23.07.2016

SkandaleTatort Venedig

Je mehr Informationen über den Tod des Unister-Gründers Thomas Wagner ans Licht kommen, desto absurder wird der Wirtschaftskrimi.
Thomas Wagner war ein misstrauischer Mensch. Der Chef von Unister, Deutschlands größtem Online-Reisevermittler (fluege.de, ab-in-den-urlaub.de), kontrollierte alles und jeden und heuerte schon mal einen Privatdetektiv an, wenn ihm Menschen suspekt waren.
Wagners Verzweiflung muss also groß gewesen sein, als er sich vergangene Woche auf ein Geschäft einließ, das ihm viel Geld einbringen sollte – das er am Ende aber mit dem Leben bezahlte.
Ende Juni erhielt der Unister-Chef eine E-Mail, deren Inhalt wie der Stoff für einen billigen Krimi klingt. Der Absender, ein Finanzberater und ehemaliger Leipziger Bankdirektor, schlug Wagner ein Kreditgeschäft vor. Der Geldgeber, schrieb der Finanzmann, sei ein Israeli namens Levy V., der seit "über 30 Jahren im weltweiten Diamantengeschäft tätig" und an Spielbanken beteiligt sei. Über den Mann sei nichts Schlechtes bekannt, im Internet sei er nicht zu finden, "was angesichts der Diskretion seiner Geschäfte nicht verwundert".
Um zehn Millionen Euro Kredit zu bekommen, müsse Wagner eine Million Euro in bar zu einem Treffen in Venedig mitbringen, vor Ort bekomme er zwei Millionen in Schweizer Franken bar ausgezahlt, der Rest werde später auf ein Konto überwiesen. Weitere Sicherheiten? Nicht notwendig. "Treffpunkt ist ein seriöses Hotel oder wenn gewünscht eine Kanzlei." Zum Ablauf: "Treffen im abgeschlossenen Raum, Unterzeichnung des Darlehensvertrages, dann Austausch der Gelder." Das Geschäftsmodell sei "sicherlich recht ungewöhnlich" schrieb der Finanzmann, es biete aber "die Möglichkeit unkonventionell und schnell an Kapital zu kommen".
Und er drängte zur Eile: Am 20. Juli würden in Italien die Ferien beginnen, dann sei Herr V. für zwei Monate weg.
Wagner, der seit Monaten erfolglos nach einem Investor für sein klammes Internetimperium suchte, machte mit. Am 13. Juli flog er mit seinem Jugendfreund und Unister-Gesellschafter Oliver Schilling und einem Berater in einer gechartertern einmotorigen Piper PA-32R nach Venedig, der Leipziger Finanzmann reiste per Auto.
Was sich dann allerdings in der italienischen Lagunenstadt abgespielt haben soll, klingt so absurd, dass es kaum zu glauben ist: Auf einem Hotelparkplatz, so erzählen Menschen, die mit dem Ablauf vertraut sind, wurde das Bargeld ausgetauscht. Man verabredete sich jedoch für einen späteren Zeitpunkt in einer Bank, um das Geld dort gemeinsam einzuzahlen. Als die Leipziger bei der Bank ankamen, war sie geschlossen, der venezianische Geschäftspartner verschwunden. Das übergebene Bargeld sei, bis auf 10 000 echte Schweizer Franken, wertloses Papier mit dem Aufdruck "Muster" gewesen.
Wagner und seine Mitstreiter erstatteten auf einer Polizeiwache Anzeige und flogen am nächsten Tag zurück. Doch über Slowenien stürzte die Maschine ab, mutmaßlich wegen Vereisung. Neben vier bis zur Unkenntlichkeit verbrannten Leichen fanden die slowenischen Ermittler an der Absturzstelle 10 000 Franken.
Warum aber ließ sich Wagner auf Geschäftspartner und Methoden ein, die mit dem Begriff fragwürdig vergleichsweise milde umschrieben sind?
Einen Teil der Antwort liefert ein fünfseitiges Schreiben: der Insolvenzantrag der Unister Holding, den der Anwalt Nikolaus Petersen von der Kanzlei Petersen, Hardraht, Pruggmayer drei Tage nach Wagners Tod beim Amtsgericht Leipzig einreichte.
Die fälligen Forderungen, schrieb Petersen, summierten sich auf 39,2 Millionen Euro, gut 34 Millionen Euro davon entfielen auf einen Kredit der Versicherung Hanse Merkur. Dem Finanzamt schulde Unister gut 800 000 Euro, dem Internetkonzern Yahoo 1,2 Millionen, diversen Anwaltskanzleien mal 300 000, mal 400 000 Euro. Und auch bei Petersens Kanzlei steht Unister mit 124 000 Euro in der Kreide.
Das Unternehmen "verfügt über liquide Mittel einschließlich eines Kassenbestandes in Höhe von 0,00 Euro" schreibt Petersen, die Forderungen könnten also "ganz offensichtlich" nicht bedient werden. Auf einen Nachfolger für Wagner hatten sich die seit Langem zerstrittenen Unister-Gesellschafter nicht einigen können, zwei von ihnen beauftragten Petersen, die Insolvenz zu beantragen.
Es gehört zu den Merkwürdigkeiten dieses Falls, dass ausgerechnet Petersen auserkoren wurde: Noch vor drei Monaten nämlich war der Partner in der Kanzlei des früheren sächsischen Innenministers Klaus Hardrath sicher, dass bei Unister nichts anbrenne.
Schon auf einer außerordentlichen Gesellschafterversammlung am 8. April hatte Unister-Mitgründer Daniel Kirchhof gefordert, Wagner solle ein Insolvenzverfahren beantragen. Tatsächlich stand Unister bereits im Herbst mit dem Rücken zur Wand: Am 14. Oktober war der größte Teil des Hanse-Merkur-Darlehens fällig, das damals bei rund 55 Millionen Euro inklusive Zinsen lag. Unister konnte die nötige Summe nicht aufbringen. Die Versicherung hielt erst mal still, mit Mühe wurden rund 2o Millionen abgestottert. Wagner stellte immer wieder einen Investor in Aussicht, doch Kirchhof glaubte daran nicht mehr.
Wie heikel die Sache war, zeigt ein Schreiben, das Unister-Anwalt Nikolaus Petersen drei Tage nach dem Gesellschaftertreffen an die Insolvenzabteilung des Amtsgerichts Leipzig schickte. Die Versammlung habe Kirchhofs Ansinnen "einmütig abgelehnt", weil "die Gesellschaft ganz offensichtlich weder zahlungsunfähig noch überschuldet" sei.
Gerüchte um eine Insolvenzverschleppung gab es bei Unister in der Vergangenheit immer wieder. Ermittelt wurde nie. Kirchhof, der sich mit Wagner seit über einem Jahr vor Gericht um Firmenanteile stritt, stand zuletzt Ende Juni im Verhandlungssaal in Leipzig und rief: "Wir sind zahlungsunfähig." Wagner soll das mit einem Lachen quittiert haben. Auch Anwalt Petersen mag nicht erklären, was die Lage innerhalb von nur drei Monaten so verschärft haben soll. Anwälte seien zur Verschwiegenheit verpflichtet, auch posthum, teilte die Kanzlei mit.
Wagners Lebenswerk bricht derweil zusammen: Vier Unister-Töchter haben Insolvenz angemeldet, Kirchhof hat Strafanzeige eingereicht, wegen des Verdachts der Untreue. Womöglich sei die Million für den geplatzten Venedig-Deal ja auch noch aus dem Firmenvermögen geflossen.
Von Dinah Deckstein, Isabell Hülsen, Nicolai Kwasniewski und Martin U. Müller

DER SPIEGEL 30/2016
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