27.08.2016

Landtagswahlen„Diese Trulla aus der Uckermark“

In Mecklenburg-Vorpommern scheint die AfD auf dem Weg zur Volkspartei. Ihr größter Vorteil: die Wut der Wähler auf die Bundeskanzlerin.
Am Ende eines langen Tages steht Bernhard Wildt vor der St.-Marien-Kirche auf Rügen, einem Bau aus Backstein mit einer mehr als 800 Jahre alten Geschichte. Wildt ist AfD-Kandidat für die Landtagswahl und hat gerade die abschließenden Worte für einen Werbefilm seiner Partei gesprochen. Vor ihm kniet der Kameramann, der ihn aus der Bodenperspektive gefilmt hat: Wildts Gesicht in Feldherrnpose.
"Boah", sagt der Kameramann, "ich hab jetzt echt Gänsehaut." Wildt versteht nicht recht. Er hat für den Spot nur wenige Sätze gesagt, unter anderem über die Kreisgebietsreform, und die waren nun wirklich nichts Besonderes. Warum dann solch schwärmerisches Lob für die Worte des Wahlkreiskandidaten? Der Kameramann, ein AfD-Sympathisant, lächelt, es sei egal, was er sage. "Es geht nur ums Bild." Die Siegerpose des Kandidaten.
Es wäre vielleicht auch egal gewesen, wenn Wildt gar nichts gesagt hätte. Die AfD muss hier im Nordosten ihren Wahlkampf nicht mit Sachthemen bestreiten. Ein paar schöne Bilder und dazu diese Stimmung in dem Bundesland: gegen "die Politik", gegen die Kanzlerin. Die Stimmung könnte die Partei aus dem Nichts zu einer Macht im Parlament befördern. Beim letzten Mal vor fünf Jahren gab es die AfD noch nicht, diesmal sehen die Demoskopen sie bei knapp 20 Prozent – nur wenige Prozentpunkte hinter CDU und SPD.
Mecklenburg-Vorpommern ist ein großes Land mit wenigen Menschen, hier leben nur 1,3 Millionen Wahlberechtigte, das sind rund 2 Prozent von denen, die in Deutschland wählen dürfen. Aber der Urnengang am 4. September hat einen hohen symbolischen Wert. Die Wahl fällt in eine Zeit, in der die Bundeskanzlerin umstritten ist wie selten zuvor, und sie findet in dem Land statt, in dem sie eine Ikone der CDU ist.
Angela Merkel hat bei der Bundestagswahl 2013 den Wahlkreis 15 "Vorpommern-Rügen – Vorpommern-Greifswald I" gewonnen. Sie sicherte sich das Direktmandat mit 56 Prozent der Stimmen. Wer die Wahlkampfveranstaltungen der AfD besucht, kann den Eindruck gewinnen, dass Merkel am nächsten Sonntag wieder zur Wahl steht. Die AfD kämpft gegen die Kanzlerin und ihre Flüchtlingspolitik.
Ihr Kandidat Bernhard Wildt, ehemals IT-Mann in größeren Konzernen, muss gar nicht groß über die Flüchtlingskrise reden. Von Überfremdung, Volksverrat und deutschem Wesen reden seine Wähler und sein Umfeld. Wildt will hier, in der politischen Heimat der Kanzlerin, bis zu 30 Prozent für seine Partei holen.
Der AfD würden auf Landesebene schon weniger genügen, um die Machtverhältnisse zu verschieben. Ein Erfolg der Partei könnte dazu führen, dass die Große Koalition in Schwerin nach zehn Jahren ihr Ende findet. Dann wäre eine Kenia-Koalition womöglich die Alternative, ein Dreierbündnis mit den Grünen wie in Sachsen-Anhalt (siehe Seite 28). Der AfD ist das erst mal egal, sie verfolgt ein anderes Ziel: von der Protestpartei zur Volkspartei zu werden, wobei sich das eine und das andere nicht mehr auszuschließen scheinen.
Grevesmühlen, Mecklenburg, Mitte vergangener Woche. Konrad Adam, einer der Gründerväter der AfD, ist angereist, um den lokalen Kandidaten seiner Partei für die Landtagswahl zu unterstützen.
Die Zuhörer, die an diesem Abend ins Veranstaltungszentrum "Malzfabrik" gekommen sind, brauchen keinen Wahlkämpfer, der ihnen Zuversicht vermittelt. Viele sind sich sicher, dass die AfD die Wahl gewinnen und als stärkste Fraktion in den Landtag einziehen wird. "Weil die Prognosen bisher immer schlechter waren als das tatsächliche Ergebnis", wie hier zu hören ist. Und "weil die Lügenpresse noch immer versucht, uns kaputtzuschreiben".
Die Aussicht, dass "die Merkel jetzt endlich hier in ihrer Heimat mal einen vor den Ballon bekommt", wie es ein Mittfünfziger in Jeansjacke formuliert, sorgt für gehässig gute Laune. "Vielleicht begreift sie dann, was sie uns angetan hat, als sie die Flüchtlingsflut ins Land gelassen hat."
Dass der Kanzlerin noch nie zu trauen war, ist Konsens in der zweiten Stuhlreihe. "Die ist nämlich eigentlich Wessi, in Hamburg geboren." Und: "In Moskau studiert, FDJ-Sekretärin und dann in die CDU, wie geht das denn zusammen?" Hinzu komme: "Mit Mecklenburg hat die sowieso noch nie was am Hut gehabt, ihr Wahlkreis liegt in Vorpommern, da weißt du Bescheid, oder? Zum Teufel soll sie sich scheren, die Pomeranze."
Den Merkel-Feinden im Saal hat Konrad Adam, Doktor der Literaturwissenschaft und langjähriger Feuilleton-Redakteur der "Frankfurter Allgemeinen", an diesem Abend zunächst wenig zu bieten.
Der 74-Jährige, von 2013 bis 2015 einer von drei AfD-Bundesvorsitzenden, skizziert das Schreckensszenario von "Pflegeheimen und Seniorenresidenzen als letzte Wachstumsindustrien eines sterbenden Landes". Adam warnt vor sich und seinesgleichen: "Die Alten sind zur herrschenden Klasse geworden." Die mehrheitlich älteren Herren, deren kurzärmlig-pastellfarbene Hemden über den Bäuchen spannen, übermannt sichtbar die Müdigkeit.
Der Saal wacht erst auf, als Adam fragt, "wen Angela Merkel eigentlich meint, wenn sie von unseren Kindern spricht", denn: "Sie hat doch keine."
Nun scheint auch Adam zu dämmern, was das Volk hören will, und er liefert: "Nach den jüngsten Mordtaten strenggläubiger Muslime, die Angela Merkels Einladung gefolgt sind, sollten wir uns dieser Form der kulturellen Bereicherung entziehen", ruft er. Und: Man müsse "deutlich machen, dass Menschen, die im Ehrenmord Achtung gebietendes Brauchtum sehen, hier nicht willkommen sind".
Manch einem geht selbst das noch nicht weit genug. Ein Teilnehmer stellt sich vor, "Görtz aus Rehna", und will wissen, warum im AfD-Programm "kein Volksentscheid über Asyl gefordert" wird: "Das wäre in Deutschland dann nämlich der größte Brexit." Jetzt ist die Stimmung auf dem Höhepunkt. Der Mann aus dem Volk bekommt deutlich mehr Beifall als der Mann am Rednerpult.
Vorn in der ersten Reihe scheint sich Christoph Grimm, AfD-Kandidat für den Wahlkreis Nordwestmecklenburg I, nicht ganz wohl in seiner Haut zu fühlen. 33 Jahre lang war er Mitglied der SPD. 2013 wechselte er zur AfD, wegen der Eurorettung, die "nicht den Griechen geholfen hat, sondern Banken und Hedgefonds". Sein Herz, so sagt er, "schlägt immer noch links".
Doch sein Versuch, die Asyl-Volksentscheid-Frage mit einer feinsinnigen Schilderung der Rechtslage zu entschärfen, geht am Publikum vorbei. Herr Görtz legt nach: "Die Demokratie in Deutschland ist nicht mehr gesund. Die Frage ist doch, ob Sie unterschreiben können, dass die Flüchtlingspolitik fast kriminell ist, wie sie uns geboten wird?" Kandidat Grimm muss darauf nicht mehr antworten. Das Publikum übernimmt das für ihn: mit lang anhaltendem Beifall.
Die anderen Parteien wirken eher hilflos gegenüber so viel Populismus. SPD und CDU haben sich offenbar so ans gemeinsame Regieren gewöhnt, dass sie kaum mehr gegeneinander Wahlkampf machen. Die Linke tut, was sie kann, gilt aber mittlerweile wohl als Teil des "Systems" – und ist aus diesem Grund für Protestwähler unattraktiv. Die Grünen haben es, auch dank ihrer Erfolge in den Hochschulstädten Rostock, Wismar und Greifswald, ins Parlament geschafft, sind jedoch in der Fläche kaum vertreten. Von der FDP ganz zu schweigen.
Bleibt die NPD. Sie ist bereits seit 2006 im Parlament und nennt sich selbst zuweilen "Kümmerpartei". Eine Gefahr für die AfD ist sie nicht, im Gegenteil: Die AfD ist eine Alternative für jene Deutschen, die schon immer rechts dachten, aber nicht NPD wählen wollen.
Für den Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern bedienen sich die Rechtspopulisten auch eines Gastes aus Thüringen: Björn Höcke tritt in Schwerin auf, der Chef der dortigen Landtagsfraktion, ein Mann, der weiß, wie Populismus geht und wie weich man die Hetze spülen muss, um sich nicht der Volksverhetzung schuldig zu machen. Doch in Schwerin hat Höcke einen schlechten Tag.
Vielleicht liegt es daran, dass die knapp 150 Zuhörer auf dem Marktplatz, der von AfD- und Deutschlandfahnen dominiert wird, etwas verloren wirken. Möglicherweise ist es aber auch auf die Bitte seiner Parteifreunde zurückzuführen, über Bildungspolitik zu sprechen. Weder die Rentnerpaare mit den Jack-Wolfskin-Jacken noch die Jungspunde mit den Hitlerjugend-Frisuren wollen darüber etwas wissen.
Dabei gibt sich Höcke alle Mühe. "68er Schluffis in der pädophilen Grünen-Partei" hätten mit einer "Dauerrevolution in der Bildungspolitik" Deutschlands Schulen ruiniert und "positive Autorität" diffamiert. Doch mehr als verhaltenen Höflichkeitsapplaus gibt es dafür nicht.
Erst als Höcke "die unsägliche Kanzlerdiktatorin, diese Trulla aus der Uckermark" für die Misere in Mithaftung nimmt, geht ein Ruck durch die Menge. "Merkel muss weg, Merkel muss weg", schallt es im Chor über den Marktplatz. "Das kriegen wir schon hin", sagt ein sonnengegerbter Goldkettchenträger mit Pilotenbrille und küsst seine Frau. Dann singen alle die Nationalhymne.
Vor der St.-Marien-Kirche auf Rügen neigt sich der Tag dem Ende zu. Als der Werbefilm im Kasten und das AfD-Banner eingerollt sind, sagt der Kameramann, dass man deutsche Werte wieder betonen müsse, "deutsche Pünktlichkeit" zum Beispiel. Wildt windet sich: "Aber sind nicht auch die Amerikaner pünktlich?"
Der Kameramann lässt nicht locker: "Ich würde gern mal wissen, von wem die Amis das haben." Jens Kühnel, AfD-Direktkandidat für den Wahlkreis Vorpommern-Rügen IV, springt seinem Parteifreund bei: "Also wenn es um Pünktlichkeit geht, bin ich gar kein Deutscher, dann bin ich eher wie ein Pole."
Der Kameramann verzieht das Gesicht und packt ein. Drehschluss und Ende der Debatte.
Von Marc Hujer und Gunther Latsch

DER SPIEGEL 35/2016
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