27.08.2016

KarrierenWinfrieds Rache

Winfried Kretschmann wurde lange von den Grünen gedemütigt. Heute ist er der Star seiner Partei und wird als Bundespräsident gehandelt. Nur: Wofür steht er eigentlich? Von Markus Feldenkirchen
Am vorigen Sonntag steht Winfried Kretschmann vor seiner Dienstwohnung in der Landesvertretung Baden-Württembergs. Er will sich schnell eine Krawatte binden, das gehört sich so, wenn man am heiligen Sonntag bei der Kanzlerin zum Abendessen geladen ist. Unten im Hof wartet bereits der Wagen.
Aber die Tür zur Dienstwohnung ist versperrt, und niemand hat einen Schlüssel. Es ist Ferienzeit, auch der Ministerpräsident befindet sich im Urlaub. Dass er heute in Berlin aufschlägt, war nicht von langer Hand geplant.
Sechs Wochen am Stück hat Kretschmann sich in diesem Sommer freigenommen, zum ersten Mal seit Jahren. Er war eine Woche in Schottland, der Heimat seines Schwiegersohns. Bald wird er auf dem Peloponnes sein, in einem Bungalow am Strand, ganz allein. Er will dort Homer lesen, auf Deutsch und auf Altgriechisch.
Am Vorabend hat er erstmals sein Enkelkind ins Bett gebracht, die Eltern waren auf einem Rockkonzert. Vor allem aber muss er endlich "mein Anwesen" daheim in Laiz auf der Schwäbischen Alb in Ordnung bringen. Er will einen Zaun bauen, es gibt Probleme, das Projekt zieht sich.
Winfried Kretschmann, 68, ist ein sehr gefragter Mann. Er muss babysitten, einen Zaun bauen und mit der Bundeskanzlerin zu Abend essen. Zudem wird es auch von ihm abhängen, ob es im kommenden Jahr zum ersten Mal eine schwarz-grüne Bundesregierung geben wird. Und dann ist er zudem als Bundespräsident im Gespräch.
Noch vor wenigen Jahren galt er vielen Grünen als Waldschrat aus Schwaben, als sturer Eigenbrötler, den sie nur ungern ans Mikrofon ließen. Dass ihn heute die Kanzlerin zum Essen bittet, sagt nicht nur viel über die rasante Entwicklung der Grünen aus, sondern auch über die Regeln des politischen Geschäfts.
Kretschmann hat sich das Image eines Mannes zugelegt, der über den Rempeleien der Politik steht, dessen Fleiß und Grundsätze am Ende doch noch belohnt wurden. Aber sein Aufstieg wäre nicht möglich gewesen, wenn er sich nicht Leute geholt hätte, die das Spiel der Macht sehr gern spielen.
Ein Schlüssel ist am Ende aufgetaucht. Kretschmann tritt in die Dienstwohnung und bindet sich einen grünen Schlips mit hellen Punkten um. Noch eine halbe Stunde, bis er rüber zu Angela Merkel muss.
Er setzt sich an den Tisch in seinem Büro und sagt, dass er nicht nach dem Amt des Bundespräsidenten strebe. Dass er sich nichts mehr beweisen müsse. Schließlich habe kein Mensch geglaubt, dass ein Grüner mal Ministerpräsident würde. Es soll so wirken, als sei er frei von Ehrgeiz.
Aber dann skizziert er ein Kandidatenprofil, als rede er über sich. "Es sollte ein ausgewiesener, erfahrener Politiker sein. Es ist jetzt nicht die Zeit für Experimente. Er sollte politisch versiert und zugleich in der Lage sein, das Land parteiübergreifend zusammenzuhalten." Was Joachim Gauck, den Kretschmann bewundert, vortrefflich gelungen sei, bedürfe der Fortsetzung.
Es gibt ein zweites Thema, über das Kretschmann gleich mit Merkel sprechen wird. Als nach der Bundestagswahl 2013 eine Koalition aus Union und Grünen sondiert wurde, war die Partei noch seinem Widersacher Jürgen Trittin gefolgt. "Wir haben eine historische Chance verpasst", sagte Merkel zu Kretschmann, als die Gespräche gescheitert waren. Der sah es genauso. Beim nächsten Anlauf, im Herbst 2017, wollen sie besser vorbereitet sein.
Sein Kampf für Schwarz-Grün hat für Kretschmann auch eine sehr persönliche Dimension. Es geht um Wiedergutmachung für Jahrzehnte der Demütigung, vielleicht auch um Rache. Und manche sagen, er sei bereit, die Seele der Grünen dafür zu verkaufen.
Bevor er aufbricht, bleibt er sinnierend im Raum stehen. "Wissen Sie, welchen Ausdruck Homer für Sex gehabt hat?" Er wartet einen Moment, dann löst er das Rätsel auf. ",Sie vermischen sich'." Er lächelt.

An einem Montag im Juli läuft der Ministerpräsident in ockerfarbenem Polohemd, ausgebeulten grauen Jeans und äußerst breiten Tretern des Gesundheitsschuhfabrikanten Christian Bär aus dem benachbarten Bietigheim-Bissingen durch das Erdgeschoss seiner Staatskanzlei.
Er muss gleich los in den Schwarzwald, eine Abendveranstaltung. Kretschmann verschwindet in seinem Büro. Als er rauskommt, trägt er Anzug und Krawatte. Nur die Schuhe sind geblieben. Kretschmann ist seit vielen Jahren Bär-Schuhe-Träger.
Deren Slogan lautet "Bequemlichkeit und nachhaltige Qualität". Wie der Schuhfabrikant Bär scheint auch Kretschmann über all die Jahrzehnte seinen Grundprinzipien treu geblieben zu sein. Die von Bär sind: keine Absätze und genügend Platz für die Zehen oder, wie es auf der Firmenhomepage heißt: "Natürliche Zehenfreiheit, dämpfungsstarke Sohle sowie Gelenk- und Wirbelsäule-schonender Nullabsatz".
Dadurch wirken die Schuhe zwar nicht modern, aber die Marke boomt, es scheint, als habe sich der Zeitgeist in ihre Richtung entwickelt. Gemütlichkeit, Bequemlichkeit, Solidität sind plötzlich gefragt, es zählt nicht der äußere Schein, sondern die inneren Werte. Der Platz für die Zehen.
Im Auto geht es um Kretschmanns irre Zustimmungswerte. Im ZDF-"Politbarometer" liegt er vor Frank-Walter Steinmeier, Wolfgang Schäuble und Merkel auf Platz eins. Sein Kopf versinkt in den beigefarbenen Nackenstützen. Das Navi zeigt Orte an, die Igelsberg, Göttelfingen, Erzgrube und Besenfeld heißen.
Er könne sich das nur schwer erklären, sagt Kretschmann: dass so viele Leute im Bund ihn überhaupt kennen! "Wie Phönix aus der Asche bin ich da irgendwie ganz nach vorne geschnellt." Es klingt, als handle es sich um eine göttliche Fügung.
Dabei hat Kretschmann es geschickt verstanden, seine Andersartigkeit zu kultivieren. Während er spricht, lässt er oft lange Pausen zwischen Worten und Sätzen. Im Auto schaut man unweigerlich zu ihm hinüber, um sicherzugehen, dass er nicht eingeschlafen ist. Kretschmann hat sein eigenes Tempo, er sabotiert gängige Konversationsmuster ebenso wie gängiges Politikerverhalten.
So distanziert er sich bewusst von den Kollegen, etwa wenn er über die Politik in Berlin sagt: "Dieses interessenstaktische Geflecht ist mir abhold." Oder wie zum Amtsantritt: "Ich bin naiv, und das werde ich mir auch erhalten."
Dieser Satz gelte noch immer, sagt Kretschmann. Er wolle sich auch weiter über das wundern dürfen, was er in der Politik für unanständig halte, Indiskretionen oder wenn Politiker den kurzfristigen persönlichen Vorteil suchen, auf Kosten der langfristigen Substanz.
Er glaube, sagt Kretschmann, dass die Leute einfach merkten, "dass es mir um die Sache geht und nicht um irgendwelche taktischen Spielchen oder persönliche Interessen oder so etwas". In seinen Worten schwingt immer die Botschaft mit, dass er einen Tick anständiger, aufrechter oder gewissenhafter ist als der große Rest seines Berufsstands. Aber wenn es um die Macht geht, ist auch er in der Lage, seine Grundsätze mal kurz zu vergessen.
In der Flüchtlingskrise stellte er sich ohne Wenn und Aber hinter die Kanzlerin, er betete angeblich sogar für sie. Eine Woche vor der Wahl in Baden-Württemberg lobte er plötzlich CSU-Chef Horst Seehofer, der seit Monaten populistisch Stimmung gegen Merkel macht und damit Erfolg hat. Jedem anderen Politiker wäre das vorgeworfen worden. Bei Kretschmann gilt es als Ausdruck von Bodenständigkeit und Pragmatismus.
In der einzigen Biografie, die bislang über ihn geschrieben wurde, steht der stolze Satz: "Winfried Kretschmann ist der anständigste Mensch, der je in Deutschland Regierungschef wurde." Es wirkt bisweilen, als stünde er kurz vor der Heiligsprechung.

An einem Dienstag im Juli besucht Kretschmann die Landespressekonferenz in Stuttgart. Es sind oft angenehme Besuche, Journalisten und Politiker begegnen sich weniger konfrontativ als in Berlin. Die Fragen beginnen häufig mit "Das ist alles sehr nachvollziehbar, was Sie sagen", um dann, fast entschuldigend, ein klitzekleines "Aber" nachzuschieben. Man hat Respekt vor dem Landesvater.
An diesem Morgen ist es anders. Kurz zuvor war herausgekommen, dass Kretschmann und die CDU geheime Nebenabsprachen zum Koalitionsvertrag getroffen haben. Geheimprotokolle passten bislang eher nicht zu dem Image, das Kretschmann von sich verbreitete.
Nebenabsprachen seien durchaus üblich, erklärt er nun. Sie dienten dem Zusammenhalt einer Koalition, der Vermeidung von Streit. Transparenz sei wichtig, aber sie habe auch Grenzen. "Ohne ein Minimum an Taktik kann doch kein Mensch Politik machen." Die Journalisten fragen weiter. Ob er jemals von einer solch langen Liste an Nebenabsprachen gehört habe.
"Was ich weiß, ist, dass die von Hessen erheblich länger ist. Die haben es noch detaillierter gemacht."
Unruhe im Raum. Skeptische Blicke.
"Vielleicht stimmt's auch nicht", schiebt Kretschmann nach. "Mir ist's wurscht. Keine Ahnung." Am nächsten Tag wird er vor dem Plenum im Landtag erklären, dass er sich in Bezug auf Hessen geirrt habe.
Er persönlich werde ja in der öffentlichen Wahrnehmung mit Transparenz, Glaubwürdigkeit und Ehrlichkeit verbunden, sagt ein Journalist. Ob er denn keine Angst vor dem Eindruck habe: "Auch der mauschelt, wenn es drauf ankommt – genau wie die anderen Spitzbuben auch?"
"Ich mauschel schon immer", sagt Kretschmann patzig.
"Das Image ist also falsch?"
"Bitte schreiben Sie's: Auch Kretschmann mauschelt!" Er spricht jetzt sehr laut, die Arme fuchteln in der Luft, er ist schnell majestätsbeleidigt. "Ich meine: Alles andere ist doch hochgradig naiv. Es geht halt nicht anders." Er wirkt irgendwie ertappt. Kretschmann, so empfanden es viele Bürger, sei zu den Tricksereien der Politik nicht fähig. Aber das stimmt nicht. Nur hat er in der Regel Leute, die das für ihn übernehmen.
Rudi Hoogvliet sitzt lässig im Ledersessel seines Büros unter dem Dach der Staatskanzlei. Er trägt ein aufgeknöpftes Hemd und einen sehr gut geschnittenen Anzug – ein Mann, der sich vor dem Kleiderschrank erkennbar Gedanken macht.
Auf einem Regal hinter ihm lächelt das holländische Königspaar von einem Foto. Hoogvliet ist Niederländer und der klügste Stratege der Grünen. Er leitete drei Bundestagswahlkämpfe, zuletzt 2009, als Jürgen Trittin noch das Sagen hatte.
Der Erfolg des leutseligen Kretschmann wäre ohne Hoogvliet kaum denkbar. All das, was Kretschmann an der Politik angeblich verachtet, beherrscht Hoogvliet aus dem Effeff. Er war es auch, der als Erster das Ziel formulierte, man könne in Baden-Württemberg 30 Prozent erzielen.
Als sein Chef im Mai zum zweiten Mal zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, umarmte ihn dessen Frau Gerlinde im Foyer. "Und du bleibst dabei", beschwor sie Hoogvliet. "Versprochen. Hörst du?"
Hoogvliet hat ein klares Bild von den Stärken und Schwächen seines Schützlings. Heute seien Politikertypen gefragt, die ein bisschen langweilig, aber integer seien, sagt er. Ernsthaftigkeit, Beständigkeit, Zuverlässigkeit seien die Zauberworte. Kretschmann sei da quasi eine Idealbesetzung.
Was er nicht könne, sei Fernsehen. In der Runde der Spitzenkandidaten sei Kretschmann 2011 "richtig schlecht" gewesen. Im Fernsehen gehe es viel zu schnell. Auch Talkshows funktionierten nicht, man habe es versucht. Neulich habe er dem Plasberg gesagt: Sie brauchen nicht mehr anzurufen.
Hoogvliet erzählt, wie er Ende der Neunziger zum ersten Mal in die USA reiste, um sich in die Kunst moderner Wahlkampagnen einweisen zu lassen. "Das war ein Augenöffner", sagt er. "Weil wir gemerkt haben, wie professionell und kühl kalkuliert die Wahlkampf machen." Er sagt das voller Bewunderung.
Die Sekretärin klopft. Das Büro des Ministerpräsidenten will ihn sprechen. "Ich kann jetzt wirklich nicht", sagt Hoogvliet.
Irgendwann, fährt er fort, habe er die Formel des politischen Erfolgs verstanden: dass es nicht darum gehe, die Kernwählerschaft zu überzeugen. Sondern die anderen. Im Fall der Grünen: die Mitte. "Der Grüne ist ja per se auf Weltverbesserung aus", sagt Hoogvliet. Er sagt das genauso spöttisch, wie es gemeint ist. Im Wahlkampf aber sei das der falsche Zeitpunkt. "Es braucht eine gewisse Grundkaltschnäuzigkeit, die den Grünen eher fremd ist."
Er war dagegen, als Jürgen Trittin die Grünen in den letzten beiden Wahlkämpfen an die SPD kettete, obwohl es keine Perspektive für eine rot-grüne Mehrheit gab. "Ohne Machtoption bist du langweilig", sagt Hoogvliet. "Das ist das Schlimmste, was im Wahlkampf geschehen kann."
Er zog seine Konsequenzen und wechselte von Berlin nach Stuttgart. Mit Kretschmann konnte er endlich seine Strategie verwirklichen.
In nur wenigen Jahren haben sie in Baden-Württemberg die grüne Volkspartei geschaffen. "Unsere Themen sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen", sagt er. Die Wirtschaft sei längst kein Feind mehr, sondern Verbündeter. Dies sei ein völlig anderer Ansatz als jener, den die meisten Grünen in Berlin verfolgten. Er ballt die Fäuste und ruft: "Wir müssen kämpfen! Wir müssen dagegen sein!"
"Verheerend", sagt Hoogvliet, als die Persiflage beendet ist. "So kommst du nicht über 15 Prozent." Er schüttelt den Kopf. "Da sind wir doch einiges weiter hier." Letztlich, sagt er, während er einen weiteren Knopf seines Hemdes öffnet, sei alles eine Frage des Selbstbewusstseins.
Nils Schmid steht einsam an einem Stehtisch im Foyer des Stuttgarter Landtags. Es gibt einen Maultaschen-Empfang, Kretschmann ist gerade zum Ministerpräsidenten gewählt worden, diesmal mit den Stimmen der CDU. Schmids Sozialdemokraten sind an Kretschmanns Seite zu einer 13-Prozent-Partei geschrumpft. Er, der bislang stellvertretender Ministerpräsident war, hat jetzt nichts mehr zu sagen.
Kretschmann habe den Status als Ministerpräsident sehr professionell genutzt, sagt er. "Ein guter Regierungschef kann alles an sich ranreißen. Faktisch wurden wir natürlich an den Rand gedrängt." Bei Hintergrundgesprächen machte Kretschmann sich bisweilen lustig über ihn. Der Tenor war: Was für ein nettes, aber letztlich harmloses Kerlchen der Schmid doch sei.
"Der Mechanismus ist schon sehr hart", sagt Schmid. Er legt seinen Finger ans Kinn und blickt einen mit freundlich-traurigen Augen an. Dann schaut er hinter sich, wo Grüne und Christdemokraten sich mit Weinen aus Baden-Württemberg zuprosten.
"Das ist 'ne Spießbürgerkoalition!", sagt Schmid. "Die haben ja keine progressive Agenda. Die wollen wie Erwin Teufel sein."

Es gab Zeiten, da wollte Winfried Kretschmann weder eine Spießbürgerkoalition anführen noch wie Erwin Teufel sein, der langjährige Ministerpräsident von der CDU. Auf der Höhe von Bildechingen, zwischen zwei Kreisverkehren, kommt er auf die radikale Phase seines Lebens zu sprechen. Nach einer furchtbaren Zeit im katholischen Internat, geprägt von Schlägen, schloss er sich während des Studiums an der Stuttgarter Universität Hohenheim zunächst einer marxistisch-leninistischen Hochschulgruppe an, 1973 wechselte er zum Kommunistischen Bund Westdeutschlands (KBW).
Er nahm an unzähligen Sitzungen teil, feilschte bis tief in die Nacht an Halbsätzen für Flugblätter, die meist Loblieder auf die Führung in Peking enthielten. Morgens um sechs stand er am Werkstor von Daimler, um die "Kommunistische Volkszeitung" an die Arbeiter zu verkaufen. "Das war wohl so ein Gerechtigkeitsimpuls, den ich mit Mao verbunden habe", sagt er heute.
In dieser Zeit sorgte Kretschmann dafür, dass ein Mitstreiter wegen "bürgerlicher Abweichungen" aus dem KBW geworfen wurde. Anderen Linken, die sich dem KBW verweigerten, wurde in internen Papieren gedroht, sie würden "während der Revolution durch die Massen an den nächsten Baum befördert".
"Es war ein großer Irrtum in meiner Biografie", sagt Kretschmann auf der Rückbank seiner Dienstlimousine. "Diese gigantische Abgehobenheit, dieser Tunnelblick, diese Realitätsverweigerung!"
An dieser Stelle dreht sich Hoogvliet vom Beifahrersitz nach hinten. "Das war aber nicht sehr prägend für dich, glaube ich", sagt der Sprecher. "Eine Lehre, die du immer benennst, ist, dass du seitdem von jedem Fanatismus befreit bist."
"Ja", sagt Kretschmann, "das hat mich von Fundamentalismus, Fanatismus und so was wirklich geheilt." Deshalb habe er später, wenn er es bei den Grünen mit "irgendwelchen Fundi-Geschichten" zu tun gehabt habe, diese, "wie soll ich sagen, fast rücksichtslos bekämpft. Einfach aus einer persönlichen Erfahrung, wohin so ein Sektierertum führt: ins Nirwana".
Der Wagen hält vor dem Waldknechtshof in Klosterreichenbach, die Veranstaltung heißt "Dunkle Wälder – Bunte Perspektiven". Auf der Bühne geht es um den ländlichen Raum, um Heimat, um Kretschmanns Hobbykeller und sein Dorf Laiz, wo er mit seiner Frau Gerlinde, mit der er drei Kinder hat, seit 35 Jahren in der eigenhändig umgebauten Gaststätte seiner Schwiegereltern wohnt.
"Das Leben im Dorf ist etwas, das mir zusagt", sagt er. "Erst gestern bin ich mit meiner Frau auf der Veranda gehockt. Wir haben uns angesehen und gesagt: Wie schön wir es haben. Weil es so ruhig ist."
Diese gemütliche Selbstzufriedenheit am Rande zum Biedermeiertum ist natürlich eine Provokation für alle Grünen, die noch eine gewisse Unruhe in sich verspüren, die glauben, dass der Kampf für eine gerechte Gesellschaft, in der man zufrieden auf der Veranda hocken kann, noch längst nicht beendet ist.
Neulich habe er im Garten der Staatskanzlei bei seinen Dehnübungen eine Orchidee gesehen, die er vorher noch nie gesehen habe, erzählt Kretschmann. "Da lacht dann einfach mein Herz."
Es ist vor allem die Liebe zur Natur, die ihn über all die Jahrzehnte bei den Grünen gehalten hat. Politik zum Schutz der Natur sei der Markenkern der Grünen, findet Kretschmann, alle anderen Stränge wie soziale Gerechtigkeit brauche man nicht, darum würden sich SPD und Linke schon genug kümmern. Das Insektensterben treibt ihn jedenfalls deutlich mehr um als die Armut im Lande. Er wirkt richtig traurig, wenn er, wie jetzt auf der Bühne, erzählt, dass heutzutage viel weniger Viecher an der Windschutzscheibe klebten als früher.

Bevor er 2011 Ministerpräsident wurde, waren die Jahrzehnte bei den Grünen für Kretschmann eine ununterbrochene Kette von Demütigungen. "Mir steht der Laden bis da oben hin", sagte er wütend, als es 1983 bei einer Landesdelegiertenkonferenz in Konstanz auf der Bühne zur tumultartigen Revolte gegen ihn gekommen war. Linke und weibliche Parteifreunde hatten die Umkehr der Beweislast bei Vergewaltigungen gefordert, Kretschmann hatte dagegengehalten – und war auf der Bühne fast überrannt worden.
"Ich habe die Kraft nicht mehr, noch mal vier Jahre solche starken Konflikte durchzustehen", erklärte er im Anschluss und zog seine Kandidatur für den Landtag zurück. "Ich bin zerschlissen." Er lieferte auch eine Beschreibung des Verhältnisses zwischen ihm und seiner Partei, die bis heute nicht ganz falsch ist: "Ich bin als Person weiten Teilen der Partei ein Ärgernis und stehe der Durchsetzung der von mir für richtig gehaltenen liberal-reformerisch-ökologischen Politik in der Partei im Wege. Ich bin wohl auch oft zu aggressiv und holzschnittartig, wahrscheinlich aber andererseits von zu staatsmännischem Kalkül für die Leute."
Damals gehörte Kretschmann zu den Ökolibertären, einer Splittergruppe am rechten Rand der Realos. Schon in den Achtzigern warben sie dafür, dass auch mit der CDU Bündnisse möglich sein sollten.
"Wir haben durchweg Niederlagen erlitten", sagt Thomas Schmid, der ebenfalls bei den Ökolibertären war und später Chefredakteur von Axel Springers "Welt" wurde. "Auf Parteitagen waren wir etwa 25 Ökolibertäre. Die anderen 500 Delegierten stimmten immer gegen uns."
"Er war der Waldschrat aus dem Süden", erinnert sich Gisela Erler, die auch zu den Ökolibertären gehörte und heute Staatsrätin in Kretschmanns Regierung ist. "Er wurde verlacht und ausgebuht. Er hatte Probleme, überhaupt ans Mikrofon gelassen zu werden, er hatte keine Bataillone." Einmal sagte ein Versammlungsleiter, nachdem Kretschmann einen Antrag eingebracht hatte: "Ich denke, über diesen Schwachsinn müssen wir gar nicht erst abstimmen." An ein "permanentes Gefühl von Ohnmacht" erinnert sich Erler.
So ist sein heutiger Erfolg auch die Rache eines Gedemütigten. Es muss ihm eine tiefe Genugtuung bereiten, dass er, der belächelte Zausel, nun der Star seiner Partei ist. Dass sich seine Version dessen, was grün ist, doch noch durchzusetzen scheint.
Die Frage ist jedoch, was er mit seiner Macht jetzt anfangen will. Er möchte, das ist klar, nach der Wahl im Herbst 2017 ein Bündnis mit der Union im Bund schmieden. Schwarz-Grün passe einfach in unsere Zeit, die geprägt sei von Unsicherheit und Krisen, sagt er. "Es kommt jetzt darauf an, den Zusammenhalt der Gesellschaft zu sichern. Es geht darum, Freiheit und Individualismus zu erhalten und zugleich dem wachsenden Bedürfnis nach Sicherheit gerecht zu werden." Beides zu erhalten sei der Klebstoff, der die Gesellschaft in diesen Zeiten zusammenhalten könne. Es klingt, als solle alles so bleiben, wie es ist.
Mit diesem Ansatz regiert er auch Baden-Württemberg. Die Wirtschaft ist zufrieden, weil er kaum etwas verändert hat. Der Arbeitgeberverband gab ihm eine "Drei plus", worüber Kretschmann sich irrsinnig freute. Auf Drängen der SPD wagte er immerhin eine Schulreform, die ein gesellschaftliches Anliegen erahnen ließ. Sein größter Erfolg war ein neuer Nationalpark im Schwarzwald. Mit der CDU sind bislang keine großen Projekte geplant. Kretschmanns Lieblingswort heißt Stabilität, nicht Veränderung.
Dabei waren die Grünen bislang die Partei der großen, weltverändernden Entwürfe. Sie träumten von einem Deutschland ohne Atomkraft, von der Gleichberechtigung der Frauen, von der Schwulenehe. Kretschmann scheint außer dem Naturschutz keine großen politischen Anliegen zu haben. Er erfreut sich vor allem daran, dass er regiert. Auch das verbindet ihn mit Merkels CDU.

"Ich stehe ja im Ruf, ein Feind von Kretschmann zu sein", sagt Jürgen Trittin. Pause. "Völlig zu Unrecht." Er sitzt bei einem Italiener in Berlin und lächelt verschmitzt. Trittin ist ein Meister der Süffisanz, kein anderer kann so herrlich ironische Spitzen verteilen wie er. Er reibt sich dann genüsslich die Hände, seine Haare wippen wie dünne Antennen auf dem Kopf.
Trittin hat schon in den Achtzigern die Ziele der Ökolibertären bekämpft, heute kämpft er gegen Kretschmanns Plan von Schwarz-Grün. Die Kräfte haben sich zu Kretschmanns Gunsten verschoben, aber Trittin hat nicht aufgegeben. Der Ausgang ihres Machtkampfs könnte nun über den künftigen Kurs der Bundesrepublik entscheiden. Die Grünen haben eine Schlüsselposition zwischen rechts und links. Setzen sie im Einklang mit Trittin auf eine Mehrheit der Linken? Oder folgen sie Kretschmann in die neue Zeit an der Seite der Union? Von der Antwort könnte abhängen, wer der nächste Bundespräsident wird. Und welche Koalition Deutschland künftig regieren wird.
Trittin ist das Gegenmodell zu Kretschmann. Auch er war in einer K-Gruppe aktiv, aber anders als Kretschmann empfindet er das nicht als Schande. Er blickt noch immer von links auf die Gesellschaft, der Drang, die Welt zu verbessern, statt sie nur zu genießen, ist noch vital.
Viele linke Grüne nervt nichts mehr als der Hype, der um den Erfolg von Kretschmanns Baden-Württemberger gemacht wird. Sie haben die Sorge, dass das Profil der Partei mit Winfried Kretschmanns Kurs bald vollends verwässert wird, dass sie irgendwann nur noch eine CDU mit Insekten-Schutzprogramm sein werden. Natürlich gebe es neue Milieus, sagt Trittin. "Aber es gibt auch etwas, was man sonst verlieren kann."
Trittin achtet darauf, ja nichts zu sagen, was als klarer Angriff auf Kretschmann gewertet werden kann, aber er gibt Hinweise, die zur Entzauberung beitragen sollen. Kretschmanns Strategie in Baden-Württemberg sei nüchtern betrachtet nur halb aufgegangen. Zwar hätten die Grünen die CDU neutralisiert, weil der Kollege sehr überzeugend den besseren Konservativen gegeben habe. Aber man habe zugleich die SPD kannibalisiert, und die AfD sei stark geworden. Trittin ist sich nicht sicher, ob das als großer Erfolg durchgehen kann.
Befremdlich findet er auch, wie Kretschmann schwarz-grüne Bündnisse rechtfertigt. Er zitiert ihn jetzt, augenrollend: dass die Demokraten in Krisenzeiten zusammenstehen müssten. Trittin mag diese vorauseilende Konsenssuche nicht. Sein Demokratieverständnis geht anders: Es gibt unterschiedliche Interessen – und die werden durch Abstimmungen entschieden. So hat er den Atomausstieg und das Dosenpfand durchgekämpft, gegen massive Widerstände. Kretschmanns Ansatz ist ihm zu konfliktscheu, zu präsidial. Trittin ist nicht in die Politik gegangen, um es sich auf der Veranda gemütlich zu machen.

Es ist spät geworden im Schwarzwald. Kretschmann hat vor der Tür lange mit Milchbauern diskutiert. Die hatten eine dicke Kuh dabei und ihn angefleht, sie vor dem neuen CDU-Landwirtschaftsminister zu schützen. Bis Kretschmann kam, galt die CDU als Anwalt der Landwirte.
Jetzt geht's im Dunkeln zurück nach Stuttgart. Kretschmann fischt ein "Isla"-Halsbonbon aus der Packung und lutscht leise schmatzend vor sich hin.
Kurz vor Mitternacht und hinter Sigmaringen geht es um seinen größten Kontrahenten. Am Vortag ist ein Interview von Jürgen Trittin erschienen, in dem der ausdrücklich betonte, dass das neue Steuerkonzept der Grünen mehr als fünf Steuererhöhungen enthalte. Bei der Wahl 2013 hatte Kretschmann kritisiert, wie man bitte schön mit fünf Steuererhöhungen in den Wahlkampf ziehen könne.
Dann müsse der Trittin das mit den Steuererhöhungen nur oft genug sagen, bis es endlich alle glaubten, murmelt Kretschmann in die Dunkelheit. Das sei so typisch Trittin. Bis heute habe der sein eigenes Wahlergebnis von 2013 nicht verstanden. Die 8,4 Prozent waren tatsächlich eine große Enttäuschung für die Partei. Er, Kretschmann, habe schon damals gewarnt: Wer fünf Steuern erhöhen will, verschreckt die Leute so, dass sie einen nicht wählen. Und dann könne man keine einzige Steuer erhöhen. Tja, sagt er nun: "Genau so ist es gekommen. Jetzt hocken wir als kleinste Oppositionspartei im Bundestag."
Es geht um den alten Konflikt, was wichtiger ist in der Politik, die Überzeugung oder die Aussicht auf Mehrheiten. "Wir machen in Baden-Württemberg ja nicht weniger Grün als andere Landesregierungen, an denen wir zu zehn Prozent beteiligt sind", heißt Kretschmanns Antwort. "Das ist doch abstrus." Abstrus ist sein zweites Lieblingswort, er spricht es mit breitem SCH und vierfachem U aus und verwendet es gern für die eigene Partei.
Er kann auch nicht verstehen, warum seine Grünen wieder alle auf Merkel rumhacken, zum Beispiel wenn es darum geht, ein paar nordafrikanische Staaten zu sicheren Herkunftsländern zu erklären, um den Druck in der Flüchtlingskrise zu mindern. Kretschmann hat bei dem Vorhaben keine Gewissensbisse. "Da hat die Frau in der Flüchtlingskrise alles gemacht, was wir gefordert haben – und die machen trotzdem kompromisslos weiter. Dieses Dogmatische! Dass man keinerlei Verständnis für Merkels Situation aufbringt!" Kretschmann schüttelt den Kopf.
Er habe ja schon nach der letzten Bundestagswahl ein Bündnis mit Merkels CDU forciert, was der Trittin aber verhindert habe. "Ja, ich meine", sagt Kretschmann, "wenn man jetzt nicht mit der Angela Merkel koalieren kann, mit wem dann, bitte?"
Die Niederlage von 2013 soll seine letzte Niederlage sein.

"Auch Kretschmann mauschelt. Alles andere ist doch hochgradig naiv."

Das Insektensterben treibt ihn deutlich mehr um als die Armut im Lande.

Es geht um den Konflikt, was wichtiger ist in der Politik: Überzeugung oder Mehrheit.

Über den Autor

Markus Feldenkirchen, geboren 1975, ist politischer Autor und Koordinator für Meinungsfragen beim SPIEGEL . Er lebt in Berlin, in seiner Freizeit schreibt er Romane. Bis Ende vorigen Jahres war er USA-Korrespondent in Washington. Mit Winfried Kretschmann war er in Baden-Württemberg und Berlin unterwegs.

Von Markus Feldenkirchen

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