16.07.2016

ComputerLieber Killerkaninchen

Die Foto-App „Prisma“ erobert das Netz. Ihre bonbonbunten Bildchen zeigen vor allem eines: die Grenzen der künstlichen Intelligenz.
Prisma" überflutet das Netz mit Bildern, oft quietschbunt wie eine aufgeplatzte Packung Smarties beim Kindergeburtstag. Die Aufregung ist riesig. "Prisma". Die kostenlose App zaubert aus langweiligen Selfies faszinierende Gemälde im Stil von Malern wie Mondrian, Munch oder Lichtenstein, mit dem Versprechen: "Be an artist!" Im Juni kam die App heraus und stürmte an die Spitze der Download-Charts.
Die neue App wird verklärt – und verteufelt. "Vergesst Instagram", jubelte die britische "Express Tribune"; die neue App, hieß es da, verändere nicht nur die Farben, "sondern transformiert sie in Kunstwerke". Und die "Bild"-Zeitung erklärt "Prisma" kurzerhand zu einer Gefahr fürs Vaterland; der russische Auslandsgeheimdienst FSB könne "in den Besitz der Nutzerdaten gelangen" – die App wurde in Russland entwickelt.
Okay, jetzt mal alle kurz durchatmen.
Was genau soll vor den Russen geheim gehalten werden? Selfies? Die in der Regel für die Netzöffentlichkeit geschossen werden, um möglichst viele Likes zu ernten? Die kompletten Telefonbücher von Handys zu saugen, wie es einige Chat-Apps tun – das wäre ein Aufreger. Aber daran hat man sich mittlerweile gewöhnt. Außerdem tut "Prisma" das gar nicht.
Auch das Jauchzen der Fans wirkt überdreht. Denn Fotofilter gibt es in Unmengen, seit Kai Krause, der Bildvisionär aus Dortmund, mit "Kai's Power Tools" vor einem Vierteljahrhundert die Welt mit dem kinderleichten Aufhübschen von Bildern beglückte. Klar, "Prisma" ist schneller und komfortabler als viele Konkurrenten. Das war's aber auch schon.
Dennoch lohnt sich ein genauer Blick auf die "Prisma"-Bilder. Denn zwischen den Pixeln zeigen sie vor allem eines: den derzeitigen Stand der künstlichen Intelligenz (KI) – das Auge denkt mit.
"Prisma" errechnet die bunten Bildchen mithilfe neuronaler Netze, die zuvor mit Meisterwerken trainiert wurden. Die App stammt aus einer der vielen KI-Schmieden in Moskau, die der Welt vor ein paar Wochen auch die Gesichtserkennungssoftware "FindFace" beschert haben, mit der man wildfremde Menschen auf der Straße via Abgleich mit Fotos aus dem Internet identifizieren kann.
Auf den ersten Blick sind die "Prisma"-Bilder faszinierend. Noch faszinierender ist, wie schnell man sich an ihnen sattsieht.
"'Prisma' bietet zwar hochkulturelles Ambiente, aber gleichzeitig Einheitsbrei", sagt Wolfgang Ullrich, Kunsthistoriker und Buchautor ("Der kreative Mensch"). Doch während das Plaudernetz Snapchat mit seinen absurden Filtern – Hundeöhrchen, Regenbogenkotze oder Killerkaninchennase – wenigstens Selbstironie oder Sarkasmus transportieren könne, mache die "ästhetische Pseudomoderne" wenig Lust, mit ihr zu spielen.
All das spricht überhaupt nicht gegen den Einsatz künstlicher Intelligenz, im Gegenteil. KI ist die digitale Entsprechung der Dampfmaschine oder des Verbrennungsmotors, als sie damals neu waren und die Welt in Aufregung versetzten.
In fast allen Berufen mischt die KI mit. Die Programme der Firma Narrative Science aus Chicago veröffentlichen selbst verfasste Artikel über Quartalszahlen oder Sportveranstaltungen; die Software von Wibbitz schnipselt automatisch komplette Nachrichtenvideos zusammen; und das IBM-System "Chef Watson" schmeckt mit kochkünstlicher Intelligenz Rezepte ab. Oft setzen diese allerdings auf teure Zutaten wie Lachs oder Scampi, um sie dann zu traurigem Matsch verköcheln zu lassen.
"Watson" ist nicht allein mit diesen KI-Kinderkrankheiten. Viele Robot-Rezepte, egal ob für Auge, Ohr oder Gaumen, werden erstaunlich schnell fad, denn Menschen besitzen ein feines Sensorium für programmierte Kunststückchen.
"Prisma", Wibbitz, "FindFace" oder "Watson" – alle diese Dienste zeigen, dass KI gerade einmal so weit ist, dem Menschen monotone Arbeit abzunehmen, mehr nicht.
Und so wirkt die visuell aufgepimpte Langeweile auch beruhigend, jedenfalls auf Fotografen und Köche und andere Kreative: Sie müssen nicht fürchten, bald von Bots ersetzt zu werden, solange sie ein paar Klicks voraus bleiben.
Zum Beispiel mit emotionalen Fotomotiven, die Menschen tief berühren, auch ohne Filter. Man denke nur an das aktuelle Bild einer friedlich protestierenden Schwarzen im Sommerkleid, umrigt von Polizisten in Kampfmontur. Es dürfte eine Weile dauern, bis es eine App gibt, die solche Fotos generieren kann.
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 29/2016
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