16.07.2016

SchicksaleMourad und das Monster

Der Ältere zündete am Flughafen in Brüssel eine Bombe, der Jüngere reist für sein Land zu den Olympischen Spielen nach Rio. Die Geschichte zweier Brüder, die sich vor langer Zeit verloren haben. Von Lukas Eberle
Er stand im Labor seiner Hochschule und schraubte an einem Kran aus Plastikteilen herum, als ihm ein Kommilitone sein Smartphone reichte. "Lies mal." Auf dem Bildschirm erschien eine Eilmeldung: "Explosion am Airport Brüssel-Zaventem". Es war der Morgen des 22. März, grauer Himmel, sieben Grad.
Der Flughafen liegt nur wenige Kilometer von der Haute École entfernt, der Hochschule für Wirtschaft und Technik, an der Mourad Laachraoui Elektromechanik studiert. Immer mehr Studenten aus seinem Kurs kramten ihr Smartphone aus der Tasche. Eilmeldung: Tote nach Explosion. Eilmeldung: Die Behörden gehen von einem Anschlag aus.
Mourad wollte später noch zum Training. Es war gegen Mittag, als auf seinem Handy die nächste Nachricht aufploppte. Einer der vier Attentäter sei identifiziert, hieß es. Der Mann sei 24 Jahre alt. Dann las Mourad den Namen: Najim Laachraoui.
In diesem Moment gab es eine weitere Explosion. In Mourads Kopf.
Er sagte erst mal nichts zu seinen Kommilitonen. Aber die hatten es auch schon mitbekommen. "Hey, Mourad", rief einer der Studenten im Labor, "der heißt ja wie du, ist das vielleicht dein Cousin?" Es sollte ein Witz sein.
So erzählt es Mourad Laachraoui selbst. Er hat in einem Restaurant in Brüssel Platz genommen, es ist ein sonniger Tag im Mai, zwei Monate nach den Attentaten mit 35 Toten und über 300 Verletzten. Mourad trägt eine graue Strickjacke über einem weißen Shirt. Seine schwarzen Haare sind an den Seiten raspelkurz und oben lang und dicht. Wer ihm die Hand schüttelt, erkennt die lange Narbe auf seinem Handrücken. Er ist Taekwondo-Kämpfer, Mitglied der belgischen Nationalmannschaft. Vor ein paar Jahren hat er sich bei einem Kampf den Mittelhandknochen gebrochen. "Ich hab's erst nach dem Fight bemerkt", sagt Mourad, "weil in meinem Handschuh alles voller Blut war."
Es hat mehrere Woche gedauert, bis er diesem Treffen zustimmte. Es ist vereinbart, dass er das Gespräch jederzeit abbrechen kann, doch er antwortet auf alle Fragen. Als es um seinen älteren Bruder geht, um Najim Laachraoui, den Selbstmordattentäter, bricht seine Stimme, und er beginnt, an seinen Fingernägeln zu kauen. "Es ging uns extrem schlecht in den vergangenen Wochen, meinen Eltern, meinen zwei kleinen Brüdern und mir. Wenn früher etwas Schlimmes in meinem Leben passiert ist, konnte ich es immer schnell verdrängen, schnell vergessen. Aber das hier ist etwas anderes. Es war für mich unvorstellbar, dass mein Bruder so etwas tut." Mourad macht eine Pause, räuspert sich. "Man hat uns geraten, unseren Nachnamen zu ändern. Aber das ist auch keine Lösung. Es ist mein Name, der Name meines Vaters."
Die Geschichte von Mourad und Najim Laachraoui ist die zweier Brüder, die einander vor langer Zeit verloren haben. Der eine tritt für Belgien bei Taekwondo-Wettkämpfen an und reist bald zu den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro, der andere zündete am 22. März im Auftrag des "Islamischen Staats" (IS) eine Nagelbombe im Flughafen von Brüssel.
Wie konnte es dazu kommen? Warum hat er nichts bemerkt? Diese Fragen sollte Mourad Laachraoui, 21, schon zwei Tage nach den Anschlägen beantworten. Weil er ein bekannter Sportler ist, musste er eine Pressekonferenz geben. Aber er hatte keine Antworten, keine Erklärung, keine Worte. "Ich hatte da noch nicht die Zeit gehabt, alles zu erfassen. Aber ich hatte keine Wahl, ich musste das machen, die Fragen mussten aufhören."
Werden die Fragen jemals aufhören?
Zwei Stunden nach dem Treffen im Restaurant trainiert Mourad in einer Turnhalle im Süden Brüssels. Aus Lautsprecherboxen kommt Dancehall und Hip-Hop, in der Luft hängt Schweißgeruch. Er kämpft gegen einen Kollegen aus der Nationalmannschaft. Im Taekwondo zählen nur Treffer auf den Oberkörper und den Kopf des Gegners. Bei jedem seiner Angriffe stöhnt Mourad wie ein Tennisspieler.
An der Sprossenwand neben der Matte lehnt Leonardo Gambluch, er ruft: "Nehmt die Hände höher, Jungs!" Gambluch, 42, rundes Gesicht, Dreitagebart, stammt aus Argentinien, er ist Mourads Trainer, doch seit März ist er eigentlich noch viel mehr. Beschützer, Psychologe, Pressesprecher. Zwei Dinge habe er Mourad nach den Anschlägen gesagt, erzählt Gambluch. Erstens: "Niemand kann sich seinen Bruder aussuchen." Zweitens: "Du musst so schnell wie möglich wieder zum Training kommen."
Fünf Tage nach den Bomben stand Mourad in der Trainingshalle vor einer lebensgroßen Gummipuppe. Taekwondo-Kämpfer üben an solchen Puppen, Mourad und seine Jungs nennen ihre "Bob". "Bob" musste viel aushalten an diesem Tag, Mourad bearbeitete ihn zwei Stunden lang. Seitwärtshaken, Ellenbogenschläge, Fußtritte mit Sprung. "Er prügelte seine bösen Gefühle aus sich raus wie ein Wilder", sagt Trainer Gambluch, "danach war er ruhig, das tat ihm gut."
Mourad und Najim Laachraoui wuchsen gemeinsam auf, im gleichen Haus in Brüssel im Einwandererstadtteil Schaerbeek. Ihr Vater, der aus Marokko stammt, liebte die Filme mit Bruce Lee und Jackie Chan, und weil er wollte, dass seine Söhne nicht auf der Straße herumlungern, schickte er sie zum Taekwondo. "Der Sport war Erziehung für mich", sagt Mourad, "immer pünktlich zu sein, Regeln zu respektieren, das ist Teil meines Lebens geworden."
Es geht im Taekwondo nicht nur darum, den anderen zu besiegen. Der Sport verlangt von seinen Kämpfern, dass sie sich Werten wie Integrität und Gerechtigkeit verschreiben. Taekwondo ist eine Lebensschule. Bei Mourad hat das funktioniert, bei Najim nicht.
Mit 14 Jahren begann Mourad, an Wettkämpfen teilzunehmen, Najim war damals 18 und hörte mit dem Sport auf. Er ließ sich einen Kinnbart wachsen, gab Frauen nicht mehr die Hand. Er ging häufig in die Moschee Ettaouba d'Evere im Norden Brüssels, dort hat er sich radikalisiert. So steht es in einem Urteil der 90. Kammer des Strafgerichtshofs in Brüssel, das im vergangenen Mai gegen 30 Dschihadisten gefällt wurde. Najims Fall trägt die Nummer 03521.
"Er las Bücher, die sich mit aktueller Politik befassen", sagt Mourad, "aber auch Bücher von Victor Hugo. Wir haben uns seltener gesehen, weil ich oft beim Training war. Aber wenn wir uns zu Hause getroffen haben, gab es immer etwas zu lachen. Er war überhaupt nicht unglücklich. Er lebte gut, hatte keine Probleme."
Najim schrieb sich 2011 an der Universität ein, er wählte Elektromechanik, dasselbe Fach, das Mourad heute studiert. Najim arbeitete als Putzkraft im EU-Parlament, später bekam er einen Job als Zeitarbeitskraft auf der Rollbahn des Flughafens, dort, wo er Jahre später die Bombe zünden wird. Er hatte Kontakt zu einem Marokkaner, der im berüchtigten Stadtteil Molenbeek Nachwuchs für den dschihadistischen Kampf anwarb. Am 17. Februar 2013 stieg Najim in ein Flugzeug von Brüssel nach Antalya in der Türkei, einen Tag später rief er seine Eltern an, unter einer syrischen Nummer. Zwei Wochen danach ging sein Vater zur Polizei. Er meldete, dass sein Sohn nach Syrien ausgereist sei.
Dort schloss sich Najim einer Islamistengruppe an, er lebte nördlich von Aleppo, kämpfte für den IS an der Front. Später wurde er befördert, zum Aufseher über Geiseln. Er bewachte Journalisten, die die Terroristen gefangen genommen hatten. Najim sei weniger brutal gewesen als die anderen, sagten die Geiseln später, doch auch er hätte "keine Sekunde gezögert, jemanden zu exekutieren, wenn man es ihm befohlen hätte".
Einmal schrieb Najim aus Syrien auf Twitter: "Muslime leben in einer Situation des totalen Krieges." Die belgische Justiz erließ einen Haftbefehl, Najim wurde im März 2014 international zur Fahndung ausgeschrieben.
Mourad sagt: "Wir hatten Angst um ihn." Er habe versucht, seinen Bruder zu kontaktieren. Auf Facebook habe er ihn aber nicht mehr finden können. Ab und zu meldete sich Najim noch bei seinem Vater, aber immer unter einer anderen Telefonnummer.
2015 kehrte Najim nach Belgien zurück. Er hatte einen Auftrag. Er sollte im Namen des IS so viele Menschen wie möglich töten. Er mietete in einem belgischen Örtchen namens Auvelais ein Haus. Es wurde zur Basis einer neuen Terrorzelle, die Europa erschüttern sollte. Najim war Teil der Gruppe, die im vergangenen Herbst die Anschläge in Paris verübte. Er hatte sich in Syrien zum Sprengstoffexperten ausbilden lassen, seine DNA wurde an Bomben gefunden, die am 13. November bei den Anschlägen in Paris gezündet wurden. Eine vor dem Fußballstadion im Vorort Saint-Denis, die andere im Musikklub Bataclan.
Er lebte auch wieder in Brüssel, in einem Haus in Schaerbeek bereitete er die Bomben für den 22. März vor. Die Wohnung liegt nur 400 Meter von der Hochschule entfernt, in die Mourad geht.
Mourad sagt, er habe seinen Bruder 2013 zum letzten Mal gesehen. Dass er wieder in Brüssel gelebt hat? "Das wusste ich nicht, bis zum Anschlag haben wir überhaupt nichts gewusst", sagt Mourad.
Der eigene Bruder wohnt im gleichen Stadtteil, ohne dass man es mitbekommt, ohne dass man sich über den Weg läuft? Mourad kämpft jetzt mit den Tränen, er sagt: "Selbst wenn man sich begegnet, kann man immer noch nicht wissen, was der andere gerade macht."
Während Najim die Attentate plante, reiste Mourad um die Welt, von Turnier zu Turnier. Er trat bei Wettbewerben in Russland, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Südkorea an. In Reno gewann er die US Open, auf Facebook postete er ein Bild von seiner Goldmedaille, dazu schrieb er: "Es war super, aber nächste Woche in Montreal werde ich noch besser sein. Inschallah!"
Dann kam der 22. März. Najim Laachraoui betrat um kurz vor acht Uhr mit seinen Komplizen Ibrahim El Bakraoui und Mohamed Abrini den Flughafen. Sie schoben die Kofferbomben auf Gepäckwagen vor sich her. El Bakraoui zündete seine Bombe als Erster. Najim versuchte, zwischen die fliehenden Menschen zu rennen, dabei rutschte sein Koffer vom Wagen und explodierte früher, als er es geplant hatte. Das ergaben Zeugenaussagen und die Aufzeichnungen der Überwachungskameras. Abrini, der dritte Attentäter, flüchtete. Seine Bombe ließ er zurück.
Ein paar Minuten später sprengte sich ihr Komplize Khalid El Bakraoui in der Metro-Haltestelle Maelbeek in die Luft. Er stand im Waggon eines Zuges.
Es sind oft Geschwister, die islamistische Attentate verüben. Wail und Walid al-Schari entführten am 11. September 2001 ein Flugzeug bei den Anschlägen auf das World Trade Center, Tamerlan und Dschochar Zarnajew deponierten 2013 beim Boston-Marathon Sprengsätze, Saïd und Chérif Kouachi stürmten im Januar 2015 die Redaktion des Satiremagazins "Charlie Hebdo" in Paris. Sie alle waren Brüder, im Leben und in ihrem Hass auf den Westen. Die meisten neuen Kämpfer rekrutiert der IS aus dem Freundes- und Verwandtenkreis der Dschihadisten.
Das ist für Mourad ein Problem. Er muss nicht nur akzeptieren, dass sein Bruder ein Monster geworden ist, er muss der Welt auch beweisen, dass er keines ist. Seit vier Monaten erklärt er den Menschen, dass er nicht gefährlich ist, dass er keine Wut in sich trägt. Er weiß, dass er das wohl für den Rest seines Lebens machen muss.
In den Wochen nach dem Anschlag machten ein paar Studenten aus Mourads Unikurs einen Bogen um ihn. Niemand beschimpfte ihn, aber er spürte die Blicke, das Tuscheln. Die Polizeibehörde schickte eine E-Mail an seine Lehrer und Professoren. Man solle darauf achten, dass Mourad nicht belästigt werde.
Im Training, erzählt Mourad, seien die Bomben nie ein Thema gewesen. Alle hätten zu ihm gehalten. "Wie in einer Familie." Der Sport ist für Mourad ein Schutzraum. Leonardo Gambluch, sein Trainer, führte lange Gespräche mit Mourad. "Ich sagte zu ihm: Das ist alles nicht dein Fehler. Du bist nicht der mit der Bombe. Im Gegenteil, du bist einer der besten Sportler in diesem Land, du bist ein Vorbild für die Gesellschaft", erzählt Gambluch. Mourad habe das gut verstanden. "Er ist ein intelligenter Junge, er hört zu."
Gambluch ist ein Trainer, dem es um mehr geht als ums Gewinnen. Wenn er mit Mourad zu Wettbewerben um die Welt reist, achtet er darauf, dass sie nicht nur die Sporthallen sehen. In Alexandria besuchten sie die Bibliothek, in Luxor die Tempel, in Mexiko die Sonnenpyramide von Teotihuacán. Und dann redeten sie darüber, diskutierten.
Nach den Anschlägen las Gambluch in Artikeln und Kommentarspalten, dass manche Leute Mourads Familie für Najims Verbrechen mitverantwortlich machten. Gambluch fürchtete, jemand, der durch die Bomben Angehörige verloren hatte, könnte sich an Mourad rächen. Er organisierte, dass Mourad mit dem Auto zum Training gebracht wurde, vom Vater eines Teamkameraden. Mit der Straßenbahn ließ er seinen Sportler erst mal nicht mehr fahren. "Wir mussten ihn schützen", sagt Gambluch, "und er sich selbst."
Mourad erstellte eine neue Facebook-Seite, keine privaten Bilder mehr, nur noch Fotos vom Training und vom Wettkampf. Kürzlich schrieb er: "Taekwondo hat mich gelehrt, wie man andere Menschen respektiert." Dazu postete er ein rotes Herzchen und ein Foto, auf dem er nach einem Kampf seinen Gegner umarmt.
Es ist sein Weg, sich von seinem Bruder zu distanzieren, ohne ihn zu verteufeln.
Es fällt Mourad schwer, durch Brüssel zu gehen. In der Stadt patrouillieren Soldaten mit Sturmgewehren, er sieht sie an Straßenecken, in Bahnhöfen, in Einkaufshallen. Und er weiß, dass sein Bruder dafür verantwortlich ist. Wenn Mourad am Flughafen ist, um zu Wettkämpfen zu reisen, beschleiche ihn "ein komisches Gefühl", sagt er. Viele Bereiche sind seit dem Attentat abgesperrt, überall stehen Zäune, vor denen schwarze Sichtschutzplanen hängen. Im Terminal trennen Wände aus Sperrholz den Anschlagsort vom Rest des Gebäudes ab. Mourad versucht immer, so schnell wie möglich zu seinem Schalter zu gehen.
Mitte Mai ist er zur Europameisterschaft nach Montreux in der Schweiz gereist. Rund 400 Sportler aus 47 Ländern kämpfen im Salle Omnisports du Pierrier. Mourad sieht bleich aus, er hat in den vergangenen Tagen kaum etwas gegessen, damit er in seiner Gewichtsklasse starten darf. Er ist 1,80 Meter groß und musste sich auf 54 Kilogramm runterhungern.
Es ist Mourads erster Wettkampf seit dem Anschlag, auf seinem weißen Kampfanzug ist die belgische Fahne aufgeklebt. Er tritt gegen einen Moldawier an. Ein Taekwondo-Kampf hat drei Runden, in den Pausen bekommt Mourad von seinem Trainer einen Eisbeutel in den Nacken gedrückt. Er gewinnt mit 4:3, dann beißt er in einen Energieriegel. Mourad ist gut in Form, er gewinnt auch die nächsten Kämpfe, und am Abend steht er tatsächlich im Finale. Acht Wochen nach den Bomben.
Hat er inzwischen eine Erklärung für die Taten seines Bruders?
"Ich habe viel darüber nachgedacht, doch dabei ist nicht viel rausgekommen",, sagt Mourad Laachraoui. "Ich weiß nicht, was passiert ist, und ich werde es wohl nie wissen."
Auf der Tribüne in der Sporthalle in Montreux rufen die Fans: "Belgium, hey! Belgium, hey!" Mourad stülpt sich den roten Helm über den Kopf. Sein Gegner im Finale kommt aus Spanien. In den ersten beiden Runden tasten sich die Kämpfer ab, umkreisen sich wie Tiger. Kaum Angriffe, keine Punkte. In der dritten Runde versucht der Spanier einen Kick aus der Drehung, doch Mourad weicht zur Seite aus. "Geh in die Offensive", ruft Gambluch neben der Matte. Ein Tritt, Mourad trifft den Spanier mit dem Fuß am Kopf. 3:0. 30 Sekunden noch, Mourad gelingt ein zweiter Kopftreffer, der Spanier taumelt. Die Uhr läuft runter, vier Sekunden noch, Mourad rennt los, er rennt vor dem Spanier davon, bis die Zeit abgelaufen ist.
6:3. Mourad hat es geschafft, er ist Europameister.
Er brüllt, hüpft zu Gambluch, springt ihm um den Hals. Dem Trainer rollen schon die Tränen über die Wangen. Alles fällt jetzt von den beiden ab.
Bei der Siegerehrung schließt Mourad die Augen, als die belgische Hymne gespielt wird. Er zeigt seine Goldmedaille in die Kameras, gibt Autogramme und Interviews. Den Sieg, sagt er, widme er seiner Familie.
In ein paar Wochen wird Mourad nach Rio de Janeiro reisen, zu den Olympischen Spielen, auch wenn er dort wahrscheinlich nicht um Medaillen kämpfen wird. Beim Taekwondo sind nur vier von acht Gewichtsklassen Teil des olympischen Programms, Mourads Klasse gehört nicht dazu. Er ist als Sparringspartner aber Teil des belgischen Teams. Und er ist als Ersatzmann nominiert, falls sich ein Kämpfer aus der Mannschaft verletzt.
Mourad erzählt, dass er sich in den vergangenen Wochen oft gefragt habe, ob er um Najim weinen darf, um einen Menschen, der so viel Leid über andere gebracht hat, der aber trotzdem sein Bruder war. Mourad hält kurz inne, sagt dann: "Ja, ich habe getrauert, und die Trauer ist auch noch nicht überwunden."
Ist er wütend auf Najim?
"Nein. Es ist schrecklich, was er gemacht hat, aber ich bin vor allem wütend auf die, die ihn dazu gebracht haben."
Fehlt ihm Najim?
"Er fehlt mir als Bruder. Aber er fehlt mir nicht für das, was er getan hat."
Mourad hat sich dazu entschlossen, seinen Bruder weiter zu lieben und gleichzeitig den Mörder zu verachten. Er weiß noch nicht, ob das funktionieren wird.
Mitarbeit: Petra Truckendanner

Mail: lukas.eberle@spiegel.de

"Ich weiß nicht, was passiert ist", sagt Mourad, "und ich werde es wohl nie wissen."

Über den Autor

Lukas Eberle, geboren 1982, studierte Sport- und Medienwissenschaft sowie Journalistik in Tübingen und München, im Anschluss besuchte er die Deutsche Journalistenschule. Seit Oktober 2010 ist er Redakteur beim SPIEGEL im Ressort Sport.
* Bei der Europameisterschaft im Mai in Montreux.
Von Lukas Eberle

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