30.07.2016

Gewalt„Bleib ruhig und knall alle ab“

Ein Gymnasiast kannte den Münchner Täter aus Amokforen und baute selbst Bomben.
Im Netz wird David Sonbolys monströse Tat von einer Sympathisantenszene für Amokläufer bejubelt. In der Gruppe mit dem Namen "Killer zu vermieten" freut sich ein "Ivan der Judenjäger" über den Attentäter von München: "Er hat es getan, er hat es wirklich getan."
Es gibt Onlinegruppen, in denen die Grenzen zwischen Ausländerhass, Rechtsextremismus und allgemeiner Menschenverachtung zerfließen. Die "social club misfit gang" begrüßt Besucher mit einem Hakenkreuz und den Worten "Willkommen, potenzieller zukünftiger Amokläufer". Rund 1600 Mitglieder aus aller Welt gehören dieser virtuellen Gang an.
Natürlich plant nicht jeder, seine Fantasie in die Tat umzusetzen. Aber zumindest ein deutscher Teenager, der zu dieser Szene gehört, hatte offenbar mit konkreten Planungen begonnen.
In der Nacht zum Dienstag stürmte die Polizei die Wohnung eines 15-Jährigen und seiner Eltern in Gerlingen bei Ludwigsburg. Man befürchtete, der Junge könnte ebenfalls einen Amoklauf planen, womöglich vor Beginn der Schulferien in Baden-Württemberg am Donnerstag.
Der 15-Jährige war, wie David Sonboly, Mitglied in mehreren dieser Onlinegruppen. Zumindest virtuell waren die beiden Freunde und tauschten sich per Chat über Amokläufer aus. Nach dem Attentat postete der Gerlinger Gymnasiast auf der Plattform Instagram ein Foto eines Profils von David Sonboly: "Ich kannte den Münchner Schützen übrigens." An anderer Stelle schrieb er: "Freund von David S."
Dass der Schüler aus Baden-Württemberg aufflog, ist der Aufmerksamkeit eines Berliner Computerspielers zu verdanken. Der 34-Jährige zockt jeden Tag stundenlang Computerspiele und überträgt das Ganze per Livestream im Internet. Erstaunlich viele Menschen in Deutschland sind offenbar bereit, dafür Geld zu zahlen. Der Mann kann davon leben. Aus privater Neugierde versuchte er, so viel wie möglich über den Münchner Attentäter herauszufinden. Dabei stieß er auf die Onlineaktivitäten eines Jugendlichen aus Deutschland, der sich "Diabolischer Psychopath" nannte. Zuerst dachte der Computerfreak, der tote Amokläufer habe sich so genannt. Bis "Diabolic Psychopath" plötzlich online war.
Der Berliner wandte sich an die Polizei, die nahm den Jungen in derselben Nacht fest. Auf Instagram hatte der Schüler zahlreiche Collagen des Columbine-Amokläufers Eric Harris gepostet, etwa mit Kreuzen, Einschusslöchern und Herzen, darauf den Spruch: "Keep calm and shoot everyone up" (Bleib ruhig und knall alle ab). Er lud Fotos von Messern, Schusswaffen und offenbar selbst gebauten Bomben hoch, dazu gab er alle chemischen Bestandteile an. Das Video einer explodierenden Bombe kommentierte er auf Englisch: "Ich wünschte, ich könnte meine Brandbomben an einem lebendigen Körper testen. Ich würde so gerne die verbrannte Haut und den Ruß auf dem Fleisch sehen." Daneben stellte er einen Smiley mit Herzaugen. Zwölf Personen gefiel das.
Bei der Hausdurchsuchung stellte die Polizei fest, dass dies mehr war als nur Fantasie. In der Wohnung des Jungen fand sie Waffen, größere Mengen Chemikalien – und Pläne der Fluchtwege seiner Schule. In einem Computerspiel hatte er das örtliche Robert-Bosch-Gymnasium nachgebaut, die Schule, die er vermutlich besuchte. Laut Polizei hat der Jugendliche gesagt, aufgrund von "persönlichen und schulischen Problemen" über einen Amoklauf nachgedacht zu haben. Er habe aber auch ausgesagt, dass er dies jetzt nicht mehr tue. Der Junge wurde in eine jugendpsychiatrische Einrichtung gebracht, die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Verstößen gegen das Waffen- und das Sprengstoffgesetz.
Unklar ist, wie weit die Pläne des 15-Jährigen gediehen waren. Die meisten seiner Instagram-Beiträge stammen aus dem Herbst 2015. Doch noch 24 Stunden vor dem Attentat in München stellte der Junge das Foto einer Pistole im Gras online, womöglich eine Softairwaffe, die nicht tödlich ist und mit Druckluft funktioniert. Dazu schrieb er: "Was macht mehr Spaß als ein bisschen Training im Wald?"
Von Laura Backes

DER SPIEGEL 31/2016
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