30.07.2016

VerbrechenIm Tunnel des Wahnsinns

Der Amokschütze von München war bis kurz vor der Tat in psychiatrischer Behandlung. Mit grausamer Berechnung verfolgte er seinen Plan.
Das Wort Seelenruhe beschreibt einen Zustand, in dem jemand ganz bei sich selbst ist. Seelenruhe ist das, was David Sonboly nach seiner Tat empfunden haben muss. Es gibt ein Video, das den Amokschützen aus München zeigt, wie er langsam die Rampe zu einem Parkdeck hochläuft. Er hat zu diesem Zeitpunkt neun Menschen getötet und mehrere schwer verletzt. Aber er wirkt auf den Bildern so, als ob er vom Training im Sportstudio zurückkehren würde.
Man sieht, wie er auf dem verlassenen Dach des Parkhauses mit langen Schritten an einem Auto vorbeigeht, hin und wieder wirft er einen Blick nach unten auf die Straße. Unter ihm laufen Menschen, nicht ahnend, dass über ihnen der Mann steht, vor dem sie flüchten. In dem Rucksack, den er auf dem Rücken trägt, stecken noch rund 240 Schuss Munition. Es wäre ein Leichtes, aus dem Schutz der Betonbalustrade das Feuer zu eröffnen, aber er scheint das Interesse verloren zu haben.
Gleich nach dem Amoklauf war ein Video aufgetaucht. Es fand große Verbreitung, weil man darauf verfolgen konnte, wie sich Sonboly mit dem Bewohner eines angrenzenden Wohnblocks, der ihn auf dem Parkdeck des Olympia-Einkaufszentrums erspäht hatte, ein Schreigefecht liefert. Die Szene endet damit, dass der Schüler seine Waffe nimmt und auf die Hausfassade zielt.
Auch auf dem neuen Material, das ein Anwohner von der gegenüberliegenden Seite mit seinem Handy aufgenommen hat, sind die Schüsse festgehalten. Man erkennt darauf, wie ruhig der Attentäter ist, als wäre es das Normalste der Welt, auf einem Parkdeck in München zu stehen und auf Leute am Balkon zu schießen, die einen beschimpfen.
David Sonboly erweiterte am vorvergangenen Freitag die Schreckensliste deutscher Amokläufe um eine weitere Bluttat. Nach Erfurt, Emsdetten und Winnenden ist nun München-Moosach einer der Orte, an dem ein junger Mann die Waffe auf andere richtet, bevor er sich erschießt. Aber diesmal wählte der Schütze keine Schule, sondern einen öffentlichen Ort, um der Welt zu zeigen, wozu er fähig ist. Und die Tat fällt in eine Zeit, in der jeder sofort an islamistischen Terror denkt, das verschaffte ihr weltweit Aufmerksamkeit.
Nach der Tat finden sich immer Warnzeichen, die man hätte beachten können. Wenn es passiert ist, fragen sich viele, die dem Täter nahestanden, ob sie früher hätten einschreiten müssen. Aber was ist ein Warnzeichen, dass etwas so sehr aus dem Ruder läuft, dass man die Behörden alarmieren muss?
Wenn einer Tag und Nacht damit zubringt, auf andere zu schießen, auch wenn es nur ein Spiel ist? Wenn er sich abfällig über Ausländer äußert und sich im Internet "Hass" oder "Amok" nennt? Wenn er das Gesicht des Massenmörders Anders Breivik als Profilbild in seinem WhatsApp-Account hochlädt? Heranwachsende machen oft schräge Sachen. Wenn man jedes Mal Alarm schlagen würde, hätte die Polizei viel zu tun.
Im Nachhinein fügt sich vieles zu einem Bild. Nach allem, was man weiß, hatte es David Sonboly nicht leicht im Leben. Er war ein Junge, der schwer Anschluss fand und von anderen oft schikaniert wurde. Es gibt Kinder, auf denen alle herumhacken, weil sie die falschen Haare haben, die falschen Klamotten oder eine komische Art zu sprechen. Er habe so weibisch geredet, sagen Leute, die Sonboly aus der Schulzeit kannten. Auch sein Gang, der wirkte, als hätte er einen Handball zwischen den Beinen, gab Anlass zu Hänseleien.
"Du Opfer", sagen sie auf dem Schulhof zu Kindern, die sich nicht wehren können. Einmal erstattet der Junge Anzeige, nachdem er bestohlen wurde. Ein anderes Mal meldet er sich bei der Polizei, weil er von drei Jugendlichen verdroschen wurde.
Aber das ändert nichts. Es gibt Berichte, wonach jemand während des Sportunterrichts auf seine Kleidung uriniert haben soll. In dieser Zeit entwickelt David offenbar einen Hass auf Türken und Araber, die, so berichten Mitschüler, zu seinen größten Peinigern gehörten. Er verbietet seinen Bekannten, ihn weiter "Ali" zu nennen, wie er noch zu Grundschulzeiten hieß.
Es ist ein angeknackstes Leben, aber auch wieder nicht so angeknackst, dass es mit einem Schuss in den Kopf an einem Treppenabgang hätte enden müssen. Die Familienverhältnisse sind ordentlich, die Eltern nehmen die Probleme ihres Kindes ernst. Als David eine Angststörung entwickelt, bringen sie ihn für zwei Monate in der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychosomatik des Klinikums Harlaching unter.
Dem Klinikaufenthalt folgt eine ambulante Diagnostik der Heckscher-Klinik für Jugendpsychiatrie. Insgesamt vier Termine hat er dort, die er zusammen mit seinen Eltern wahrnimmt: Der erste ist am 15. Oktober 2015, der letzte am 15. Februar dieses Jahres. Danach ist David bei einem niedergelassenen Arzt in Behandlung. Den letzten Termin hier nimmt er im Juni wahr. Da er inzwischen volljährig ist, sind diese Besuche freiwillig erfolgt.
Der Vater, der aus Iran nach Deutschland gekommen war, ist Taxifahrer, die Mutter Verkäuferin bei Karstadt. Sonboly war im Hasenbergl aufgewachsen, keine einfache Gegend für ein Kind, das schüchtern ist. Aber seit mehr als drei Jahren wohnt die Familie in der Münchner Innenstadt, in unmittelbarer Nähe zum Königsplatz. Die Sonbolys bezogen eine Wohnung in den Nymphenburger Höfen, einer Anlage, in der man leicht 20 Euro Miete für den Quadratmeter zahlt.
Dass sich der Vater hier eine Bleibe leisten kann, verdankt er der Münchner Politik, die von Bauherren verlangt, bei Neubauprojekten eine bestimmte Anzahl preiswerter Wohnungen anzubieten. Im Sommer 2015 hatte David die Mittelschule verlassen, um die Fachoberschule zu besuchen.
Wenn er nicht Zeitungen austrug, um sich sein Taschengeld aufzubessern, hockte er in seinem Zimmer vor dem Computer. Die Jungs, die er im Netz traf, trugen alle Fantasienamen. Aber sie hatten vor ihm wenigstens Respekt, weil er bei "Counter-Strike" genauer zielen konnte als die meisten.
Es ist immer schwer, den Zeitpunkt zu bestimmen, an dem jemand den Tunnel des Wahnsinns betreten hat, der ihn zu seiner Tat führt. Wie viele Amokschützen hat Sonboly seinen großen Auftritt akribisch geplant. Wenn das Leben auf einen finalen Akt zusteuert, in dem man für einen Augenblick die Macht über Leben und Tod erlangt, überlässt man nichts dem Zufall. In seinem Zimmer fanden die Ermittler das Buch "Amok im Kopf. Warum Schüler töten" des amerikanischen Psychologen Peter Langman. Das Buch richtet sich vor allem an ein Fachpublikum, es soll dabei helfen, Schulmassaker zu verhindern.
Sonboly hat offenbar die Lebensläufe studiert, die Langman ausbreitet. Er hat die Schilderung der Tatverläufe gelesen, um Schwachstellen zu identifizieren, die es der Polizei erlauben würden, das Vorhaben, viele Menschen mit in den Tod zu nehmen, vorzeitig zu beenden. Amoktäter wie die Columbine-Schützen Eric Harris und Dylan Klebold waren für den Jungen aus München keine Soziopathen, sondern Vorbilder, an deren Taten er sich orientierte.
Ganz besonders verehrte er Tim K., den Attentäter von Winnenden. Im Internet war er Mitglied der "Tim K. Memorial"-Gruppe, eines Zusammenschlusses von Computerspielern, die dort ihre Bewunderung für den baden-württembergischen Schüler teilten.
Spätestens seit Frühjahr vergangenen Jahres, so ergeben es die Ermittlungen, verfolgte Sonboly einen Plan. Im Mai 2015 war er in Winnenden gewesen, um sich die Tatorte anzusehen, an denen Tim K. seine Opfer gefunden hatte. Die Polizei entdeckte auf seiner Kamera entsprechende Bilder. Zu dieser Zeit muss er auch angefangen haben, sich im Internet nach einer Waffe umzusehen, das legen Suchanfragen nahe (lesen Sie dazu auch Seite 25 über die Beschaffung der Waffe).
Die Wahl fiel auf eine Glock 17, die gleiche Pistole, die Anders Breivik benutzt hatte und auch Robert Steinhäuser, der Amoktäter von Erfurt. Mit der Glock können selbst ungeübte Schützen gut umgehen, weil sie wenig wiegt und sich der Abzug leicht bedienen lässt.
Wie planvoll Sonboly vorging, sieht man auch daran, dass er Monate vor der Tat bei Facebook unter dem Namen "Selina Akim" einen falschen Account anlegte. Bevor er sich am Nachmittag des 22. Juli auf den Weg zum Olympiapark machte, schrieb er, dass er alle einladen werde, die sich um 16 Uhr beim McDonald's neben dem Einkaufszentrum einfänden. Derzeit weiß niemand, ob oder wie viele der Facebook-Freunde von "Selina Akim" der Aufforderung folgten. Unter den Jugendlichen, die am Ende dieses schrecklichen Nachmittags sterben mussten oder verletzt wurden, war keiner, der auf "Selinas" Einladung reagiert hatte.
Manche Amokläufer sind bis zum Schluss nach außen die angepassten Allerweltsjungen, bei David Sonboly zeigte sich schon vor der Tat, dass er sich verändert hatte. Bei seinen wenigen Freunden habe er als netter, ruhiger Typ gegolten, dessen großes Hobby die Fliegerei gewesen sei, so berichtet es ein 17-jähriger Russlanddeutscher, der mit Sonboly über viele Jahren denselben Freundeskreis teilte. David sei oft mit der S-Bahn zum Münchner Flughafen gefahren, um vom Besucherpark aus die Maschinen auf dem Rollfeld zu fotografieren, ein richtiger "Flugzeug-Freak" eben.
Aber dann habe Sonboly angefangen, Stimmungsumschwünge zu zeigen. Eben noch sei er ganz normal gewesen und dann aggressiv. Mit einem Mal habe er einen "Riesenhass auf Ausländer" an den Tag gelegt, immer streitsüchtiger sei er geworden. Irgendwann habe er sogar seinen Freunden gedroht, sie alle umzubringen, aber das nahm niemand ernst. "Keiner von uns hätte gedacht, dass Ali zu einem Amoklauf imstande war", sagt der Freund.
Vier Monate ist es her, dass sich die beiden das letzte Mal sahen. Die Clique war zum Kino verabredet. Alle standen auf der Straße, als David plötzlich anfing, wüste Beleidigungen auszustoßen. Danach brach die Gruppe den Kontakt ab.
Zwei Monate nach dem Eklat erkundigte sich der 17-Jährige über WhatsApp bei seinem alten Freund, wie die Schule so laufe. Selbst diese harmlose Konversation sei irgendwann eskaliert: "Auf einmal schrieb er wirres Zeug und beleidigte meine Familie." Die Auseinandersetzung endete damit, dass David den Kumpel auf dem Chat-Programm blockierte.
Kaum hatte sich die Nachricht vom Blutbad in München herumgesprochen, begann die politische Schuldverrechnung. "Unser Abscheu den Merklern und Linksidioten", schrieb der sachsen-anhaltische AfD-Vorsitzende André Poggenburg auf Twitter. Aber je mehr über die Überzeugungen des Attentäters bekannt wird, umso schwerer dürfte es fallen, den Amokläufer von München ausgerechnet für die Sache der AfD zu vereinnahmen.
Er sei sehr nationalistisch gewesen, sagt einer, der Sonboly übers Spielen im Internet kennenlernte. Auf den Plattformen, auf denen sich die Spieler austauschen, äußerte er sich so offen fremdenfeindlich, dass viele den Kontakt abbrachen. Ein Schüler, der mit dem Jungen über die gemeinsame Begeisterung für "Counter Strike" zusammenfand, erinnert sich, wie sie sich über den Fall Tuğçe Albayrak austauschten, jene türkischstämmige Studentin, die gestorben war, nachdem es zu einem Streit in einem Schnellrestaurant gekommen war. "Fuck Tuğçe", habe Sonboly alias "Hass" im Chat geschrieben. Tut sie dir nicht leid?, fragte sein Spielkamerad nach. "Zum Glück ist sie tot", antwortete "Hass", "wieso mischt die Missgeburt sich ein?"
Sonboly ist am 20. April 1998 in München geboren. In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" konnte man lesen, er habe es als "Auszeichnung" verstanden, dass sein Geburtstag auf den von Adolf Hitler fiel. Dass seine Eltern aus Iran stammten, habe er als weiteres Privileg gesehen: Iran gilt als eine Heimstätte der Arier, jenes mythologischen Volksstamms, der bei den Nationalsozialisten überragende Bedeutung gewann.
Die Münchner Staatsanwaltschaft wollte die Hinweise auf Nachfrage nicht bestätigen. Der mehrseitige Text, den Sonboly hinterlassen hat, hilft leider wenig weiter, um seine politische Gesinnung genau zu bestimmen. Das sogenannte Manifest ist eher ein Sammelsurium von Gedanken, die um schulische Misserfolge, die familiäre Situation und das Gefühl der Perspektivlosigkeit kreisen.
Alle Opfer des Münchner Amoklaufs haben einen Migrationshintergrund. Drei Jugendliche waren türkischstämmig, drei weitere waren Kosovo-Albaner, ein Opfer stammte aus Griechenland. Von Anfang an gingen die Ermittler deshalb der Frage nach, ob Sonboly seine Opfer möglicherweise gezielt nach ihrem Aussehen ausgewählt habe. Aber alles, was man über den Tathergang weiß, spricht eher dagegen.
Das Olympia-Einkaufszentrum liegt in einer Gegend, in der der Anteil von Migranten besonders groß ist. Nach den Videoaufnahmen zu urteilen, die Sonboly vor dem McDonald's-Restaurant zeigen, sieht es so aus, als habe er wahllos auf jeden geschossen, der sich nicht schnell genug in Sicherheit bringen konnte.
Dass er ein "Wichser" sei, ein "Loser", wurde David Sonboly in der Schule immer wieder gesagt. "Wichser" war auch eines der letzten Wörter, die er hörte, bevor er seinem Leben ein Ende setzte. Davor lagen mehrere Stunden, in denen er wohl glaubte, die totale Kontrolle zu besitzen. Für diesen Machtrausch mussten neun Menschen ihr Leben lassen.
Von Laura Backes, Jan Fleischhauer und Conny Neumann

DER SPIEGEL 31/2016
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