27.08.2016

Fußball0044!

Wenn die Ländervorwahl von England im Display erscheint, bekommen die Manager deutscher Klubs feuchte Hände. Die Vereine von der Insel bezahlen in diesem Sommer Fantasiepreise für neue Spieler. Bericht über eine Branche im Geldrausch.
Auf dem Weg zur Toilette stoppt Uwe Seeler vor einer Schautafel, die im Konferenzsaal des Intercontinental-Hotels in Berlin steht. Die Deutsche Fußball Liga (DFL) hat zur jährlichen Generalversammlung eingeladen, und wie üblich präsentiert der Vermarkter der Bundesliga große Zahlen. 2,3 Milliarden Euro Steuern und Abgaben hätten die Profiklubs pro Saison gezahlt, 110 000 Arbeitsplätze würden durch den Kommerzfußball in Deutschland geschaffen, die Wertschöpfung liege insgesamt bei 7,9 Milliarden Euro.
Seeler studiert die Zahlen, streicht den Anzug glatt und marschiert weiter Richtung Toilette.
Uwe Seeler war in den Sechzigerjahren einer der besten Stürmer der Welt, er war nie bei einem anderen Verein unter Vertrag als beim Hamburger SV und verdiente als Profi umgerechnet rund 1300 Euro im Monat. Nach seiner Karriere kaufte er sich eine Tankstelle, die seinen Namen in Leuchtschrift trug. Am Dienstag wurde Seeler, der immer gern als Sinnbild für Bodenständigkeit herausgestellt wird, von der DFL geehrt. Er stand auf der Bühne wie ein freundlicher Dinosaurier aus einer vergessenen Epoche. Die versammelten Manager und Präsidenten der Profiklubs applaudierten. Für einen Moment berührten sich die Vergangenheit und die Gegenwart des deutschen Fußballs. Doch noch bevor Seeler von der Bühne herunter war, standen die ersten Männer schon wieder draußen im Foyer, das Handy am Ohr, um sich den Geschäften zu widmen.
Am 31. August endet die Sommer-Transferperiode für die europäischen Profifußballklubs. Ab dann darf kein Spieler mehr den Verein wechseln. Ein beispielloser Exzess geht zu Ende, Wochen des Geld-zum-Fenster-Hinauswerfens. Was bislang geschah: Der Franzose Paul Pogba, 23, ein Talent, ja, aber noch lange kein Überspieler, wechselte für 105 Millionen Euro von Juventus Turin zu Manchester United. Transferweltrekord. Pogba wird im Monat rund 1,5 Millionen Euro verdienen. Über tausendmal so viel wie einst Uwe Seeler. Der deutsche Nationalspieler Leroy Sané, 20, der gerade mal 47 Bundesligaspiele für Schalke 04 hinter sich hat, wurde für 50 Millionen Euro an Manchester City verkauft. Bundesliga-Transferrekord. Bis vergangenen Dienstag hatten die Vereine in Deutschland 422 Millionen Euro mit Spielerverkäufen eingenommen und 457 Millionen Euro für 120 Zugänge ausgegeben. Auch das ein Rekord.
Dietmar Beiersdorfer sitzt in der Lobby des Interconti-Hotels, dem Vorstandsvorsitzenden des Hamburger SV fällt nur ein Wort zur aktuellen Lage auf dem Fußballmarkt ein: "Irre." Die ohnehin reichen Klubs der Premier League in England schwimmen im Geld, ein neuer TV-Vertrag garantiert ihnen jährlich über drei Milliarden Euro. Selbst Durchschnittsvereine wie Stoke City haben bis zu 100 Millionen Euro für Investitionen zur Verfügung.
Die Briten kaufen Stars, junge Talente, manchmal auch Kicker, die außer ihnen niemand will. Das ganze Geld strömt in den Markt wie eine Flut und "hebt alle Boote", wie ein DFL-Mann sagt. Es fließt in alle möglichen Richtungen, in die Taschen der Spieler, die noch höhere Gehälter kassieren, in die Kassen der Vereine, die Spieler zu Höchstpreisen abgeben, auf die Konten der Spielerberater, die für die aktuelle Transferperiode zusätzliche Mitarbeiter einstellen mussten, um die Anfragen aus England abarbeiten zu können.
HSV-Chef Beiersdorfer kümmert sich in diesem Jahr um die Kaderplanung des Vereins. Er interessierte sich unter anderem für Pierre Emile Højbjerg vom FC Bayern. Der dänische Nationalspieler kickte zuletzt als Leihgabe für Schalke 04. Auf sechs Millionen Euro taxierte Beiersdorfer Højbjerg, die Bayern wollten ein bisschen mehr. Zu Verhandlungen aber kam es nicht. Der FC Southampton kaufte den Mittelfeldspieler – für 15 Millionen Euro.
"Heute wird doch jeder Spieler, der zwei Beine hat, irgendwo in England gehandelt", sagt Jörg Schmadtke, Geschäftsführer des 1. FC Köln. Und die Ziffernfolge 0044, die Ländervorwahl von England, ist zur magischen Nummer für Klubmanager und Spielerberater geworden. Wenn sie im Display erscheint, winkt der Superdeal. 42 Millionen Euro kassierte Borussia Dortmund von Manchester United für Henrich Mchitarjan. Arsenal London kaufte Granit Xhaka von Borussia Mönchengladbach für 45 Millionen.
Hans-Joachim Watzke, der Geschäftsführer von Borussia Dortmund, sagt im SPIEGEL-Interview (Seite 88), die Summen, die im Fußball verhandelt würden, dürften sich nicht noch weiter von der "Vorstellungskraft der Menschen" entfernen. Christian Heidel, der neue Manager von Schalke 04, geht aber genau davon aus: "Was wir heute für teuer halten, wird uns vielleicht nächstes Jahr schon preiswert erscheinen."
Noch betrachten die Fans die jährlichen Transferspektakel als Teil der Show. Auch in Deutschland, wo man sich so gern einen moralischen Sport wünscht, ohne Doping, ohne eine korrupte Fifa und ein verdorbenes IOC, lässt sich das Publikum vom Millionenspiel nicht den Spaß verderben. Zum Tag der offenen Tür von Schalke 04 kamen neulich über 100 000 Besucher.
"Wir haben das große Glück, dass unser Produkt geliebt wird", sagt Köln-Manager Schmadtke. Aber ist diese Liebe grenzenlos? Beim DFB-Treffen in Berlin wurde auch Horst Hrubesch geehrt, der Trainer der Olympiamannschaft, die in Rio die Silbermedaille gewann. Die Laudatio hielt der ehemalige TV-Kommentator Marcel Reif, der in seiner Rede abschweifte, um mit dem Fußballgeschäft abzurechnen. "Obszön" seien die Gehälter und die Transfersummen, der Betrieb laufe Gefahr, "die Schraube zu überdrehen", sagte Reif.
Die anwesenden Manager hörten sich das entspannt an. Der Weißwein war gut temperiert, das Filet zum Hauptgang zart und perfekt gebraten. Fußball ist ein Wachstumsmarkt. Es gibt seit Jahren immer nur noch mehr Geld. Vom Fernsehen. Von Sponsoren. Von Investoren. Es läuft. Und die nächste Welle baut sich bereits auf. In China hat Staatschef Xi Jinping den Ausbau der Fußballkultur zum Staatsziel erklärt. China will eine anerkannte Profiliga aufbauen, eine Weltmeisterschaft austragen, China will den WM-Titel. Das Land beginnt, Know-how anzusaugen. Topspieler werden mit Fantasiesummen geködert. Investoren aus dem Riesenreich übernehmen europäische Großklubs wie den AC Mailand.
In Deutschland ist das nicht möglich. Die 50+1-Regel sorgt dafür, dass die Mehrheitsanteile immer beim Verein liegen müssen. Aber es gibt andere Wege, in den Markt zu gelangen. Chinesische Unternehmen versuchen, große Spieleragenturen, die Dutzende Profis unter Vertrag haben, aufzukaufen. Ein Agenturchef berichtet von einem Gespräch mit einem Unterhändler. "Mit dem zweiten Satz fragt der mich, ob ich meine Firma verkaufen wolle."
Der Berater wollte nicht. Doch die Summe, die ihm der Mann bot, spukt noch in seinem Kopf herum: 180 Millionen.
Von Rafael Buschmann, Jörg Kramer und Gerhard Pfeil

DER SPIEGEL 35/2016
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