27.08.2016

LeitkulturRot!

Eine Kolumne von Alexander Osang
Vor ein paar Tagen besuchte ich einen verwunschenen Gedenkwald an der Grenze zwischen Litauen und Weißrussland. Ein litauischer Millionär, der sein Geld mit Pilzen verdient hat, hat ein riesiges Stück Wildnis gekauft und wahllos Denkmäler von Lenin, Stalin, Marx und einigen anderen Männern hineingestellt, die an prominenteren Stellen des Landes abgerissen worden waren. Die Diktatoren und Philosophen standen zwischen Nadelbäumen herum, es gab Pilze und kleine Bäche, außerdem gab es Pfauen, ein Gehege mit Braunbären und aus irgendeinem Grund auch ein paar Lamas. Dazu einen großen Kinderspielplatz und einen Kiosk, an dem man eingelegte Gurken und Wodka bekam. Die Männer im Wald waren teilweise überlebensgroß, wirkten aber hilflos, so, als hätten sie sich verlaufen, vertrottelte Könige, die nur noch ihre Gesten haben, aber kein Reich mehr. Auf einer Lichtung saß Lenin auf einem Steinblock und redete auf die Bäume ein, als wollte er sie zur Weltrevolution ermuntern.
Ich dachte, dass man eine Delegation westdeutscher Sozialdemokraten in den baltischen Wald schicken sollte, damit sie begreifen, dass wirklich genug Zeit vergangen ist, um wieder mit den Linken zu marschieren.
Zurück in Deutschland, las ich im Magazin der "Süddeutschen Zeitung" ein Porträt des chinesischen Großkünstlers Ai Weiwei und musste an die Männer im Wald denken. Nicht nur, weil sich auch Ai Weiwei, der ähnlich zu ticken scheint wie der litauische Pilzmillionär, die Geisterbahn hätte ausdenken können. Sondern vielmehr, weil Ai Weiwei einen Imagewandel durchgemacht hat, seit er aus dem Reich der Mitte nach Deutschland gezogen ist, dem größten Zauberwald für Geschichtsungeheuer.
Jahrelang wurde mir Ai Weiwei als Held vorgeführt. Jeder zweite Essay über unterdrückte Künstler war von Ai-Weiwei-Kunst geschmückt, die mir oft wie Kinderkram erschien. Ich habe vor zwei Jahren mal eine Riesenausstellung im Brooklyn Museum in New York besucht. Wahllos verstreute Baumstämme, zusammengeschraubte Fahrräder, aufeinandergestapelte Kisten. Diese Sachen. Leute standen ehrfürchtig vor verwackelten Schnappschüssen, die Ai Weiwei in den Achtzigerjahren in der Lower East Side gemacht hatte, als beobachteten sie den Weltgeist bei der Arbeit. Ich war überzeugt davon, dass ich aus der Kunst, die meine Tochter unaufhörlich produziert, seitdem sie zwei ist, eine bessere Ausstellung zusammenbekommen hätte.
Ich hätte das nie geschrieben, weil ich annahm, der Stalinist in mir diktiere hier eine Kunstkritik.
Aber jetzt geht es, weil es zu der großen Ai-Weiwei-Installation gehört, die sich vor meinen Augen entfaltet.
Vor etwa einem Jahr zog Ai Weiwei nach Berlin. In Interviews äußerte er überraschendes Verständnis für seine chinesischen Peiniger. Erst las man das noch als Ironie. Aber bald war klar: Er meint es ernst. Er passte nicht mehr ins deutsche Weltbild. Nach einer kurzen Phase der Verunsicherung seiner ehemaligen Bewunderer kam der Hohn.
Ai Weiwei sitzt, so las ich in dem erhellenden Text des "SZ-Magazins", in einem Kellerstudio in Prenzlauer Berg und wundert sich über die Deutschen. Er glaubt zum Beispiel, dass ihr Verhalten an Ampeln viel über ihren Charakter sagt. Der deutsche Fußgänger bleibe bei Rot stehen, immer, auch wenn kein Auto komme. Er findet das grotesk, ein Zeichen für deutsche Regelhörigkeit. Ich fürchte, Ai Weiwei kriegt in Prenzlauer Berg keinen Fuß mehr auf den Boden. Über sein Verhältnis zu China hätte man hier noch hinwegsehen können, aber bei roten Ampeln hört die Freundschaft auf. Wer in Brooklyn an einer roten Ampel prinzipiell stehen bleibt, gilt als begriffsstutzig. Läuft man in Prenzlauer Berg bei Rot über die Straße, schauen einen die Leute an wie einen Kinderschänder, besonders die Mütter. Ich werde den Mann dennoch nicht alleinlassen bei seiner großen Installation über das Wesen der Deutschen. In Deutschland sind Dinge entweder sehr richtig, sagt Ai Weiwei, oder sehr falsch. Diese Feststellung finde ich – als Deutscher – sehr richtig. Wenn Sie beim Berlinbesuch zwei Männer über eine gesperrte Straße in Prenzlauer Berg laufen sehen, einer dick und einer dünn, dann sind das Ai Weiwei und ich.
Ich blieb einen Moment vor Felix Dserschinski stehen. Der Gründer des sowjetischen Geheimdienstes wirkte im baltischen Unterholz wie ein Pilzsammler.
"Wer ist denn das?", fragte der Sohn meines Freundes, mit dessen Familie wir durchs Baltikum reisten. Mein Freund hatte sich geweigert, uns in den Wald zu begleiten. Er hat einst in der Sowjetunion studiert und rennt seit Jahren davor weg. Wir waren schon zusammen in San Francisco, auf Sizilien und in Jerusalem, aber nie im Osten. Ich glaube, er war nur mitgekommen, weil Thomas Mann die Kurische Nehrung so geliebt hat, in dessen Tradition er sich heute eher sieht. Mein Freund also saß draußen im Kiosk und trank, um weiter zu vergessen. Dserschinski schaute auf uns herunter. Er hatte, soweit ich mich erinnere, ein ziemlich widersprüchliches Leben hinter sich. Er starb einen überraschenden Tod in Moskau.
"Ein Waldgeist", sagte ich dem Jungen. Das war nicht sehr richtig. Aber auch nicht sehr falsch.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 35/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 35/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Leitkultur:
Rot!

  • Webvideos der Woche: Truck landet auf Hausdach
  • Automesse IAA: Klimaaktivisten blockieren Eingänge
  • Erosion an der Elfenbeinküste: "Unsere Toten verlassen uns schon"
  • Braunkohletagebau in der Lausitz: 8000 Arbeitsplätze, 4 Tagebaue, 130 Dörfer weg