27.08.2016

SyrienDoppelschlag

Der türkische Einmarsch im Norden ist eine Zäsur im Konflikt. Er richtet sich auch gegen den „Islamischen Staat“, die eigentlichen Verlierer sind aber die Kurden. Nun richten die großen Mächte ihre Allianzen neu aus.
Der Flügelschlag eines Schmetterlings kann einen Tornado auslösen, so wird die Chaostheorie gern zusammengefasst. Und vielleicht ist sie mittlerweile wirklich am besten geeignet, die komplexe Lage in Syrien zu beschreiben. Der Flügelschlag, um im Bild zu bleiben, war Ende Juli die Entscheidung des syrischen Regimes, neue Stammesmilizionäre in einer abgelegenen Nordostprovinz zu rekrutieren. Der Tornado, den dies vier Wochen später auslöste, waren: der Einmarsch der türkischen Armee in Nordsyrien, die jähe Vertreibung des IS aus der Grenzstadt Dscharabulus – und US-Militärs, die sich über Nacht auf beiden Seiten einer neuen Front wiederfanden: der zwischen Kurden und Türken.
"Es ist 15.30 Uhr, wir stehen kurz vorm Stadtzentrum von Dscharabulus, hatten fast keine Verluste. Dabei sind wir erst heute Morgen über die Grenze gekommen!" Saif Abu Bakr, ein Kommandeur der Rebellengruppe "Hamza Division", klang am Mittwoch, als fasse er selbst nicht, was da gerade geschehen war: "Wir sind mit 20 Panzern und 100 Soldaten der Türken in Karkamış", dem Grenzort auf türkischer Seite, "losmarschiert, durch die Dörfer westlich der Stadt, dann nach Dscharabulus."
Fast drei Jahre nachdem der "Islamische Staat" (IS) die Grenzstadt erobert und die Köpfe seiner Gegner auf Zaunspitzen zur Schau gestellt hatte, endete der Spuk binnen Stunden. Dscharabulus war eine der letzten Bastionen der Dschihadisten an der türkischen Grenze. Sie hatten den Übergang lange unbehelligt benutzt, um Ausrüstung und Kämpfer in ihr Gebiet zu schaffen. "Die sind schon vor drei Tagen fast alle geflohen", erzählte Umm Chalid, eine Witwe aus der Stadt, über die IS-Schergen, "bis auf ein paar ihrer lokalen Anhänger und einige Ausländer. Auch alle Bewohner sind geflohen, wir wussten, dass etwas passieren würde."
Die türkische Invasion im Norden ist eine Zäsur im syrischen Krieg; es ist das erste Mal, dass der Nachbar Türkei direkt eingreift. Zugleich verschieben sich gerade viele der komplizierten Allianzen: Verbündete entfremden sich, Feinde entdecken Gemeinsamkeiten.
In den Tagen vor dem Einmarsch war eine bizarre Prozession über die grenznahen türkischen Landstraßen unterwegs gewesen: Die türkische Armee brachte Rebellen verschiedener Gruppierungen aus Idlib und Aleppo in Bussen und Pick-ups in die Türkei, um den Angriff vorzubereiten. Es waren eher kleine, meist vom Pentagon unterstützte Einheiten wie die Hamza Division, die Sultan Murad Brigade, die Levante-Front – aber nicht die großen, kampfstarken Hardcore-Islamisten wie etwa die ehemalige Nusra-Front.
Als die türkischen Panzer am Mittwoch auf einem Hügelzug westlich von Dscharabulus Position bezogen hatten, feuerten sie auf die versprengten IS-Grüppchen in der Stadt – aber ebenso auf jene Truppe, die ihrerseits Dscharabulus vom IS hatte befreien wollen: die kurdisch befehligte SDF-Miliz, die von Süden vorgerückt war.
Die Türken hatten einen Doppelschlag begangen: Sie griffen den IS an, den Ankara für den schweren Anschlag auf eine Hochzeitsgesellschaft in Gaziantep verantwortlich macht; mehr als 50 Menschen starben. Das Hauptziel der Türken war es aber, den Vormarsch der Kurden zu stoppen, die ein zusammenhängendes Gebiet in ganz Nordsyrien anstreben – und das will die Türkei unbedingt verhindern.
Die Ereignisse fügen sich ins Muster, nach dem die meisten Mächte mittlerweile im syrischen Kriegsgeschehen mitmischen: Jeder möchte nur seinen eigenen Feldzug führen, Syrien à la carte. Die Türken wollen gegen die Kurden kämpfen. Die Amerikaner wollen nur den IS bekriegen. Die Kurden wollen ihren eigenen Staat erobern. Und die Russen wollen der Welt vorführen, dass sie wieder eine Weltmacht sind.
Die neue Invasionsallianz der türkischen Armee mit syrischen Rebellen inklusive Fahrgemeinschaft ist das jüngste jener rasch wechselnden Zweckbündnisse, mit denen jeder seine Interessen durchsetzen will. In der Summe haben sie diesen monströsen Krieg zu einem Schlachtfeld bar jeder Vorhersehbarkeit gemacht. Die Karten werden neu gemischt – und der Auslöser dafür, der Flügelschlag, waren ausgerechnet lokale Scharmützel in der abgelegenen nordsyrischen Provinz Hasaka.
Der Reihe nach: Jahrelang gab es in Hasaka ein angespanntes Zweckbündnis von Assads Truppen und PKK-nahen Kurden, die immer neue Ableger mit Drei-Buchstaben-Kürzeln ins Leben gerufen haben. In Syrien sind dies vor allem die YPG (die Abkürzung steht für Volksschutzeinheiten), als Letztes wurden die SDF gegründet, die Syrian Democratic Forces. Alle teilen sich Personal, Finanzierung und Führung, überall hängt das Bild des PKK-Anführers Abdullah Öcalan. Die YPG beteiligten sich nicht am Aufstand gegen Assad, dafür durften sie mit dessen unausgesprochener Billigung in den kurdischen Gebieten ihre Kontrolle ausweiten.
Zwar gab es immer wieder Schießereien zwischen Assad und den YPG, die jeweils schnell beigelegt wurden. Weil Assads Armee aber die Soldaten ausgehen, heuerte sie in Hasaka im Juli neue Stammesmilizionäre an – und zwar ausgerechnet aus jenen Clans, deren Plünderungen und Morde den örtlichen Kurden noch von früher in bitterer Erinnerung waren. Binnen Tagen eskalierte die Lage, beide Seiten schossen aufeinander, Kurden eroberten fast die gesamte Provinzhauptstadt. Dann bombardierte, zum ersten Mal in fünf Jahren, die syrische Luftwaffe am 18. August die kurdischen Stellungen.
Am lokalen Kampfgeschehen änderte das wenig, am internationalen Kräfteverhältnis hingegen viel: Assads Luftschläge lieferten einen Anlass für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, im syrischen Machthaber, den er eigentlich bekämpft, doch einen nützlichen Aspekt zu entdecken. Wie es schon im Juni ein führender Kader von Erdoğans AKP formulierte: "Letztlich ist Assad ein Killer, foltert seine eigene Bevölkerung. Aber er unterstützt keine kurdische Autonomie. Wir verabscheuen einander, aber in dieser Hinsicht verfolgen wir eine ähnliche Politik."
Assads Angriff auf die Kurden erleichterte auch eine Annäherung zwischen der türkischen und der russischen Regierung in der Syrien-Frage. Erdoğan fordert zwar seit 2011 die Absetzung Assads und finanziert einen Teil der Rebellen; Russland ist Assads entscheidender militärischer Verbündeter. Aber die Eiszeit zwischen Erdoğan und dem Westen, die sich nach dem gescheiterten Putsch verstärkte, macht Russland für die Türkei wieder zu einem potenziellen Partner.
Der Kreml wiederum kommt mit seiner Dramaturgie für Syrien nicht voran: Assad weigert sich, auch nur ein wenig Macht abzugeben. Die Russen wünschen sich eine syrische Übergangsregierung mit Assad an der Spitze. Dann hätte Russlands Führung gesichtswahrend die Möglichkeit, Assad zu gegebener Zeit auszuwechseln gegen einen General von ihren Gnaden – und eine internationale Einigung zu erzielen. Wenn die Türkei damit einverstanden wäre, ließe sich das leichter durchsetzen – und tatsächlich sagte Premier Binali Yıldırım vergangene Woche, die Türkei würde Assad an der Spitze einer Übergangsregierung tolerieren. Der Deal sieht so aus, dass die Türkei Konzessionen für Assads Machtverbleib eingeht. Dafür könnte Russland die erst im vorigen Herbst zu Verbündeten erkorenen Kurden wieder fallen lassen.
Die Kurden wollten im taktischen Wechsel der Allianzen in Syrien die gerissensten Spieler sein, doch nun zeigt sich: Sie haben zu hoch gepokert.
Auch ihr Verhältnis zu den USA hat sich rapide verschlechtert. Dabei sind sie eigentlich deren engste Verbündete im Anti-IS-Kampf. Die kurdischen Kämpfer rückten aber nach der Eroberung des eigenen Gebiets nicht wie mit den USA vereinbart gen Rakka vor, die informelle Hauptstadt des IS, sondern in die Gegenrichtung. Sie nahmen die arabische Stadt Manbidsch vom IS ein. Als Nächstes wollten sie nach Norden gegen Dscharabulus ziehen.
Aus türkischer Sicht hätten die Kurden mit jedem weiteren Vorrücken westwärts des Euphrat eine rote Linie überschritten. Das drückt sich im Namen der türkischen Operation aus: "Schutzschild Euphrat". Auch die USA wollen keine weiteren Eroberungen arabischer Städte durch die Kurden. "Wir haben den Vorstößen der Kurden nach Norden jetzt eine Grenze gesetzt", so zitierte das "Wall Street Journal" einen US-Regierungsvertreter: "Solange sie auch nur die kleinste Unterstützung von uns bekommen wollen, was, denke ich, ein ziemlich massives Druckmittel ist."
Die türkische Operation in Dscharabulus wurde auch mit amerikanischer Luftunterstützung geführt, Special Forces sollen ebenfalls beteiligt gewesen sein. Nur Stunden nach der Invasion landete US-Vizepräsident Joe Biden in Ankara, um das angespannte Verhältnis beider Staaten zu glätten.
Am Boden südlich von Dscharabulus führten die jähen Kurswechsel dazu, dass sich um ein Haar zwei von den Amerikanern unterstützte Truppen schießend gegenübergestanden hätten.
Auf tragische Weise wiederholt sich die Geschichte, dass die PKK sich vom syrischen Regime benutzen lässt und anschließend fallen gelassen wird. Viele Jahre lang ließ Assads Vater und Vorgänger Hafis die PKK in der Bekaa-Ebene unter syrischer Besatzung im Libanon logieren. Doch als 1998 türkische Panzer an Syriens Nordgrenze auffuhren, ließ Hafis seinen kurdischen Joker fallen. Die PKK musste ihre Lager räumen – es begann Öcalans Odyssee durch die halbe Welt, bis er schließlich von türkischen Spezialeinheiten in Kenia gefangen genommen wurde.
Nun hat sich die PKK wieder verkalkuliert. Sie wollte die USA und Russland benutzen, um im Windschatten des Anti-IS-Kampfes ihren eigenen Staat in Nordsyrien zu erobern. Russland wiederum hat sie benutzt, um die Türkei unter Druck zu setzen. Und lässt sie nun, da der Zweck erfüllt wurde, offenbar wieder fallen.
Noch am Mittwoch drohte Shirwan Darwish, Sprecher des kurdischen Militärrats in Manbidsch, der Türkei gegenüber dem SPIEGEL in düsteren Worten: "Wir haben unsere Verteidigungslinie am Sadschur-Fluss (westlich des Euphrat) und werden uns gegen jeden verteidigen, der dieser Linie auch nur nahe kommt. Sie ist mit dem Blut unserer Märtyrer geschrieben."
Die meisten geflohenen Bewohner von Dscharabulus, größtenteils Araber, sehen die Lage etwas anders: "Wenn man ein Gebiet befreit, heißt das doch nicht, dass es einem danach gehört", so Darwish Chalifa, ein Lokalpolitiker: "Die Mehrheit der Menschen hier ist für die ,Freie Syrische Armee' und gegen Assad. Wir hoffen, dass unsere kurdischen Brüder das verstehen und ihren Kampf nicht gegen uns führen."
Bald soll es Wahlen für den Stadtrat geben. Vielleicht ist das eine naive Hoffnung, aber immerhin eine klare Perspektive. Für die großen Akteure dagegen ist weniger klar, ob sie von den Veränderungen der letzten Tage nun profitieren oder nicht:
Der IS, gegen den alle Seiten zu kämpfen vorgeben, hat Dscharabulus verloren und wird rasch seine letzten Bastionen nahe der türkischen Grenze einbüßen. Dafür dürfte die Bereitschaft der Kurden dramatisch gesunken sein, für den Westen die IS-Hochburg Rakka anzugreifen.
Die syrischen Rebellen frohlocken über die gelungene Invasion. Aber das kalte Erwachen könnte noch kommen, wenn die Türkei sie fallen lässt, um lieber mit Assad Krieg gegen die Kurden zu führen.
Die Türkei hat ihre Beziehungen zu Russland und den USA verbessert und den kurdischen Vormarsch gestoppt. Andererseits kann sich der Konflikt nun auch offen auf die Türkei ausweiten. Dort kamen in den vergangenen Monaten bereits mehrere Hundert Menschen bei Gefechten zwischen Militär und PKK ums Leben.
Baschar al-Assad hat nun die Kurden zum Feind, die Türkei wiederum nicht mehr ganz so sehr zum Feind – aber sein Schicksal liegt ohnehin in Moskaus Hand.
Und die USA haben fortan das Problem, zwei Verbündete in Syrien zu haben, die eigentlich aufeinander schießen wollen.
Gewonnen haben am ehesten die Russen, verloren die Kurden.
Die Kämpfe in Hasaka, mit denen alles begonnen hatte, wurden übrigens am vergangenen Dienstag hastig beigelegt. Die Emissäre des Regimes und der YPG beschlossen, die Bodenkämpfe einzustellen. Des Weiteren soll die einzige Verbindungsstraße nach Kamischli wieder geöffnet werden, wo Assads Truppen noch Teile der Stadt und vor allem den einzigen Flughafen im Nordosten des Landes halten.
Die Verhandlungen fanden auf der russischen Luftwaffenbasis Hmeimim statt, die längst zur zweiten politischen Schaltstelle des Regimes geworden ist, wo unter russischer Aufsicht Gespräche mit allen möglichen syrischen Fraktionen geführt werden.
Von Maximilian Popp und Christoph Reuter

DER SPIEGEL 35/2016
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