16.07.2016

StarkritikPfau im Spiegel

Cristiano Ronaldo war der unbeliebteste Fußballer der Welt. Dann setzte er sich auf den Rasen und weinte.
Am Ende, als sie sich dann alle unter diesem blauen Triumphbogen der Uefa zum offiziellen Foto versammelt hatten und die Fotografen schon wie wild fotografierten, kam ein Herr in Blau von der Seite ins Bild, er forderte die Spieler mit wirbelnden Händen zum Aufhören auf und schien zu sagen: "Seid ihr verrückt? Was feiert ihr denn schon? Die Bilder könnt ihr alle vergessen! Habt ihr nichts gemerkt? Die Lücke in der Mitte? Habt ihr wirklich nichts gemerkt?"
Und dann kam er, der Humpelnde. Der Versehrte. Cristiano Ronaldo, der Mann, der, solange wir ihn kennen, der Welt stolz seinen makellosen, seinen perfekten Körper präsentiert hatte. Dies aber war der Tag, an dem dieser Körper nicht mehr funktioniert hat. Schließlich war er im Bild, warf sich auf den Boden, flog in die Mitte, lag dort mit gespreizten Beinen, den Kopf in die Höhe, ins Bild, gereckt. Sein Triumph. Sein Moment.
Wie leicht war es immer, ihn zu hassen. Eine Selbstverständlichkeit unter seriösen Fußballbetrachtern. Wer sich so fanatisch selbst liebt, dass er seinen Sohn (scheinbar mit sich selbst gezeugt, eine Mutter jedenfalls braucht ein Ronaldo dazu offenbar nicht) Cristiano nennt, braucht unsere Liebe nicht, ja der verdient unsere Verachtung, unseren Hass. Wollen wir doch mal sehen, was stärker ist am Ende. Seine Selbstliebe oder unser Hass.
Es hatte sich vielleicht schon angedeutet, wer siegen würde. In der Szene mit dem Flitzer, fünf Spiele zuvor, nach dem Spiel gegen Österreich. Als die geballte Ordnermacht den jungen Mann mit dem Handy vom Superstar entfernen wollte und Ronaldo immer wieder beschwichtigte und in das emporgereckte Telefon lächelte, während der Handymann hektisch und verzweifelt bemüht war, den Moment seines Lebens festzuhalten. Aber das verdammte Handy ... die verdammten Schweißhände ... dieses verfluchte Zittern  ... Ronaldo, der milliardenfach Fotografierte, beruhigte ihn so lange, bis das Foto gemacht war. Dass Cristiano Ronaldo auch diesen Moment nicht für den einen Fan auf dem Platz, sondern für die Millionen Zuschauer zu Hause inszeniert: schon klar. Aber es war schon ziemlich perfekt. Er hat es vor dem Halbfinale gegen Wales dann noch mal wiederholt. Jedes Mal war anders rührend und schön.
Und dann dieses Finale. Natürlich würde es sein Spiel werden, es musste ja sein Spiel werden. Dass es aber auf diese überraschende, irre Weise dazu werden würde, das war verrückt und bescherte diesem Turnier ohne Magie den einen großen magischen Moment.
Einer der größten Stars der Welt setzt sich, während die Männer um ihn herum Fußball spielen, auf den Rasen und weint. Er tut das zweimal. Er steht wieder auf, humpelt, läuft, schaut hinunter auf sein Knie und setzt sich wieder, um zu weinen. Er saß ja da, der große Ronaldo, der unbedingt der Größte sein will, wie ein kleiner Junge. Saß da wie sein eigener verzweifelter Fan. Kleine Jungs und Mädchen sind ja immer schon seine treuesten Anhänger gewesen. Haben es nie verstanden, was die Alten ihm da ständig vorwerfen: "Selbstinszenierung", "Gockeltum", "Eitelkeit". Was soll der Quatsch? "Super Schuhe. Super Frisur. Super Tricks. Super Tore. Liebt sich selbst. Hat er doch recht. Wir lieben ihn auch."
Und jetzt, nach zwei angekündigten Abgängen, verlässt er die Bühne. Er lässt sich tragen, natürlich hätte er auch noch laufen können, aber er lässt sich tragen, auf einer orangefarbenen Trage, seiner Sänfte, die Augen bedeckt, hinunter in die Unsichtbarkeit. Von nun an beherrscht er als abwesender Held das Spiel. Es geschieht nichts, natürlich nichts, kein Tor, 90 Minuten lang.
Schließlich ist er wieder da, aus der Unsichtbarkeit zurückgekehrt, das Spiel zu entscheiden. Er übernimmt die Regie, dirigiert, herrscht, ist König, flüstert Éder den Auftrag zum Tor ins Ohr, dann der Jubel, die Tränen. Und wie er scherzhaft den Trainer beinahe aus dem Bild stößt, dem ewig Starrgesichtigen ein Lachen ins Gesicht schubsen will.
Sein Spiel, für uns inszeniert. Es war ganz leicht, manchmal muss man nur verkehrt herum denken. Der perfekte Körper wird erst im Moment seiner Versehrung wirklich perfekt. Der Möchtegerngrößte wird erst wirklich groß, wenn er ganz klein ist. Der Pfau, der sich selbst so liebt, wird erst im Leiden unser Held. Das hält komischerweise auch im Moment des Triumphs noch an. Wir haben ihn einmal aus vollem Herzen leiden sehen. Das Foto am Ende ohne ihn, es wäre wirklich ohne Wert. Oder: Es erzählt die ganze große Geschichte dieses Mannes, dieses Abends.
Von Volker Weidermann

DER SPIEGEL 29/2016
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