06.08.2016

AnalyseDer Nihilist

Groteske Patzer stürzen Donald Trump in die tiefste Krise des Wahlkampfs. Doch noch kann er Hillary Clinton gefährlich werden. Von Gordon Repinski
Wenn sogar der rechte Privatsender Fox anfängt, kritische Töne über einen republikanischen Präsidentschaftskandidaten zu senden, sollte der merken, dass es eng wird. In dieser Woche war es so weit: Zu Wort kamen auf Fox Rudy Giuliani und Newt Gingrich, zwei Parteigrößen und einflussreiche Unterstützer Donald Trumps. Bisher.
Die Ausführungen der beiden hatten es in sich. "Trump muss verstehen, es gibt nur noch eine Gegnerin, das ist Hillary Clinton", mäkelte New Yorks ehemaliger Bürgermeister Giuliani am Dienstag. Und Gingrich, auf dem Republikaner-Parteitag in Cleveland noch gefeierter Trump-Propagandist, erklärte am Mittwoch gestenreich, dessen Verhalten sei "selbstzerstörerisch": Er "muss mal runterkommen, ein paar neue Lektionen lernen".
Eine Rüpelei schadet Trump mehr als alle bisherigen Krisen seines Wahlkampfs. Nachdem die Eltern des im Irakkrieg getöteten amerikanischen Hauptmanns Humayun Khan auf dem Parteitag der Demokraten aufgetreten waren, beleidigte Trump das muslimische Ehepaar. Ihm war offenbar nicht klar, dass die Hinterbliebenen von Gefallenen, sogenannte Gold-Star-Familien, im patriotischen Amerika unantastbar sind, egal an welchen Gott sie glauben.
Dass Trump sich diesen Fauxpas leistete, liegt an einem seiner Charakterfehler und einer Wissenslücke: Trump fällt es grundsätzlich schwer, anderen Menschen Respekt zu zollen. Er definiert sich und seinen Erfolg über Geld und Macht und gerade darüber, dass er nicht "politisch korrekt" agiert. Gegenüber der etablierten Politik funktioniert diese Methode. Gegenüber den Eltern eines gefallenen Soldaten wirkt sie nihilistisch, ignorant. Vor allem: unpatriotisch.
Sein Verhalten zeigt überraschendes Unwissen über die Bedeutung des Militärischen in der amerikanischen Gesellschaft. Als ihm am vergangenen Dienstag bei einer Wahlkampfrede in Virginia ein Veteran seinen Purple-Heart-Orden schenkte, antwortete Trump, er habe "schon immer" ein Purple Heart besitzen wollen. Auf diese Art sei es ja "viel leichter", da heranzukommen. Dass die Auszeichnung nur im Kriegseinsatz Verwundeten verliehen wird, schien Trump nicht bewusst zu sein. Wieder folgte derbe Kritik. Mitte der Woche wurde dann ein Vorwurf diskutiert, dem zufolge Trump sich einst offenbar vor dem Kriegsdienst in Vietnam gedrückt hat: Er ließ sich zuletzt eine Fußerkrankung bescheinigen, einen sogenannten Fersensporn – der ihn aber bis dahin nicht davon abgehalten hatte, Football, Tennis und Squash zu spielen.
Die Liste der führenden Republikaner, die in den vergangenen Tagen von ihrem Maulhelden abrückten, ist beispiellos für einen Präsidentschaftswahlkampf. Den Anfang machten John Kasich, Jeb Bush und Paul Ryan. Danach erklärten erste republikanische Kongressmitglieder, Clinton wählen zu wollen. Und republikanische Geldgeber wie Meg Whitman, Chefin von Hewlett Packard Enterprise, sagten, dass sie nun für Clinton sammeln wollen. Mitte der Woche äußerten sogar New Jerseys Gouverneur Chris Christie und Vizepräsidentschaftskandidat Mike Pence Unbehagen über Trumps Stil – zwei seiner engsten Vertrauten.
Neben den Prominenten distanzieren sich auch zunehmend einfache Parteimitglieder von ihrem Kandidaten. Die "Republicans for Clinton 16" propagieren eine Doppelstrategie: "Trump ist eine existenzielle Bedrohung für die Republikaner", sagt ihr Anführer, der ehemalige Bush-Berater John Stubbs. "Wir wollen unseren Parteifreunden sagen: Wählt Hillary – aber rettet den Senat für die Konservativen." Am 8. November sind nicht nur Präsidentschaftswahlen, auch alle Abgeordneten und viele Senatoren werden neu gewählt.
Nur wenn man den Parteifreunden signalisiere, dass ein Kreuz gegen Trump in Ordnung sei, würden frustrierte Republikaner bei den Wahlen nicht zu Hause blieben, glaubt Stubbs. Innerhalb weniger Tage hat er Tausende Anhänger für seine Bewegung begeistern können.
Trotz aller Krisen ist das Präsidentschaftsrennen aber noch keineswegs entschieden. Clinton liegt in Umfragen fünf bis zehn Prozentpunkte vor Trump – und damit gerade mal auf demselben Niveau wie Mitte Juni und sogar schlechter als Ende April.
Nach wie vor leidet Clinton darunter, dass über 50 Prozent der Amerikaner sie als kühle Kandidatin des Establishments ablehnen. Die Unbeliebtheit von Trump und Clinton treibt enttäuschte Republikaner an den Demokraten vorbei in die Arme der beiden unabhängigen Wahlkämpfer: Gary Johnson und Jill Stein liegen in den Umfragen zusammen bei etwa zehn Prozent. Natürlich haben sie keine Chance, doch sie absorbieren einen Vorteil Clintons, der sich aus der Unbeliebtheit Trumps ergeben könnte.
Die größte Gefahr für Clinton liegt in der Zeit zwischen Ende September und Ende Oktober. Dann finden die drei großen TV-Duelle der Kandidaten statt. Trump hat im Vorwahlkampf 16 parteiinterne Konkurrenten ausgeschaltet, die wichtigsten bei Liveduellen. Clinton ist live weitgehend humorlos, Spontaneität ist nicht ihre Stärke.
Wie sie auf Donald Trumps brachialen Stil reagieren soll, liefert Diskussionsstoff für zahlreiche Runden in ihrer Wahlkampfzentrale. Patriotismus ist wichtig in Amerika, aber die Show auch.
Von Gordon Repinski

DER SPIEGEL 32/2016
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