06.08.2016

HomestoryWir lagen vor Werl-Süd

Erkenntnisse aus dem Stau
Den Motor hab ich abgestellt, es sieht nicht so aus, als ob es da vorn bald weiterginge. Verrückt, eben war hier noch alles Tempo, Drängeln, Überholen – und plötzlich: Auto steht hinter Auto steht hinter Auto, bewegungslos, so weit man blicken kann.
Da vorn sind einige Leute ausgestiegen. Stehen neben ihrem Auto, rauchen, einer macht Kniebeugen. Andere schlendern die Reihen entlang – aber jetzt deuten sie aufgeregt nach hinten. Wo die Sirenen gellen, schnell näherkommend, und dann brettern sie in der Mitte zwischen uns vorbei – ein, zwei, drei Feuerwehren, kurz hintereinander, dann die Polizeiwagen, dann ein Wagen mit einem Anhänger und einem kleinen, verzurrten Bagger, schließlich die Wagen der Rettungssanitäter, man sieht das angespannte Profil der Fahrer, wahrscheinlich erwartet sie ein brutaler Anblick.
Die ersten Meldungen, eilig gegoogelt: Lkw umgestürzt. Vollsperrung bei Soest. Könne Stunden dauern, sagt ein Polizeisprecher.
Ich hatte einen Termin in Warstein, im Sauerland. Von Hamburg aus fuhr ich bis Hamm mit dem Zug, für das letzte Stück nahm ich einen Leihwagen. Auf der Rückfahrt dirigierte das verdammte Navigationsgerät mich auf die A 44, direkt in den Stau. Kurz vor Werl-Süd.
Deutschlands Autobahnen, fast 13 000 Kilometer, bilden das viertgrößte Netz der Welt, trotzdem: 568 000 registrierte Staus in 2015. Stauwachstum um 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Gesamtstaulänge: 1,1 Millionen Kilometer, 28-mal um die Erde. Das alles steht auf der ADAC-Website, scheinbar sachlich, aber mit einem vorwurfsvollen Unterton: Wo bleibt die freie Fahrt für freie Bürger? Die Wahrheit ist: Es gibt immer mehr Autos und immer mehr bröselnde Brücken. Wenn man beides zusammendenkt, kann man sich wieder abregen. Ich habe gut reden, ich hatte Zeit, darüber nachzudenken.
Sechs Stunden sollte ich in diesem Stau verbringen. Sechs Stunden, in denen ich auch sinnlosen Fragen nachgehen konnte. Warum sich zum Beispiel keine Stauliteratur entwickelt hat? Und keine Staumovies, während es doch jede Menge Roadmovies gibt? Einen einzigen Hollywoodklassiker kenne ich, mit Michael Douglas, der in einer Autoschlange beginnt, aber die Story nimmt erst richtig Fahrt auf, als der Protagonist sein Auto stehen lässt, um quer über den Acker und anschließend Amok zu laufen. Auch wir, die wir vor Werl-Süd lagen, waren von Durchdrehen nicht gar so weit entfernt.
Der Ausweg: Man muss zum Ethnologen werden. Sich dem Stillstand widmen. Ihn betrachten.
Stau ist Anarchie. Wir sind auf der Autobahn, aber alle rennen draußen rum. Die Sonne steigt, Schulklassen im Ausflugsmodus klettern aus Reisebussen, schwärmen aus, die Lehrer setzen sich auf den Asphalt, der eben noch korrekte Busfahrer zieht plötzlich sein Hemd aus, patscht sich auf den Bauch. Männer schlendern zum Pinkeln an den Grünstreifen. Frauen bleiben vorwiegend im Auto, benehmen sich überhaupt besser, leider, aber so war es.
Der Mensch im Stau, der männliche Mensch jedenfalls, will's genau wissen. Das Wo, Was, Wie, Warum. Wie schwer war der Unfall? Tote oder Verletzte? Jeder hat seine Konjunktivgeschichte. ("Wäre ich, wie ich wollte, 20 Minuten früher losgefahren ...") Nach einer Weile sagt einer: Wir kommen hier nicht eher weg, als wir wegkommen. Das leuchtet ein. Wir nicken.
Der Mensch im Stau ist ein Nachbarschaftswesen. Man lernt sich kennen, wie auf dem Campingplatz. Die zwei Lkw-Fahrer, der Russe und der Dortmunder, der Lakritz anbietet, dann der Pharmavertreter und der junge Typ mit den tätowierten Armen – wir sind bereits eine Art Clique. Kinderfotos werden gezeigt. Der Russe erzählt, dass er Boris heiße.
Es gibt neue Hierarchien. Die Lkw-Fahrer, Boris und der Dortmunder, sind die Chefs, die Experten. Sie wissen unendlich viel über die Entstehung eines Staus, über Räumung, über Krantransporte.
Einige Autos weiter vorn sitzt oder liegt in einem Škoda, grünmetallic, eine junge Frau, offenbar hochschwanger. Steigt kein einziges Mal aus. Hat die Rückenlehne ganz nach hinten gefahren. Sie scheint zu schwitzen, sieht blass aus.
Gibt es eigentlich Staubabys? Müssten wir helfen? Wir, die wir da stehen, beantworten die Frage mit einem klaren Ja, gleichwohl ist uns mulmig. Nur Boris sagt, dass er schon Kindern auf die Welt geholfen habe. Wir blicken auf seine Hände, die nicht so sauber sind, wie sie sein könnten.
Den Stau muss man buddhistisch angehen. Ihn akzeptieren. Nicht mehr kämpfen. Während manche in ihrem Auto sitzen, gebeugt über den Laptop, lassen die Glücklicheren los, stehen draußen, wälzen Gedanken und geben sie weiter. Boris, dem Russen, ist aufgefallen, dass wir großes Glück hatten. Zwei oder drei Kilometer weiter vorn, und wir wären vielleicht tot.
Buddhist werden.
Den Stau akzeptieren.
Wir versuchen es.
Der Stau löst sich auf.
Von Ralf Hoppe

DER SPIEGEL 32/2016
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