30.07.2016

OlympiaÖliger Weg

Wofür steht IOCPräsident Thomas Bach? Die Dopingaffäre um Russland zeigt: für den Zynismus seines Amtes.
Wahrscheinlich, ja, ganz sicher hielt Dr. Thomas Bach es für eine angemessene Idee, Julija Stepanowa und deren Mann als Gäste des Komitees nach Rio de Janeiro einzuladen. Ein paar Tage Olympia von der schönsten Seite, schickes Hotel, Fahrservice zum Stadion, bester Blick auf die Laufbahn. Und das alles für lau. Das IOC lässt sich bei so was nicht lumpen.
Wenn man sich, wie Bach, unter anderem Träger des ukrainischen Ordens "Jaroslaw der Weise", zwischen Empfängen, Ehrenlogen, Präsidentensuiten und First-Class-Sitzen bewegt, dann könnte man tatsächlich auf diese Idee kommen. Wenn man, wie die Stepanows, aus der Heimat geflohen ist und sich in billigen Absteigen versteckt gehalten hat, wenn man seine Existenz drangegeben hat, um als Whistleblower ein staatliches Dopingsystem bloßzustellen, dann klingt solch eine Einladung herabwürdigend. Sie sagten ab.
Stepanowa darf nicht als 800-Meter-Läuferin in Rio starten. Bachs IOC lässt sie aus "ethischen Gründen" nicht. Weil sie Teil des russischen Dopingsystems gewesen sei. Aber auf die Tribüne darf sie. Bach wollte ihre Anwesenheit auf eine Geste reduzieren. Die hätte ihm mehr genutzt als Stepanowa. Großherzigkeit zu demonstrieren, das war das Maximum, was er sich und seinem Amt als Gottvater der olympischen Familie zugestanden hätte.
Der Fall Russland ist bei Weitem nicht der erste Skandal in der Geschichte des IOC, aber er ist die erste Bewährungsprobe in Bachs Präsidentschaft. Jahrzehntelang hatte der ehemalige Florettfechter auf dieses Amt hingearbeitet, schon als aktiver Athlet glitt er hinein in die Funktionärswelt, gelangte von Posten zu Posten, in Kommissionen, Vorstände und Exekutiven. Ein langer und öliger Weg, der ihn im September 2013 ans Ziel führte.
Solch einen Weg geht niemand, ohne Bündnisse aufzubauen, Abhängigkeiten einzugehen, Königsmacher zu gewinnen und befangen zu werden. Als Wirtschaftsanwalt besitzt Bach beste Kontakte nach Arabien, zu seinen einflussreichsten Verbündeten im IOC gehört der kuwaitische Scheich Ahmad al-Fahad al-Sabah. Es war für die Wahl auch kein Schaden für Bach, dass zu seinen Gönnern Wladimir Putin zählt. Russland Präsident hat sportlichen Erfolg zum Staatsziel erhoben und versteht sich bestens mit Bach.
Als nun bewiesen war, dass Doping in Russland von staatlichen Stellen organisiert und gedeckt wird, positive Dopingtests verschwinden und der Geheimdienst bei den Winterspielen in Sotschi dreckige gegen saubere Proben austauschte, stand Bach vor der heiklen Entscheidung, Russlands Athleten von den Sommerspielen auszuschließen. Es wäre ein Signal gewesen für einen saubereren Sport. Es hätte der "Entschlossenheit" und "Null-Toleranz-Politik" entsprochen, die Bach propagiert. Russland hatte eine rote Linie überschritten. "Eine neue, schockierende Dimension des Dopings mit beispielloser krimineller Energie", schrieb Bach noch Mitte Mai in einem Beitrag für die "FAZ".
Doch als es um Konsequenzen ging, entschied er sich für "eine ausgewogene Lösung". Als Chef eines Verbandes, der Werte wie Fairness und Menschlichkeit wie eine Monstranz vor sich herträgt, wählte Bach den faulen Kompromiss. Russland ist mit einem großen Team in Rio dabei. Bach kaschiert das als Gerechtigkeit gegenüber jenen russischen Athleten, die nicht Teil des Dopingsystems gewesen seien. Seine Karriere hing an dieser Entscheidung. Hätte er anders gehandelt, dann hätte er sich im IOC angreifbar gemacht und womöglich Kräfte freigesetzt, die er nicht mehr hätte kontrollieren können. Um in dieser Parallelwelt an der Spitze zu überleben, zog er den Zynismus seines Amtes vor.
Bachs hervorstechende Eigenschaft ist die Unschärfe. Es ist schwer zu erkennen, wofür genau er steht. Auch jetzt wieder.
Die Russen nicht auszuschließen? Sei eine fast einstimmige Entscheidung der IOC-Exekutive. Stepanowa darf nicht laufen? Hat ihm die IOC-Ethikkommission so empfohlen. Welche russischen Athleten werden für Rio gesperrt? Müssen die Verbände der jeweiligen Sportarten festlegen.
Wohin das führt, zeigt sich schnell. Der Weltverband der Fechter wird von dem russischen Oligarchen Alischer Usmanow geführt – Startrecht für alle erteilt. Und sogar wenn ein Verband gewillt ist, Athleten die Teilnahme zu verweigern, muss er mögliche Folgen für sich selbst berücksichtigen. Für Rio abgewiesene Sportler könnten vor Gericht Schadensersatz fordern. Vom Verband, nicht vom IOC. Das ist fein raus, denn es braucht die einzelnen Entscheidungen nicht zu verantworten. Bach hat das juristische und finanzielle Risiko abgewälzt.
Eine Woche vor Beginn der Spiele ist er nach Rio gereist, er braucht jetzt die schönen Bilder der Vorfreude auf die Spiele. Bach spielt auf Zeit und Vergesslichkeit. Vor allem aus Deutschland hallt die Kritik nach. Am persönlichsten wurde Diskus-Olympiasieger Robert Harting, der dem IOC-Chef vorwirft, "Teil des Dopingsystems" zu sein, er schäme sich für ihn.
Bachs Ideale, sofern er jemals welche besessen hat, sind auf der Strecke geblieben. Er ist wie ein ehrgeiziger Athlet, der sich entschieden hat, dass der persönliche Erfolg besondere Mittel erfordert. Bach ist gedopt, vom Steroid seines Amtes, vom Amphetamin seiner Karriere, vom Epo seiner selbst.
Von Detlef Hacke

DER SPIEGEL 31/2016
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