16.07.2016

USAIn Trumps innerem Kreis

In Cleveland soll Donald Trump kommende Woche zum Präsidentschaftskandidaten gekrönt werden, aber um Clinton zu schlagen, muss er neue Wählerschichten erreichen. Einblicke in den internen Machtkampf um die richtige Strategie.
Ein Helikopter? Soll er mit einem Helikopter auf dem Nominierungsparteitag der Republikaner einschweben, als wäre er bereits Präsident?
"Ziemlich cool" die Idee, findet Trump, aber dafür müsste er ein Football-Stadion mieten, zu groß, zu teuer. Feuerwerk? Schwierig, der Parteitag findet in einer Halle in Cleveland statt, das limitiert die Pyrotechniker.
Ob er alle drei Nächte sprechen wird, wie ihn die Partei gefragt hat? Abgelehnt. "Ich möchte nicht, dass die Leute denken, ich betreibe Effekthascherei", sagt Trump. "Die Botschaft ist das, was zählt." Es ist ein veränderter Kandidat, der in diesen Tagen zu besichtigen ist. Nach den Polizistenmorden von Dallas erinnerte Trump auch an die zwei Schwarzen, die zuvor von Beamten erschossen worden waren, einen Wahlkampfauftritt sagte er mit Rücksicht auf die Toten ab.
In Cleveland lässt er in der kommenden Woche 62 Unterstützer sprechen, bevor er selbst auf die Bühne steigt. In diesem irren Wahlkampf, der keine Mäßigung, sondern nur Eskalation zu kennen schien, sind dies neue Töne von einem Kandidaten, der bislang als unberatbar galt.
Wie kein anderer Politiker hat Trump das Land gespalten, in die, die in ihm den Untergang der politischen Kultur sehen, und in jene, deren Wut gegen die politische Klasse er eine Stimme gab. Mutiert er nun plötzlich zum Versöhner, und was steht hinter seinem veränderten Auftreten?
Im Hauptwahlkampf, der jetzt beginnt, ist seine größte Stärke zugleich sein größtes Problem: die ungezügelte Mobilisierung roher Emotionen, die seine überwiegend weißen Anhänger begeistert, aber die Mehrheit der Amerikaner verschreckt.
Trumps bisherige Strategie war brillant, um seine innerparteilichen Rivalen auszuschalten. Aber taugt sie auch für den Wahlkampf um das Weiße Haus? Kann er in den kommenden Monaten weiter rumpoltern wie bisher, zu allen Seiten unkontrolliert austeilen? Oder haben sich jene Berater durchgesetzt, die zu einem ausgewogeneren Wahlkampf raten? Für Amerika, dieses zerrissene, von Hass geprägte Land, wäre dies ein Zeichen der Hoffnung.
Seit Monaten tobt in Trumps Lager ein Machtkampf um die Gunst des Chefs und um die richtige Strategie. "Es ist schwer, in der Wahlkampfzentrale mit Ratschlägen gehört zu werden", sagt sein ehemaliger Mitarbeiter Michael Caputo.
Caputo, 56, sitzt im ersten Stock eines Klinkerbaus in dem Städtchen East Aurora, eine Autostunde von den Niagarafällen entfernt, ein untersetzter Mann mit Brille, Poloshirt und Golfschuhen. Am Mittelfinger trägt er einen Totenkopfring aus Silber. Caputo hat für den Kreml gearbeitet und für das Weiße Haus, in Lateinamerika antikommunistische Rebellen unterstützt und in Miami von einem Fischerboot aus PR betrieben. Er sieht so aus, als würde er prima zu Trump passen.
Bis zu seiner Kündigung Ende Juni war Caputo in Trumps Hauptquartier für die Vorbereitung des Parteitags in Cleveland zuständig. Die Büros der Kampagne sind im fünften Stock des Trump-Towers an der Fifth Avenue in New York untergebracht, die Wände sind unverputzt, der Boden ist roh. "Es waren die schlimmsten Arbeitsbedingungen, an die ich mich erinnern kann", sagt Caputo, seine Bezahlung habe unterhalb des marktüblichen Gehalts gelegen.
Caputo hat wie kaum ein anderer verfolgt, wie Trump seinen Wutwahlkampf von langer Hand vorbereitete. Schon 2013 gab es ein Treffen, bei dem Parteifunktionäre der Republikaner den Milliardär überzeugen wollten, bei der Wahl zum Gouverneur von New York anzutreten. Caputo hatte es vermittelt.
Trump habe sich den Vorschlag angehört und dann entgegnet: "Vielen Dank, aber ich werde die große Sache machen." The big thing. Die Kandidatur für das Amt des Präsidenten. "Wie wollen Sie das schaffen?", fragte Caputo ihn neugierig.
Trump antwortete, er werde keine teuren Meinungsumfragen und TV-Werbeplätze kaufen, sondern die Agenda mit immer neuen Ankündigungen bestimmen, so erinnert sich Caputo. Stattdessen wolle er mit lauten und spektakulären Vorschlägen überraschen. "Ich werde die gesamte Luft aus dem Raum saugen", habe Trump gesagt, kalt lächelnd.
Damals lachte Caputo. Heute sitzt er in seinem Büro in East Aurora und sieht nachdenklich aus. "Es ist genau das eingetreten, was Donald Trump 2013 vorhergesagt hat."
Bei einem gemeinsamen Abendessen im März 2013 im Jean-Georges nahe dem Central Park verfeinerten sie die Strategie. Caputo hatte Carl Paladino mitgebracht, den Republikaner, der 2010 überraschend die parteiinternen Vorwahlen für die Gouverneurswahl in New York gewonnen hatte. Paladino führte einen aggressiven Wutwahlkampf und riss damit die Wähler an der republikanischen Basis mit.
Trump fragte ihn nach den Reaktionen der Wähler. Er suchte nach einem Weg, um die Frustration der weißen Mittel- und Arbeiterklasse für sich zu nutzen. Er wollte das korrupte Washington und die entkoppelten Eliten angreifen, laut und politisch unkorrekt auftreten. Der größte Trumpf der Kampagne werde er selbst sein, so lautete der Plan schon damals.
"Er hat die Vorwahlen in diesem Frühjahr nicht wegen seiner guten Organisation gewonnen, sondern mit der schieren Willenskraft seiner Persönlichkeit", sagt Caputo. Doch Trumps Erfolg überdeckt die Schwächen dieser Strategie.
In vielen der Bundesstaaten, in denen nicht in Wahllokalen abgestimmt wurde, sondern bei Versammlungen, den sogenannten Caucuses, hatte Trump gegen Ted Cruz verloren. Bei diesen Versammlungen kommt es darauf an, wer die meisten Helfer im Einsatz hat. Cruz verfügte über ein fein geknüpftes Netz von lokalen Unterstützern. Trump verfügte nur über Trump.
Seine Kampagne ist wie ein Start-up organisiert, das von einer Handvoll Insider geführt wird. Im Vergleich zu Hillary Clintons professionellem Kampagnenstab wirkt Trumps Lager wie ein Haufen Spontis, die beschlossen haben, Politik zu spielen. "Ich habe an 70 Wahlkampagnen rund um die Welt mitgearbeitet, aber keine war so schlecht organisiert wie die von Donald Trump", sagt Caputo.
Die Tage im Trump-Tower beginnen lange vor Sonnenaufgang und enden spät nachts, sie fangen mit einer Presseauswertung an, die der Kandidat um fünf Uhr früh erhält, dazu liest er fünf Zeitungen. Um sechs Uhr schaut Trump im Fernsehen "Morning Joe", seine Lieblingssendung. Danach lädt er in den 26. Stock des Hochhauses in den großen Konferenzraum, wo sich der "inner circle", der innerste Kreis seiner Berater, versammelt. Es ist der Ort, an dem in den vergangenen Wochen die unterschiedlichen Strategien für den Kandidaten aufeinanderprallten.
An der Runde nehmen seine Söhne Erik und Donald Junior teil sowie seine Tochter Ivanka und ihr Ehemann Jared Kushner, der wie Trump ein Immobilienimperium besitzt und dem die Wochenzeitung "New York Observer" gehört. Der 35-jährige Kushner hat viele von Trumps Reden geschrieben, darunter das Manuskript für einen wichtigen Auftritt Trumps vor einer jüdischen Lobbygruppe, sein Einfluss ist immens.
"Jared ist ausnahmslos an allen Vorgängen beteiligt", sagt Caputo. "Er ist nie ein Teil des Problems, sondern immer ein Teil der Lösung." Als Berater kamen lange Zeit Trumps Wahlkampfmanager Corey Lewandowski sowie Trumps Chefstratege Paul Manafort hinzu. Bis Lewandowski im Juni das Wahlkampfteam verlassen musste.
Manafort, 67, ist ein Veteran der Republikanischen Partei, er hat schon für die späteren Präsidenten Gerald Ford, Ronald Reagan und George H. W. Bush gearbeitet. Bei seinem Arbeitsbeginn im März forderte er, die Struktur von Trumps Wahlkampf müsse nun "konventioneller werden". Er will Trumps Energie kontrollieren, ohne den Kandidaten zu entladen.
Für Wahlkampfmanager Corey Lewandowski, der Trumps Aufstieg von Anfang an begleitet hat, stellte die Ernennung Manaforts eine Bedrohung dar. Von nun an standen zwei Konzepte gegeneinander, das von Manafort und jenes von Lewandowski, das vorsah, "Trump Trump sein zu lassen", der Kandidat sollte weiterhin reden wie bisher.
Zwischen den beiden entwickelte sich ein verbissener Machtkampf. Wenn Manafort einen Auftrag vergab, weigerte sich Lewandowski, die Rechnung zu bezahlen. Wenn Trump in seiner Boeing 757 zu Auftritten flog, schirmte Lewandowski Trump ab und kontrollierte, welche Anrufer weitergereicht werden durften.
Manafort residierte im Hochhaus an der Fifth Avenue, wo ihm Trump ein Apartment überlassen hat. Er stieg zu Trumps wichtigstem Mann auf. "Wenn Manafort eine Anweisung herausgegeben hätte, die Toilettenspülung zweimal zu betätigen, hätte Lewandowski verfügt, dass man maximal einmal spülen dürfe", sagt Caputo. "Lewandowski hatte zum Dschihad gegen Manafort und dessen Mitarbeiter geblasen." In der Wahlkampfzentrale habe "ein unglaubliches Maß an Paranoia geherrscht".
Die internen Streitigkeiten verhinderten über Monate den Aufbau einer schlagkräftigen Wahlkampforganisation. Bis heute ist Trump in vielen Regionen nur mit wenigen Freiwilligen vertreten, noch immer verfügt er nicht über eine flächendeckende Infrastruktur in allen 50 Bundesstaaten.
Wie sehr ihm die dilettantische Organisation schadet, zeigte sich Ende Mai, als Trump einen Richter mit mexikanischen Vorfahren beschimpfte, der über eine Klage gegen die Trump-Universität zu befinden hat. Lewandowski hatte an eine Reihe von Trump-Unterstützern ein Memo verschicken lassen, man möge die Sache mit dem Richter nicht öffentlich kommentieren, um sie nicht weiter anzuheizen.
Doch in einer internen Telefonkonferenz widersprach Trump: Es sei richtig, den Richter anzugreifen, je lauter, desto besser. Der Vorfall trug mit dazu bei, dass sich Trump Ende Juni von Lewandowski trennte. Caputo, der zu Lewandowskis Gegnern zählt, twitterte ihm ein Zitat aus dem Film "Der Zauberer von Oz" hinterher: "Dingdong, die Hexe ist tot!" Als er sah, welche Aufregung der Tweet auslöste, reichte er seine Kündigung ein, um Trump nicht zu beschädigen.
Lewandowskis Rausschmiss markiert einen Einschnitt. Mittlerweile, so scheint es, haben Trumps Leute verstanden, dass mit dem Parteitag in Cleveland eine neue Phase des Wahlkampfs beginnt. Tritt Trump weiterhin so spaltend auf wie bisher, vergrault er viele Frauen, Hispanics, Schwarze und Homosexuelle.
Tritt er zu versöhnlich auf, läuft er Gefahr, nicht genügend Nichtwähler zu erreichen, die sich bisher vom politischen Betrieb abgewandt haben. Die Formel für einen Sieg ist klar: Trump muss entweder viele weiße Nichtwähler mobilisieren – oder aber in Wählerschichten vordringen, die jenseits seiner Kernklientel liegen.
In den meisten nationalen Umfragen lag Trump in den vergangenen Wochen durchschnittlich vier bis fünf Prozentpunkte hinter Clinton, er konnte den Rückstand in den vergangenen Tagen verringern.
Doch die Wahlen werden in den einzelnen Bundesstaaten entschieden, und gerade in jenen mit einer großen Zahl weißer Arbeiter, die traditionell demokratisch wählten, erhofft sich Trump einen Sieg. In dieser Woche zeigten Umfragen aus "Swing States" wie Ohio, North Carolina und Florida, dass Trump dort erstaunlich gut dasteht. Die Vernehmung Hillary Clintons durch das FBI wegen ihrer E-Mail-Affäre und die Rassenauseinandersetzungen helfen Trump mehr, als seine drastischen Äußerungen ihm schaden.
Die Berater um Paul Manafort und Jared Kushner glauben, dass es möglich sei, zugleich die treuen Anhänger zu bedienen und neue Wählergruppen anzusprechen – zumindest einige. In der Wahlkampfzentrale kursieren Umfragen, nach denen Trump selbst unter Hispanics, die traditionell eher wertkonservativ und religiös sind, eine Chance hat. Aber dafür müsste der Kandidat aufhören, Mexikaner zu beschimpfen. Schwarze hingegen gelten als Hillary-Anhänger und sind für ihn wohl unerreichbar.
Kurskorrekturen sind schon jetzt zu beobachten: Bei seinen jüngsten Auftritten konzentrierte Trump sich darauf, Clinton anzugreifen, ohne gegen andere gesellschaftliche Gruppen auszuteilen. Nach den Morden von Orlando umwarb er die Schwulen- und Lesbenszene. Und bei seinen Reden setzt er seit Kurzem auch Teleprompter ein, um die eigenen Worte besser zu kontrollieren. Er scheint auf seine Berater, auf Manafort und Kushner, zu hören, aber ganz sicher kann man sich bei ihm nie sein.
"Ich habe ihn als extrem anpassungsfähig kennengelernt", sagt sein außenpolitischer Berater Michael Flynn, der früher Chef des Militärgeheimdienstes DIA war. Aber Flynn glaubt auch, dass Trump "seinen Stil, die Attacken gegen politische Gegner beibehalten" werde (siehe Interview Seite 85).
Michael Caputo vergleicht Trump mit einem Auto, dessen Unterboden durch die vielen Eklats "schwer beschädigt", das aber noch immer fahrtüchtig sei. "Noch ist es nicht zu spät, die Strategie zu ändern, aber viele Versuche hat Trump nicht mehr."

Mail: holger.stark@spiegel.de, Twitter: @holger_stark

Kontakt

Von Holger Stark

DER SPIEGEL 29/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 29/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

USA:
In Trumps innerem Kreis

  • "Schmerzgriff"-Vorwürfe: Hamburger Polizei verteidigt Einsatz bei Klimaprotesten
  • Klima-Demo in Berlin: "Ab jetzt gilt es!"
  • Parteitag in Brighton: Labour streitet über Corbyns Brexit-Kurs
  • Tropensturm in Houston: Passanten retten Lkw-Fahrer das Leben