16.07.2016

Phonetik„Miii-AAAAU“

Fauchen, Kreischen, Fiepen – Forscher versuchen, den Code der Katzen zu knacken. Und fanden heraus: Manche Laute dienen allein der Kommunikation mit dem Menschen. Bloß, was wollen die Tiere uns eigentlich sagen?
Die Frau, die untersucht, in welcher Melodie Katzen miauen, hört privat gern Rammstein.
Susanne Schötz sieht so gar nicht aus, als könnte sie grölen; nicht, wie sie da jetzt sitzt in ihrem Häuschen in Schweden: T-Shirt mit Katze, Ohrringe in Katzenform, eine Katze auf dem Schoß. Aber Töne faszinieren Schötz, das Raue wie das Liebliche. Metal wie Miau.
Schötz ist Phonetikerin an der Universität Lund. Wissenschaftler wie sie erkunden, wie die Stimme schwingt, wann sie nach oben geht und wieder runter.
Sie selbst hat einen deutschen Vater und spricht dessen Sprache perfekt, wenn auch mit schwedischer Betonung. Manchmal klingt es so, als sänge sie. Ihre Stimme hüpft dann auf und ab, einmal, zweimal.
Sie leide an der Krankheit ihres Berufs, sagt sie: "Ich höre nicht nur, was jemand sagt, sondern immer auch, wie." Das geht ihr mit Menschen wie mit Tieren so.
Vergangenes Jahr stand Schötz vor ihrem Kühlschrank. Eine ihrer vier Katzen hockte sich zu ihren Füßen, sie miaute, und Schötz leuchtete sofort ein, was das Tier wollte: Käse. Ein anderes Mal saß sie am Computer. Ihre Katze vor der Kellertür. Sie miaute. Und wieder verstand Schötz.
Aber sie dachte auch: Warum klingt das eine Miau nicht wie das andere? Mal tief, mal jäh abfallend, manchmal schrill. Könnte es sein, fragte sie sich, dass Katzen mir etwas Bestimmtes mitteilen wollen?
Der Gedanke klang im ersten Moment ein bisschen verrückt. Aber dann auch wieder nicht. Was viele nicht wissen: Ausgewachsene Katzen miauen eigentlich nicht.
Es ist ein Laut, den sie als Junges von sich geben, als Signal an ihre Mutter, ihnen die Zitzen anzubieten. Später im Leben fauchen, kreischen und fiepen Katzen, aber miauen nur noch selten.
Warum sollten sie auch einen Laut ausstoßen, der zwischen Hilflosigkeit und Nörgelei schwankt? Eine Wildkatze, die durch den Wald streift und dabei jeder Maus im Umkreis lauthals mitteilt, dass sie auf der Pirsch ist? – wäre Wahnsinn.
Katzen miauen für den Menschen, dieses Muttertier auf zwei Beinen, und dabei, glaubt Schötz mittlerweile, verändern sie die Betonung und die Melodie bewusst – je nachdem, was sie ausdrücken wollen.
Sie hat die Rufe ihrer Katzen beim Tierarzt aufgenommen und am Futternapf. Ein Programm im Computer zeigt die Auswertung. Balkengrafiken erscheinen. Eine Welle schlängelt sich über den Monitor, das ist die Frequenz. Schötz fährt mit dem Finger darüber. Es ist die akustische Analyse eines Miaus.
Das Miau einer verängstigten Katze schlägt einen Bogen, dann fällt der Ton steil ab: "MIII-au." Eine bettelnde Katze hingegen zieht die Stimme am Ende hoch: "Miii-AAAAU."
Schötz sagt: "Katzen verwenden unter Umständen eine Art Code, indem sie die Frequenz ihrer Töne verändern." Dabei variiere eine glückliche Katze ihre Melodie stärker. Und hat eine Katze Hunger, schlägt die Kurve höher aus.
Natürlich sprechen die Tiere nicht im eigentlichen Sinne. Sie kennen keine Wörter. Aber ihre Laute sind auch nicht willkürlich. Katzen benutzen eine Melodie, deren Klang sie variieren. Die der Mensch deutet und dabei überraschend oft richtig liegt.
Forscher, darunter auch Schötz, haben Probanden Katzenlaute vorgespielt. Die Menschen konnten erkennen, ob es sich um eine hungrige Katze handelt, eine verängstigte, eine liebesbedürftige oder eine, die sich wohlfühlt. Dabei schnitten Katzenhalter besser ab als Laien. Als hätten sie gelernt, die Laute ihres Schützlings zu deuten.
Miauen, so zeigt sich, ist Teil einer einzigartigen Mensch-Tier-Kommunikation, eine Art Pidgin zwischen zwei Spezies. Sie ist das Ergebnis eines jahrtausendealten Prozesses: der Zähmung eines wilden Tieres.
Seit 10 000 Jahren leben Mensch und Katze zusammen. Damals schlich sich, so stellt man sich das vor, die Katze in die Kornkammern der frühen Bauern und fing dort Mäuse. Es war der Beginn einer großen Freundschaft: Der Mensch fand einen Gefährten, die Katze ihren Lieblingssklaven.
Die Umstände ihres neuen Lebens veränderten die Feliden: Aus Raubtieren wurden Schmusetiger. Aus leisen Jägern verwöhnte Stubenhocker. Denn nun galt: Wenn ich etwas will, gebe ich Laut.
Dass Domestizierung beeinflusst, wie sich Tiere mitteilen, ist gut belegt. Wildhunde bellen nur als Welpen. Silberfüchse, die in Experimenten gezähmt wurden, fingen an zu kläffen. Wieder ausgewilderte Katzen "miauen vielleicht einmal alle hundert Stunden", sagt der britische Zoologe John Bradshaw, der sich auf das Zusammenleben von Mensch und Tier spezialisiert hat.
Hauskatzen miauen vor allem aus einem Grund: um unsere Aufmerksamkeit zu erregen. Jedes Miau ist ein langer Schrei nach Liebe.
Denn wenn es darum geht, die eigentlichen Signale der Katze zu deuten, versagt der Mensch: Die Tiere versprühen Gerüche, um untereinander zu kommunizieren. Sie heben den Schwanz, drehen die Ohren, krümmen den Rücken. Sie grollen, zirpen und schreien. Authentische Laute, aber wenig betörend. Worauf der Mensch dagegen anspringt, ist das Miau, ein Ton, "so anrührend und auf der gleichen Frequenz wie Kinderweinen", sagt Schötz.
Der Psychologe Nicholas Nicastro von der Cornell University in den USA geht sogar davon aus, dass der Mensch den Klang des Miaus entscheidend geformt hat, indem er sich als wählerisch erwies. "Der Mensch nahm jene Katzen bei sich auf, die schneller gelernt haben, sich mitzuteilen", spekuliert Nicastro. "Und solche mit lieblichen Stimmen."
Über die Jahrhunderte, glaubt er, setzten sich so Katzen durch, deren Laute das menschliche Ohr entzücken. Frauchen und Herrchen tolerierten keine aggressiven Mitbewohner. Menschen gefallen solche Miaus, hat Nicastro gezeigt, die kurz sind, hoch beginnen und tief enden. Ganz anders eben als das Schreien eines wilden Tieres.
"Katzen sind schlaue Tiere", sagt Daphne Ketter, Tierärztin an der Ludwig-Maximilians-Universität München, "sie wissen, welche Knöpfe sie drücken müssen." Sie geben sich süß, wenn sie quengeln; nervtötend, wenn sie Futter verlangen. Die Tiere lernen durch Ausprobieren, was funktioniert – und wiederholen das immer wieder. Dabei hilft ihnen das immense Mitteilungsbedürfnis ihrer Halter: Sie erhalten viele Rückmeldungen auf ihr Tun, wovon sie wiederum lernen. Auch Ketter hält es daher für plausibel, dass sich bestimmte Laute durchsetzen, weil sie der Katze zum Erfolg gereichen, bestehe dieser aus einer Liebkosung oder einem Leckerbissen.
Das sei wie mit Kindern, sagt die Veterinärin. "Da glauben manche auch: Wenn ich lange genug schreie, kriege ich die Schokolade."
Oder anders ausgedrückt: Der Mensch erzieht die Katze. Und die Katze den Menschen.
Doch wenn die Veränderungen derart leicht stattfinden, dann stellt sich auch die Frage, ob Miauen universell ist. Oder ob jedes Mensch-Haustier-Paar seine eigene Sprache schafft.
Schötz möchte eben das herausfinden. Denn manchmal kommen nach Vorträgen Zuhörer zu ihr und sagen, dass ihre Katze ganz anders klinge als das, was Schötz vorgespielt habe.
Und so wird die Forscherin für ihr nächstes Projekt Katzen aus Südschweden und Stockholm miteinander vergleichen, zwei Regionen, in denen die Betonung des Schwedischen variiert. Sie wird analysieren, auf welcher Silbe eine Katze ein Miau betont, wie schnell es ist und wie viele Pausen das Tier einlegt. Dann wird sie wissen: Nehmen Katzen Dialekte an?
"Es gibt zwei Möglichkeiten", sagt Schötz: "Alle Katzen sprechen gleich. Oder eine bayerische Katze klingt anders als eine aus Hamburg."
Nicht undenkbar: Andere Tiere verfügen durchaus über Dialekte. Buckelwale im Westen des Indischen Ozeans singen andere Lieder als ihre Artgenossen im Osten. Der südafrikanische Löwe brüllt langsamer als der in Tansania.
Wahrscheinlich ist aber auch, dass die Wesensart eines Tieres eine Rolle spielt, ob es mit der Flasche aufgezogen wurde oder vom Muttertier. Ebenso die Rasse: Siamkatzen beispielsweise, die ein schrilles Heulen ausstoßen, sind als Plapperer bekannt.
Schötz würde gern viel mehr Tiere untersuchen, solche, die in weiter entfernten Regionen leben, wo sich die Sprachen der Bevölkerung stärker unterscheiden. Aber dafür fehlen ihr derzeit die Katzen und das Geld.
Das größte Problem ihrer Experimente ist: die Aussagekraft. Sie hat bislang nur wenige Katzen untersucht, meist die eigenen. Ihre Experimente veranstaltet Schötz mitunter im Wohnzimmer.
Einmal streute sie im Garten Äpfel, Samen und Erdnüsse aus, um Vögel anzulocken. Dann versteckte sie sich im Nachbarzimmer. Die Kamera lief, das Mikrofon zeichnete auf. Donna, Turbo und Rocky saßen auf dem Fenstersims und beäugten die Vögel. Dabei schnatterten sie (wie ein auf der Zunge gerolltes Miau) und zwitscherten (einem schrillen Telefonklingeln ähnlich, das am Ende an Intensität zunimmt).
Das Zwitschern könnte dazu dienen, den Rachen zu lockern, um einen Vogel mit Haut und Federn zu schlucken. Andere glauben, die Tiere täten es, um ihre Beute in Sicherheit zu wiegen. Wildkatzen am Amazonas beispielsweise geben Laute von sich, die an die Rufe von Affen erinnern.
Eine der Ersten, die sich der Lautgebung der Katze annahmen, war die New Yorkerin Mildred Moelk. Fünf Jahre lang, schrieb sie Mitte des vorigen Jahrhunderts, habe sie die Laute ihrer Katzen versucht zu interpretieren. Sie fand zum Beispiel die "acht Paarungslaute" und die "sechs Arten zu miauen". Und dass Katzen nicht mit der Zungenspitze, sondern durch Rachenspannung Laute hervorstoßen.
Seither haben sich Wissenschaftler vor allem dem Hund zugewandt. Katzenvideos auf YouTube zum Trotz: Der beste Freund des Menschen macht wuff und nicht miau.
Tierärzte wie Ketter in München wären begeistert, "wenn wir Katzen besser verstünden". Sie sieht jeden Tag Besitzer, die an ihren Schützlingen verzweifeln. Solche, die glauben, ein Trillern sei ein aggressiver Akt; dabei handele es sich um eine freudige Begrüßung. Solche, die Schnattern als Fauchen interpretieren.
Wie viel schiefläuft, zeigen die Mails, die Schötz bekommt; Menschen aus aller Welt haben ihr geschrieben. Wie diese Amerikanerin, die gleich ein Video mitgeschickt hat. Ihre Katze gebe so ein "bellendes Miauen" von sich. Was das solle.
Schötz ist für diese Menschen ein Paartherapeut und deren Problem das vieler Beziehungen: gestörte Kommunikation.
Künftig will Schötz den Haltern der mittlerweile 600 Millionen Hauskatzen helfen zu entschlüsseln, was ihr Tier ihnen sagen will. Sie und zwei Linguisten werden Katzen Stimmen vorspielen und testen, welche Intonation die Tiere bevorzugen. Sie werden außerdem das Miauen von bis zu 50 Katzen aufzeichnen, um zu sehen, ob sie in verschiedenen Situationen auf unterschiedliche Art miauen.
Langfristig träumt Schötz von einer Bibliothek der Katzenlaute. Sie rückt wieder an ihren Computer, darauf hat sie viele Stunden Katzenstimmen gespeichert. Schötz spielt vor. Da ist das Rattern: eine Art ins Stottern geratener Motor, bei dem die Kiefer der Katze zittern, das Grollen (grr), das Spucken (tss) und das Zischen. "Hören Sie die plosiven Laute? Da steckt viel T und K drin."
Sie will die Töne online stellen, dazu eine Interpretation. Wie ein Wörterbuch für Felinesisch.
Sie geht hinüber zum Kratzbaum, wo sich Vimsan, hergeleitet aus dem Schwedischen für "die mit dem Po schwingt", gerade emporhangelt. Schötz schnipst mit dem Finger. "Ja, komm, komm", gurrt sie. Sie wedelt mit einer Plüschspinne. "Miau", macht Vimsan.
Schötz sagt, manche Laute in der Sprache der Katzen seien leicht zu deuten: als "Ich will, ich will, ich will".

Über die Autorin

Laura Höflinger Jahrgang 1988, arbeitet seit 2011 als Redakteurin im Wissenschaftsressort des SPIEGEL. Gegen Katzen hat sie nichts einzuwenden. Lieber hätte sie allerdings einen Hund.
Twitter: @hoeflingern
Von Laura Höflinger

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