27.08.2016

PopkritikIch-Maschine

Nach 13 Jahren Pause veröffentlichen die Hamburger Rapper Beginner ihr neues Album „Advanced Chemistry“.
Selbst im Hip-Hop, einem Musikstil, in dem Angeberei eine Kunstform ist, muss man ganz schön Hybris haben, um seine Platte mit diesen Worten einzuleiten: "Eizi Eiz, heißer Scheiß / Jeder, den Du kennst, kennt eine meiner Lines". Eizi Eiz ist Jan Philipp Eißfeldt, 40, auch bekannt als Jan Delay, einer der beiden Rapper der Hamburger Hip-Hop-Crew Beginner. Möglicherweise hat er sogar recht. Die Beginner sind neben dem Star-Club, Blumfeld und Scooter so etwas wie Hamburgs Beitrag zum Weltpopkulturerbe. Die größte Band des deutschen Hip-Hops – vor 13 Jahren zumindest, als sie ihr bislang letztes Album veröffentlichte und ihren Namen von Absolute Beginner auf Beginner verkürzte.
Nun ist sie wieder da. "Advanced Chemistry" heißt das neue Werk, 13 Songs, die mühelos dort weitermachen, wo es damals nicht weiterging, und an diesen ganz eigenen, schlanken Hamburger Funk anschließen, der so spurlos aus dem Hip-Hop verschwunden schien.
Eißfeldt, der einzige wirkliche Wiedergänger Udo Lindenbergs, und seine Dudelsackstimme, Denyo, der Sidekick, der das Genäsel Eißfeldts mit trockenem Humor erdet. Der stoische DJ Mad, eine Art Ringo Starr des Deutschrap, der Mann, der aussieht, als brächte ihn nichts aus der Ruhe.
Sie singen davon, dass es zu Hause am schönsten ist ("Nach Hause"), besonders natürlich in Hamburg ("Ahnma"), und über den Kater, den man als Familienvater nach einer durchtrunkenen Nacht besonders deutlich spürt ("Kater"). Ein Song ist eine Liebeserklärung an die schönere Hälfte der Menschheit ("So schön") und "Es war einmal ..." ein Wikipedia-Eintrag in eigener Sache.
Viel besser kann man es nicht machen, wenn man um die vierzig ist und noch einmal auf die große Bühne möchte. Schon gar nicht im Hip-Hop, einem Genre, in dem das Alte noch schneller vergessen wird als anderswo im Pop und in dem das Neue alles ist, was zählt.
Aber gerade wegen der Mühelosigkeit, mit der diese Musik einen wieder hineinzieht in ein Universum, das geschlossen schien, drängt sich die große Sinnfrage auf. Reicht das? Zu können, was man kann, und noch mal drüber zu reden? Ein spätes Update auf die alten Zeiten in die Welt zu setzen?
Eißfeldt, Denyo und Mad hatten gute Gründe, als sie sich 2003 zurückzogen. Der Hip-Hop, für den sie standen – spaßig, intelligent, geschmackvoll –, war am Ende. Auch weil die innerstädtische Unterschicht ihr Recht einforderte. Ein aggressiver Gangsta-Rap, in dem sich ganz andere Träume von Ruhm und Reichtum artikulierten, eroberte die Szene.
Wenn die Beginner in der kommenden Woche die Spitze der Albumcharts erreichen sollten, wovon auszugehen ist, würden sie interessanterweise zwei der erfolgreichsten Protagonisten genau dieser Musik vom Thron stoßen: die Rapper Haftbefehl und Xatar und ihr Gangsta-Konzept-Album "Der Holland Job". Haftbefehl hat einst gedealt, und auch Xatar hat eine lange kriminelle Geschichte, er wurde wegen eines Goldraubs zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, saß drei Jahre ab – "Der Holland Job" erzählt nun von einem Kunstraub. Darüber hinaus musste Xatar sich diese Woche der Kölner Polizei stellen, die ihn wegen des Verdachts auf Beteiligung an versuchtem Totschlag und gefährlicher Körperverletzung suchte. Auch das ist deutscher Hip-Hop im Jahr 2016. Echtes Verbrechen, echte Gangster, Geschichten wie aus Amerika.
Als die Beginner anfingen, war das anders. Amerika war weit weg. Man musste sich seinen eigenen Reim darauf machen, was an dieser eigenartigen Musik und ihren überdrehten Geschichten aus den Armenvierteln so faszinierend war. Nicht einmal die Sprache war klar, in der das passieren sollte. Viele Deutschtürken rappten auf Türkisch, viele Deutsche auf Englisch.
Heute kommt ein Rapper wie Haftbefehl aus Offenbach – und er ist einer der Gastrapper auf "Advanced Chemistry". In den paar Zeilen, die er im Stück "Macha Macha" rappt, erzählt er davon, wie er Ende der Neunziger als junger Dealer in Frankfurt einen Mercedes-Sportwagen gegen einen Baum fuhr – während die Beginner aus den Boxen wummerten.
Diese kleine und dreckige Geschichte verankert dieses Album in der Gegenwart. Die berühmt-berüchtigte Integration, über die in Deutschland so gern diskutiert wird, musste auch im Hip-Hop erstritten werden. Dass die Bürgerkinder den Straßenjungs zuhören, ist so wenig selbstverständlich wie der Umstand, dass die Straßenjungs den Reimen eines Abiturienten wie Eißfeldt lauschen.
Aber es geht.
Rap handelt davon, Ich zu sagen – und den anderen dabei zuzuhören, wie sie es auch tun. Die Beginner machen es. Vielleicht schafft das ganze Land es dann auch.
Von Tobias Rapp

DER SPIEGEL 35/2016
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