27.08.2016

Ein Video und seine GeschichteNimm zwei

Warum ein Muslim in Großbritannien eine Kontaktbörse für Zweitfrauen gründete
Das erste Bild, das auf dem Bildschirm erscheint, wenn man die Website Secondwife.com aufruft, zeigt ein Idyll, gezeichnet, als stammte es aus einem Kinderbuch, das die Welt einfacher wiedergibt, als sie ist. Ein Mann ist zu sehen, er ist das Zentrum, umgeben von drei Frauen, von vier Kindern, alle sind glücklich, alles perfekt. Über ihnen ist ein Satz aus dem Koran zu lesen: "Dann heirate Frauen deiner Wahl, zwei, drei oder vier. Aber wenn du fürchtest, sie nicht gerecht behandeln zu können, dann heirate nur eine."
Ins Internet gehoben wurden Satz und Bild von Azad Chaiwala, Betreiber der Partnerschaftsbörse SecondWife, englisch für Zweitfrau. Auch er erscheint nun auf dem Bildschirm, zum Skype-Interview. Als die Verbindung steht, sitzt er da, 33 Jahre alt, mit gepflegtem Kinnbart und knallgrüner Brille, eine Kombination, die wohl sagen soll, ich bin konservativ und innovativ zugleich.
Über 80 000 Männer und Frauen will er auf seiner digitalen Plattform versammelt haben, drei Viertel sind Männer, ein Viertel Frauen. Das sind 20 000 Frauen, die einerseits modern genug sind, um Partnerschaftsbörsen im Internet zu nutzen, andererseits so konservativ, so fest in ihrem Glauben verwurzelt oder gefangen, dass ihnen ein Leben als Zweitfrau erstrebenswert erscheint. Eine absurde Kombination. Die Vielweiberei gilt als archaisches Relikt, ist vielerorts illegal, auch ultimativer Ausdruck des Patriarchats, in dem die Frau zum austauschbaren Accessoire des Mannes schrumpft. Was ist attraktiv am Leben als Zweitfrau? Wie kann die Polygamie besser sein als eine monogame Beziehung?
Chaiwala beginnt das Gespräch mit einem entschiedenen Plädoyer gegen die monogame Beziehung, auch gegen die romantische Liebe, die mit wild schlagenden Herzen beginne, mit gefühlter Seelenverwandtschaft, auch mit der Hoffnung auf grandiosen Sex. Erwiesenermaßen sei sie aber, so Chaiwala, "untauglich als Fundament für die Ehe". Die Ansprüche überforderten die Partner zu oft. Man brauche ja nur die Statistiken anzuschauen, jede zweite Ehe werde im Westen mittlerweile geschieden, trotzdem werde sie unverdrossen glorifiziert, in Büchern, in Filmen, als gäbe es keine Alternative.
"Ehen sollten mit kühlem Kopf geschlossen werden", sagt Chaiwala, "mit klarem Blick auf den anderen, frei vom Nebel der Liebe." Vernunft müsse einziehen neben das Chaos der Gefühle, und Secondwife.com mache das möglich. Denn polygame Beziehungen, sagt Chaiwala via Skype, "erfordern so viel mehr Absprachen und Verhandlungen als monogame". Das fördere den nüchternen Blick auf den anderen.
Natürlich ist Polygamie für Chaiwala nur in eine Richtung akzeptabel: ein Mann, viele Frauen. Eine Frau, viele Männer, also die umgekehrte Variante, ist im Koran nicht vorgesehen, und sie ist deshalb für Chaiwala "unvorstellbar".
Die hippe Brille täuscht, ebenso wie sein betont lockeres Auftreten in seinen YouTube-Werbeclips, der Mann ist kein Progressiver, kein Tabubrecher, wie er es gern von sich selbst behauptet. Er ist das Gegenteil, ein cleverer Konservativer, ein cleverer Geschäftsmann, der weiß, dass es für ihn keine negative Berichterstattung gibt. Jede Nachricht erhöht seine Sichtbarkeit, so kümmert ihn auch die Kritik britischer Politiker nicht. "Ich rufe nicht zur Bigamie auf", sagt Chaiwala über Skype. Ihm sei klar, dass die Zweitfrau vor dem Gesetz nicht gleichberechtigt sei. "Vor Allah aber schon." Dann klickt er sich weg.
Azad Chaiwala profitiert also in vielerlei Hinsicht. Aber warum findet er Unterstützung bei manchen Frauen? Was fasziniert sie an einer polygamen Beziehung?
Zum Beispiel Jade Yasmina. Sie hat gerade ihren Abschluss in Jura gemacht, in Großbritannien, sie ist nun im Libanon, macht Urlaub, bei der Familie. Über WhatsApp erklärt sie ihre Entscheidung.
Sie sei religiös, bete fünfmal am Tag. Am Leben als Zweitfrau schätze sie, dass diese Art der Ehe ihr Raum lasse für sich selbst, sie müsse "nicht jeden Tag die Superehefrau sein", auch habe sie so Gelegenheit, ihren Mann zu vermissen. Die Absprache mit ihrem Mann sehe vor, dass er einen Tag bei ihr verbringe, einen Tag bei seiner anderen Frau. Sie würde die andere nicht als Freundin bezeichnen, der Kontakt sei nicht besonders eng, manchmal besprächen sie Organisatorisches.
Zum Beispiel Amira Syed, die einen Mann sucht auf Secondwife.com. Amira Syed, so erzählt sie per Skype, stammt aus Bangladesch, lebt seit ihrer Kindheit an der Ostküste der USA, der Islam ist Teil ihrer kulturellen Identität, die sie nicht aufgeben will, gerade jetzt nicht, in den angeblichen Zeiten des Terrors, in einem hysterischen Land. Sie studiert Soziologie, und Amira Syed ist nicht ihr richtiger Name. Den will sie in diesem Text nicht sehen, "weil kein Kollege verstehen würde, warum ich mir ein Leben als Zweitfrau vorstellen kann". Sie wolle Karriere machen, Professorin werden. Sie sei jetzt 28 Jahre alt, ihr bleibe nicht mehr viel Zeit. Mit 30 sollte sie als gläubige Muslimin verheiratet sein. Danach werde alles noch schwieriger. Secondwife.com sei eine mögliche Lösung.
Auch Azad Chaiwala sucht noch nach einer Nummer zwei. Seine erste Frau hat er schon vor der Heirat wissen lassen, dass er Polygamist ist. Für ihn ist Polygamie eine Veranlagung. Manche Männer seien schwul, manche Frauen lesbisch, er eben polygam. Da könne man nichts machen, da müsse man nichts machen. Seine Frau habe auf sein Coming-out "zurückhaltend reagiert". Er habe sie vor die Wahl gestellt, eine polygame Ehe oder keine. Sie habe sich für die Ehe entschieden. Freiwillig, sagt Chaiwala.
Von Uwe Buse

DER SPIEGEL 35/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 35/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Ein Video und seine Geschichte:
Nimm zwei

  • "Star Wars"-Finale: Zeit für Antworten es ist
  • Wir drehen eine Runde: Mazda 3 Skyactive X: Der Benziner mit dem Diesel-Gen
  • Neue Protestbewegung in Italien: Sardinen gegen Salvini
  • Nach der britischen Parlamentswahl: "Ich bin sehr beunruhigt"