16.07.2016

FrankreichDie Stadt rannte

Erneut sucht der Terror das Land heim, zum dritten Mal in 18 Monaten. Nach den Anschlägen in Paris im Januar und November des vergangenen Jahres trifft es nun Nizza an der Côte d'Azur. Die Botschaft: Es kann überall geschehen.
Um 22.30 Uhr ist das traditionelle Feuerwerk zum Nationalfeiertag der Franzosen, dem 14 juillet, gerade abgebrannt. Nizzaer und Touristen schlendern über die Uferstraße „Promenade des Anglais“ am Strand entlang in Richtung der Cafés und Restaurants. Irgendwann um diese Uhrzeit biegt aus der Seitenstraße Rue Lenval, in der Nähe des Strandrestaurants Le Bambou, ein weißer Lastwagen links auf die Promenade ein.
Er fährt langsam, unheimlich langsam, vorbei am berühmten Hotel Le Negresco mit den uniformierten Portiers vorm Eingang, vorbei am Palmengarten des Museums Masséna.
„Der passte irgendwie nicht ins Bild“, sagt der deutsche Fernsehjournalist Richard Gutjahr, der die Szene vom Balkon seines Hotelzimmers beobachtet. Er sieht, wie ein Motorradfahrer versucht, die Fahrerkabine zu kapern. Polizisten eröffnen das Feuer auf den Laster. Der beschleunigt und fährt weiter.
Der Fahrer lenkt den Lkw in Schlangenlinien durch die Menge vor ihm, um möglichst viele zu treffen. Menschen seien wie „Bowlingkegel“ weggeschleudert worden, berichten Augenzeugen. Am Ende der Fahrt werden mindestens 84 Opfer tot sein. Die Polizei erschießt den Fahrer.
Schon wieder ein Anschlag in Frankreich: Kein Land in der Europäischen Union ist in den vergangenen zwei Jahren so oft vom Terror heimgesucht worden. Erst der Angriff auf die Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ am 7. Januar 2015. Dann die Attacken auf Cafés im 10. und 11. Pariser Arrondissement und den Konzertsaal „Bataclan“ am 13. November. Seit März 2012 starben im Land über 240 Menschen bei Attentaten.
Warum immer wieder Frankreich? Das Land ist für islamistische Terroristen ein besonderes Feindbild, weil es – stärker noch als andere Staaten des Westens – für die Werte eines säkularen Liberalismus steht und diese auch offensiv nach außen trägt, tief in die islamische Welt hinein.
Anhänger des „Islamischen Staates“ (IS) feierten das Attentat in den sozialen Medien am Tag danach, dabei hatte bis Freitagabend weder die Terrormiliz noch eine andere Organisation die Verantwortung für die Tat von Nizza übernommen. Es war noch nicht einmal klar, ob es sich um einen gezielten Anschlag oder die Amokfahrt eines Einzelnen handelt.
„Der Horror ist nach Frankreich zurückgekommen“, sagte Präsident François Hollande in einer ersten Erklärung am Freitag: „Wir sind an einem 14. Juli angegriffen worden, dem Symbol der Freiheit.“ Am 14. Juli 1789 hatten Bürger die Pariser Stadtfestung Bastille gestürmt, der Tag wird als Beginn der Französischen Revolution gefeiert. Hollande ordnete eine dreitägige Staatstrauer an und verlängerte den seit den Anschlägen von Paris im November 2015 geltenden Ausnahmezustand um drei Monate.
Als eine der Ersten stirbt am Donnerstagabend in Nizza auf Höhe des Strandabschnitts Magnan eine Muslimin. Beim Restaurant Voilier Plage trifft der Lastwagen eine besonders große Menschengruppe, mindestens 20 Menschen sterben an dieser Stelle der Promenade des Anglais. „Die ganze Stadt rannte“, berichtet ein Zeuge.
„Ich habe nur Schreie gehört und einen Wahnsinns-Zug, der auf uns zukam“, sagt die SWR-Reporterin Janine Konopka, die zufällig vor Ort war. „Ich habe einfach ‚Achtung‘ geschrien und meine Mutter auf die Seite geschubst und natürlich auf den Boden. Der Lkw hat mich auch am Bein noch ein bisschen gekriegt. Aber alle anderen, die neben mir standen oder hinter mir, sind entweder sehr, sehr schwer verletzt oder auch gestorben.
“Hunderte drängen sich in die Häuser entlang der Promenade, verstecken sich zum Teil auf Restauranttoiletten. Zu diesem Zeitpunkt weiß niemand, ob der Täter allein ist, ob er noch Bomben zünden wird, ob es einen zweiten Lastwagen gibt.
„Wir sahen einen Mann, der seine Kinder über einen Zaun warf und dann selbst hinterhersprang“, berichtet der Augenzeuge Ismail Khalidi.
Am Hotel West End lenkt der Täter sein Fahrzeug auf den breiten Fußweg und zurück auf die Straße, an der Ecke Rue Meyerbeer schießen Polizisten auf den Fahrer, der kann aber noch einmal beschleunigen. Sein Lastwagen kommt erst nahe des Palais de la Méditerranée zum Stehen.
Zu diesem Zeitpunkt ist es 22.50 Uhr. „Ich konnte dem Fahrer direkt ins Gesicht sehen“, sagt ein Zeuge der BBC. Er habe mit einer Pistole hantiert und sehr nervös gewirkt. Schließlich seien Beamte herangestürmt und hätten ihn erschossen. Bilder zeigen den Lastwagen mit Löchern in der Windschutzscheibe.
Die ganze Nacht über melden die Behörden immer höhere Opferzahlen, bis Freitagabend sind es 84 Menschen. Unter den Toten sind auch drei Deutsche, eine Lehrerin aus Berlin und zwei ihrer Schüler. Zwei Amerikaner sterben, eine Russin, eine Armenierin, ein Ukrainer. Der stellvertretende Polizeichef von Nizza stirbt. Mindestens zehn Kinder sterben, am Freitagmittag kämpfen noch 52 Verletzte in den Krankenhäusern von Nizza ums Überleben. Die Toten werden mit weißen Tischdecken aus den umliegenden Cafés und Restaurants abgedeckt. Auch dieses Bild kennt man in Frankreich – aus der Nacht des 13. November in Paris.
Wer ist der Mann, der den Terror nach Nizza brachte und den Franzosen damit vor Augen führte, dass sie sich nicht mehr in Sicherheit wiegen können, nicht in Paris, nicht in der Provinz?
In dem weißen Lkw stellt die Polizei die Papiere eines 31-jährigen Tunesiers sicher: Mohamed Lahouaiej-Bouhlel, geboren am 3. Januar 1985, Vater dreier Kinder, Kurierfahrer.
Bouhlel war wegen Gewalttaten vorbestraft, im März dieses Jahres verurteilte ein Nizzaer Gericht ihn zu sechs Monaten auf Bewährung. Die Polizei kannte ihn als Dieb, er hatte Eheprobleme. Doch er galt nicht als terrorverdächtig, nicht als sogenannter Gefährder, die Behörden hatten keine Sonderakte „Fiche S“ über ihn angelegt. Er stand nicht unter Beobachtung wie die Islamisten, die in der Redaktion von „Charlie Hebdo“ gemordet hatten oder im Bataclan.
Am Freitag durchsuchte die Polizei die Wohnung des Täters am Boulevard Henri Sappia, in einem östlichen Stadtteil von Nizza. Hier soll Bouhlel im ersten Stock eines unauffälligen Mietshauses gewohnt haben. Nichts weise darauf hin, dass es sich um einen religiösen Fanatiker gehandelt habe, sagte einer der Nachbarn gegenüber der Regionalzeitung „Nice-Matin“.
Er habe gern Shorts getragen, seinen Lieferwagen vor dem Hauseingang geparkt und sein Fahrrad immer mit hinauf in seine Wohnung getragen. Alle beschreiben ihn als „stillen Einzelgänger“, der nicht viel mit den Nachbarn zu tun haben wollte und im Gang nicht grüßte.
Mit seiner Frau soll er in Trennung gelebt haben, Nachbarn berichten auch von gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den Eheleuten. Er sei deprimiert gewesen, seit seine Frau ihn verlassen habe – auch das erzählt man sich hier. Angeblich, so ein anderer Nachbar, sei Bouhlel vor Kurzem ein Kredit verweigert worden.
Den Lastwagen hatte Bouhlel drei Tage vor der Tat in Saint-Laurent-du-Var, einem westlichen Nachbarort von Nizza, gemietet. Den Führerschein für Schwerlaster besaß er erst kurze Zeit. Die Polizei fand neben einer automatischen Pistole, Kaliber 7,65 Millimeter, Personalausweis und Handy in dem Fahrzeug, außerdem die Attrappen einer Granate und mehrerer Schusswaffen.
Hinweise auf Komplizen gibt es keine, auch ein Bekennerschreiben konnte bis Freitagabend nicht gefunden werden. Trotzdem sprechen die Behörden schon wenige Stunden nach der Todesfahrt von einem terroristischen Anschlag. Der für Terrorismus zuständige Staatsanwalt in Paris übernimmt die Ermittlungen.
Die Tat könnte tatsächlich zur Strategie des „Islamischen Staates“ passen. Zwei Jahre ist es fast her, dass deren Sprecher Abu Mohammed al-Adnani die Anhänger des IS zum Töten von „Ungläubigen“ aufrief, mit allem, was dazu dienlich sein könne: „Zerschmettert seinen Kopf mit einem Stein, schlachtet ihn mit einem Messer, überfahrt ihn mit einem Auto, werft ihn von einem hohen Platz nach unten, erstickt oder vergiftet ihn!“ Adnani erwähnte dabei speziell die „tückischen Franzosen“.
Der IS ist seit Monaten auf dem Rückzug, verliert Städte, Terrain in seinem selbst erklärten „Kalifat“ aus Teilen Syriens und des Iraks. In dessen Innerem werden die Kämpfer knapp und ebenso das Geld. Je stärker der IS unter Druck geriet, desto massiver und häufiger sind die Anschläge im Westen geworden.
„Das Bild eines starken IS lässt sich heute nur noch durch Terroranschläge aufrechterhalten“, sagt der Terrorexperte Peter Neumann vom Londoner King’s College. Auf bittere, erwartete Weise rächt sich so der militärische Erfolg im Kampf gegen den „Islamischen Staat“.
Der Terror ist dem IS nützlich, er macht ihn bedrohlich und gefährlich trotz der Verluste im Irak und in Syrien. Aber wie soll die Polizei die Taten Einzelner verhindern, die für ihr Mordwerk nicht einmal mehr Waffen brauchen, sondern nur einen Lieferwagen oder Lkw? Welchen Sinn machen da noch Durchsuchungen, bei denen man versucht, Waffen und Sprengstoff sicherzustellen? Wie erkennt man von nun an Terroristen?
Am nächsten Tag in Nizza bleiben die Bewohner nicht zu Hause, sie gehen raus in ihre Stadt, legen Blumen an der Uferpromenade nieder, stehen geduldig an, um Blut zu spenden. Es sind die gleichen Gesten der Solidarität und Trauer, die das Land aus dem vergangenen Jahr kennt.
Marine Le Pen, Parteichefin des rechtsnationalen Front National, nimmt den Anschlag von Nizza zum Anlass, jegliche Zurückhaltung abzulegen: Frankreich müsse dem „islamischen Fundamentalismus“ nun mit „totaler Entschlossenheit“ den „Krieg erklären“, sagt sie am Freitagvormittag.
Mit der Attacke in Nizza ist das Grauen aus Paris in den Süden, die Hochburg des Front National, gezogen – dorthin, wo Marine Le Pens Partei ohnehin beste Wahl­ergebnisse erzielt. Sie dürfte politisch von dem Blutvergießen profitieren.
Auch wenn bis dahin noch niemand weiß, woher der Terror kam, ob er orchestriert und angewiesen war. Oder ob es vielleicht doch die grausame Einzeltat eines verzweifelten Franzosen tunesischen Ursprungs gewesen ist.
Von Julia Amalia Heyer, Jan Puhl, Samiha Shafy, Christoph Reuter und Petra Truckendanner

DER SPIEGEL 29/2016
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