27.08.2016

ItalienFlüchtlinge im eigenen Land

Das verheerende Erdbeben mit weit über 200 Toten ist eine Bewährungsprobe für Premier Matteo Renzi. Das Versagen des Staates nach der Katastrophe von 2009 ist unvergessen.
Sie sehen jetzt aus wie die Gestalten, die sie seit Jahren aus den Nachrichtensendungen im Fernsehen kennen. Sie gleichen erschöpften Boatpeople, die das Meer in Gummibooten überqueren und an Italiens Inseln stranden. Nur ist hier kein Kriegsgebiet und auch kein Meer.
Andrea und Maria Giovanna Fontanella, 71 und Ende 60, stehen vor ihrem Haus am Rand der Abruzzen und weinen, ihre Körper, ihre Haare sind immer noch staubverschmiert, sie tragen ihre letzten Habseligkeiten, er ein weißes Poloshirt, auf dem in blauer Schrift "Italia" steht, sie einen grünen Wollpullover für die kalten Nächte.
Sie betreten wohl zum letzten Mal das dreistöckige Haus mit dem grünen Anstrich, bevor es in sich zusammenfällt, greifen, was sie greifen können, Eier aus dem umgekippten Kühlschrank, eine Salami, die am Boden lag. Sie wollen ihr Hab und Gut nicht Plünderern überlassen. Nachts starren sie in den Sternenhimmel und bekommen kein Auge zu. Sie haben so eine Wucht, so eine Endgültigkeit noch nie erlebt, sagen beide.
Seit Mittwochfrüh um 3.36 Uhr sind Andrea Fontanella und seine Frau Maria Giovanna Flüchtlinge im eigenen Land. Das Beben in den Abruzzen – 6,2 auf der Richterskala – war das stärkste, seit im Jahr 2009 im benachbarten L'Aquila mehr als 300 Menschen starben. Es hat sie einer Zukunft in den grünen Hügeln und kargen Bergen zweieinhalb Autostunden von Rom beraubt. "Ich muss jetzt oft an die Flüchtlinge aus Afrika und dem Nahen Osten denken", sagt er, "ich stelle mir oft vor, wie sie sich fühlen, fehl am Platz, eine Last – aber zum Glück noch am Leben."
Die Fontanellas stammen aus Rocchetta, das heißt "kleiner Felsen", einem Dorf, keine zwei Kilometer von Amatrice entfernt, wo das Epizentrum des Bebens war. Rocchetta klebt in den grünen Bergkuppen, zwischen Maisfeldern und Platanen. Ein hübsches Dörfchen, 30 Häuser, inmitten von Italiens ländlicher, verlassener Mitte. Wer konnte, der war schon lange gegangen, nach Rom, nach Rieti und Terni, wo es Arbeit gibt. Rocchetta war ein Dorf der Alten, aber es war auch ein Dorf der Fremden, der Wirtschaftsmigranten aus Rumänien. Jetzt ist es ausgelöscht.
"Schauen Sie", ruft Andrea, ein ehemaliger Carabiniere, der viele Jahre auf Zypern stationiert war, der die Welt kennt. "Ich kannte Aleppo gut, hier sieht es aus wie in Aleppo, schauen Sie, kein Stein mehr auf dem anderen. Wenn Sie mich fragen, das wird auch nichts mehr."
Die Kirche, der Lebensmittelladen sind in sich zusammengesackt, mehrere Autos zerdrückt und begraben unter Geröll. Bei dem Haus am Brunnen, um den lila Geranien blühen, ist die Fassade weggebrochen, der Lüster über dem Wohnzimmertisch im ersten Stock brennt noch.
Sechs Menschen aus Rocchetta sind in der Nacht zum Mittwoch ums Leben gekommen, der Rest hat Glück gehabt, aber wohnen werden sie hier wohl niemals mehr. Rund 250 Menschen sind in der ganzen Region gestorben, die meisten davon im Nachbarort Amatrice. Dort hätte am Wochenende der Höhepunkt im Festkalender des Ortes stattfinden sollen: die dreitägige Sagra degli Spaghetti All'Amatriciana, die Feier jenes mit Schweinebacke und Peperoncino veredelten Pastagerichts, das dem Bergort seinen Namen verdankt.
Am Abend nach dem Beben trifft der Bischof von Rieti in Amatrice ein: Domenico Pompili, ein stiller Geistlicher in schlichtem Schwarz. Er besichtigt die Trümmer dessen, was einmal "die Stadt der hundert Kirchen" war, einer der schönsten Orte Italiens. Er steht unter einem Glockenturm aus dem 15. Jahrhundert, dessen Zifferblatt unverändert 3.38 Uhr anzeigt – die Zeit des Bebens.
Nur Tage zuvor hat der Bischof hier die Heilige Pforte geöffnet. Nun hört er, Leichen von Kindern und Greisen vor Augen, Leidensgeschichten, die an der Weisheit göttlichen Ratschlusses zweifeln lassen. Geschichten wie jene des Mannes, der überlebte, weil er als Bäcker zur nächtlichen Stunde am Backofen stand – Frau und Kinder, die derweil schliefen, wurden tot aus den Trümmern geborgen.
Durchs historische Zentrum von Amatrice führt kein Weg mehr. Es sieht aus, als hätte ein zürnender Riese Schneisen der Verwüstung geschlagen. Nur wer das Motorrad nimmt, vorbei an den Einsatzfahrzeugen von Polizei und Feuerwehr, Bergwacht und Katastrophenschützern mit schwerstem Gerät, die sich an den Ortseinfahrten stauen, der bekommt ein Bild von dem, was in Amatrice geschah. Sirenengeheul und Blaulicht, das Rattern der Rettungshubschrauber und bellende Spürhunde – all das steht in obszönem Kontrast zur Totenstille, die über dem Land liegt.
Die Leichen der Opfer liegen am anderen Ende des Ortes, in blaue Plastiksäcke verpackt, nahe der Straße, die nach L'Aquila führt. Das Schild, das den Weg in die nur 50 Kilometer entfernte Hauptstadt der Region Abruzzen weist, wirkt wie ein Fanal: Der Name L'Aquila steht bis heute stellvertretend für staatliches Versagen im Umgang mit Naturkatastrophen.
Noch immer gibt es in L'Aquila Ruinen jenes entsetzlichen Bebens vom 6. April 2009. Korruption und Behördenzank behinderten den Wiederaufbau L'Aquilas derart, dass selbst dem Bürgermeister der Satz entfuhr, "wenn die Regierung will, dass diese Stadt wie Pompeji bleibt, dann soll sie es uns sagen". Mittlerweile ist einiges geschehen. Und doch sieht es an manchen Stellen im Hauptort der Abruzzen noch immer so aus, als hätte die Erde eben erst zu beben aufgehört. Dabei sind Milliardensummen in den Wiederaufbau geflossen, doch bei der Vergabe von Aufträgen wurden Schmiergelder gezahlt. Lokalpolitiker und mutmaßliche Mafiamitglieder wurden verhaftet.
Das seit sieben Jahren währende Gezerre um den Wiederaufbau spiegelt jene italienischen Grundübel wider, die Regierungschef Matteo Renzi seit zweieinhalb Jahren zu bekämpfen versucht: Korruption, Bürokratie und die Verschwisterung lokaler Politik mit dem organisierten Verbrechen. Die Regierung Renzi wird deshalb daran gemessen werden, wie sie Amatrice und den anderen Dörfern helfen kann. "In Amatrice entscheidet sich, welches Gesicht Italien zu zeigen in der Lage ist", sagt Renzi am Tag des Unglücks. In seiner typischen Prosa zwischen Pathos und Kitsch lobt er die Helfer: "In den schwierigsten Momenten weiß Italien, was zu tun ist, da zeigt es sein schönstes Gesicht."
Die führenden Geowissenschaftler des Landes sehen den Fall nüchterner. Sie würden es vorziehen, wenn es zu Momenten, in denen Italien "sein schönstes Gesicht" zeigen muss, gar nicht erst käme. Zentralitalien ist auf den von Seismologen entworfenen Risikokarten seit Langem tiefrot markiert. Schwere Erdbeben entlang der nordwestlich-südöstlichen Achse des Apennins sind seit Jahrhunderten die Regel.
Sowohl das verheerende Beben von L'Aquila 2009 als auch jenes von dieser Woche erreichten bei Weitem nicht die Stärke früherer Erschütterungen – nicht auszudenken, wenn dichter besiedelte Gebiete betroffen gewesen wären. "Wir Geologen betonen seit Jahren, dass Italien weit entfernt ist von einer Kultur der Vorsorge", sagt Francesco Peduto, Präsident des Nationalrats der Geologen.
Ihm stimmt Domenico Giardini zu, Professor für Geodynamik und verantwortlicher Seismologe in der Nationalen Hochrisiko-Kommission: "Leider braucht es in Italien ein Erdbeben, damit danach bebensichere Häuser gebaut werden. Erdbeben sind unvermeidbar, aber der totale Einsturz von Gebäuden wäre vermeidbar."
Wissenschaftler, so Giardini, "können nicht voraussagen, ob das Beben in einer Stunde oder in einem Jahr kommt; aber wir können mit Sicherheit voraussagen, dass die alten Häuser bei einer Stärke von 6 auf der Richterskala zusammenfallen werden." Nur – warum fiel dann in Amatrice auch die eben erst angeblich erdbebensicher mit Stahlbeton erneuerte Schule in sich zusammen? Es wird Untersuchungen geben – sie werden aller Voraussicht nach aber fruchtlos verlaufen.
In jener Nacht, als das Beben den Weiler Rocchetta dem Erdboden gleichmachte, schreckte Andrea Fontanella aus dem Schlaf, rief nach seiner Frau, gemeinsam traten sie immer wieder gegen die Tür, bis sie sich befreien konnten, barfuß und im Nachthemd. Das Haus gegenüber war eine Schutthalde. Andrea vernahm ein Winseln, er hörte seinen Nachbarn Piero um Hilfe rufen.
Er klemmte fest unter einem Küchenschrank, bekam keine Luft. Andrea Fontanella, der ehemalige Carabiniere, rief die Zentrale in Amatrice und in Rieti an, um 4 Uhr, um 6 Uhr, keiner kam. Er verlangte den "Comandante Generale", den Allerobersten. Seine früheren Kollegen lachten ihn aus, sie hatten zu viel zu tun in jener Nacht.
Bei Sonnenaufgang zog Andrea den bewusstlosen Piero selbst aus dem Schuttberg, da, sagt Andrea und zeigt auf das Loch im Geröll. Piero ist jetzt im Krankenhaus in Rom, es geht ihm besser.
Nach Rom, dahin wollen Andrea und seine Frau nun auch, Rocchetta den Rücken kehren, für immer.
Von Fiona Ehlers und Walter Mayr

DER SPIEGEL 35/2016
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