30.07.2016

KommentarSchon verloren

Ein Verlag in Paris verzichtet auf die Veröffentlichung eines islamkritischen Buchs.
Sterben für ein Buch? Die Nachricht, die der französische Verleger von "Der islamische Faschismus" an den deutsch-ägyptischen Autor Hamed Abdel-Samad schickte, liest sich dramatisch. Er könne es nicht verantworten, die Übersetzung des Buchs wie geplant im September erscheinen zu lassen, schreibt Jean-Marc Loubet, Verlagschef von Piranha, an Abdel-Samad. Nach den Anschlägen von Nizza befürchte er, mit einer Veröffentlichung das Leben seiner Mitarbeiter zu riskieren. Seit dem Anschlag gegen das Satiremagazin "Charlie Hebdo" ist auch in Frankreich klar, was Karikaturisten wie der Däne Kurt Westergaard oder Schriftsteller wie Salman Rushdie schon lange wissen – wer über den Islam spottet oder ihn kritisiert, lebt gefährlich. Das Risiko kann man eingehen oder nicht: Es für seine Mitarbeiter abzulehnen ist verständlich und trotzdem schwierig. "Der islamische Faschismus" war in Deutschland ein Bestseller und handelt von den Parallelen zwischen Islamismus und Faschismus, sucht gemeinsame historische Wurzeln und verwandte ideologische Versatzstücke: Antisemitismus, Todessehnsucht, Ablehnung der kulturellen Moderne. Das Buch war in Deutschland umstritten, Abdel-Samad ist für die AfD aufgetreten, ihm wurde immer wieder Islamfeindlichkeit vorgeworfen. Möglicherweise stimmt das sogar. Möglicherweise aber ändert das nichts an der Stichhaltigkeit mancher seiner Thesen. Man kann darüber streiten. Deshalb gibt es Bücher wie dieses. Diesen Streit muss man aber wollen. "Der islamische Faschismus" schütte derzeit Wasser auf die Mühlen der Rechten, das steht ebenfalls in der Mail von Loubet an Abdel-Samad. Das ist ungefähr so, als wäre man für die Abschiebung von Flüchtlingen, damit Nazis keine Argumente mehr haben. Wer so redet, hat schon verloren – gegen den Islamismus wie gegen die Rechte.
Von Tobias Rapp

DER SPIEGEL 31/2016
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