16.07.2016

FUSSBALLFallrückzieher und Flankenläufe

Die Welt bereitete sich auf eine Auszeit vor – die Fußball-Weltmeisterschaft in England zog die Menschen in ihren Bann. Der Fußball jener Jahre befand sich im Umbruch: Aus Amateuren wurden Vollzeitprofis, die WM war nicht länger ein Abenteuertrip, sondern wurde mit wissenschaftlicher Akribie vorbereitet – auch von den Fans daheim.
10 000 sportbegeisterte Deutsche waren ins Mutterland des Fußballs gereist, die Daheimgebliebenen deckten sich mit Bier und neuen Fernsehgeräten ein, der Kanzler vertagte manches "wichtige Staatsgeschäft", um sich vor dem Bildschirm "ballistischen Überlegungen hinzugeben" – im "Dämmerlicht der Mattscheiben reduziert sich das Weltgeschehen auf Fallrückzieher und Flankenläufe", dichtete der SPIEGEL.
Westdeutschland hatte eine Art Hybrid-Equipe zur VIII. Fußball-WM entsandt: Es gab Halbprofis wie Torhüter Hans Tilkowski, der noch immer hauptberuflich Versicherungskaufmann war und bescheiden seinem Ford die Treue hielt. Auch Uwe Seeler war noch nebenbei als Vertreter und Tankstellenbesitzer tätig; für das "Eiszeit-Idol", wie Mannschaftskollege Karl-Heinz Schnellinger ihn nannte, war es die letzte WM. Auf der anderen Seite gab es den 20-jährigen Franz Beckenbauer, hauptberuflicher Lizenzspieler und damals stolzer Besitzer eines Mercedes 230 SL. Auch Linksaußen Lothar "Emma" Emmerich kam für eine Nebenbeschäftigung nicht infrage, hatte er doch – nach eigenem Bekunden – "sein ganzes Leben nur an Fußball gedacht". Italien-Legionäre wie Horst Haller (Bologna) und Karl-Heinz Schnellinger (AC Mailand) waren den Jungstars "goldige Vorbilder".
Deutschland hinkte der Entwicklung hinterher, weil erst drei Jahre zuvor die Bundesliga aus der Taufe gehoben worden war, an ein Dasein als Vollprofi war hierzulande vorher nicht zu denken gewesen. Die neue Liga tat auch der Nationalmannschaft gut, die Spieler wurden professioneller trainiert, und Bundestrainer Helmut Schön wurde die Sichtung potenzieller Nationalspieler erleichtert: Statt 74 Vereinen in fünf regionalen Oberligen musste er nur noch 18 Klubs im Auge behalten.
Im Vergleich zu den Brasilianern war die deutsche Vorbereitung noch immer bescheiden. Brasilien investierte im Vorfeld der WM siebenmal so viel wie der DFB, die brasilianischen Organisatoren "planten ihren jüngsten Fußball-Feldzug wiederum mit preußischer Akribie". Für die Spieler wurde ein Fitnessprogramm "wie für US-Astronauten" entworfen, eigens herangezogene Psychologen entwickelten Persönlichkeitstests, den Spielern wurden maßgefertigte "Fußballstiefel" angepasst. Trainer Vincent Feola zähmte die undisziplinierten Stars und machte ihrer "eigenbrötlerischen, spielverzögernden Trick-Artistik" ein Ende. Damenbesuch im Quartier wurde nur einmal in der Woche gestattet. Feola wusste: "Mit den Frauen ist es wie mit dem Rauchen – man kann es nicht verbieten, aber wir versuchen, die Spieler davon abzuhalten."
Doch allen Rationalisierungsversuchen setzte der Fußball am Ende doch Grenzen. Die Brasilianer flogen – nach peinlichen Niederlagen gegen Ungarn und die brutal auftretenden Fußballer des Mutterlandes Portugal – bereits in der Vorrunde aus dem Turnier. Die Ursache hatte kein noch so ausgeklügeltes Trainingsprogramm austilgen können: Brasiliens Superstar Pelé "hatte erst im Frühling geheiratet und anschließend seine Form verloren", wie der SPIEGEL bereits zu Beginn der WM in Erinnerung gerufen hatte. Für die Deutschen ging es besser aus, bis zur 101. Minute.

DER SPIEGEL 29/2016
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