27.08.2016

Jakob Augstein Im Zweifel linksGrenzen des Gesetzes

Was haben die Burka und Gina-Lisa Lohfink gemeinsam? Sie erinnern uns daran, dass die Frage nach der Selbstbestimmung der Frau offen ist! Wer hätte gedacht, dass die Debatte über die Kutte und der Streit um das Model uns so unvorbereitet finden würden? Der feministische Diskurs ist längst nicht beendet. Wenn wir eine Sache gelernt haben in den vergangenen Wochen, dann diese: Die weibliche Autonomie bleibt gefährdet.
Von den entgegengesetzten Enden des Debattenbogens her fliegt uns das Thema um die Ohren. Was könnte weiter voneinander entfernt sein als die Burka, der Ganzkörperschleier aus Afghanistan, und das auf den Ruhm der Medienwelt erpichte Starlet aus Seligenstadt in Hessen? Aber im Extrem klären sich die Dinge. Die Burka ist berüchtigt für ihre maximale Verhüllung. Frau Lohfink wurde bekannt durch ihre maximale Enthüllung. Weil die Burka die Frau als Mensch in der Öffentlichkeit verschwinden lässt, wurde sie zum Symbol weiblicher Unterdrückung. Dasselbe lässt sich von Frau Lohfink sagen, obwohl sie stets bemüht war, sich in der Öffentlichkeit maximal zur Schau zu stellen.
Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren: Auch der Gerichtsprozess, den sie diese Woche in erster Instanz verloren hat, hat für Frau Lohfink diesen Zweck erfüllt – Öffentlichkeit. Vor Gericht hat sie geschwiegen, aber im Fernsehen redete sie. Wer das verfolgt hat, zweifelt nicht daran, dass diese Frau ein Opfer ist. Im juristischen Sinne gab es weder Missbrauch noch Vergewaltigung, das hat das Gericht jetzt festgestellt. Aber im übertragenen Sinn gibt es keine trefferenden Worte für das, was Frau Lohfink sich selber zumutet.
Mit Menschen, die zwischen Selbstbild und äußeren Zuschreibungen ihre Orientierung verlieren, kann grausames Schindluder getrieben werden. Auf Sat.1 sagt Frau Lohfink: "Bei mir sieht man immer nur die Brüste." Man sollte darum vielleicht Mitleid mit ihr haben. Ebenso, wie man vielleicht mit einer Frau Mitleid haben sollte, die unter ihrer Burka als Frau gar nicht mehr zu erkennen ist.
Nun soll die Burka in Deutschland in bestimmten Situationen verboten werden. Gleichzeitig wird das Sexualstrafrecht verschärft. Ob zu Recht oder zu Unrecht – der Fall Lohfink spielte bei der vorausgehenden Debatte eine Rolle. Beide Maßnahmen sollen helfen, die Selbstbestimmung der Frau zu stärken.
Aber es ist fraglich, ob Selbstbestimmung auf diese Weise erreicht werden kann. Denn was ist der Sinn eines Gesetzes? Soll es Menschen erziehen? Oder soll es sie schützen? Soll es die Gesellschaft mit Regeln versorgen? Oder die Strafverfolgungsbehörden mit Mitteln der Sanktion?
Später, wenn Gerichte diese Gesetze anwenden müssen, wird man erkennen: Beides zugleich – Erziehung und Schutz, Regel und Sanktion – ist schwer zu erreichen.
An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein, Jan Fleischhauer und Markus Feldenkirchen im Wechsel.
Von Jakob Augstein

DER SPIEGEL 35/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 35/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Jakob Augstein Im Zweifel links:
Grenzen des Gesetzes

  • Süße Versuchung: Bär macht Kleinholz aus Bienenstock
  • Neue iPhones im Test: "iPhone 11 ist ein No-Brainer"
  • Trumps Ex-Pressesprecher: Sean Spicer ist Tanzshow-Star. Period.
  • Surfvideo aus China: Ritt auf der Gezeitenwelle