27.08.2016

CDUStaatsakt

Der schwer kranke Abgeordnete Wolfgang Bosbach zieht sich aus der Politik zurück. Die Kommentare dazu klingen wie Nachrufe auf eine goldene Zeit.
Er war von seinem Büro als ein Mann angekündigt worden, der am Ende seiner Kraft ist, einer, der sich einen letzten Rest Zeit zusammenkratzen muss für ein Treffen zu Haus in Bergisch Gladbach. Trotz des Interviewmarathons, den er nach seinem angekündigten Rückzug aus der Politik absolviere, trotz seiner am Dienstag bevorstehenden, sehr ernst zu nehmenden Krebsoperation.
Und dann steht da ein Mann im Poloshirt mit Sonnenbankbräune, der aussieht, als käme er gerade von einer Runde Seniorentennis. Er huscht in die schon geschlossene Küche des Heimathotels Malerwinkel, die er wie die eigene benutzt, um sich eine frische Tomate und hart gekochte Eier zum Abendessen zu holen. Dann setzt er sich an einen der für das Frühstück eingedeckten Tische und sagt: "Ich hab den Leuten jetzt schon mal am Telefon gesagt: Übrigens, ich lebe noch."
Am Montag hatte Wolfgang Bosbach seinen Abschied aus der Politik im kommenden Jahr angekündigt. Keine wirklich überraschende Entscheidung, auch keine, die eine riesige Lücke hinterlässt. Formal ist Bosbach nur einer von 630 Bundestagsabgeordneten, Vertreter von Wahlkreis 100, Rheinisch-Bergischer Kreis.
Doch in den Zeitungen klingen die Kommentare über seinen Rückzug wie Nachrufe auf einen verstorbenen Staatsmann, gerade so, als ginge mit Wolfgang Bosbachs politischer Karriere eine goldene Ära zu Ende. Die "Bild" widmete seiner Entscheidung eine ganze Seite, auf der sie ihn "für seine besonderen Verdienste als Volksvertreter" auszeichnet. Unter anderem, "weil ihm seine Überzeugungen wichtiger sind als Macht und Mehrheiten".
Es ist nicht so, dass er sich darüber nicht freuen würde oder die Aufmerksamkeit für unangemessen hielte. Er war gerade in der Sendung des Komikers Jan Böhmermann zu Gast, zum ersten Mal überhaupt, eines "der drei letzten TV-Formate", die er, der Lieblingsgast deutscher Talkshows, noch nicht kannte. Aber das Interessante der Sendung war die Diskussion, die sie geführt hätten, sagt Bosbach, nämlich dass es in diesem Jahr nicht das übliche Sommerloch gab. "Angefangen vom Brexit", sagt Bosbach, "hat es eine Aneinanderreihung von großkalibrigen Themen gegeben – und dann kam mein Rücktritt dazu."
50 Anrufe, 200 SMS, 20 Interviews, das ist die Bilanz, die Bosbach nach seinem angekündigten Rückzug zieht. "Es gab einen roten Faden", sagt Bosbach. "Und der war immer: Schade, aber wir können Sie verstehen. Nur einer fragte: Warum hast du dir das so lange angetan? Warum hast du nicht schon früher aufgehört?"
Es gibt zwei Gründe, die er für seinen Rückzug nennt. Zunächst natürlich seine unheilbare Krebserkrankung, die allein genug Grund gewesen wäre aufzuhören. Aber es ist ihm wichtig zu sagen, dass sein Verzicht auch politisch motiviert ist, dass er den "Spagat" nicht mehr aushält zwischen seinen Überzeugungen und dem Kurs seiner Partei.
Seiner Partei hat er damit nicht unbedingt einen Gefallen getan. Er bekommt so Freunde, die er gar nicht haben will, Politikverdrossene, die ihn als politischen Märtyrer verklären, als einen der Letzten in der CDU, der sagt, was er denkt, und jetzt geht. Die Berliner AfD schreibt ihm eine vergiftete Solidaritätsbekundung: "Die CDU hat Sie nie verdient. Genießen Sie den verdienten Ruhestand. Wir retten die Republik in Ihrem Sinne."
Hätte er nicht besser schweigen und einfach abtreten sollen mit Verweis auf seine schwere Krankheit? So wie Joachim Gauck mit dem Verweis auf sein Alter begründete, warum er keine zweite Amtszeit als Bundespräsident anstrebt? Bosbach sagt: "Es ist aber die Wahrheit. Und warum soll ich die Wahrheit verschweigen?"
Er beklagt, dass er dauernd gefragt wird: "Was haben Sie denn gegen Frau Merkel?" Dann sagt er allerdings auch, ihm habe ganz besonders gefallen, dass er in einem Kommentar "die Nervensäge der Kanzlerin" genannt wurde. Jemand habe ihn angerufen und gesagt: "Hast du das schon gelesen? Da musst du was sagen." Aber er habe abgewinkt. Wieso? "Genau so sieht man mich im Kanzleramt."
Er beherrscht das Spiel mit den Medien, dem Zufall überlässt er da nichts, auch nicht am vergangenen Montag, als er die Nachricht seines Rückzugs als Erster durchstach. "Soll ich Ihnen die SMS zeigen, die ich rausgeschickt habe?"
Die SMS, mit der alles begann.
Er holt sein altes Handy hervor, das er eine "ägyptische Grabbeilage" nennt. Er hat von diesem Handy aus die Nachricht verschickt, nachdem er den Kreisvorstand in Bergisch Gladbach informiert hatte. Sie saßen danach zusammen, er mit seinem Handy von vorgestern, die anderen mit ihren Smartphones, und plötzlich, erzählt Bosbach, habe einer der Smartphone-Besitzer gerufen: ",Hier, hier, Breaking News!!! Woher kommt das? Wer hat das rausgegeben?' Und ich hab gesagt: ,Ich'."
Er wird im Wahljahr 2017 eine Kolumne für "Bild" schreiben, "mit einem Augenzwinkern", so wie es der ehemalige Torwart Tim Wiese bereits für den Sportteil des Blattes macht, einen Kommentar, der das Establishment aufmischen soll. Bosbach freut sich auf das neue "Format". Er liebt es auch nach 22 Jahren im Bundestag noch immer, sich auszuprobieren.
In wenigen Tagen muss er ins Krankenhaus. Es ist wirklich ernst. Zum ersten Mal will er sich keine Arbeit mitnehmen. Nur seinen Lieblingskrimi von Jilliane Hoffman, "Cupido", den er schon einmal vor Jahren gelesen hat. Vorher will er seiner Mutter den Stapel der Artikel aus dieser Woche geben. Seine Mutter schneidet noch immer alle Artikel über ihn aus, klebt sie auf DIN-A-4-Papier und heftet sie ab. "Mama ist in den nächsten Tagen nicht zu beneiden", sagt Bosbach. "Ich habe gesagt: Mama, es kommen schwere Zeiten auf dich zu, ich bringe die ganzen Zeitungsartikel vorbei."
Er steht auf. Halb zehn. Es ist Zeit. "Tut mir leid", sagt er, "ich muss noch ins Wahlkreisbüro."
Von Marc Hujer

DER SPIEGEL 35/2016
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