06.08.2016

Schulpolitik„Fauler Kompromiss“

In Bayern sollen Gymnasien künftig selbst entscheiden, ob sie ihre Schüler in acht oder neun Jahren zum Abitur führen – damit weicht ein weiteres Bundesland die G-8-Regel auf. Klaus Klemm, 74, ist einer der bekanntesten deutschen Bildungsforscher. Der Professor im Ruhestand, der zuletzt an der Universität Duisburg-Essen lehrte, hält wenig vom bayerischen Vorstoß.
SPIEGEL: Bayern war seinerzeit einer der stärksten Verfechter der Umstellung auf G8. Warum jetzt die Rolle rückwärts?
Klemm: Das ist eine Reaktion auf aktuelle Stimmungen in der Elternschaft, ein fauler Kompromiss, der nicht pädagogisch fundiert ist. Das achtjährige Gymnasium ist immer wieder auf Widerstand gestoßen, Kinder klagten über zu viel Stress und zu wenig Freizeit. Die Politik rennt nun den Umfragen hinterher. Das finde ich problematisch.
SPIEGEL: Das klingt nicht, als ob Sie G8 wirklich für so fordernd halten.
Klemm: Es gibt keine empirischen Beweise, dass die Belastung größer ist als bei G9. In Ostdeutschland, wo es immer schon das achtjährige Gymnasium gab, beschweren sich viel weniger Leute.
SPIEGEL: Können Eltern nicht am besten selbst entscheiden, in welchem System ihr Kind lernen soll, wie nun in Bayern geplant?
Klemm: Viele werden keine Wahl haben. Wer im ländlichen Raum wohnt, muss mit dem leben, was die nächstgelegene Schule anbietet. Das verstärkt die Ungleichheit zwischen Stadt und Land noch einmal mehr. Zudem ist das Bildungssystem in Deutschland schon unübersichtlich genug. Eine erneute Umstellung verwirrt.
SPIEGEL: Und sie kostet auch Geld.
Klemm: Ja. Denn wenn die Schüler ein Jahr länger lernen, brauchen Schulen mehr Räume und Lehrkräfte. Diese Ressourcen werden derzeit an anderer Stelle viel dringender benötigt.
SPIEGEL: Wo denn?
Klemm: Die Schulen müssen den Ganztagsunterricht ausbauen, die Inklusion stemmen und geflüchtete Kinder integrieren. Dort ist das Geld besser investiert als in einem weiteren Experiment mit G8.
Von Olb,

DER SPIEGEL 32/2016
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