16.07.2016

TerrorDie Heimkehr der Löwenjungen

Der „Islamische Staat“ hält im Irak und in Syrien Tausende kleine Jungen in seiner Gewalt. Kindersoldaten, denen er den Koran und das Töten beibringt. Von Katrin Kuntz
In einem Zelt in Dohuk in einem Flüchtlingscamp, am Fuße ockerfarbener Berge, rollen Amir und Ahmed, 15 und 16 Jahre alt, ihre Matten auf dem Fußboden aus, um das Böse zu vergessen. Es ist ein kühler Abend im Herbst, sie klemmen sich Kissen hinter den Rücken und schalten den Fernseher ein. Ein halbes Jahr zuvor sind die Brüder aus der Gefangenschaft des "Islamischen Staats" (IS) geflohen. Jetzt wollen sie eine Comicserie sehen, mehr nicht.
Die Brüder zappen sich durch die Programme. Auch der IS hat einen eigenen Propagandakanal, den man hier, im kurdischen Nordirak, gut empfangen kann. Ahmed hält die Fernbedienung in der Hand, dann sieht er es. "Da sind wir, Amir!", ruft er, "wir sind das!" Die Brüder entdecken sich auf dem Bildschirm: in schwarzer Kluft, mit vermummten Gesichtern, neben anderen Kindersoldaten, beim Kampftraining in Mossul.
Inzwischen ist es Frühling geworden, einige Monate ist dieser Abend vor dem Fernseher nun her, Ahmed und Amir erzählen davon in demselben kleinen Zelt im Camp, sie sitzen eng beieinander. Ahmed, der Ältere, spricht mit rauer Stimme über ihre Zeit beim IS, Amir schaut zu Boden. "Sie gaben uns Drogen, danach glaubten wir alles", beginnen sie.
Ahmed und Amir waren neun Monate lang Geiseln des IS, gefangen in einem Militärcamp in der irakischen IS-Hochburg Mossul. Dort bildete die Terrormiliz sie mit Schlägen, Tritten und Waffen zu Kindersoldaten aus – zu "Löwenjungen des Kalifats", wie der IS sie nennt. Die "Löwenjungen" sprengen sich in die Luft, um vermeintlich Ungläubige zu töten. Sie stehen bei Enthauptungen daneben, um zu lernen, wie das geht. Sie spenden Blut, wenn erwachsene Kämpfer verletzt sind. Und sie denunzieren Verräter.
Wie viele Kindersoldaten der IS heranzieht, ist schwer zu überprüfen. Experten schätzen, dass rund 1500 Jungen im Irak und in Syrien der Terrorgruppe dienen. Einige werden den Kämpfern geboren, über 31 000 Frauen im Gebiet des IS sind zurzeit schwanger. Andere Kinder werden von den Eltern aus dem Ausland gebracht, wenn diese sich dem Dschihad anschließen. Oft sind die "Löwenjungen" auch Kinder lokaler Kämpfer oder Waisen, die sich dem IS freiwillig anschließen. Andere, wie Ahmed und Amir, werden entführt.
Die Brüder wuchsen in einem Dorf der Region Sindschar auf, sie hatten ein gutes Leben, so erzählen sie, spielten Fußball, kletterten auf Berge und fingen Hühner, bis der IS ihr Zuhause im August 2014 überfiel. Mit Pick-ups kamen die Männer ins Dorf gefahren, drohten, bis die Menschen vor Angst rannten – dann war es zu spät. Auch die Brüder zerrten sie auf einen Wagen und fuhren sie zu einer Sammelstelle in Tall Afar, wo über ihre weitere Verwendung entschieden wurde.
Der IS stellte die Jungen in zwei Gruppen auf. Die jüngeren, schwächeren sollten in einer Schule bleiben, um zuerst den Koran zu lernen. Die älteren schickten sie direkt zum Militärtraining nach Mossul. Ahmed und Amir kamen in ein Ausbildungslager mit 200 Kindern. Sie sollten vergessen lernen, dass sie Jesiden sind. Sie seien still geblieben, erzählen sie, hätten sich nicht getraut, etwas zu sagen.
Seit der IS Gebiete in Syrien und im Irak verliert und militärisch unter Druck geraten ist, hat er auch seine Propagandaarbeit mit Kindern verstärkt. Forscher des britischen Thinktanks Quilliam Foundation, die IS-Propaganda auswerten, stellten fest, dass 2015 deutlich mehr Kinder medial für die Zwecke der Terrormiliz missbraucht wurden als im Jahr davor. Gleichzeitig nahm die Brutalität der Bilder zu, immer mehr Dokumente tauchten auf, die Kinder als Henker des IS zeigten beziehungsweise in Szene setzten. Es sei ein Versuch, Widerstandskraft gegen die Luftschläge in Syrien zu demonstrieren, sagt Nikita Malik, die die Untersuchung leitete.
Indem der IS Kinder abbilde, wolle er zeigen, dass Bomben ihn wenig beeindruckten: "Egal was ihr tut, wir züchten hier eine radikalisierte Generation heran", das sei die Botschaft. Innerhalb des Systems, so Malik, hätten die Kinder die Aufgabe, langfristig das Gedankengut des IS zu verbreiten, die Gesellschaft so tief und nachhaltig zu infiltrieren, dass Anhänger bleiben, auch wenn Gebiete verloren gehen.
Morgens, bevor die Sonne aufging, beteten Ahmed und Amir jetzt. Dann lernten sie, was Kindersoldaten wissen müssen: Wie baut man eine Kalaschnikow auseinander? Wie legt man eine Sprengfalle? Wie löst man die Zündung eines Sprengstoffgürtels aus? IS-Männer schlugen sie mit Stöcken und traten ihnen in den Bauch – um sie abzuhärten, so sagten die Männer. Abends sanken die Brüder auf Matratzen voller Flöhe. Ihre Körper seien wie tot gewesen, erinnern sie sich. Ihre Gedanken kreisten um die Mutter, den Vater, den sie zum letzten Mal sahen, wie er auf einem Truck des IS davonfuhr und ihnen winkte.
Der IS habe ihnen einen schwarzen afghanischen Dress zum Anziehen gegeben und sie an die Front geführt, erzählt Ahmed. Sie sollten ihre Feinde sehen: PKK, Jesiden, Peschmerga. Einmal enthauptete ein Kämpfer einen Jesiden vor ihren Augen. Sie sagten: "Wenn ihr nicht konvertiert, ermorden wir euch." Es war die Zeit, in der Amir, der Zarte, verstummte.
Der IS gab ihnen auch Pillen. Zuerst wollten sie sie nicht schlucken. Sie beobachteten die Erwachsenen, die sie nahmen und danach selbstbewusster wirkten. "Als wir sie schluckten, änderte sich alles", sagt Amir. Die Angst verschwand und das Stechen im Herz. Die Brüder begannen zu glauben, dass Jesiden minderwertig seien.
Jeden Abend, nach dem Training, schlich Ahmed zu den Büschen neben dem Schlafsaal. Dort, unter den Ästen auf der Erde, versteckte er ein Handy, auf dem er Nachrichten mit seiner Mutter schrieb: "Hallo Mama, wir leben." "Ich vermisse dich."
Als ein Aufpasser ihn eines Abends mit dem verbotenen Handy sah, zerrte er ihn in einen Raum, riss ihm das Hemd vom Oberkörper und schlug mit dem Holzstück einer Wasserpfeife auf ihn ein, 250-mal, bis Ahmeds Brustbein brach. Der Knochen wuchs schief zusammen und ragt heute unter seinem T-Shirt hervor wie eine Beule, ein Mal, das auf ewig an das Böse erinnert. Wenn Ahmed davon spricht, beginnen seine Augen zu flackern.
Irgendwann, so erzählen es Ahmed und Amir, wagten sie die Flucht. Mit zwei anderen Kindern rannten sie nachts davon, als die Wächter nicht aufpassten. Neun Tage waren sie unterwegs, bis Peschmerga sie fanden. Sie schliefen tagsüber unter Büschen, hatten kaum zu trinken. Ein Junge war dabei, dem der IS beim ersten Fluchtversuch mit einem Gewehrkolben den Fuß zertrümmert hatte, weite Strecken mussten sie ihn tragen.
Schon der irakische Diktator Saddam Hussein hatte Kinder als Soldaten missbraucht. Seit Mitte der Neunzigerjahre wurden im Irak militärische Sommercamps für Tausende Jungen eingerichtet, ihre Militarisierung sollte dem Regime einen Zugang zur Gesellschaft verschaffen. "Die Löwenjungen Saddams", so nannte sich die Kindersoldaten-Einheit, die nach dem Irak-Iran-Krieg entstand; auch im Jahr 2003, im Irakkrieg, kämpften Schätzungen zufolge mehrere Tausend Kinder. Der IS übernahm den Begriff ebenso wie Grundzüge der Ausbildung der "Löwenjungen" von Hussein.
Im Camp von Ahmed und Amir bildet sich eine Traube am Zelteingang, während sie erzählen. Ihre Mutter sitzt daneben, sie möchte, dass aus ihren Söhnen wieder Kinder werden. Sie bringt ihnen Wasser, wenn sie nachts weinen. Legt sanft die Hand auf ihren Mund, wenn sie den Koran zitieren. Hofft, dass die Stimmen der gefolterten Menschen im Kopf ihrer Jungen mit der Zeit leiser werden.
Die Rekrutierung von Kindern vollzieht sich in mehreren Phasen, sie beginnt mit einer harmlosen Sozialisierung. Der IS veranstaltet Events, bei denen Kinder Süßes bekommen, kleine Jungen dürfen eine IS-Flagge halten, dann zeigt man ihnen Videos voller Gewalt. Später, in den kostenlosen Schulen des IS, mit denen er wirbt, lernen sie islamisches Fachwissen, üben Zählen und Rechnen mit Büchern, in denen Panzer abgebildet sind. An blonden Puppen in orangefarbenen Jumpsuits müssen sie das Köpfen proben. Mit einer neuen App, entwickelt vom IS, lernen sie, Lieder zu singen, die zum Dschihad aufrufen.
Es gibt in den Gebieten des IS keine Alternative zu diesen Schulen, sie sind Sammelbecken für Kinder, die der IS für seine Militärcamps auswählt. Scouts besuchen die Klassen und bestimmen, welcher Schüler ein "Löwenjunge" werden soll. Sind sie einmal in diesem System gefangen, ist es sehr schwer, sie wieder daraus zu lösen.
Drei Tage ist es erst her, dass Wahad, elf Jahre alt, aus einer Koranschule des IS in Tall Afar die Flucht gelang. Jetzt sitzt er auf einem Stuhl im Büro einer Hilfsorganisation in Dohuk, ein schmaler Junge mit blauen Augen, roten Haaren und Sommersprossen wie Pumuckl. Sein Onkel Idriz, ein stattlicher Mann mit dichtem Schnauzer, hat ihn hergebracht, auch er hat unter dem IS fast sein Leben verloren.
Für Kindersoldaten, die wieder freikommen, gibt es kaum Beistand. Mirza Dinnayi, ein Mitarbeiter der "Luftbrücke Irak", sammelt ihre Daten, vielleicht wird ja eines Tages ein Hilfsprojekt für sie entstehen. "Zurzeit haben die Behörden aber genug mit den vom IS vergewaltigten Frauen zu tun", sagt Dinnayi. Trotzdem notiert er Wahads Geschichte.
Dinnayi hat ein Blatt mit Fragen vor sich liegen, die Wahad beantworten soll. Aber Wahad kann sich kaum konzentrieren. Eine Sure des Koran kommt ihm in den Kopf, immer wieder. Dinnayi will wissen, wie weit der IS Wahad auf seine Seite gezogen, umgedreht hat.
"Sprichst du Arabisch?", fragt er, es klingt freundlich, bemüht.
"Nein", sagt Wahad.
"Was sprichst du?"
"Kurdisch", sagt Wahad.
"Und wie liest du den Koran? Der ist doch auf Arabisch." Wahad schweigt.
"Bist du Muslim oder Jeside?"
Wahad schaut auf den Boden, Hitze steigt in seine Wangen, sie glühen vor Scham. "Jeside", sagt er, kaum mehr als ein Flüstern. Er hält die Vorstellung, die Jesiden verraten zu haben, auf der falschen Seite zu stehen, kaum aus.
Auch Wahad stand vor der Schule in Tall Afar, als der IS seine Geiseln sortierte. Er gehörte zu den Schwachen, die in die Koranschule mussten. 34 Jungen blieben bei ihm, der IS sperrte alle in einen kargen Saal, der für die nächsten 20 Monate ihr Gefängnis sein würde. Jeden Morgen vor Sonnenaufgang kam eine Lehrerin des IS, um sie zum Beten zu wecken. Danach studierten sie sieben Stunden lang den Koran. Damit sie sich anstrengten, versprach man ihnen, wie im Märchen: "Wenn ihr brav seid, dürft ihr eure Mütter sehen."
Wahad wurde kein Soldat, hat nicht gekämpft, aber er ist so traumatisiert, dass er kaum noch spricht. Im Mental Health Center von Dohuk arbeiten Psychologen mit Kindern wie ihm, "wenn die Eltern nicht selbst zu traumatisiert sind, um sie zu bringen", sagt Thikra Ahmed Muhammed, Psychiaterin, in einem bunten Spielzimmer. Früher kamen Kinder mit Traumata nach einem Autounfall oder Bettnässer zur Therapie. Jetzt gebe es sehr viele Depressionen, verhinderte Selbstmorde selbst bei Kindern unter zehn.
Ein vierjähriges Kind, erzählt die Psychologin, probiere an seiner sechsjährigen Schwester aus, was es gesehen habe. Drücke Zigarettenstummel auf ihrem Arm aus, binde ein Seil um ihren Hals. Ein fünfjähriger Junge wecke in der Dunkelheit seine Mutter und sage: Du musst beten. Muhammed malt Bilder mit den Kindern. Oft zeichneten sie sich selbst, mit großen Augen und kleinem Mund.
Am Abend steht Wahad vor einem der Hochhäuser in Dohuk, in dem er mit seinem Onkel untergekommen ist. Die Nachbarskinder spielen mit Murmeln, Wahad schaut ihnen zu, immer wieder verliert sich sein Blick in der Ferne. Sein Onkel Idriz, der auf einer Bank neben ihm sitzt, erzählt, wie der IS ein Kind, das fliehen wollte, umbrachte und seine Leiche mitten unter die anderen Kinder warf. Wahad sagt fast nichts, aber wenn er spricht, klingt seine Stimme hell wie das Piepsen eines kleinen Vogels.
Auch sein Onkel Idriz kann die Bilder aus der Vergangenheit nicht vergessen. Er musste sich, als der IS in sein Dorf einfiel, mit anderen Jesiden auf den Boden legen, in einer Reihe. Der IS schritt die Reihe ab und erschoss 380 Männer, an Idriz schossen sie vorbei. Er stellte sich tot und überlebte, weil Nomaden ihn fanden, sie fütterten ihn mit Tomaten und roher Leber.
Es ist schwer für Idriz zu akzeptieren, dass Wahad ein stummes Kind geworden ist, dass er das Grauen wohl nicht so gut bewältigen wird wie er. Idriz will etwas tun, er stellt sich zu den Kindern, die Murmeln schnipsen, klopft Wahad auf die Schulter, massiert fest seinen Nacken.
"Ich bringe dich morgen in den Park", sagt er. "Dort wirst du ein normales Leben sehen. Ich mache dich stark, Wahad." Idriz gibt ihm einen kleinen Stoß. Und Wahad, beschämt, nimmt ein paar Murmeln in seine Hand, blickt zu seinem Onkel auf, lehnt seinen Kopf an dessen Bauch, und mit seiner sehr hellen Stimme sagt er: "Ja, stark wie ein Krieger." ■

Über die Autorin

Katrin Kuntz, geboren 1982, arbeitet seit 2012 beim SPIEGEL und berichtet für das Auslandsressort aus Krisengebieten weltweit. Für die Recherche über Kindersoldaten reiste sie zum vierten Mal in den Nordirak, sie verbrachte diesmal viel Zeit beim Fußballspielen und Murmelschnipsen, in Bewegung konnten die Kinder besser über das Erlebte sprechen.
Von Katrin Kuntz

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