mehr Mut und Bereitschaft – etwa in Teilen der Wirtschaft.
SPIEGEL: Wen haben Sie da im Blick?
Nahles: Jedenfalls nicht das Handwerk. Deren Vertreter haben zugesagt, in den nächsten Jahren mindestens 10 000 Flüchtlingen eine Stelle anzubieten. Die 30 größten Aktiengesellschaften dagegen haben bislang 54 Flüchtlinge eingestellt. Ich erwarte, dass sich die Wirtschaft hier einen Ruck gibt. Wenn die Integration gelingen soll, müssen alle Verantwortung übernehmen. Das kann nicht nur die Politik leisten.
SPIEGEL: Die Unternehmen beklagen, dass die Flüchtlinge längst nicht so gut qualifiziert sind wie anfangs gedacht. Wurden vielleicht Illusionen genährt?
Nahles: Nein, ich habe immer gesagt, das sind eher die Fachkräfte von übermorgen, da liegt noch Arbeit vor uns. Aber wir dürfen die Qualifikation der Flüchtlinge nicht unterschätzen. Sicher, 75 Prozent haben keinen formalen beruflichen Abschluss nach deutschen Standards. Doch den haben viele Europäer auch nicht. Aber ein Großteil ist zur Schule gegangen, es gibt nur wenige Analphabeten, und viele haben vor ihrer Flucht gearbeitet. Da müssen wir ansetzen. Die Frage lautet: Was haben die Menschen in ihrer Heimat gemacht, auf welchen beruflichen Erfahrungen können wir aufbauen?
SPIEGEL: Die bisherigen Erfahrungen sind nicht besonders ermutigend.
Nahles: Ich bin nicht so pessimistisch. Die Flüchtlinge kommen aus einer Arbeitswelt, die mit unserer wenig gemein hat. Sie werden Zeit brauchen, um sich umzustellen. Aber die Hälfte von ihnen ist jünger als 30 Jahre, lernwillig und hoch motiviert. Und so paradox es klingt: Wir müssen darauf achten, dass die Flüchtlinge nicht zu schnell irgendeinen Job annehmen.
SPIEGEL: Wie meinen Sie das?
Nahles: Wir haben derzeit 150 000 offene Stellen für ungelernte Kräfte. Viele Flüchtlinge würden nur zu gern einen solchen Job annehmen, weil sie dringend Geld brauchen. Wir sollten aber alles tun, um sie für eine Aus- oder Weiterbildung zu begeistern. Denn auf dem Arbeitsmarkt mangelt es weniger an Hilfs- als an Fachkräften.
SPIEGEL: Mithilfe der Flüchtlinge werden Sie Deutschlands Fachkräftelücke nicht ganz schließen können.
Nahles: Sie leisten einen Beitrag, aber wir brauchen dauerhaft qualifizierte Zuwanderung und darum ein Einwanderungsgesetz, wie es die SPD-Fraktion plant. Wir müssen den Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtern. Es gibt solche Regelungen für Akademiker. Wir müssen dafür sorgen, dass auch qualifizierte Facharbeiter einfacher als bisher kommen können. Das liegt nicht nur im Interesse der Wirtschaft, sondern aller Menschen, die hier leben.
Interview: Markus Dettmer, Michael Sauga
Von Markus Dettmer und Michael Sauga

DER SPIEGEL 29/2016
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