27.08.2016

Bundesliga„Es kann holpern“

Borussia Dortmunds Chef Hans-Joachim Watzke, 57, über die erneuerte Mannschaft seines Klubs, das Verhältnis zu Bayern München und das Comeback von Uli Hoeneß
SPIEGEL: Herr Watzke, als nacheinander Mario Götze und Robert Lewandowski von Dortmund zu Bayern München wechselten, begann die Münchner Dominanz in der Bundesliga. Jetzt kehrt Götze nach drei Jahren zurück. Ein gutes Zeichen?
Watzke: Damals bekamen ihn die Bayern von uns auf dem Höhepunkt seiner bisherigen Karriere. Er war voller Selbstvertrauen, die Welt lag ihm zu Füßen. Nun kommt ein Spieler zurück, der – das muss man klar sagen – einen Karriereknick erlitten hat, auch wenn er 2014 das entscheidende Tor im Weltmeisterschaftsfinale schoss.
SPIEGEL: Also unterstreicht der Wechsel jetzt eher die Münchner Hegemonie – die Bayern brauchen den Spieler nicht mehr und fürchten auch nicht, dass er ihnen im Trikot des Rivalen BVB gefährlich wird?
Watzke: Über die Hegemonie der Bayern brauchen wir nicht zu diskutieren. Sie wird sich auch in der neuen Saison fortsetzen. Die Bayern haben mit Mario Götze nicht mehr geplant, wussten aber, dass er noch einen Vertrag für ein Jahr hatte. Da hatten sie die Wahl zu sagen: Wir behalten ihn – oder transferieren ihn nach Dortmund. Anderes stand nicht zur Diskussion, denn Mario wollte unbedingt zu uns zurück.
SPIEGEL: Was war der Grund für den Karriereknick?
Watzke: Bei uns hatte Mario immer intuitiv Fußball gespielt. Alles war selbstverständlich, er musste nicht nachdenken. Schon als er 14 oder 15 war, schickten wir jede Woche Stoßgebete zum Himmel, dass ihm nichts passiert. Dieses Selbstverständliche in seinem Spiel ist ihm in München abhandengekommen. Weil er an sich gezweifelt hat.
SPIEGEL: Und warum?
Watzke: Es fing damit an, dass man ihm gesagt hatte, er sei der Wunschspieler des Trainers Pep Guardiola. Dann erfuhr er bald, dass Guardiola eigentlich den Brasilianer Neymar gewollt hatte.
SPIEGEL: Es heißt, dass ihn Dortmunds Trainer Thomas Tuchel nun auch nicht unbedingt wollte.
Watzke: Das stimmt einfach nicht. Bei uns in Dortmund ist zwar die Transferpolitik die Politik des Vereins, also vom jeweiligen Trainer unabhängig. Aber wir würden niemals einen Spieler verpflichten, von dem der Trainer sagt, er könne ihn nicht gebrauchen.
SPIEGEL: Tuchel hat ein wenig gegrummelt, als nach Ilkay Gündogan und Mats Hummels auch Henrich Mchitarjan den Verein verlassen hatte – obwohl dann für rund 110 Millionen Euro acht Neue kamen. Fehlt jetzt die Erfahrung im Team?
Watzke: Thomas Tuchel ist Schwabe, und Schwaben neigen bekanntlich nicht zu großen Jubelstürmen. In der Sommerpause gab es eine schwierige Phase für ihn. Wir verloren drei Leistungsträger, und die Abgänge standen am Anfang der Transferzeit, die Zugänge hingegen kamen erst danach. Und erst ganz zum Schluss kamen die Erfahrenen, die Weltmeister Götze und André Schürrle. Natürlich haben wir die Mannschaft drastisch verjüngt.
SPIEGEL: Aber?
Watzke: Wir haben jetzt die Erfahrung von 399 Champions-League-Einsätzen all unserer Spieler. Vor der Saison 2011 kamen wir noch auf insgesamt acht Spieleinsätze in der Champions League, und zwar alle gebündelt in der Person von Sebastian Kehl. Jetzt haben wir sicherlich auch eine ganze Gruppe von Hochveranlagten mit Luft nach oben. Da vertrauen wir auf unseren Trainer und wissen dennoch, dass es am Anfang noch holpern kann. Weil die Automatismen fehlen.
SPIEGEL: Ist die Mannschaft stärker als in der vergangenen Saison?
Watzke: Wenn man der Mannschaft einen Reifeprozess zugesteht, wird sie in zwei, drei Jahren stärker sein als die Mannschaft vom vergangenen Jahr.
SPIEGEL: Wird man auch mit Götze Geduld haben? Was, wenn er in Dortmund ebenfalls nur auf der Bank sitzt?
Watzke: Mario weiß, dass er noch einige harte Wochen oder gar Monate vor sich hat. Als ersten Schritt müssen wir ihn körperlich wieder auf ein absolutes Topniveau bringen. Und dann müssen wir ihm das Selbstbewusstsein und die Selbstverständlichkeit in seinem Spiel zurückgeben.
SPIEGEL: Warum ist er körperlich nicht auf einem Topniveau?
Watzke: Weil er zu wenig gespielt hat. Man kann sein Leistungslimit nicht erreichen, wenn man nicht regelmäßig und viel spielt. Und wenn man nicht spielt, zeigt man vielleicht die eine oder andere Frustreaktion, das kommt auch noch dazu.
SPIEGEL: Die Sommerpause wurde von einer Debatte unter der Überschrift "Transfer-Wahnsinn" bestimmt. Der Franzose Paul Pogba wechselte für 105 Millionen Euro zu Manchester United. Leroy Sané ging für 50 Millionen von Schalke 04 zu Manchester City. Was ist passiert?
Watzke: Die Preise für Fußballprofis sind ungesund gestiegen. Es ist zu viel Geld im Markt.
SPIEGEL: Wo ist das Problem? Die Klubs der englischen Premier League erlösen mehr Fernsehgeld, und ein Batzen davon kommt durch Transfers auch in der Bundesliga an. Deren Klubs können ebenfalls mehr für Spieler ausgeben.
Watzke: Wir müssen nur aufpassen, dass wir uns nicht mit den Summen zu weit von der Vorstellungskraft der Menschen entfernen. Im Moment wird es leicht absurd. Die Spieler wechseln immer schneller, die Berater kassieren immer mehr Provisionen, immer mehr Menschen sind an immer mehr Vereinswechseln interessiert. Die Identifikation schwindet, wenn die Spieler nur noch kurz im Verein verweilen und dann gleich wieder das nächste Geschäft machen wollen. Der deutsche Fan schätzt das nicht.
SPIEGEL: Was unterscheidet ihn vom englischen Fan?
Watzke: In England hat man nicht mehr die klassische Fußballklientel im Stadion. Da ist nicht mehr die Arbeiterschaft, sondern die New Economy. Das ist in Deutschland noch anders. Die Menschen haben eine tiefe Sehnsucht nach Fixpunkten.
SPIEGEL: Handelt der VfL Wolfsburg also richtig, wenn er dem Spieler Julian Draxler, der nach nur einer Saison schon wieder wegwollte, die Freigabe verweigert?
Watzke: Wir haben es mit Robert Lewandowski ja auch einmal so gemacht, als wir ihn 2013 noch nicht abgaben, er stand noch ein Jahr bei uns unter Vertrag. Wir wussten: Wenn er dann ein Jahr später ablösefrei wechselt, haben wir kein Geld. Doch die Wahrscheinlichkeit, unsere Ziele zu erreichen, wäre ohne Robert gesunken.
SPIEGEL: Jetzt bei Mchitarjan haben Sie anders entschieden.
Watzke: Man kann immer nur den Einzelfall betrachten. Bei Mchitarjan lag von Manchester United ein richtiges Angebot auf dem Tisch, und zwar in astronomischer Höhe.
SPIEGEL: 42 Millionen Euro.
Watzke: Ich kommentiere keine Summen, aber es ging in diese Richtung. So hätte es keinen Sinn gemacht, ihn noch ein Jahr zu behalten, bis sein Vertrag ausläuft. Wir hätten die Mittel aus der Hand gegeben, um ihn zu ersetzen. Die Spitzen der Aufsichtsgremien haben zugestimmt, ich habe das nicht allein entschieden.
SPIEGEL: Sebastian Rode und Götze kamen von den Bayern, Hummels ging nach München. Täuscht der Eindruck, oder kommen die beiden Vereine inzwischen besser miteinander klar?
Watzke: Das Verhältnis ist besser geworden. Die Zeit, in der Vorstandschef Rummenigge das Bayern-Schiff quasi allein gesteuert hat, war die wohl erfolgreichste des Klubs überhaupt, das muss man ihm attestieren. Und er ist mittlerweile auch im europäischen Fußball eine große Nummer. Er hat sicher gemerkt, dass ich ihm das in keiner Weise neide.
SPIEGEL: Schwächt demnach die bevorstehende Rückkehr von Uli Hoeneß, der wieder ins Präsidentenamt und auf den Chefposten des Aufsichtsrats will, Ihren Rivalen?
Watzke: Es ist nicht meine Aufgabe, Personalentscheidungen und Wahlen anderer Klubs zu kommentieren, geschweige denn, sie vorzuempfinden. Allgemein gesprochen: Wenn die Struktur stimmt, also der Vorstandsvorsitzende die Entscheidungen trifft und der Aufsichtsratschef für die Kontrolle zuständig ist, dann ist Hoeneß sicher eine Bereicherung für die Bayern.
SPIEGEL: Ist es das richtige Zeichen, wenn ein bekanntes Unternehmen wie Bayern München einen verurteilten Steuersünder nach verbüßter Strafe gleich wieder auf die Position des Aufsichtsratschefs setzt?
Watzke: Hier obliegt es mir schon gar nicht, das zu beantworten. Das obliegt dem Aufsichtsrat des FC Bayern, der hochkarätig besetzt ist. Der braucht meine Empfehlungen nicht.
SPIEGEL: Rummenigge behauptete neulich, der FC Bayern habe es nicht mehr nötig zu polarisieren. Wäre das für Dortmund ein Alarmsignal?
Watzke: Was ich vor zehn Jahren nicht im Ansatz für möglich gehalten hätte, ist eingetreten: Die Bayern haben es geschafft, zu Real Madrid und dem FC Barcelona aufzuschließen. Das ist eine gigantische Leistung. Man traut ihnen jedes Jahr zu, die Champions League zu gewinnen. Also müssen sie auch nicht mehr polarisieren. Aber natürlich tun sie es trotzdem.
SPIEGEL: Im Supercup-Duell vor der Saison verlor Dortmund 0:2, spielte aber mit Bayern mindestens auf Augenhöhe. Was sagt uns das für die Saison?
Watzke: Dass wir verloren haben, hängt besonders mit Manuel Neuer zusammen. Dieser Torwart ist Bayern Münchens größtes Faustpfand, die größte Titelgarantie.
SPIEGEL: Wenn er bei Dortmund spielte, würde dann der BVB jedes Jahr Meister?
Watzke: Klar ist, Bayern wäre deutlich schwächer ohne ihn. Und das Team, das ihn hätte, wäre deutlich stärker mit ihm.
Interview: Jörg Kramer
Von Jörg Kramer

DER SPIEGEL 35/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 35/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Bundesliga:
„Es kann holpern“

  • Korallenforscherin Verena Schoepf: Im Wettlauf gegen den Klimawandel
  • Bewegendes Video: Zehnjähriger Skateboarder ohne Beine
  • Höchstes Wohnhaus der Welt: Helles Zimmer mit Aussicht - aber teuer
  • Explosion in Chemiefabrik: Metallteile werden zu gefährlichen Geschossen