16.07.2016

KommentarMatschen, nicht lutschen

Ist Daumennuckeln doch gesund?
Im Mutterleib, ungefähr von der 15. Woche an, stecken sich schon Föten den Finger in den Mund. Knapp ein Drittel der Kleinkinder nuckelt noch am Daumen, aber auch erwachsene Frauen und Männer bekennen sich anonym im Internet zu der Angewohnheit, die ihnen selbst die Geschichte vom Daumenlutscher ("Klipp und klapp – Mit der Scher' die Daumen ab") des Arztes Heinrich Hoffmann (1809 bis 1894) nicht austreiben kann. Die Lutscherei scheint eine beruhigende Wirkung zu haben, aber so genau wissen das die Forscher nicht. Im Fachblatt "Pediatrics" liefern nun Mediziner aus Neuseeland und Kanada eine neue Facette: Die Lust am Lutschen, und übrigens auch am Fingerkauen, sei verbunden mit einem geringeren Risiko, an Allergien zu erkranken. Die Forscher werteten die Daten von mehr als 1000 Menschen aus. Im Alter von 13 Jahren hatte fast die Hälfte der Nuckelabstinenzler eine Allergie – von den Däumlingen waren es nur 38 Prozent. Wer sich ständig mit dem Daumen Viren und Bakterien in den Mund steckt, schult offenbar das Immunsystem. Es lernt, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, und neigt weniger dazu, auf harmlose Stoffe heftig zu reagieren. Die Geschichte vom guten Daumenlutscher klingt sonderbar, aber wer sie nüchtern einordnet, kann von ihr lernen – als Aufruf zum Nuckeln sollte sie allerdings nicht gedeutet werden. Denn das verformt den Oberkiefer, drückt Zähne schief; auch lässt es die Kassen von Kieferorthopäden klingeln. Und sie offenbart, dass zumindest die westliche Welt zu sauber geworden ist. Gegen die Allergieepidemie – in Deutschland ist fast jeder Dritte betroffen – hilft der allgemeine Hygienefimmel nicht weiter. Eltern sollten ihren Kindern nicht mit Desinfektionsmitteln hinterherwischen, sondern sie zum Spielen in den Matsch schicken. Auch gegen Stress wirkt das besser als Daumenlutschen.

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Von Jörg Blech

DER SPIEGEL 29/2016
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