23.07.2016

ExtremismusStadt der verlorenen Kinder

In nur wenigen Orten im Land gibt es so viele radikale Muslime, ist der rechtsextreme Front National so stark wie in Nizza. Ein Besuch in der Woche nach dem Anschlag des 14. Juli.
Es ist fünf Minuten nach zwölf am Montag, als alle Welt hören kann, dass Nizza eine gespaltene Stadt ist. Über 40 000 Menschen und Dutzende Kamerateams haben sich zur Schweigeminute auf der Promenade des Anglais versammelt. Vier Tage zuvor hat Mohamed Lahouaiej Bouhlel hier mit einem Lastwagen 84 Menschen in den Tod gerissen. Premierminister Manuel Valls ist gekommen, Nizzas Exbürgermeister Christian Estrosi, ebenso Marion Maréchal-Le Pen vom Front National.
Doch kaum ist die Marseillaise verklungen, ergießt sich ein Pfeifkonzert über die Politiker. "Démission! Démission!", Rücktritt!, brüllt es von überall. Frauen halten Plakate mit der Aufschrift "Ihr seid verantwortlich und schuldig" in die Kameras.
"Wenn wir kriminelle Ausländer abschieben könnten, wäre dieser Terrorist gar nicht mehr hier gewesen", sagt eine von ihnen. Ein Mann versucht, der Frau das Plakat aus den Händen zu reißen.
Nizza ist in diesen Tagen eine offene Wunde. Eine Wunde, die so schnell nicht heilen wird. War die Tat vom 14. Juli der Amoklauf eines psychisch Kranken? Oder der Angriff eines Terroristen? Ermittler suchen nun nach Erklärungen für den jüngsten Anschlag in Frankreich.
Doch etwas ist diesmal anders.
Bei den Pariser Anschlägen im Januar und November 2015 standen die Franzosen Seite an Seite. Die Hashtags #JesuisCharlie und #PrayforParis gingen um die Welt. Angela Merkel und François Hollande schritten Arm in Arm durch Paris. In Nizza hält die Einigkeit nicht länger als die Schweigeminute.
An kaum einem anderen Ort in Frankreich treffen die Gegensätze so hart aufeinander wie hier. Im Hafen liegen die Jachten der Millionäre, keine 15 Minuten weiter nördlich reihen sich schäbige Wohnblocks aneinander. Ganze Generationen sind in diesen Gettos groß geworden. Nizza gehört zu den Hochburgen des rechtsextremen Front National – und zu den Hochburgen der Islamisten. Über 100 von ihnen zogen in den letzten Jahren aus der Stadt Richtung Syrien, landesweit sind es 1600.
Die Côte d'Azur ist ein dankbares Rekrutierungsgebiet für den Islamischen Staat (IS), nur aus der Pariser Region kommen noch mehr Kämpfer. Die Gründe sind immer die gleichen: hohe Arbeitslosigkeit, runtergekommene Sozialsiedlungen, viel Kleinkriminalität – es ist, als lägen hier lauter kleine Molenbeeks direkt am Meer.
Hinzu kommt die große Zahl an Muslimen, die an der Küste leben. Viele Algerienheimkehrer, die "pieds noirs", zogen nach dem Algerienkrieg hierher, ebenso Bewohner der anderen Maghrebstaaten. Konflikte zwischen den Gruppen gibt es seit Langem, der Front National erzielt im Süden seit seinen frühen Jahren beste Ergebnisse. Bei den Kommunalwahlen 2015 unterlag Marion Maréchal-Le Pen, die 26-jährige Nichte der Parteichefin, nur knapp den Konservativen.
Der Täter von Nizza war Tunesier, und es war wohl Zufall, wen er bei seiner Amokfahrt in den Tod riss: Alte, Junge, Franzosen, Touristen und 30 Muslime.
"Kein Zufall war, dass der Anschlag in Nizza passierte, es war nur eine Frage der Zeit", sagt Benjamin Erbibou, 29, Mitglied der Organisation Entr'Autres ("Unter Anderen"). Entr'Autres versucht zu verhindern, dass Jugendliche zu Islamisten werden. Ein Team aus Psychologen und Politikwissenschaftlern weist Lehrer und Polizisten auf erste Anzeichen von Radikalisierung hin. Einmal pro Woche beraten sie über Verdachtsfälle, die ihnen zugetragen werden. Im vergangenen Jahr erhielt die Organisation mehr als 500 Hinweise.
Nizza ist zum Synonym dafür geworden, wie eine Stadt ihre Kinder an den "Islamischen Staat" verliert. Einer der bekanntesten französischen Hassprediger, der Senegalese Omar Diaby, lebte lange in Nizza und rekrutierte hier Dutzende Freiwillige, bevor er 2012 selbst nach Syrien reiste.
Im Februar 2014 plante die islamistische Zelle Cannes-Torcy, die Trainingslager an der Côte d'Azur unterhielt, einen Anschlag auf den Karneval von Nizza. Der mutmaßliche Haupttäter Ibrahim B. konnte wenige Tage zuvor verhaftet werden. Ein Jahr später, im Februar 2015, ging ein Franzose tunesischen Ursprungs, Moussa Coulibaly, in der Innenstadt von Nizza mit einem Messer auf drei Soldaten los, die Wache vor einer jüdischen Einrichtung hielten.
Der 14. Juli ist der vorläufige Höhepunkt dieser Serie. Von Lahouaiej Bouhlel war bislang nicht bekannt, dass er Kontakt zu extremistischen Predigern hatte. Ein Mann, der mit ihm im Fitnessstudio Gewichte stemmte, sagte der Zeitung "Nice Matin", sie hätten nur über Frauen und Anabolika geredet, nie über den Koran.
Der ermittelnde Staatsanwalt François Molins spricht von einer "schnellen Radikalisierung", der Attentäter habe sich erst eine Woche vor dem Anschlag einen Bart wachsen lassen. Doch kann man überhaupt von Radikalisierung reden, wenn einer nie zum Freitagsgebet in die Moschee kam, den Ramadan nicht einhielt, Alkohol trank und kiffte?
Der Täter habe sich zwar nicht an die Regeln des Islam gehalten, sagt Erbibou, aber mit der Idee des IS identifiziert. "Er fühlte sich in Frankreich ausgeschlossen und verletzt, weil er Muslim war." So gehe es vielen hier in Nizza. "Bouhlel sah es am Ende wohl als seine letzte Chance, sich dem Kalifat des IS anzuschließen."
Die Moschee En-Nour liegt an einer viel befahrenen Ausfallstraße im Westen der Stadt. Kein Minarett, keine Kuppel, kein Klingelschild weist darauf hin, dass das Bürogebäude für die Muslime von Nizza ein wichtiger Ort ist. Mehr als ein Jahrzehnt hat die muslimische Gemeinde für diese Moschee gekämpft. Gegen den Bürgermeister, gegen den Gemeinderat, gegen die Nachbarschaft. Am Ende entschied ein Gericht, dass man die Umwidmung des Gebäudes nicht verbieten könne. Vor drei Wochen wurde die Moschee eröffnet, als ein Ort der Zuflucht und Hoffnung. Jetzt ist sie vor allem ein Ort der Trauer.
Es ist Sonntagabend, mehr als 200 Menschen haben sich versammelt, um für die Opfer zu beten und die Überlebenden zu trösten. Auch Nichtmuslime sind gekommen. Nacheinander sprechen Männer und Frauen von dem Abend, der ihr Leben für immer verändert hat.
Eine von ihnen ist Souad Boukioud. "Was ich am Donnerstag gesehen habe, lässt mich nicht mehr schlafen." Die 38-Jährige stand mit einer Freundin in der feiernden Menge, als der Laster an ihnen vorbeirauschte. Boukioud ist in Marokko geboren, hat jedoch fast ihr ganzes Leben in Nizza verbracht. Wie viele aus den ehemaligen Maghrebkolonien hat sie einen französischen Pass. "Aber jahrelang hat man uns eingeschärft, wir seien keine echten Franzosen", sagt Boukioud. Das habe etwas verändert, sie entschuldige sich für nichts mehr: "Je ne suis pas Charlie, ich bin nicht Nizza."
Sie sieht sich als Opfer des täglichen Rassismus in dieser Stadt. Und als Opfer des Terroristen. Sie versteht nicht, dass kein Abgesandter der Stadt, kein Politiker bei der Trauerfeier anwesend war, dass kurz vor der Moschee-Eröffnung ein blutiger Wildschweinkadaver vor der Eingangstür lag. Aber es überrascht sie nicht mehr: "Nizza ist eine rassistische Stadt."
Wie tief die Gräben sind, die quer durch die Stadt verlaufen, wird deutlich, wenn man Philippe Vardon trifft. Der 35-Jährige war jahrelang das Gesicht der rechtsextremen "Nissa Rebela" und des "Bloc identitaire" in Südfrankreich – einer Bewegung junger Nationalisten, die der Multikultigesellschaft den Krieg erklärten. Das Logo der Identitären zeigt ein Wildschwein. Gegen die Eröffnung der En-Nour-Moschee haben auch Vardon und sein Bruder demonstriert.
Vor einigen Jahren hat Vardon sich dem Front National angeschlossen, "auf Einladung Marion Maréchal-Le Pens", wie er betont. Und wohl auch aus Karrieregründen. Seit den Kommunalwahlen 2015 sitzt er im Gemeinderat der Stadt. Er ist in einem der Problemviertel von Nizza aufgewachsen, seine Mutter war Putzfrau, stammt aus Algerien. "Ich habe selbst die Transformation dieser Viertel erlebt", sagt er. "Wer sich nicht assimiliert, ist ein Problem für unsere Stadt."
Die anderen Politiker hält er für naiv, sie müssten endlich einsehen, dass der Terror aus dem Innern der Republik stamme. "Der IS ist nicht mit Flugzeugen gekommen und hat Bomben auf die Promenade des Anglais geworfen." Vardon fordert, klare Grenzen zu ziehen: sofortige Abschiebung von Kriminellen, Kontrolle der Gebetsräume. Und eine Aufrüstung der Polizei mit großkalibrigen Waffen. "Wir sind im Krieg, also müssen unsere Polizisten entsprechend gerüstet sein." Das sagt auch Marine Le Pen.
Die Menschen, die Vardon vertreiben will, kommen aus den immer gleichen, tristen Vierteln. Yasmina Touaibia, Dozentin an der Universität Nizza, hat dieses Milieu zu ihrem Forschungsschwerpunkt gemacht. Ihre Studenten hat sie eine Karte mit radikalen Hotspots erstellen lassen. Am Ende waren auf der Karte ziemlich viele Punkte.
"Die hiesigen Probleme sind wie ein Konzentrat dessen, was überall in Frankreich passiert", sagt Touaibia. "Jeder sucht jetzt nach einem Schuldigen, aber die Wurzel des Übels haben die Franzosen selbst geschaffen." In den Neunzigerjahren hätten sich viele algerische Islamisten in Nizza niedergelassen, denen Frankreich Asyl gewährt habe. So seien die radikalen Diskurse erst ins Land gekommen. Jedes Jahr am Nationalfeiertag werde man nun der Opfer gedenken. "Ich habe die große Hoffnung, dass dieses Drama die Stadt wieder vereint", sagt Touaibia, "aber wenn ich ehrlich bin, glaube ich es nicht."

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Von Laura Backes und Simone Salden

DER SPIEGEL 30/2016
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