27.08.2016

Der Augenzeuge„Die Stadt hat gepennt“

Sieben Jahre lang hat Diddo Ramm, 51, Vereinsvorstand von Teutonia 05 in Hamburg-Ottensen, für einen Kunstrasen gekämpft. Jetzt haben die Fußballer endlich den neuen Belag, dürfen die Anlage aber nur noch eingeschränkt bespielen. Eine genervte Anwohnerin hat die Lärmschutzregeln für sich genutzt.

"Früher sind zwischen Dezember und Februar extrem viele Fußballspiele wegen Nichtspielbarkeit des Platzes ausgefallen. Wir haben uns auch deshalb sehr auf den Kunstrasen gefreut, denn darauf kann man das ganze Jahr über spielen. Doch dann kam die Mitteilung vom Bezirksamt Altona, Anwohner hätten sich beschwert. Deshalb würden ab sofort neue Regeln gelten: kein Fußballtraining nach 21 Uhr, samstags maximal 300 Minuten Nutzungsrecht, sonntags maximal 180 Minuten, die Zeit zwischen 13 und 15 Uhr ist tabu. Was für ein Schock! Vor allem die Einschränkungen am Wochenende sind schlimm. Inklusive Pause dauert ein Spiel 105 Minuten, ohne Verlängerung und Aufwärmen. Selbst das Eintreffen der Gäste wird eingerechnet. Also kann sonntags in Zukunft nur noch eine Mannschaft spielen. Wir haben aber 38 Teams. Heimspiele wird es kaum noch geben. Und warum das Ganze? Weil sich eine Person angeblich vom testosterongesteuerten Geschrei von Männern gestört fühlt. Wer das ist, wissen wir nicht, genauso wenig, ob sie schon länger hier wohnt oder neu zugezogen ist. Klar gab es auch in der Vergangenheit Beschwerden, überall drum herum wohnen ja Menschen. Wir haben aber immer Kompromisse gefunden, wir ermahnen auch ständig die Mitglieder, möglichst schnell und möglichst leise den Platz zu verlassen. Vor einiger Zeit ist offenbar jemand zum Verbraucherschutz marschiert, und die haben ein Schlupfloch entdeckt. Bislang galten die Lärmschutzregeln von vor hundert Jahren, so alt ist die Anlage. Aber für den Kunstrasen brauchten wir eine Baugenehmigung, und seitdem gelten die strikteren Lärmschutzregeln von heute. Dabei haben wir doch nur den Belag verändert. Das ist, als ob man seine Autoreifen wechseln würde – und der TÜV würde anschließend bestimmen, dass man nur noch eine Stunde pro Tag fahren darf. Die Stadt und der Bund haben bei Sportanlagen gepennt. Dabei hat unsere ehrenamtliche Arbeit doch eine soziale Komponente: Nirgendwo sonst treffen so viele Milieus und Nationen aufeinander wie auf dem Fußballplatz. Das ist Integration."
Aufgezeichnet von Laura Backes
Von Laura Backes

DER SPIEGEL 35/2016
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