16.07.2016

Der Augenzeuge„21 Cent pro Liter“

Vor einigen Wochen protestierten die Milchbauern lautstark gegen Tiefstpreise, nun ist's etwas ruhiger geworden – auch besser? Nein, sagt David Engel, 28, Landwirt in Hetzerath bei Trier. Er will die Sache jetzt selbst in die Hand nehmen.
"Wir sind ein reiner Familienbetrieb, das macht es einerseits leichter, andererseits auch schwerer. Leichter ist es, weil wir keine festen Löhne zahlen müssen. Wir schränken uns total ein, schieben Reparaturen auf, leisten uns nur noch das Allernotwendigste. So kommen wir irgendwie durch. Schwerer ist es, weil man so einen Mehrgenerationenhof ja nicht einfach zumachen will. Wenn ich so alt wäre wie mein Vater, der wird jetzt 59, dann hätte ich wahrscheinlich längst hingeschmissen, wenn keine Nachfolger da wären. Aber hier arbeiten auch meine Schwestern, die teilweise selbst schon Kinder haben. Ein großer Teil der Familie lebt davon.
Im Moment haben wir 125 Kühe, die geben am Tag etwa 3000 Liter Milch. Die Molkerei zahlt einen Grundpreis von 21 Cent pro Liter, dazu gibt es noch 2, 3 Cent Zuschlag für gute Qualität. Da legen wir zwar noch nicht drauf, aber ewig können wir das nicht durchhalten. Irgendwann wird der Rückstau der aufgeschobenen Arbeiten und Reparaturen zu groß. Vor einiger Zeit haben wir überlegt, ob wir auf 200 Tiere ausbauen sollen. Heute bin ich heilfroh, dass wir das nicht gemacht haben. Das hätte uns das Genick gebrochen. Denn die Milchpreise werden in absehbarer Zeit sicher nicht wesentlich steigen. Dafür ist das Angebot einfach zu groß.
Wir haben deshalb beschlossen, eine eigene Molkerei zu bauen. Damit können wir einen Teil unserer Milch selbst pasteurisieren und abfüllen, außerdem frischen Joghurt herstellen und vermarkten. Meine Freundin ist Lebensmitteltechnikerin, sie wird die Produktion leiten. Die Verpackungen und Etiketten entwirft meine Schwester. Im Oktober wollen wir starten. Die Idee ist, dass wir die Produkte direkt zu den Kunden bringen, zuerst hier im Dorf und in den Nachbarorten, später vielleicht bis nach Trier. Für die Hofmolkerei müssen wir uns hoch verschulden. Aber regionale Produkte sind bei den Kunden gefragt, da kann ein Liter Milch schon 1,30 Euro kosten. Ich habe auch mit Einzelhändlern gesprochen, die unsere Milch gern in ihr Sortiment aufnehmen würden. Seitdem schlafe ich wieder etwas besser."
Von Aufgezeichnet von Matthias Bartsch

DER SPIEGEL 29/2016
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