16.07.2016

JustizDie Angst vor dem schwarzen Mann

Dem Land fehlt die Kraft, sein Trauma zu überwinden. Das zeigt das Scheitern der Prozesse gegen die Polizisten, die Freddie Gray getötet haben. Von Philipp Oehmke
Wer schockiert von den jüngsten Tötungen junger schwarzer Männer durch weiße Polizisten nach Erklärungen sucht, sollte nach Baltimore fahren. Hier, in einem Gerichtssaal, wird seit Monaten das kaputte Verhältnis zwischen einer frustrierten Ordnungsmacht und der schwarzen Bevölkerung seziert.
Die Prozesse sind eine Ausnahme. Kaum einer der Polizisten, die in den vergangenen Jahren Schwarze erschossen haben, in Ferguson, in North Charleston, in New York, sind vor Gericht gestellt worden, keiner ist verurteilt, keiner ins Gefängnis gekommen. Dieses Versagen ist gefährlich für die psychische Unversehrtheit der Nation. Das Strafrecht ist in westlichen Demokratien das Instrument, kollektivtraumatische Erlebnisse zu bewältigen. Ein Prozess vor einem Gericht soll nicht nur die Täter bestrafen, sondern Erklärungen liefern, das Vertrauen in die Rechtsordnung wiederherstellen, mittelbar den Opfern Trost spenden und schließlich so etwas wie Gerechtigkeit schaffen.
Im Circuit Court von Baltimore stehen seit nunmehr einem halben Jahr sechs Polizisten vor Gericht. Sie sind angeklagt, den Tod des Drogendealers Freddie Gray verschuldet, mitverschuldet oder sogar in mörderischer Absicht herbeigeführt zu haben. Gray wurde im April vergangenen Jahres in Baltimore auf dem Weg auf die Wache im Polizeitransporter so massiv an der Wirbelsäule verletzt, dass er eine Woche später starb.
Tag für Tag geben die Polizisten, sowohl im Zeugenstand wie auch auf der Anklagebank, widerwillig Auskunft über ihre Polizeiarbeit in einer Stadt, in der östlich und westlich eines gläsern restaurierten Downtown ganze Straßenzüge mit zugenagelten Reihenhäusern stehen, in denen sich, nachdem die Bewohner die Häuser verlassen mussten, die Heroin- und Cracksüchtigen ihre Lager aufgebaut haben.
Im Gerichtssaal lernen wir den kühlen, technischen Blick der Polizisten auf dieses Elend kennen, aber auch auf die Menschen, die in ihm leben müssen. Wir hören der von der Wirklichkeit weggerückten Polizeisprache zu, in der es für alles Unangenehme kein Wort, sondern einen Zahlencode gibt. Wir spüren die Angst, die besonders die jungen Polizisten mit ihren weichen Gesichtern und etwas schwabbeligen Körpern ergreifen muss in diesen Gegenden in West Baltimore, in die doch sonst kein Weißer gehen würde.
Wegen dieser Furcht, so die Argumentation ihrer Anwälte, hätten die Polizisten Gray im Transporter nicht angeschnallt. Sie hätten Angst gehabt, diesem "wütenden schwarzen Mann" zu nahe zu kommen, sie fürchteten, er wäre trotz Hand- und Fußfesseln imstande, sie zu überwältigen oder die Waffe zu entwenden.
Es geht in den Verfahren um die Praxis von Festnahmen und den Transport der Verhafteten, zum Beispiel auch durch "rough rides", bei denen der Polizeitransporter absichtlich wild gesteuert und abrupt abgebremst wird, damit der gefesselte Gefangene hinten in seiner Zelle hin- und herfliegt wie ein loses Paketbündel.
Auch von "community policing" ist in den Verhandlungen immer wieder die Rede. Das ist der polizeitaktische Ansatz, über den seit den Schüssen von Dallas wie von einer Zauberformel gesprochen wird, demzufolge Polizisten in Problemvierteln nicht mehr wie eine hochgerüstete Besatzungsmacht, sondern als Teil der Gemeinschaft agieren sollten.
Was das für ihn bedeute, wurde ein Polizist in Baltimore gefragt. Für ihn heiße das, antwortete der, dass er neuerdings auf dem Fahrrad und in Radlerkleidung in die gefährlichen Gegenden fahren solle und nicht mehr wie früher im Panzerwagen.
Der Mehrheit der Bevölkerung in West Baltimore scheint es trotzdem immer noch sicherer, sofort wegzulaufen, wenn Polizisten sich nähern, ob auf dem Fahrrad oder im Panzer. Für einen Bewohner in Sandtown, wo auch Gray lebte, liegt die Wahrscheinlichkeit, im Gefängnis zu landen, 13-mal höher als im Bundesdurchschnitt.
Tatsächlich war es an diesem Morgen im April 2015 bereits Freddie Grays 18. Verhaftung in seinem gerade mal 25-jährigen Leben. Meistens war er schnell wieder freigekommen, auf Kaution, auf Bewährung oder weil sein Prozess aus Überlastungsgründen immer weiter verschleppt wurde. Nur einmal verbüßte er tatsächlich eine Haftstrafe von anderthalb Jahren.
Das große und einmalige Verdienst der Verfahren von Baltimore ist es, die Arbeit der Polizei und die Lebensbedingungen der ärmsten Bevölkerung kühl zu dokumentieren. Der Blick in den Gerichtssaal zeigt, wie kompliziert es sich mit der Rassismusfrage verhält: Drei der sechs angeklagten Polizisten sind schwarz. Der Richter, der bereits zwei Polizisten freigesprochen hat, einen weißen und einen schwarzen, ist selbst schwarz. Die Chefanklägerin, die den schwarzen Demonstranten bei ihrer Anklageverkündung zugerufen hat: "This is your moment", ist ebenfalls schwarz. Ihre beiden Staatsanwälte wiederum, die sich um Gerechtigkeit für Freddie Gray so verzweifelt bemühen, sind weiß. Die Kampflinie, so viel weiß man nach Monaten hier im Verhandlungssaal, verläuft, zumindest nicht linear, über die Hautfarbengrenze.
Die Prozesse offenbaren eine strukturelle Vertrauenskrise zwischen den staatlichen Institutionen und seinen ärmsten und machtlosesten Bürgern, die schlicht aufgegeben werden und zumeist schwarz sind. Sie sind diejenigen, die wegen eines kaputten Rücklichts angehalten werden wie Philando Castile in Minnesota; sie sind diejenigen, bei denen wie in Freddie Grays Fall eine Polizeikontrolle morgens um 8.40 Uhr einen Fluchtreflex auslöst, der dann zur Verhaftung führt.
Ausführlich haben sich die Verfahren mit der Frage befasst, ob eine Verhaftung überhaupt rechtmäßig ist, nur weil einer wegrennt – und haben eine interessante Antwort zutage gefördert: Sie ist rechtmäßig, allerdings nur dort, wo Freddie Gray wohnte. In sogenannten High-Crime-Areas ist es Polizisten erlaubt, Verdächtige festzunehmen, die grundlos flüchten. Hätte Gray in einer anderen Gegend gewohnt, zum Beispiel dem hippen Fell's Point, hätte er nicht verhaftet werden können.
Die Frage, die juristisch zwar unerheblich, politisch aber lohnenswert ist, lautet, ob genau dies systemischer Rassismus ist. Schließlich werden die High-Crime-Gegenden in Baltimore zu 80 bis 100 Prozent von Schwarzen bewohnt.
Eine diese Woche erschienene Studie des Harvard-Ökonomen Roland Fryer kam zu Ergebnissen, die Fryer selbst als die verblüffendsten seiner Karriere bezeichnet. Fryer, ein junger schwarzer Starprofessor, begann als wütende Reaktion auf die Todesfälle von Freddie Gray in Baltimore und Michael Brown in Ferguson, mehr als tausend Polizeitötungen in zehn verschiedenen Städten zu untersuchen. Seine Ergebnisse bestätigten erwartungsgemäß, dass die Ordnungsmacht schwarze Bürger schlechter behandelt als weiße. Schwarze Männer und Frauen sind einer höheren Wahrscheinlichkeit ausgesetzt, von Polizisten physisch angegangen zu werden als ihre weißen Mitbürger. Bei den Polizisten, die Schüsse abgeben, tödliche wie nichttödliche, ist das Verhältnis allerdings ausgeglichen. Dieser Befund hat in den vergangenen Tagen einen kleinen Skandal ausgelöst.
Wer die angeklagten schwarzen Polizisten vor Gericht erlebt, ihre Gleichgültigkeit, ihren Mangel an Empathie, stellt sich irgendwann die Frage: Ist eigentlich auch dann von Rassismus zu sprechen, wenn ein schwarzer Polizist einen schwarzen Bürger misshandelt oder tötet? Dieser Rassismus wäre insofern systemisch, als der schwarze Polizist das diskriminierende Verhalten dann von seinen weißen Vorgesetzten übernommen hätte.
Der Musiker Ice Cube, der seine Jugend im berüchtigten Compton bei Los Angeles verbracht und 1988 für seine Hip-Hop-Formation N.W.A. den Text für den heute ikonischen Song "Fuck tha Police" geschrieben hat, berichtete vergangenes Jahr, wie er und seine Eltern immer wieder von der Polizei gestoppt sowie durchsucht wurden.
Die schlimmsten und gefährlichsten Cops, so Ice Cube, seien stets die schwarzen gewesen. Sie hätten unter doppeltem Druck gestanden: Gegenüber den weißen Vorgesetzten mussten sie einerseits beweisen, dass sie sich von ihrer Herkunft emanzipiert hatten. Und andererseits, vonseiten der schwarzen Bewohner der Viertel, glaubten diese Polizisten den Vorwurf zu spüren, dass sie die Seite gewechselt und ihre Herkunft verraten hätten.
Auch in Baltimore ist ausgerechnet der Polizist, den die Anklage mit den schwersten Vorwürfen bis hin zum Mord konfrontiert, ein Schwarzer. Er hat den Transporter gefahren, er war für Freddie Gray verantwortlich. Der Richter hat ihn inzwischen freigesprochen.
Die Verhandlungen zeigen, dass die Probleme juristisch schwer zu greifen sind. Es gelingt der Staatsanwaltschaft bislang weder, die genauen Umstände von Grays Tod deutlich zu machen, noch die Schuldfrage zu klären. Die Verhandlung des ersten angeklagten Polizisten wurde ergebnislos abgebrochen. Die Jury, genauso gespalten und dialogunfähig wie die Nation, konnte sich auf kein Urteil einigen. Die beiden nächsten Polizisten machten von ihrem Recht Gebrauch, ihr Urteil in die Hände des Richters zu legen – der sie freisprach.
Der vierte steht in dieser Woche vor Gericht, doch man kann den Prozess, zumindest juristisch, jetzt schon als gescheitert bezeichnen. Was das für das Land bedeuten wird, ist noch gar nicht abzusehen.
Das Ganze sei schlecht vorbereitet, heißt es unter den Beobachtern im Gerichtssaal, viele der Anklagepunkte seien nicht zu halten, die Chefanklägerin habe ein politisches Zeichen setzen wollen und die Polizisten zu hastig "überbeschuldigt", also mit Anklagepunkten überzogen, von denen klar war, dass sie sich schwer würden beweisen lassen.
Wenn in Dallas die Übertragungstrucks wieder abziehen und sich die Karawane aufmacht zum nächsten Shooting, wird in Baltimore weiter seziert, von 9.30 Uhr morgens bis circa 17 Uhr am Nachmittag. Wahrscheinlich ist es das Beste, was das Land im Moment tun kann.

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