27.08.2016

NachrufDer Wegbereiter

Von Klaus von Dohnanyi
Unter den ernsten und angestrengten Gesichtern deutscher Nachkriegspolitiker sticht eines heraus: das fröhlich-unbekümmerte Lächeln von Walter Scheel. Weil sich viele an den einst so beliebten Bundespräsidenten besonders gern als Vorsänger des Millionenerfolgs "Hoch auf dem gelben Wagen" erinnern, wird Scheel oft als Leichtgewicht gesehen. Doch ohne ihn wäre unsere Republik vermutlich einen anderen und schwereren Weg gegangen.
Natürlich ist es übertrieben, die friedliche Wiedervereinigung Deutschlands allein Scheel gutzuschreiben; viele andere waren wichtiger: Willy Brandt, Michail Gorbatschow, Helmut Kohl. Aber die Ostpolitik, die den Weg zur Einheit ermöglicht hatte, wurde erst durch Scheels mutiges Eintreten für die sozialliberale Koalition möglich. Ohne Scheels Turnaround der FDP wäre Willy Brandt 1969 nicht Kanzler geworden.
Walter Scheels Name begegnete mir zuerst außerhalb der Politik. Er war in den Fünfzigerjahren Geschäftsführer eines Düsseldorfer Marktforschungsunternehmens; ich arbeitete im gleichen Metier bei Ford in Köln. Wir haben damals beide die Möglichkeiten der Sozialforschung für eine moderne Politik entdeckt.
1950 wurde Scheel in den Landtag Nordrhein-Westfalens gewählt, und schnell gesellte er sich zu jenen jungen Reformern, die die CDU in Düsseldorf von der Macht zu drängen versuchten. 1956 dann stand die sozialliberale Koalition in NRW. Es war die erste der jungen Bundesrepublik.
Walter Scheel war damals bereits Bundestagsabgeordneter, 1961 wurde er Entwicklungshilfeminister. Als die Regierung des CDU-Kanzlers Ludwig Erhard 1966 zerbrach und Scheel mit der FDP in die Opposition ging, griff er wagemutig zu und entthronte den nationalliberalen Parteichef Erich Mende. Zum Entsetzen vieler Altmitglieder beauftragte er dann auch noch die Reformer Karl-Hermann Flach und Ralf Dahrendorf mit der Modernisierung der Partei.
1968 trat ich als Staatssekretär von Wirtschaftsminister Karl Schiller in die Bundesregierung ein, und von Anfang an hatte ich großes Interesse an dem Mann, der nun die Opposition in Bonn anführte. Wir kamen aus demselben Berufszweig. Vor allem aber spürte ich das wachsende Interesse Scheels an Kontakten zu jüngeren Mitgliedern der SPD.
Scheel hatte das Problem, dass mit der Abwahl Mendes viele ältere, konservative FDP-Anhänger der Partei den Rücken kehrten. Umso mehr war er darum bemüht, junge Menschen aus der Studentenbewegung und dem intellektuell-technokratischen Mittelstand zu gewinnen. Das war auch das Ziel Willy Brandts.
Nebenbei hatte ich erfahren, dass Scheel im Krieg Jagdflieger gewesen war. Drei Männer mit diesem Hintergrund habe ich in meinem Leben kennengelernt, und alle zeichneten sich durch eine große Kühnheit aus. Irgendwo hat wohl der tägliche Kampf ums Überleben Spuren im Charakter dieser Männer hinterlassen. Scheel imponierte mir.
So lud ich ihn im Frühjahr 1969 zu mir nach Hause zum Abendessen. Wir sprachen über unsere früheren Berufe, über die unruhige Jugend und die Notwendigkeit, die erstarrte Bundespolitik von ihren lähmenden Fesseln zu befreien. Doch angesichts der Umfragen für die anstehende Wahl erschienen uns beiden die Chancen dafür gering. Am Ende, als Scheel schon aufbrechen wollte, fragte ich ihn direkt: Wäre er bereit, auch bei einem sehr knappen Ergebnis eine sozialliberale Koalition einzugehen? Ohne zu zögern antwortete er: "Ja!" Auch bei nur einem Sitz Mehrheit?, stieß ich nach. Scheel blieb bei seiner Antwort. Ich berichtete Willy Brandt von dem Gespräch.
Als dann in der Wahlnacht 1969 trotz hoher Ergebnisse für die Union und herber Verluste für die FDP (sie halbierte nahezu ihr letztes Wahlergebnis) eine knappe sozialliberale Mehrheit möglich erschien, bat ich Willy Brandt, bei Scheel anrufen zu dürfen. Ich wollte fragen, ob die Zusage von unserem Abendessen noch gelte. Brandt willigte ein. Als ich Scheel erreichte, sagte er ohne Zögern, dass er zu seinem Wort stehe. Als ich zu Brandt ins Zimmer gehen wollte, um ihm von dem Telefonat zu berichten, stand der künftige SPD-Fraktionschef Herbert Wehner vor der Tür. Er diktierte gerade einem Journalisten in den Block: "Doch nicht mit dieser Pendlerpartei." Er meinte damit die FDP.
Es war Scheels Mut, der die Kanzlerschaft Brandts erst möglich gemacht hat. Ohne ihn hätte es die Ostpolitik nicht gegeben. Die sozialliberale Koalition hielt dann 13 Jahre. Als die Union im April 1972 ein Misstrauensvotum gegen Brandt beantragte, war es Scheel mit seiner kämpferischen Rede, die dem sozialliberalen Plenum im Bundestag einen frenetischen Beifall entriss. Brandt überstand die Abstimmung.
Scheel war kein Hasardeur, wie man dieser Tage in einem Nachruf lesen konnte. Er hatte den Mut, den man braucht, wenn es gilt, die Weichen der Politik neu zu stellen. Mit diesem Mut hat Walter Scheel sich einen Ehrenplatz in der Geschichte der Bundesrepublik verdient.
Von Klaus von Dohnanyi

DER SPIEGEL 35/2016
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