30.07.2016

KarrierenMr Riders Erfindung

Der amerikanische Wissenschaftler Todd Rider hat vielleicht einen Weg gefunden, das Denguefieber, das Zika-Virus und alle möglichen weiteren Viren zu bekämpfen. Aber er kann seine Forschungen nicht finanzieren. Wie ist das möglich? Von Uwe Buse
Es gibt Tage, da scheint Todd Riders Keller nicht tief genug unter der Erde zu liegen, nicht weit genug entfernt zu sein vom Getöse der Medien. Ende 2014 fühlte er so, während der Ebola-Epidemie in Westafrika, als ein Virus binnen eines Jahres mehr als 10 000 Männer, Frauen und Kinder fortriss aus dem Leben, und die Menschheit mal wieder nackt dastand, schutzlos, ohne Impfstoff. Und nun geschieht es wieder, eine neue Attacke, ein anderer Kontinent, ein anderes Virus, nicht so tödlich wie Ebola, aber nicht weniger fürchterlich.
Er fragt: "Möchten Sie etwas trinken?"
Seit Ende vergangenen Jahres berichten die Medien über Zika, über seinen unaufhaltsamen Vormarsch, über Neugeborene mit deformiertem Schädel, über Schwangere, die abtreiben lassen, weil sie ihr Leben nicht mit einem behinderten Kind belasten wollen. Wieder protokollieren Journalisten minutiös den Fortgang der ungleichen Schlacht, wieder können die Menschen bestenfalls Etappensiege melden, und wieder hat Todd Rider – verschanzt in seinem Keller, eingegraben zwischen seinen Büchern, Mikroskopen, Menschenschädeln – das Gefühl, er vergeude sein Leben. Denn Rider, von Beruf Bioingenieur, Genmanipulator, ist fest davon überzeugt, dass er in der Lage ist, das Kräfteverhältnis im ungleichen Kampf Menschen gegen Viren verschieben zu können, zugunsten der Menschen.
Es scheint ein anmaßendes Vorhaben zu sein, und Rider ist es gewohnt, Skeptikern zu begegnen, aber er hat weit mehr vorzuweisen als eine fixe Idee. Der Viruskiller, von Rider "Draco" getauft, existiert bereits. Er hat ihn in Experimenten erprobt, hat ihn in menschlichen Zellkulturen antreten lassen gegen bislang 18 Viren, darunter solche, die Grippe verursachen, das Dengue-, das Rift-Tal-Fieber, den gemeinen Schnupfen. Und am Ende jedes Experiments war das Virus stark dezimiert. Im nächsten Schritt infizierte Rider Mäuse mit der Grippe und dem Arenavirus, und auch hier unterlagen die Viren. "Eine Zeit lang ging es gut voran", sagt Rider. Er lehnt im Keller, an seinem Schreibtisch, ein kleiner Mann mit großer Brille, weichen Zügen, Bundfaltenhose, Seitenscheitel.
Es lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, ob Riders Idee hielte, was sie verspricht, so wie man das in der medizinischen Forschung nie sagen kann, bevor eine Idee alle Hürden genommen hat. Sicher ist dagegen, dass Riders Fall ein Beispiel ist für das Unvermögen des Wissenschaftsbetriebs, verheißungsvolle Ansätze angemessen zu fördern. Womöglich, auch das legt Riders Geschichte nahe, gäbe es für viele Probleme längst Lösungen, wenn unkonventionelle Forschung stärker belohnt würde statt bestraft.
Um das Potenzial von Riders Idee ermessen zu können, muss man wissen, dass der Kampf gegen Viren für Forscher bislang eine unendlich mühselige Angelegenheit ist. Um einen Impfstoff zu finden, müssen Forscher jedes Virus einzeln ins Visier nehmen, was Jahre dauern und Hunderte Millionen Euro kosten kann. Und sollte endlich ein tauglicher Impfstoff vorliegen, kann niemand sagen, wie lange er von Nutzen sein wird.
Viren sind infektiöse Partikel, aufs Äußerste reduziert, sie bestehen aus Nukleinsäuren und einer Proteinhülle. Sie gleichen Piraten, kapern Zellen, unterwerfen sie, damit die Zellen produzieren, was von den Viren gefordert wird. Schon seit ewigen Zeiten sind Viren Experten in der Kunst des Überlebens, haben sich eingerichtet auf feindlichem Gebiet. Sie mutieren erschreckend schnell und entwickeln immer neue Formen, die der Immunabwehr des Wirts entgehen. Im Kampf gegen diesen hochflexiblen Feind fehlt Ärzten immer noch eine verlässlich einzusetzende Waffe mit großer Bandbreite, vergleichbar den Antibiotika, die jedes Jahr unzählige Leben retten.
Rider könnte der Forscher sein, der in der Lage ist, diese Waffe zu liefern. Natürlich stehen noch viele Experimente und klinische Studien aus, aber bislang wirkt Draco überraschend gut, Nebenwirkungen sind nicht festzustellen, nicht in den Zellkulturen, nicht bei Mäusen. Todd Rider müsste seine Forschung eigentlich ohne Probleme finanzieren können, er müsste mit Mitarbeitern in einem gut ausgestatteten Labor arbeiten, stattdessen hockt er in seinem Keller.
Es gab für Rider einmal eine deutlich bessere Zeit, fünf Jahre ist es mittlerweile her, da wurden er und seine Entdeckung hymnisch gefeiert, als möglicher Befreiungsschlag in einem scheinbar unendlichen Kampf. Ein Papier zur Zukunft der Biotechnologie, herausgegeben vom Weißen Haus, nannte seine Arbeit "visionär". Die renommierte Fachzeitschrift "Plos one" ließ sie von Experten prüfen und publizierte sie, die noch renommiertere "Nature Biotechnology" berichtete über seine Arbeit. Das Magazin "Time" reihte Draco unter die erstaunlichsten Entdeckungen des Jahres 2011 ein. "Wall Street Journal" und BBC berichteten über ihn. Er reiste durch die USA, stellte seine Arbeit auf Konferenzen Kollegen und einem breiten Publikum vor. Eine private Stiftung war so überzeugt von seinen Resultaten, dass ihr Vorstand bereit war, Riders Forschung mit zwei Millionen Dollar zu fördern.
Es waren gute Monate für Rider, er wurde umworben, auf Podien gefeiert. Doch heute ist die Erinnerung an diese Zeit vor allem bitter. Heute steht Rider ohne Forschungsgelder da, arbeitet als Biologielehrer, der Schülern zeigt, wie man mithilfe von Waschmittel die DNA aus einer Zwiebel löst.
Statt in einem gut ausgestatteten Labor zu stehen, bittet er im Internet auf der Crowdfunding-Plattform Indiegogo um Geld. Das Video lässt sich auf YouTube besichtigen. Es zeigt zunächst, wie Rider geräuschvoll Kaffee schlürft und scheinbar ziellos im weißen Kittel durch die Gänge eines Labors läuft. Viermal grüßt er innerhalb von drei Minuten mit gespreizten Fingern wie Spock, der Vulkanier aus der US-Fernsehserie "Raumschiff Enterprise". Neben all diesen Albernheiten, die vermutlich nicht dazu beitragen, ihn seriös wirken zu lassen, gibt es eine Szene, in der Rider erklärt, wie sein Virenkiller Draco funktioniert.
Die Idee, die Riders Leben veränderte, ereilte ihn vor mittlerweile 16 Jahren. Er stand unter der Dusche, und ein Gedanke drang an die Oberfläche seines Bewusstseins: Jede Zelle des menschlichen Körpers besitzt einen Selbstmordschalter. Auf diesen Gedanken folgten Fragen: Ist es machbar, diesen Schalter umzulegen, sobald ein Virus in eine Zelle eindringt? Ist es möglich, das Virus mit seiner Wirtszelle zu eliminieren? Kann der Wirt zugleich der Henker sein?
Die Antwort, die Rider selbst gab: nur dann, wenn ein Alarm existiert, der den Eindringling verlässlich meldet.
Glücklicherweise besitzen die meisten Viren eine Eigenart, die sich als Auslöser für den Alarm eignet, die doppelsträngige RNA, eine enge Verwandte der DNA, und zwar in ungewöhnlicher Länge. Taucht diese lange RNA in einer Zelle auf, so aktiviert sie ein genetisch modifiziertes Molekül, das zuvor gespritzt wurde und das den Suizidschalter der Zelle umlegt, um Zelle und Virus zu eliminieren. Es ist ein radikaler Ansatz und um ein Vielfaches eleganter als das mühsame Niederringen einzelner Viren.
Rider besaß gute Voraussetzungen, seine Idee Wirklichkeit werden zu lassen. Er arbeitete am richtigen Ort, am Lincoln-Laboratorium des MIT, dessen Aufgabe es ist, die nationale Sicherheit der USA durch neue Technologien zu stärken. Auch besaß er das nötige Wissen. Bevor Rider seine Forschung an Draco begann, hatte er einen Sensor entwickelt, der in weniger als zwei Minuten Biokampfstoffe in der Luft identifiziert, mithilfe genmanipulierter Blutzellen und Quallenprotein. Rider taufte das Gerät "Canary", es wird heute in den USA unter dem Namen "Panther" vertrieben. Trotzdem ging nach anfänglichen Erfolgen alles schief, und Rider landete nicht auf dem Titelblatt von "Science" oder "Nature", sondern auf YouTube. Wie konnte das geschehen?
Den Keller seines Hauses in Littleton, Massachusetts, dürfen Besucher nur auf Socken betreten. Auf knarrendem Holz geht es die Stufen hinunter, Rider schaltet das Licht ein.
An den Wänden entlang ziehen sich Regale, Meter um Meter, geschreinert aus massivem Holz, dunkel gebeizt, die jede öffentliche Bibliothek schmücken würden, und Rider besitzt nicht Hunderte, sondern Tausende Bücher. Die Regale ziehen sich durch drei Räume, sind nach Sachgebieten geordnet, frei von Staub. Zu finden sind grundlegende Werke zu fast allen Naturwissenschaften, die Biologie der Zelle wird ebenso detailliert behandelt wie Quantenmechanik, Astronomie oder Strömungslehre. Mehrere Meter sind Abhandlungen zur Wissenschaftsgeschichte vorbehalten, nicht weniger für Biografien und Autobiografien großer Forscher, die das moderne Weltbild geprägt haben. Werner Heisenberg ist hier zu finden, Niels Bohr, Erwin Schrödinger, Albert Einstein natürlich. Dazu, penibel aufgereiht, die Abgüsse mehrerer menschlicher Schädel und Trümmer einer V2-Flugbombe, die während des Zweiten Weltkriegs auf London abgefeuert worden war.
Riders Keller ist sein Refugium, er ist ein Wissenschaftsfanatiker. Nicht Athleten, nicht Popstars waren die Helden seiner Kindheit, sondern Forscher wie Einstein, Bohr, Heisenberg. Während andere Kinder davon träumten, im Sport zu brillieren oder als Musiker, träumte Rider von künftigen Triumphen als Wissenschaftler. Seine Olympiaden waren die "Science Fairs", vergleichbar mit den Jugend-forscht-Wettbewerben. Mehrmals schaffte er den Einzug in die nationale Endrunde, einmal gewann er den Hauptpreis eines internationalen Wettbewerbs, mit einem selbst gebauten mobilen Roboter in Gestalt eines Hundes. Damals war Rider 14 Jahre alt. Sein Preis war eine Einladung nach Stockholm, um die Verleihung der Nobelpreise mitzuerleben.
Noch während seiner Schulzeit versuchte Rider, es seinen Helden gleichzutun und etwas Grandioses zu schaffen. Er entwickelte einen Raketenantrieb, der es möglich machen sollte, die Nutzlast einer Rakete um 50 Prozent zu erhöhen, ohne zusätzlichen Treibstoff zu verbrauchen. "Ich schlug der Nasa das vor", sagt Rider unten in seinem Keller, aus den Tiefen eines schweren Ledersessels, "aber die wollten davon nichts wissen". Einzelheiten zu Riders Rakete finden sich in der Datenbank des US-Patentamts, Patent Nummer 4,723,736.
Seine Doktorarbeit beschäftigte sich nicht mit Raketenantrieben, nun ging es um intellektuell Anspruchsvolleres, um Kernfusion und ihre physikalischen Grenzen. "Ich habe bewiesen, dass es fundamentale Beschränkungen gibt, die viele Varianten der Kernfusion unmöglich machen." Aber es gebe immer noch Firmen in den USA, die viel Geld in die Erforschung dieser Fusionsvarianten steckten. "Die könnten das auch gleich verbrennen, ganz konventionell, im Ofen", sagt Rider. Peter Catto, Abteilungsleiter am MIT und ausgewiesener Experte auf diesem Gebiet, bestätigt Riders Aussagen. Auch die über die Firmen.
Nach der Kernfusion wandte sich Rider wieder einem neuen Forschungsgebiet zu, der Biologie. Die Möglichkeiten der Genmanipulation faszinierten ihn, und sein erstes Projekt war Canary, der Sensor, der mithilfe von Quallenprotein Biokampfstoffe in der Luft identifiziert.
Biografien von Forschern verlaufen heutzutage geradlinig, selten wird das Fach gewechselt, selten wird eine Dissertation, Resultat mehrerer Jahre Arbeit, zugleich das Fundament jeder wissenschaftlichen Karriere, einfach so zu den Akten gelegt, weil es auf der Welt noch andere Phänomene gibt, die verstanden werden wollen. Die meisten Forscher bescheiden sich mit einem Fachgebiet, und oft genug bestimmt das Thema der Dissertation die gesamte wissenschaftliche Laufbahn.
Rider lächelt bei diesem Gedanken, und es ist kein freundliches Lächeln. Andere Forscher mögen die Konzentration auf ein Fach als sinnvoll erachten, als der Karriere förderlich, auch als ökonomisch zwingend. Er sieht vor allem verpasste Chancen und Kleinmütigkeit.
Rider ist kein einfacher Mensch, soll kein einfacher Kollege sein, seine Kompromisslosigkeit grenzt an Arroganz. Seine Rigorosität führt auch dazu, dass er sich schwertut in wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaften, er steht in dem Ruf, möglichen Ruhm nur ungern zu teilen. All das führt dazu, dass in der einschlägigen medizinischen Datenbank nur zwei Studien von ihm zu finden sind, veröffentlicht im Abstand von acht Jahren.
Gemessen am Publikationsvolumen anderer Forscher ist die Zahl lächerlich. So kommt es, dass Virologen, die sich für Draco interessieren, oft schon nach dem ersten Blick Abstand nehmen. Sie sehen einen Forscher, der in einer fachfremden Disziplin promoviert hat, einen ungewöhnlichen Ansatz verfolgt und ganz offenbar kein großes Interesse an kollegialen Arbeitsgemeinschaften hat.
Eine Gruppe chinesischer Tiermediziner an der Sun-Yat-sen-Universität im chinesischen Guangdong hat allerdings anders reagiert, die Mitglieder haben Riders Experimente nachvollzogen und waren mit den Ergebnissen hochzufrieden. Eine Übersichtsarbeit zum internationalen Forschungsstand über mögliche Wege, Viren auf breiter Front anzugreifen, ebenfalls chinesischen Ursprungs, nennt Riders Ergebnisse "optimal zur weiteren Verfolgung".
Auch westliche Forscher interessieren sich für Riders Arbeit; Shirit Einav etwa, Mikrobiologin in Stanford, sieht "einiges Potenzial" in Riders Ansatz. Andere wie Eleanor Fish, Immunologin an der Universität von Toronto, wünschen sich zunächst mehr Daten, um Draco besser beurteilen zu können.
Mehr Daten würde Rider sehr gern liefern. Doch es ist ein Teufelskreis. Die zögerlichen Reaktionen seiner Kollegen vermindern seine Chancen, neue Forschungsgelder zu akquirieren, und ohne Forschungsgelder kann er keine neuen Ergebnisse vorlegen, die seine Reputation in der akademischen Welt verbessern würden.
Könnte er noch auf das Fördergeld der Stiftung zurückgreifen, wäre vieles einfacher, aber auch das ist nicht mehr möglich. Die Förderung war gekoppelt an die Bedingung, dass er Zugriff hat auf ein Labor, auf die Geräte, die nötig sind, um seine Forschung voranzutreiben. Aber diese Möglichkeiten hat Rider nicht mehr. Er verließ das Lincoln-Laboratorium und ging Anfang 2014 zum Draper Lab, das ebenfalls in der Nähe des MIT liegt. Er hoffte, dort ein besseres Umfeld für seine Forschungen zu finden. Es war ein Schritt, den Rider besser unterlassen hätte. Nach nicht einmal anderthalb Jahren trennte sich das Draper Lab von etlichen Forschern, darunter auch Todd Rider. An der Spitze des Instituts saß ein neuer Geschäftsführer, er hatte zuvor für Google gearbeitet, dachte unternehmerischer als sein Vorgänger und war nicht sehr interessiert an langfristiger Forschung. Er schloss eine Zweigstelle des Laboratoriums in Florida, bereinigte "das Forschungsportfolio". Mit dem Job verschwand auch das Geld.
Während dieser Jahre bemühte sich Rider immer wieder, Geld von den staatlichen National Institutes of Health (NIH) zu bekommen, der wichtigsten Stelle zur Finanzierung medizinischer Forschung in den USA. Die NIH lobten seine Arbeit zwar, weil sie "vielversprechend" sei, die "bislang vorliegenden Daten eindrucksvoll" seien und weil diese "nahelegen, dass Draco erfolgreich angewandt werden kann gegen eine Vielzahl viraler Infektionen".
Aber trotzdem erging es ihm nicht besser als vielen anderen Forschern. Seine Anträge, die zu erstellen monatelange Arbeit erfordert, wurden abgelehnt, unter anderem weil sie "nur langfristig vermarktbar seien", weil er "der einzige qualifizierte Wissenschaftler" ("career scientist") in seiner Forschergruppe sei, weil Rider "allem Anschein nach nur wenige Studien veröffentlicht" habe. Schließlich zog Rider Konsequenzen. Er beschloss, sich nicht mehr bei den NIH zu bewerben und nach anderen Finanzquellen zu suchen.
"All das ist wirklich sehr, sehr unglücklich", sagt Rider. Er sitzt immer noch in seinem dunklen Ledersessel, die dicke Brille im Gesicht, seine Unterarme liegen auf üppigen Lehnen, die Füße erreichen nur knapp den Boden. Er wirkt klein und geschlagen, keine Spur mehr von der Begeisterung, mit der er eine halbe Stunde zuvor über Wissenschaft und Forschung gesprochen hat. Er kann seine Wut über sein Schicksal nur mühsam unterdrücken. Wäre das Licht aus, könnte man ihn im Dunkeln glühen sehen.
Bestätigung, ein wenig zumindest, erfährt er mittwochs, wenn er sich aufmacht zu seinen Schülern. Dann zerrt er einen roten Rollkoffer aus der Garage, belädt ihn mit den Utensilien, die er für den Unterricht braucht, und fährt mit dem Auto zehn Minuten zur Schule. Dort steht er dann im weißen Kittel vor mäßig interessierten Teenagern, vor der Brust die Krawatte mit lustigen DNA-Spiralen, die auch im YouTube-Video zu sehen ist.
Während der kurzen Fahrt zurück zu seinem Haus spricht Rider voller Sehnsucht über "das goldene Zeitalter der Forschung". Für ihn währte es hundert Jahre und zog sich bis in die Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts. Der Verbrennungsmotor wurde in dieser Zeit erschaffen, die Glühbirne, die elektrische Eisenbahn, das Telefon, neue Impfstoffe, Stahlbeton – und das Beste: "Forscher haben nicht die Hälfte ihrer Zeit mit dem Schreiben von Anträgen verbracht." Rider hätte gern in dieser Ära gearbeitet, "denn was", fragt er, "wird heute erfunden? Apps".
Natürlich stimmt das nur zur Hälfte. Nach wie vor werden atemberaubende Entdeckungen gemacht, gerade auf dem Gebiet der Genmanipulation. Crispr-Cas9 beispielsweise, ein neues Verfahren, um schnell, zielgenau und mit geringen Kosten ins Erbgut eingreifen zu können, revolutioniert gerade die medizinische Forschung. Aber womöglich verläuft der Fortschritt langsamer, als er müsste. Weil Quereinsteiger, Unangepasste, Unbequeme es heute schwerer haben als noch vor zwei, drei Jahrzehnten.
Dies ist ein Urteil, das nicht nur Rider fällt, es wird gestützt von akademischen Schwergewichten, von Männern und Frauen, die ihre wissenschaftliche Karriere vor Jahrzehnten begannen, als die Umstände noch günstiger waren, und die am Ende ihrer wissenschaftlichen Laufbahn gewichtige Titel tragen. Shirley Tilghman, Molekularbiologin und bis 2013 Präsidentin der Princeton University; Bruce Alberts, Biochemiker von Weltrang und zwölf Jahre lang Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften in den USA. Zusammen mit weiteren Forschern beklagen sie in offenen Briefen den Zustand der medizinischen Forschung in den USA. Gemessen an den Forschungsmitteln gebe es viel zu viele Forscher, die viel zu viel Zeit damit verbrächten, Anträge auf Forschungsförderung auszufüllen, die viel zu oft abgelehnt würden. Das Ergebnis sei ein überhitzter Wettbewerb, eine ungesunde Konkurrenz, die das kreative Denken, die Kooperation, die Risikobereitschaft bei Forschern und Geldgebern beschränke und in der Summe zu einer kleinmütigen Forschung führe, die den wissenschaftlichen Fortschritt behindere. Es ist ein harsches Urteil, vorgetragen mit großer Wucht, bislang verhallt es ungehört.
Rider glaubt nicht an die Reformierbarkeit des Wissenschaftsbetriebs. Er hat vor Kurzem eine zweite Spendenaktion auf Indiegogo gestartet, wieder mit großen Hoffnungen, wieder mit bescheidenem Ergebnis: Statt 60 000 kamen gut 40 000 Dollar zusammen. In einer Mail schreibt er, er werde sich weiter um Geldgeber bemühen. Wer das sein könnte, schreibt er nicht. Stattdessen berichtet er von einem neuen Vorhaben. Er will sich nun auch der Wissenschaftsgeschichte widmen, vor allem der Frage, warum Forschen früher so viel einfacher war. ■

Er hat Sehnsucht nach der Zeit, als Motor, Glühbirne und Telefon erfunden wurden – "und nicht nur Apps".

Über den Autor

Uwe Buse, Jahrgang 1963, studierte Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in Hamburg und arbeitet seit 1997 für den SPIEGEL. Es hat ihn überrascht, dass ein Mann, so schüchtern wie Rider, bereit ist, seine berufliche Zukunft von einer einzigen, wagemutigen Idee abhängig zu machen.
Von Uwe Buse

DER SPIEGEL 31/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 31/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Karrieren:
Mr Riders Erfindung

Video 01:03

Mountainbike-Massenkarambolage Neues Video vom "Höllenberg" veröffentlicht

  • Video "Grönlander über Trumps Kaufangebot: Sie können es nicht kaufen, sorry" Video 02:13
    Grönlander über Trumps Kaufangebot: "Sie können es nicht kaufen, sorry"
  • Video "Stunt in Basel: Einfach mal reinspringen" Video 00:48
    Stunt in Basel: Einfach mal reinspringen
  • Video "Boris Johnsons Berlin-Besuch: Das Goldammer-Szenario im Nacken" Video 02:49
    Boris Johnsons Berlin-Besuch: Das "Goldammer"-Szenario im Nacken
  • Video "Naturphänomen in Ungarn: Atompilz über dem Plattensee" Video 00:36
    Naturphänomen in Ungarn: "Atompilz" über dem Plattensee
  • Video "Unerwartetes Breakdance Battle: Siebenjähriger trifft auf Cop" Video 01:01
    Unerwartetes Breakdance Battle: Siebenjähriger trifft auf Cop
  • Video "Chirurgen als unentgeltliche Helfer: Operation Lächeln" Video 20:40
    Chirurgen als unentgeltliche Helfer: Operation Lächeln
  • Video "Monsun in Indien: Schleusentore nach Jahrhundertregen geöffnet" Video 01:08
    Monsun in Indien: Schleusentore nach Jahrhundertregen geöffnet
  • Video "Faszinierende Aufnahmen: Taucher treffen auf Mondfisch" Video 01:03
    Faszinierende Aufnahmen: Taucher treffen auf Mondfisch
  • Video "Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt" Video 01:10
    Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt
  • Video "Virtuelle Realität: Musikproduktion in 3D" Video 01:17
    Virtuelle Realität: Musikproduktion in 3D
  • Video "Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen" Video 01:16
    Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen
  • Video "Rettungsschiff Open Arms: Weitere Flüchtlinge springen ins Meer" Video 01:08
    Rettungsschiff "Open Arms": Weitere Flüchtlinge springen ins Meer
  • Video "Uber Boat: In Cambridge kommt der Kahn per App" Video 00:58
    "Uber Boat": In Cambridge kommt der Kahn per App
  • Video "Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun" Video 29:10
    Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun
  • Video "23.756 Container: Weltgrößtes Containerschiff in Bremerhaven" Video 01:06
    23.756 Container: Weltgrößtes Containerschiff in Bremerhaven
  • Video "Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom Höllenberg veröffentlicht" Video 01:03
    Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom "Höllenberg" veröffentlicht