20.08.2016

JapanKollektiv kaltherzig

Nach einem Massenmord an Behinderten debattiert das Land über seinen schwierigen Umgang mit Randgruppen, Alten und Kranken.
Im Stadtteil Sanya in Tokio muss man genau hinschauen, um das Elend zu entdecken: ausgemergelte, oft ältere Tagelöhner, die in Billigherbergen leben. Obdachlose, die in einem kleinen Park unter blauen Plastikplanen hausen – ihre Schuhe säuberlich aufgereiht vor den Kartons, in die sie sich verkriechen.
Viele der Armen, die in diesem Slum leben, den man auf den ersten Blick nicht als solchen erkennt, haben einst das japanische Wirtschaftswunder mit erschaffen. Sie haben Straßen und Häuser gebaut und in Fabriken gearbeitet. Doch jetzt sind die meisten von ihnen alt und krank, sie werden nicht mehr gebraucht von der japanischen Gesellschaft, die so rasend altert wie kaum eine andere Industrienation und große Zukunftssorgen hat. Immer weniger Junge werden viele Alte unterstützen müssen.
Und so verhalten sich die Außenseiter von Sanya, wie sie es als Kinder lernten: Sie fügen sich in ihr Schicksal, sie wollen niemandem zur Last fallen. Sie ziehen sich zurück mit ihrer Scham, so lange, bis sie hier einsam tot umfallen.
Es sei denn, Masaki Yamamoto nimmt sich ihrer an. "Kibo no ie" – "Haus der Hoffnung" heißt die 21-Betten-Einrichtung, die der katholische Theologe vor 14 Jahren mit Spenden und Bankkrediten im Slum gegründet hat. Seither hat der 52-Jährige mit der Hilfe von Freiwilligen hier über 260 Landsleute gepflegt und bis zu ihrem Tod begleitet – Krebskranke, HIV-Infizierte, Demente, allesamt ehemalige Bewohner von Sanya.
"Zumindest am Ende haben wir ihnen hier etwas von der Liebe gegeben, die sie im Leben selten erfahren haben", sagt Yamamoto. Er will nicht nur einigen wenigen helfen, Yamamoto will Japan aus seiner kollektiven Kaltherzigkeit erretten.
"Als Nation, die immer älter wird und deren Wirtschaft kaum noch wächst, können wir auf Dauer nur überleben, wenn wir uns alle gegenseitig helfen", sagt er. Sein Hospiz, diese Stätte der uneigennützigen Hilfe, sieht er als Zukunftsmodell für eine alternde und zunehmend überforderte Gesellschaft, die sich auf bisweilen gnadenlose Weise lästiger Randgruppen zu entledigen sucht.
Allein in den vergangenen fünf Jahren brachten weit über hundert Japaner pflegebedürftige Angehörige um. Im Februar gestand ein ehemaliger Altenheimpfleger, drei Greise von Balkonen des Heims in den Tod geworfen zu haben. Ende Juli drang ein 26-Jähriger in ein Heim für Behinderte nahe Tokio ein, erstach 19 Bewohner und verletzte 27 weitere Menschen – vor allem Pflegekräfte, die er schlug und fesselte.
In einem Land, das bisher stolz war auf seine relativ niedrige Kriminalitätsrate und die viel zitierte gesellschaftliche Harmonie, löste die Tat Entsetzen aus. Ebenso aber das, was folgte: Nicht nur soll der mutmaßliche Täter, ebenfalls ein ehemaliger Pfleger, den Mord an den Behinderten gegenüber der Polizei gleichsam als Gnadenakt bezeichnet haben. Viele Landsleute spendeten auch noch Beifall für die Bluttat.
Bereits im Februar soll der Mann es als Verschwendung bezeichnet haben, für Behinderte Geld auszugeben. Dann gab er einen Brief beim Parlamentspräsidenten ab: Darin prahlte er, 470 Behinderte "auslöschen" zu können. Jene, die von ihren Familien nicht mehr daheim versorgt werden könnten, würden nur Unglück bringen. Mit seiner Tat hoffe er die Wirtschaft wiederzubeleben. Der Parlamentspräsident möge unbedingt Premier Shinzo Abe von diesem Vorhaben unterrichten.
Japan debattiert nun, ob nicht auch die Kultur der Konformität das Klima für solche Taten schafft. Dafür sprechen erstaunlich viele Bekundungen der Sympathie für den Täter im Internet: "Gut gemacht! Ich möchte dich loben!", twitterte ein Nutzer namens @YyMmIiDd. Ein anderer schrieb: "Zwar kommt es bei Behinderten auf den Grad an, aber wenn sie in ein Heim müssen und nicht allein leben können, na, dann ist es auch richtig, wenn sie sterben."
Homogenität und Harmonie, diese oft bewunderten Eigenschaften, scheinen den Japanern nach Jahrzehnten wirtschaftlicher Krise abhandengekommen zu sein. Die konfuzianisch geprägte Gesellschaft, die immer so stolz war auf die gegenseitige Treue zwischen Eltern und Kindern, Bossen und Angestellten, zerbricht zunehmend in Arme und Reiche, Schwache und Starke. Und in Junge und Alte. Errungenschaften wie lebenslang garantierte Jobs und automatische Beförderung? Das war einmal. Rund 40 Prozent aller Beschäftigten arbeiten mittlerweile in Teilzeit oder ohne feste Verträge.
Zugleich leidet die schrumpfende Nation unter den Folgen der Vergreisung. Nach Definition der Vereinten Nationen wurde Japan weltweit zum ersten Land der "super ager", der besonders alten Menschen. Die über 65-Jährigen machen schon jetzt 27 Prozent der Bevölkerung aus, bis 2060 sollen es rund 40 Prozent sein.
Schon heute sind die Pflegeheime überfüllt – allein in Tokio warten 40 000 Menschen auf einen Heimplatz. Überall fehlt Personal, überarbeitete Pfleger fesseln ihre Schützlinge oft ans Bett. Im ganzen Land waren 2015 über 12 000 demente Mitbürger als vermisst gemeldet.
"Jetzt hilft nur noch, die Eltern wegzuschmeißen", lautet der Titel eines von vielen neueren Büchern, in denen es um die Last durch Pflege, Tod, Bestattung und Erbangelegenheiten geht. Der Titel soll offenbar provozieren, aber im heutigen Japan klingt er auf absurde Weise real.
Dabei lasse sich doch der Wohlstand einer Gesellschaft nicht nur in Geld messen, sagt Yamamoto, der Hospizleiter im Slum von Sanya. Er öffnet die Tür zum Zimmer von Kimiko Sato. Die 87-Jährige bediente einst in einer Stehkneipe beim Tokioter Fischmarkt, sie arbeitete viel, aber für eine gute Rente reichte es nicht. Yamamoto setzt sich zu ihr auf die Bettkante, fragt, wie es ihr geht, und lässt sie aus ihrem Leben erzählen. Oft sei den Todkranken schon mit simplen Gesten geholfen, um Ängste und Schmerzen zu lindern, sagt er. Und diese Betreuung sei kostengünstiger als teure Medikamente und gar Pflegeroboter, an denen japanische Firmen tüfteln.
In Yamamotos Hospiz geht es lockerer zu als in normalen Pflegeheimen. Die Bewohner dürfen rauchen und Alkohol trinken, am Lebensabend soll alles erlaubt sein. Wer möchte, kann in der kleinen Kapelle beten, die Yamamoto auf dem Dach gebaut hat. Dort empfängt der Hausherr mit einer lila Stola um den Hals, obwohl er kein ordinierter Priester ist. Aber danach fragt hier keiner. Yamamoto praktiziert seine eigene Heilslehre, eine Mischung aus christlicher Nächstenliebe und Zen-Buddhismus.
Einige der Alten waren einst Kriminelle – Diebe und Betrüger, andere sind chronisch streitsüchtig. Statt dankbar zu sein, überziehen sie Yamamoto und seine Helfer mit Beschimpfungen. Zu den schwierigsten Bewohnern zählt ein Mitglied der lokalen Mafia, der Yakuza. Der Mann lebte einst davon, Verkehrsunfälle vorzutäuschen und anschließend bei Versicherungen die Entschädigung zu kassieren.
Jetzt liegt der Greis fast reglos in seinem Bett, sprechen kann er nicht mehr. Doch wenn er einem die Hand schüttelt, drückt er so kräftig zu, als wolle er einem die Knochen brechen. Gleichwohl sei er jetzt viel friedfertiger als früher, sagt Yamamoto. "Unsere Zuneigung tut seiner Seele gut."
Viele können anfangs nicht verstehen, warum Yamamoto ihnen hilft, ohne Gegenleistung zu erwarten – so wie es in Japan sonst der Fall ist. Selbst die buddhistischen Tempel sind oft zu Trauergeschäften verkommen: Nur gegen Gebühren lesen Priester die rituellen Totengebete.
Auch in Japans Politik wird der Ton gegenüber den Schwachen und Kranken rauer. Finanzminister Taro Aso, selbst 75 Jahre alt, scheint Alte vor allem als lästige Kostenverursacher zu sehen, wie er kürzlich vor Genossen der regierenden Liberaldemokratischen Partei sagte: "Im Fernsehen hörte ich jemanden etwas völlig Lächerliches sagen wie: 'Ich sorge mich, wie ich weiterleben soll, nachdem ich 90 geworden bin.' Da wollte ich ihn fragen: 'Wie lange willst du eigentlich leben?'"
Unterdessen wirbt Premier Abe dafür, aus Japan eine Gesellschaft zu machen, in der "100 Millionen Menschen aktiv sind". Abe will auch traditionell benachteiligte Gruppen wie Frauen, Alte und Behinderte verstärkt für den Arbeitsmarkt mobilisieren. Doch aus dem Mund des konservativen Premiers klingt der Slogan weniger nach Fortschritt als nach der Aufforderung, sich nützlich zu machen und dem Staat nicht zur Last zu fallen.
Tatsächlich ist der Staat seit Längerem dabei, die Leistungen für Pflegebedürftige einzuschränken. Auch die nationale Krankenversicherung verlangt inzwischen von älteren Mitgliedern Selbstbeteiligung. Viele Rentner kommen nicht mit ihrer Altersversorgung aus. Ob in Taxen oder Bussen, an Hotelrezeptionen oder in 24-Stunden-Läden – überall sieht man jetzt Greise, die wieder arbeiten. Japan mobilisiert seine Reserven.
In so einem gesellschaftlichen Klima wirkt Hospizvater Yamamoto entrückt und weltfremd. Und doch erfährt er immer wieder Unterstützung, auch von höchster Stelle: "Unlängst bekam ich einen Anruf vom Kaiserlichen Hofamt", berichtet er, "ich möge doch bitte mal vorbeikommen."
Zwei Tage später wurde er im Palast von Kaiserin Michiko empfangen. "Sie sind also der Herr, der sich um die Obdachlosen kümmert", habe Ihre Majestät gesagt und hinzugefügt: "Dann müssen wir ja auch etwas für Sie tun."
Kurz darauf sei auf dem Konto des Hospizes eine Überweisung von drei Millionen Yen, rund 26 000 Euro, eingegangen. Und Yamamoto fasste wieder einmal Mut weiterzumachen.
Von Wieland Wagner

DER SPIEGEL 34/2016
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