06.08.2016

EssaySeht hin!

Warum es falsch wäre, Berichterstattung im Angesicht von Terror und Amok zu beschränken. Von Cordula Meyer
Die drei Bluttaten in Bayern haben eine Debatte darüber entfacht, wie Medien über Amokläufe und Terroranschläge berichten sollten. Journalisten müssen diese Debatte führen, unter sich und mit ihren Lesern. Es ist gut, dass sich heute jeder Journalist, der über Terror oder Amokläufe schreibt, fragen muss, ob er das Geschäft der Täter betreibt: Heroisiert er Mörder? Übernimmt er ihre Propagandabilder? Schürt er Ängste?
Um all das zu vermeiden, zeigten viele deutsche Zeitungen und Sender nur verpixelte Bilder der Täter, nannten keine oder nur abgekürzte Namen. Ähnlich handhabten es etliche Medien im vom IS-Terror besonders betroffenen Frankreich. Am besten wäre es, überhaupt nicht zu berichten, überlegten Kollegen – nur sei das leider unrealistisch.
Aber: Es wäre auch nicht das Beste. Es wäre eine Selbstaufgabe des Journalismus. Er würde seiner Rolle, seiner Aufgabe, ja seiner Pflicht in einer pluralen Gesellschaft nicht gerecht. Die "Süddeutsche Zeitung" schrieb in einem Kommentar über den 18-jährigen Münchner Schüler, der am Olympia-Einkaufszentrum neun Menschen erschoss: "Was er dann noch zu sagen hat über sich und die Welt, das kann für Ermittler interessant sein, die künftige Taten verhindern wollen. Für die übrige Gesellschaft, die sich den Hinterbliebenen zuwendet und den Verletzten, die noch um ihr Leben kämpfen, ist es dies nicht."
Oh doch, das ist es.
Wie wollen wir Journalisten, wir Bürger sonst verstehen, was wir vor uns haben, wenn wir nicht dem Einzelfall so nah wie möglich kommen? Journalisten müssen aufschreiben, wer diese Menschen sind, was ihre Geschichten sind, was sie getan haben und wie. Terroristen verüben monströse, öffentliche Taten. Diese Taten verschwinden nicht dadurch, dass wir versuchen, sie zu ignorieren, sosehr wir uns das wünschen. Der Psychoanalytiker Martin Altmeyer hat vergangene Woche in einem Essay im SPIEGEL argumentiert, die beste Erklärung für Anschläge finde sich in nüchterner, präziser Beschreibung. Es ist Journalismus im besten Sinne, wenn Reporter solche Beschreibungen liefern.
Journalisten müssen recherchieren, auch bei Freunden der Täter, Angehörigen, Betreuern und Lehrern. Das ist keine besonders bequeme Arbeit, sie ist auch mit Klinkenputzen verbunden, damit, das Vertrauen von Menschen zu gewinnen, die vielleicht selbst verstört sind, das Geschehene verarbeiten müssen. Aber wer seriös handelt, wer hinterfragt, welche Fakten wichtig sind und welche nur Voyeurismus bedienen, wer also das Vertrauen nicht enttäuscht, der hilft, ein Puzzle an Informationen zusammenzusetzen, auf der banalen konkreten Ebene jedes einzelnen Falles. Diese Recherchen sind wertvoller als jede noch so gut gemeinte demonstrative Zurückhaltung.
Die Details eines Falls zu kennen heißt noch nicht automatisch, ihn zu verstehen, aber andersherum können wir eine Tat nie verstehen, wenn wir die Fakten nicht kennen. Und es ist wichtig, Taten und Täter zumindest annähernd zu begreifen, nur dann können wir als Gesellschaft schlussfolgern und handeln.
Die Kenntnis der Fakten ist außerdem das beste, ja fast das einzige Korrektiv zu den simplen Erklärungsmustern, die viele sofort bei der Hand haben, wenn es darum geht, eine Bluttat zu erklären. Schuld sind dann, je nach politischem Hintergrund: Killerspiele, Fremdenfeindlichkeit in Deutschland, Mobbing, Angela Merkels Flüchtlingspolitik, Nebenwirkungen von Psychopharmaka oder die Perspektivlosigkeit der Abgekoppelten in der Gesellschaft. Wer soll dieser weltbildgetriebenen Mutmaßerei entgegentreten, wenn nicht Journalisten mit ihrer Suche nach der Wahrheit und ihren Informationen?
Wer die Geschichte des 17-jährigen Riaz Khan Ahmadzai kennt, der mit einer Axt auf Fahrgäste eines Regionalzugs losging, wird sich schwertun, dessen Tat den mangelnden Integrationsbemühungen Deutschlands anzulasten. Ahmadzai machte ein Praktikum, er hatte offenbar eine Lehrstelle in Aussicht. Er gehörte zu jenen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in seinem Ort, denen Betreuer zutrauten, in Deutschland gut zurechtzukommen. Deshalb durfte er in einer Pflegefamilie wohnen, etliche Fotos zeigen ihn als Sonnyboy mit Freunden und in der Freizeit.
Der Amokschütze von München stellte sich selbst als Mobbingopfer dar, Mitschüler bestätigten dies. Aber Recherchen bei Amokexperten ergeben, dass solche Mörder häufig gar nicht Opfer massiven Mobbings waren, sondern dass sie auf Hänseleien unter Jugendlichen mit unverhältnismäßiger Kränkung reagierten. Es ist nicht sensationsgierig, diese Details wissen zu wollen, sie helfen bei Antworten auf die Frage, wo Prävention ansetzen muss. Sie schärfen auch den Blick von Lehrern, Mitschülern, Eltern und Geschwistern.
Wenn man der Argumentation so weit folgt: Wäre es dann nicht besser, wenigstens auf Namen und Fotos zu verzichten? Natürlich kann es Fälle geben, in denen das richtig ist. Medien müssen vermeiden, Täter zu glorifizieren und ihre Propaganda weiterzutragen. Auch der SPIEGEL hat in der Vergangenheit manchmal über Amokläufe in einer Art und Weise berichtet, die heroisierend wirken konnte. Im Fall des Amokschützen von Emsdetten wurde etwa ein Porträt gedruckt, auf dem er mit Sonnenbrille und Waffe posiert, sowie ein weiteres Foto, das ihn mit Flecktarn und Softair-Waffen zeigt.
Damit müssen wir uns in jedem Einzelfall auseinandersetzen. Aber auf Fotos und Namen grundsätzlich zu verzichten, zeigt eine paternalistische Haltung: Wer so entscheidet, traut der Öffentlichkeit einen angemessenen Umgang mit diesen Informationen nicht zu. Und der Verzicht würde in einer Zeit, in der diese Informationen im Netz frei verfügbar sind, Verschwörungstheorien und Interesse eher befeuern als begrenzen. Der Redaktionsleiter der linksliberalen französischen Tageszeitung "Libération", Laurent Joffrin, schreibt dazu: "Besser, die Bürger sehen der Gefahr ins Auge, wissen, mit wem sie es zu tun haben, und stellen fest, dass die Mörder, die diese schrecklichen Verbrechen verüben, auch harmlos aussehende junge Leute gewesen sind."
Dass Namen abgekürzt werden, kennen Leser aus Berichten über Verbrechen. Der Name eines gewöhnlichen Kriminellen darf nicht ausgeschrieben werden, auch um seine Resozialisierung nicht zu gefährden. Gibt es jedoch überragendes öffentliches Interesse, etwa bei einer besonders spektakulären Tat, darf in der Regel der volle Name genannt werden. So war es bei Andreas Lubitz, jenem Piloten, der eine Germanwings-Maschine mit 149 Menschen an Bord in den Alpen zerschellen ließ.
Oder müssen die Medien Angehörige von Mördern, Amokläufern und Terroristen schützen? So wird oft argumentiert. Aber muss man annehmen, dass die Öffentlichkeit Angehörige in Sippenhaft nimmt? Oder kann man nicht vielmehr erwarten, dass sie Verständnis aufbringt, etwa für das Leid einer Familie, deren Sohn nicht nur tot ist, sondern auch schwere Schuld auf sich geladen hat?
Bleibt die Frage, ob sich Nachahmungstäter von einer möglichen Berichterstattung ermutigt fühlen könnten. Das wäre ein schwerwiegendes Argument. Wissenschaftler warnen vor Nachahmungseffekten nach spektakulären Taten. Also gar nicht berichten? Das widerspricht dem Informationsauftrag der Medien und ist bei Ereignissen, die ein ganzes Land erschüttern, weder angemessen noch praktikabel.
Amokverehrer und potenzielle IS-Selbstmordattentäter brauchen die klassischen Medien als Vervielfältigungsmaschine kaum, sie haben ihre eigenen Resonanzräume in Foren und auf Internetseiten, die für sie wichtiger sind. Und schreckt es wirklich Nachahmer ab, dass der Attentäter von München in vielen Zeitungen und Nachrichtensendungen nur David S. genannt wurde und nicht David Sonboly? Das glauben vermutlich nicht einmal die Verantwortlichen in den Redaktionen selbst.
Doch es geht nicht nur um Nachahmungstäter: Vielleicht wollen die Journalisten, die keine Namen nennen und keine Bilder zeigen, auch die eigenen Leser oder Zuschauer schonen. Denn die öffentlichen Gewalttaten der letzten Zeit machen Angst, manche Leser fühlen sich ausgeliefert und wollen lieber nicht genau wissen, was eigentlich passiert ist. Journalisten sollten diese Emotionen anerkennen und aufnehmen, sie müssen sich auch mit dieser Angst beschäftigen. Manchmal hilft es, wenn Journalisten einordnen, wie gering in Wahrheit das Risiko ist, durch einen Amoklauf oder Terrorakt zu Schaden zu kommen. Es muss auch klar sein, dass Terroristen eine Gesellschaft in Angst versetzen wollen und dass es ein Zeichen von Stärke ist, sich dem zu widersetzen.
Die Debatte um den Umgang mit Terror und Amok zeigt das Bemühen der Branche um Transparenz und um Nähe zum Leser und Zuschauer. Beides ist gut. Aber sie zeigt auch die Verunsicherung einer Berufsgruppe, die fürchtet, Deutungshoheit abgeben zu müssen. Journalisten haben sich auseinandersetzen müssen mit "Lügenpresse"-Vorwürfen, mit Kritik an ihrer Berichterstattung etwa über Flüchtlinge und Rechtspopulisten. Vielleicht liegt es daran, dass einige jetzt so zaghaft wirken, sich ihrer Rolle fast zu schämen scheinen und Selbstzensur für eine gute Lösung halten.
Es wäre fatal, aus Furcht davor anzuecken, lieber nicht genau hinsehen zu wollen. Der US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump lügt, deutsche Populisten verdrehen Fakten, und in manchen Debatten scheint es kaum noch eine Rolle zu spielen, was stimmt und was nicht. Journalisten müssen dem die Ergebnisse ihrer Recherchen entgegensetzen. Bei allen Themen. ■

Schreckt es wirklich Nachahmer ab, dass der Attentäter nur David S. genannt wurde?

Von Cordula Meyer

DER SPIEGEL 32/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 32/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Essay:
Seht hin!

  • Erstmalig gefilmt: Die Schildkrötenknacker
  • Europawahl: Wer wählt wen?
  • Fridays for Future goes global: Studenten unterstützen Schüler
  • Video zu Therea Mays Rückzug: Die Premierministerin, die aus der Reihe tanzte