13.08.2016

EssayDie Komödie als Inspiration

Was Diplomaten von Shakespeare lernen können Von John Kerry
Kerry, 72, ist Außenminister der Vereinigten Staaten von Amerika. Sein Essay über Shakespeare ist für die Textsammlung "Living Shakespeare" des British Council entstanden, die anlässlich des 400. Todestages des Dichters zusammengestellt wurde und in der Schriftsteller, Musiker, Schauspieler, Aktivisten und eben auch Politiker über die Relevanz Shakespeares für die heutige Welt schreiben. Kerrys Stück der Wahl ist "Wie es Euch gefällt". Die Komödie, entstanden wahrscheinlich im Jahr 1599, erzählt von einem entmachteten Herzog, der sich mit dem jungen Edelmann Orlando und Gefolgsleuten im Ardenner Wald versteckt. Prinzessin Rosalinde hat sich verliebt in Orlando und folgt ihm, begleitet von ihrer Freundin Celia und verkleidet als Mann. Im wilden Wald gerät alles durcheinander: die Liebe und die Politik, die Geschlechter- und die Standesrollen.
Wahrscheinlich ist William Shakespeare einer der bedeutendsten Botschafter Großbritanniens. Seit der Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika erfreut sich sein Werk bei uns großer Beliebtheit. Es ist eine Quelle der Inspiration für unsere Politiker. Seine Genialität wird noch immer weltweit bewundert. Seine Worte sind heute genauso wahr wie vor 400 Jahren. Er zeigt uns die Grundlagen des menschlichen Seins, unsere Vielschichtigkeit, unsere Motive.
Für jeden, der in der Außenpolitik tätig ist, müssten seine Werke Pflichtlektüre sein, denn bei unserer Arbeit dreht sich im Grunde genommen alles um Menschen. Wenn ich an einem Verhandlungstisch sitze, baue ich Vertrauen auf, ich zeige meinen Gesprächspartnern, dass ich sie verstehe – woher sie kommen und worum es ihnen in ihrem Leben geht.
Henry Kissinger, einer meiner Vorgänger, hat einmal geschrieben: "Noch nie zuvor musste eine neue Weltordnung aus so vielen unterschiedlichen Wahrnehmungen zusammengesetzt werden." Der Erfolg, mit dem wir in dieser komplizierten Welt navigieren, ist auch abhängig davon, ob wir in der Lage sind, Menschen zu verstehen. Künstler wie Shakespeare helfen uns dabei.
Ich habe den größten Teil meines Lebens als Politiker und Diplomat verbracht, und so könnte man vermuten, dass es die großen politischen Dramen Shakespeares sind, seine Historien und Tragödien, die es mir ganz besonders angetan haben. Stattdessen sind es seine Komödien. Der amerikanische Maler Francis B. Carpenter sagte einmal über Abraham Lincoln, einen großen Liebhaber Shakespeares: "Der Geist, der das Leid von 'Lear' und die Tragödie von 'Hamlet' zu fassen vermochte, wäre zerbrochen, hätte er nicht auch den Humor der 'Lustigen Weiber von Windsor' und die Heiterkeit des 'Sommernachtstraums' gekannt."
Natürlich helfen uns Komödien dabei, unseren Humor zu bewahren. Aber ihre eigentliche Stärke liegt darin, dass sie uns unsere Schwächen vorführen und dennoch ewig optimistisch sind. Dass wir die Vielfältigkeit der Menschen erkennen, unsere Gemeinsamkeiten, und dennoch unsere Unterschiede feiern. Dass sie uns nach Harmonie streben lassen und dass die großen Tugenden uns dabei helfen: Liebe, Vertrauen, Freundschaft, Loyalität und Verständnis.
Im Leben wie in der Diplomatie gilt: Das Scheitern ist nicht schlimm, wenn man vorher alles versucht hat. Wer versucht, die Welt sicher und friedlich zu machen, dem zeigen diese Theaterstücke einen Weg. Sie geben uns Mut, mit Willen, Entschlossenheit und Vertrauen für komplizierteste oder sogar auch absurde Situationen Lösungen zu finden.
Mein Lieblingsstück von Shakespeare ist "Wie es Euch gefällt". Rosalinde, die "versprach, dies alles auszugleichen", ist wahrscheinlich die größte Diplomatin der Weltliteratur. Mit Hartnäckigkeit, Geduld und Gelassenheit begegnet sie ihren persönlichen Traumata, die sie während ihres Exils und ihrer Verbannung erlebt hat. Sie gibt sich nicht damit zufrieden, sich in die Lage eines anderen zu versetzen, sondern übernimmt in der Figur Ganymed auch noch deren männliche Kleidung und Charakter. Geduldig bereitet sie sich vor und verhandelt. Sie kennt die besonderen Umstände und die Interessen aller Einzelnen. Sie ringt den Parteien Verpflichtungen ab, und dann sagt sie: "So will ich Euch denn nicht länger mit eitlem Geschwätz ermüden." Und am Ende macht sie aus Alleinstehenden Paare und aus Liebesaffären Ehen.
Durch die Kraft ihrer Persönlichkeit sorgt sie für Eintracht; Rosalindes Triumph ist der Triumph, eine durcheinandergeratene Gesellschaft wieder zu einen. Sie gewinnt unsere Sympathien, und am Ende darf sie uns Zuschauern, auch das ist selten bei Shakespeare, als Frau den Epilog halten, gewissermaßen die abschließende Pressekonferenz. In Alltagsprosa statt in blumigen Versen beendet sie das Stück, allein auf der Bühne, plaudert mit uns, ihren Freunden.
Für mich verkörpert Rosalinde das, was wirklich wichtig ist in der internationalen Diplomatie: die persönlichen Beziehungen. Der amerikanische Journalist Edward R. Murrow schrieb einmal, es komme bei Verhandlungen darauf an, den letzten Meter zwischen zwei Menschen zu überbrücken, und das gehe nur, wenn man miteinander spreche.
Auch Timing ist etwas, das man in Shakespeares Komödie lernen kann. "Es gibt keine Glocke im Walde." Das stimmt. Doch während die Ereignisse ihren Lauf nehmen, kommt es darauf an, das Richtige zum richtigen Moment zu machen, diesen Moment zu nutzen, um eine scheinbar verfahrene Situation zu retten. Handelt man zu rasch, ist man den Dingen voraus. Ist man unvorbereitet, riskiert man, den Augenblick zu verpassen, in dem die Sterne günstig stehen. Uns muss immer klar sein:
... von Stund zu Stunde reifen wir,
Und so von Stund zu Stunde faulen wir,
Und daran hängt ein Märlein.
Ganz egal, welche Erfolge oder Niederlagen wir erleben, unsere Arbeit ist nie vorüber. Sie endet nicht mit der Übergabe der Geschäfte von einer Regierung an die nächste. Unsere Rolle besteht darin, die Veränderung zu bezeugen und an ihr teilzunehmen. "So nutzt die gegenwärtige Zeit", um dort Fortschritte zu machen, wo es uns möglich ist.
An einer Stelle klagt Rosalinde: "O wie voll Disteln ist diese Werktagswelt!" Manche Menschen schauen auf die täglichen Schlagzeilen und sehen darin eine chaotische Welt, die zur Unordnung verdammt ist. Ich ziehe es vor, Optimist zu sein. Ja, es gibt Herausforderungen. Und das weiß jeder Diplomat von Anfang an:
... unglücklich sind nicht wir allein,
Und dieser weite, allgemeine Schauplatz
Beut mehr betrübte Szenen dar als unsre,
Worin du spielst.
Die Welt hat durchaus Probleme, ernst zu nehmende, die unser Engagement und unsere Führungsqualitäten verlangen, und doch zeigt uns dieses Stück, dass es statt Pessimismus Grund gibt für Hoffnung. Unmittelbar nach den soeben zitierten Zeilen folgt der vermutlich zweitberühmteste Monolog in Shakespeares Werk: "Die ganze Welt ist Bühne." Natürlich geht es auf der globalen Bühne um internationale Strategien, und dennoch: Es kommt immer darauf an, wie die Schauspieler auf der weltpolitischen Bühne ihre Rollen ausfüllen. "Sie treten auf und gehen wieder ab."
Wenn ich mich auf meinen Reisen mit Außenministern, Premierministern, Präsidenten und Menschen aus allen Lebenslagen auf der ganzen Erde unterhalte, habe ich nicht das Gefühl, dass sich das globale Gefüge auflöst. Im Gegenteil. Ich sehe eine Welt, die zusammenwächst. Ich sehe eine Welt, in der mehr Säuglinge als je zuvor überleben, um zu "greinen und sprudeln", in der mehr Schulkinder als je zuvor mit "glattem Morgenantlitz" in die Schule gehen. In der mehr Verliebte – unabhängig von Geschlecht und Orientierung – "seufzen wie ein Ofen", ohne um ihr Leben fürchten zu müssen. Trotz Turbulenzen und Tragödien in unserer Welt gibt es dennoch weniger Soldaten, die "schnell zu Händeln" neigen, und mehr von uns als je zuvor leben bis ins hohe Alter, ob mit oder ohne Zähne.
Es mag in "Wie es Euch gefällt" ein voreingenommenes Bild von der Politik herrschen – der Eindruck, dass der Hof zu Korruption und Intrigen neigt. "Keine Neuigkeiten am Hof als die alten." Dennoch wird auch gefragt, wie das zu beheben sei. Die Regierung des Herzogs befindet sich im Wald im Exil: "... süßer dieses Leben / Als das gemalten Pomps?" Hier genießt sie jene Freiheit, auf der die Vereinigten Staaten von Amerika gegründet sind und die ein gemeinsames Ziel der Menschheit ist. Diese Freiheit ermöglicht ihnen, Dinge neu zu lernen, Annahmen darüber, was wichtig ist und was nicht, infrage zu stellen und neues, fantasievolleres Regieren auszuprobieren.
Es ist genau die Stelle in "Wie es Euch gefällt", an der der Optimismus und die ungeheure Modernität Shakespeares erstrahlen. Das Theaterstück untersucht exakt jene Veränderungen, die in den vergangenen vier Jahrhunderten allmählich dazu beigetragen haben, dass immer mehr der sieben Milliarden Schauspieler auf dieser Erde die berühmten sieben Altersstufen des Menschen – Mann wie Frau – genießen können als je zuvor.
Das Stück setzt sich auch mit der Frage der sozialen Vielfalt auseinander, mit den Standesunterschieden auf dem Land, in der Stadt und am Hof. Es feiert die Ermächtigung der Frauen, und es zerstört unsere Rollenklischees. Es erkennt, dass Macht nicht die Antwort auf alles ist, denn "... eure Freundlichkeit / Wird mehr als Zwang zur Freundlichkeit uns zwingen". Und durch seinen Schauplatz, den Ardenner Wald, bezieht das Stück auch die vielleicht größte Herausforderung der heutigen Zeit ein: die Nachhaltigkeit der Umwelt selbst, in der wir alle leben. Wenn wir unsere Welt für künftige Generationen erhalten wollen, können wir uns von Shakespeare leiten lassen: "Dies unser Leben ... / Gibt Bäumen Zungen, findet Schrift im Bach, / In Steinen Lehre, Gutes überall."
Liebe, Loyalität und Vertrauen – das ist das, was uns Menschen zusammenhält. Die Tugenden, die unsere Welt funktionieren lassen und Politikern und Diplomaten auf der ganzen Welt Hoffnung geben, werden hier von Shakespeares Figuren verkörpert: Oliver, ein von Hass erfüllter Mann, der sich durch menschliche Güte und die Liebe verwandelt; Celia, die wahre Freundin, die auf alles verzichtet, um ihre Freundschaft zu besiegeln; und Adam und Orlando, beide loyal und liebevoll ("von jedermann bis zur Verblendung geliebt; und in der Tat so fest im Herzen der Leute").
"Wie es Euch gefällt" ist eines der idealistischsten und erbaulichsten Stücke Shakespeares. Es postuliert ein Universum, in dem wahrhaftes Glück durch Toleranz und Anerkennung, Vielfalt, Verständnis und Gemeinsamkeit zu einem erfüllten und harmonischen Leben führen kann. Indem wir den universellen Reiz und die Chancen solcher Werte erkennen, bietet es uns die Vision einer wahrhaft "goldenen Welt", eine ewige Quelle von Erkenntnis, Freude und Inspiration für uns alle. ■

Macht ist nicht die Antwort auf alles: "Eure Freundlichkeit wird mehr als Zwang zur Freundlichkeit uns zwingen."

Von John Kerry

DER SPIEGEL 33/2016
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