27.08.2016

KommentarDen Faden verloren

Kleidervorschriften für Frauen passen nicht zu Frankreichs Werten.
Man kann die nun weltweit berüchtigten Fotos von der Szene eines Polizeieinsatzes gegen eine Strandbesucherin in Nizza schon heute als museumswürdige Dokumente betrachten. Die passende Bildunterschrift wird lauten: Im Sommer 2016 hat Frankreich den Faden verloren. Zunächst erinnert der Einsatz an Louis de Funès als "Gendarm von Saint-Tropez". Dem oblag es schon in den Sechzigerjahren, die Moral des Abendlandes an der Côte d'Azur zu verteidigen. Er robbte durch Dünen und Pinienwälder, um mit dem Feldstecher nach Frauen zu fahnden, die oben ohne oder nackt baden wollten. Seine Kollegen heute verfolgen mit demselben Ernst eine ähnlich lächerliche Mission: die Strände Frankreichs von allzu bekleideten muslimischen Frauen zu befreien. Aber die Sache ist nicht lustig. Hier wird eine völlig unschuldige Frau gedemütigt, während eine kohärente Strategie gegen den militanten Islamismus fehlt. Die Bilder dokumentieren eine perverse Politik und sind somit eine perfekte Waffe im Propagandakrieg gegen den Westen. Als Franzosen aber bestürzt mich ein ganz anderer, fundamentaler Aspekt. Politik kommt und geht, aber gewisse Aspekte der französischen Kultur sind seit dem Ancien Régime unverändert. Einer davon ist die Höflichkeit. Es ist mit der französischen Kultur, dem dort seit Jahrhunderten gepflegten Umgangscode völlig unvereinbar, dass vier stehende, bekleidete Männer eine sitzende Frau zwingen, Kleidungsstücke abzulegen. Höflichkeit ist in Frankreich nicht bloß ein Zusatz zur Existenz, sie gehört zum Wesen dessen, was ziviles Leben ausmacht. Französische Kinder lernen das vor allem anderen. Es ist ganz einfach ein Widerspruch zu den Werten Frankreichs, einer Frau vorzuschreiben, was sie wann und wo anzuziehen hat. Das ist keine Nebensache: Frankreichs Image lebt von der Mode- und Luxusindustrie. Die Freiheit einer jeden zu tragen, was sie möchte, gehört zum Kern des französischen Selbstverständnisses. Die Bilder dokumentieren, wie eine europäische Nation, verrückt vor Furcht, geleitet von einer inkompetenten Regierung und gescheucht von einer entfesselten Rechten, sich selbst zu verlieren droht.
Von Nils Minkmar

DER SPIEGEL 35/2016
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