16.07.2016

GlosseSoziales Zittern

Jetzt auch noch Theresa May. Übernehmen Frauen die westliche Welt?
Obwohl es mehr Geschlechter gibt, gefühlt wie real, als unsere öde Blau-Rosa-Kultur es will, entzündet sich das öffentliche Interesse doch nach wie vor verlässlich am Rätsel Frau. Nun hat es Theresa May erwischt, die Nachfolgerin des summenden Abgangskünstlers David Cameron: wie Angela Merkel Pfarrerstochter, wie Maggie Thatcher aus eher kleinbürgerlichen Verhältnissen, wie Beata Szydlo nationalkonservativ, wie Marine Le Pen zäh, wie Hillary Clinton nicht als krasse Frauenrechtlerin bekannt ... Doch halt: Bereits in mittleren Jahren posierte May, keineswegs gleichgültig in modischen Fragen und berühmt für ihre extravaganten Pumps, in einem schwarzen Durchschnitts-T-Shirt mit der Aufschrift: "So sieht eine Feministin aus". Man kann also, auch das für manche eine Neuigkeit, trotz schöner Schuhe denken.
Wie armselig andererseits steht es um eine politische Ordnung, in der die Vorstellung, dass möglicherweise am Ende des Jahres drei Frauen an der Spitze der westlichen Welt stehen, bereits für soziales Zittern sorgt? Wenn man schon binäre Codes walten lässt, womit wir Abendländer uns ja am wohlsten fühlen, scheint adoleszent versus adult das passendere Paar: In einer Horde pueriler Zöglinge ragt eben heraus, wer es geschafft hat, erwachsen zu werden. Was heißt: Lustgewinn aufschieben können, sich selbst als Mittelpunkt der Welt vorübergehend aussetzen, rational verhandeln und das Spiel am Automaten oder auf dem Platz betreiben. Und was die Coiffeurkosten betrifft, dürften Donald Trump und François Hollande ohnehin die Spitzenränge belegen: 9895 Euro lässt es sich der französische Premier monatlich kosten, so auszusehen wie jedermann, während der Präsidentschaftskandidat der USA sich an den beliebten Slogan hält: Ich tu was für meinen Kopf, ich gehe zum Friseur! Lasst sie spielen, die Buben. Aber nicht Politik.
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 29/2016
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